Von den Bienenjägern zu Blumfeld

Fangen wir ganz am Anfang an - "in dem Bett, aus dem ich herkam", wie es Jochen Distelmeyer ausdrückt: "Mittelstand, Bildungsbügertum, für die Verhältnisse und den Background maximal progressive und antiautoritäre Erziehung, liberal, nicht links, Lehrer, also eigentlich völlig normal." Die frühe musikalische Sozialisation beginnt wie folgt: "Die erste Band mit Nylonsaitengitarre gegründet, dann Punksongs nachgespielt, alles ziemlich scheiße und wie gesagt ziemlich früh." Michael Girke und Bernd Begemann hatten 1985 in Bad Salzuflen das Label Fast Weltweit gegründet. Zwei Jahre später wird Jochen Distelmeyer durch einen Artikel in der SPEX auf diese Leute aufmerksam, kontaktiert sie und wird sozusagen in die Familie aufgenommen. Die Leute um Fast Weltweit und Frank Werners Studio bilden immer neue Bands und Projekte, und jeder spielt bei jedem ein bisschen mit. Zur "Fast Weltweit-Bande" gehören z.b. Frank Spilker (heute: Die sterne), Bernadette Hengst (später: Die Braut haut ins Auge, heute solo), Thomas Wenzel (heute: Die Sterne, Die Goldenen Zitronen, u.a.), Michael Girke, Achim Knorr (heute: Kabaretist), Bernd Begemann und Jochen Distelmeyer, der sich und seine Anfänge dort später mit den Worten "ein Michael Girke-/ Bernd Begemann-Imitator auf dem Weg zu sich selbst" beschreibt.

Mit Mirko Breder und Thomas Wenzel spielt Jochen unter dem Namen Die Bienenjäger (später "Arm" und noch später -als er schon in Hamburg lebt- "Laut") und nimmt zwischen 1987 und 1989 verschiedene Demos in Frank Werners Studio auf. Vier dieser Songs erscheinen auf den beiden Fast Weltweit-Kassettensamplern 1987 und 1988. Aber: "dort muss es eigentlich noch Tonnen von Bändern geben von irgendwelchen Studiosessions".
Die Fast Weltweit-Clique dreht ein halbstündiges Promotion-Video und nimmt an den Berlin Independence Days und der Popkomm teil. Leider ohne grossen Erfolg. Schliesslich gehen sie getrennte Wege und ziehen zum studieren oder Musik machen nach Köln, Berlin oder nach Hamburg, wo Bernd Begemann schon seit Mitte der 80er lebt und auch schon eine Platte mit seiner Band "Die Antwort" veröffentlicht hat. Es folgt eine Phase, in der Jochen Distelmeyer genug vom Musikmachen hat und sich ausschließlich aufs Schreiben konzentriert. Er hört viel Hiphop und merkt, "dass das sehr viel mit dem zu tun hat, was ich mache" und "es ja doch möglich (ist), heutzutage ein Zusammen von Musik und Sprache herzustellen." Über Christof Leich von der "Kolossalen Jugend" lernt er André Rattay (drums) und über diesen Eike Bohlken (Bass) kennen. Mit Eike und André, die zuvor in der Noisecore-Band "Der Schwarze Kanal" gespielt hatten, gründet Jochen im Frühjahr 1990 das Trio Blumfeld. Der Name Blumfeld stammt aus Franz Kafkas Erzählung "Blumfeld, ein älterer Junggeselle" (1915).

1991 erscheint die erste Single "Ghettowelt" bei Alfred Hilsbergs traditionsreichem New Wave-Label ZickZack, und wird in SPEX erst Single des Monates, dann schließlich Single des Jahres. 1992 veröffentlichen Blumfeld ihr Debütalbum "Ich-Maschine", das sich unerwartet gut verkauft und von der Indie-Presse gefeiert wird. Ebenfalls 1992 erscheint die Doppel-Single "Zeitlupe / Traum:2" mit vier neuen Songs. Auf der Single, die nur bei Konzerten und via Mailorder erhältlich ist, befindet sich unter anderem auch eine Version von "Verstärker", zu der auch ein Video-Clip gedreht wird.

1994: "L'Etat Et Moi" - wieder euphorische Kritiken, vor Zitaten strotzende Texte, Distelmeyer singt wieder. Blumfeld arbeiten jetzt mit mit dem englischen Label "Big Cat" zusammen, und das Album wird auch in Großbritannien erfolgreich veröffentlicht. Zusammen mit Pavement, durch die der Kontakt zu Big Cat zustandegekommen war, touren Blumfeld 1995 durch Großbritannien und die USA.
Obwohl Jochen Distelmeyer bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung von "L'Etat Et Moi" weiß, in welche Richtung sich Blumfeld entwickeln soll, dauert es sehr lange bis zum nächsten Album. Die Jahre zwischen "L'Etat Et Moi", 1994 und "Old Nobody", 1999 werden mit Tourneen, Ideen sammeln und Band-Umstrukturierung verbracht: Nach etwa zwei Jahren auf Tour steigt 1996 der Bassist Eike Bohlken aus, um sich ganz seinem Philosophie-Studium widmen zu können. Er ist heute Doktor der Philosophie an der Universität Hamburg. Für ihn steigt Peter Thiessen, Sänger, Songwriter und Gitarrist der Band "Kante" ein. 1998 kommt Michael Mühlhaus, der zuvor u.a. bei Kante und Barbara Morgenstern spielte, als Keyboarder hinzu.

1999 erscheint nach langer Veröffentlichungspause das dritte Album "Old Nobody" und überrascht Fans und Kritiker mit einem neuen, weicheren Sound und weniger verschachtelten Texten. Das Feuilleton und alle Zeitungen stürzen sich auf Blumfeld: Es fallen Begriffe wie Münchener Freiheit, George Michael, Pet Shop Boys, Prefab Sprout, aber auch Schlager, Ausverkauf und schliesslich wieder "Album des Jahres". Die Platte taucht in allen Jahres-Bestenlisten auf, im Video zur Single "Tausend Tränen tief" (Regie: Jochen Distelmeyer) begegnen sich Jochen Distelmeyer und -als eine Art Inbegriff des Old Nobody- Helmut Berger. "Tausend Tränen Tief" wird durch einen Remix von DJ Koze zum Clubhit und "Old Nobody", Jochens "Versuch, es einfacher zu machen", zum grossen Comeback.

Nach der Tournee zum Album beginnt die Band mit den Vorbereitungen zur nächsten Platte. Die Single "Graue Wolken" erscheint im April 2001 als Brücke von "Old Nobody" zum vierten Album "Testament der Angst" (Die B-Seite "Ein privates Problem" stammt noch aus der "Old Nobody"-Phase, hatte es aber nicht auf "Old Nobody" geschafft, und "Graue Wolken" leitet "Testament der Angst" thematisch ein.). "Testament der Angst" steigt im Mai auf Platz sechs in die Top Ten der Albumcharts ein. Es folgen zwei Tourneen und die Singles "Die Diktatur der Angepassten" (Juli) und "Wellen der Liebe" (Oktober). Bei den Musik-Videos zu "Graue Wolken" und "Die Diktatur der Angepassten" führt wieder Jochen Distelmeyer Regie.
2002 ziehen sich Blumfeld zurück um ein weiteres Album vorzubereiten und veröffentlichen ihre ersten drei Singles "Ghettowelt", "Traum:2" und "Zeitlupe" unter dem Titel "Die Welt ist schön" erstmals auf CD. Gegen Ende 2002 verlässt Peter Thiessen Blumfeld, um sich voll auf seine eigene Band Kante konzentrieren zu können.

Im Spätsommer 2003 kehren Blumfeld in veränderter Besetzung (Michael Mühlhaus hat den Bass und Commercial Breakup's Vredeber Albrecht die Keyboards übernommen) mit der Single "Wir sind frei" und dem Album "Jenseits von Jedem" zurück.