Gedichte und verwandte Texte

Hier entsteht eine Sammlung von Gedichten und Liedtexten, die in der Zitatsammlung erwähnt werden, d.h. die Jochen zitiert bzw. die sich auf Blumfeld beziehen.


Ein Liebeslied
von Else Lasker-Schüler (1869-1945)

Komm zu mir in der Nacht - wir schlafen engverschlungen.
Müde bin ich sehr, vom Wachen einsam.
Ein fremder Vogel hat in dunkler Frühe schon gesungen,
Als noch mein Traum mit sich und mir gerungen.

Es öffnen Blumen sich vor allen Quellen
Und färben sich mit deiner Augen Immortellen...

Komm zu mir in der Nacht auf Siebensternenschuhen
Und Liebe eingehüllt Spät in mein Zelt.
Es steigen Monde aus verstaubten Himmelstruhen.

Wir wollen wie zwei seltene Tiere liebesruhen
Im hohen Rohre hinter dieser Welt.


Die Zeile "Komm zu mir in der Nacht - wir schlafen engverschlungen"
taucht in "Tausend Tränen Tief" als "Komm zu mir in der Nacht / wir
halten uns umschlungen" auf.

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Es könnte viel bedeuten
von Ingeborg Bachmann (1926-1973)

Es könnte viel bedeuten: wir vergehen,
wir kommen ungefragt und müssen weichen.
Doch daß wir sprechen und uns nicht verstehen
und keinen Augenblick des andern Hand erreichen,

zerschlägt so viel: wir werden nicht bestehen.
Schon den Versuch bedrohen fremde Zeichen,
und das Verlangen, tief uns anzusehen,
durchtrennt ein Kreuz, uns einsam auszustreichen.


Die Zeile "Es könnte viel bedeuten" wird auch in "Tausend Tränen
Tief" (Old Nobody) zitiert.

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Nietzsche
von Rainer Werner Faßbinder

Eine Sprache aus Trauer
aus Licht eine Mauer
Gedanken aus Stein
und ein Sein ohne Sein

Lebendige Leichen
voll Kraft und Gewalt
Von Gott keine Zeichen
so schön von Gestalt

Eine Sehnsucht aus Tränen
und Perlen von Zähnen
Gesichter Aus Stein
und ein Sein ohne Sein

Wird Schönheit versteigert
Nach Maßen gemessen
wird Freiheit verweigert
ganz einfach vergessen
Eine Schale aus Schmerzen
vom Schmerz brechen Herzen
Muskeln aus Stein
und ein Sein ohne Sein

Container an Ketten
und die Haut die dich quält
kein Gott dich zu retten
vor dem Feuer das fehlt

Eine Sonne aus Eisen
mit Qual lächelnd reisen
Götter aus Stein
und ein Sein ohne Sein


Die Zeilen "Eine Sprache aus Trauer / aus Licht eine Mauer /
Gedanken aus Stein" und "Eine Sonne aus Eisen" kommen in anderer
Reihenfolge in "Eine eigene Geschichte" (L'Etat Et Moi) vor.

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Sprich auch Du
von Paul Celan (1920-1970)

Sprich auch du,
sprich als letzter,
sag deinen Spruch.

Sprich -
Doch scheide das Nein nicht vom Ja.
Gib deinem Spruch auch den Sinn:
gib ihm den Schatten.

Gib ihm Schatten genug,
gib ihm so viel,
als du um dich verteilt weißt zwischen
Mittnacht und Mittag und Mittnacht.

Blicke umher:
sieh, wie's lebendig wird rings -
Beim Tode! Lebendig!
Wahr spricht, wer Schatten spricht.

Nun aber schrumpft der Ort, wo du stehst:
Wohin jetzt, Schattenentblößter, wohin?
Steige. Taste empor.
Dünner wirst du, unkenntlicher, feiner!
Feiner: ein Faden,
an dem er herabwill, der
um unten zu schwimmen, unten,
wo er sich schimmern sieht: in der Dünung
wandernder Worte.

(aus "Von Schwelle zu Schwelle", 1955)


Die letzte Strophe lautet in der Distelmeyer-Version "Schattenentblößte /
zieh den Wolken voran / um unten zu schwimmen / da siehst Du Dich schimmern /
in Deinen Farben..." ("2 oder 3 Dinge, die ich von Dir weiß" auf L'Etat Et Moi)

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Von Dunkel zu Dunkel
von Paul Celan (1920-1970)

Du schlugst die Augen auf - ich seh mein Dunkel leben.
Ich seh ihm auf den Grund:
auch da ists mein und lebt.

Setzt solches über? Und erwacht dabei?
Wes Licht folgt auf dem Fuß mir,
daß sich ein Ferge fand?

(aus "Von Schwelle zu Schwelle", 1955)

"Von Dunkel zu Dunkel" kommt auch in "Eines Tages" (Old Nobody) vor.

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Herbsttag
von Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

[1906]


Der Satz "Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben" heißt
in "L'etat et moi" "Wer jetzt allein ist, wird es bleiben.

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Das Buch vom mönchischen Leben
von Rainer Maria Rilke (1875-1926)

...

 Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

 Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

...

[1899]

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Ecce Homo
von Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr' ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich.

(aus: Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft,
"Scherz, List und Rache", Nr. 62 )


Dieses Gedicht erscheint ohne die Zeilen "Ungesättigt gleich der Flamme /
Glühe und verzehr' ich mich" in "L'etat et moi".

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Titelstory gegen ganzseitige Anzeige
von den Flowerpornoes / Tom Liwa

He Alter, hättst Du nicht gedacht, daß Du mich mal im Radio hörst
wie gehts denn so? Ach ja, Du kannst ja nicht reden - kannst nur zuhörn
oder mich abstelln - das konntest Du früher nicht - in der Schule. wo Du
an meiner Seite gesessen hast, jetzt ist jeder auf meiner Seite
denn hier ist nur eine Seite von mir
- es ist einsam hier oben doch es ist irgendwie besser
besser als gar nichts

He Alter, hättst Du nicht gedacht - dieses Bild in der Zeitung, wo gibts
denn sowas: fünf Jahre nach mir und drei Jahre nach Blumfeld kaufen sie
alles ein, was deutsch singt und laut genug lügen kann und viele von
denen sind besser als wir es je warn
- es ist einsam hier oben, doch es ist irgendwie besser als gar nichts

He Alter, jeder macht mich krumm von der Seite an - diese eine Seite
und nichts macht mir mehr Angst als gar nichts. Nichts im Kühlschrank,
nichts im Kopf, nichts in der Hinterhand, nichts im Hinterland. Sie
haben uns an die Wand geklatscht und wir sind kleben geblieben. Wirk ich
gesetzt? Ich hoff, das legt sich. zum Glück hab ich Alex.
- es ist einsam hier oben doch es ist irgenwie besser als gar nichts


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Rambo III mit Jochen Distelmeyer im Autokino
von Bernd Begemann

Die Russen haben keine Chance!
Ihre Hubschrauber explodieren sie bluten aus den Nieren
vom Hauptquartier bleibt kein Ziegelstein ganz
dies ist der schlechteste Film seit Wochen,
Jochen aber fühl dich nicht ständig betroffen,
Jochen es sind schließlich nicht deine Genossen,
Jochen So war das damals, es war genauso
Rambo III mit Jochen Distelmeyer im Autokino
Dies ist kein Action- sondern ein Sexfilm:
alle werden gebumst
doch der Vorführer meint es gut mit uns
mitten im Film schaltet er ab
damit wir Pommes und Cola kaufen, trab, trab
(vielleicht klang das gerade, als ob ich log
doch so machen sie das wirklich
unten in Billbrook ....)
So war das damals, es war genauso
Rambo III mit Jochen Distelmeyer im Autokino
Spannend ist dieser Film wirklich nicht
da schießt er also noch jemandem ins Gesicht
befreit Afghanistan allein und fliegt mit Major Trautman heim
laß´ uns auch fahren, Jochen...
man fühlt sich seltsam nach so einem Film
irgendwie schmutzig und besudelt
irgendwie seelisch abgetrudelt
auf dem Heimweg waren wir sehr still
So war das damals, es war genauso
Rambo III mit Jochen Distelmeyer im Autokino
Vor seiner Haustür hatten wir dann noch einen Streit
Ich weiß nicht, wegen irgendeiner Kleinigkeit
Jochen sagte "Bernd, du betreibst Betrug
du bist einfach nicht radikal genug!"
ich sagte "Jochen, sieh es mal so:
du bist Godard und ich bin Truffaut!"
(und auch für folgende Einsicht ist es nicht zu früh:
du bist Satre und ich bin Camus)
Heute glaube ich, das stimmte alles nicht
er ist nicht einmal er
ich bin nicht einmal ich
und so sehr wir uns anstrengen
können wir uns doch nicht verstehen
und es ist wohl kein Zufall
daß wir nicht mehr zusammen ins Kino gehen

(auf "rezession, baby!", 1993)

Laut Bernd beruht dieses Lied auf einer wahren Begebenheit. Über das Zerwürfnis
mit Bernd Begemann spricht Jochen im grossen Fast Weltweit-Interview in Headspin #13
(siehe Artikel).

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Hitler - menschlich gesehen
von Bernd Begemann

Sie fahren Umfragen auf und fesche junge Dinger
das Programm wird besser
die Lage wird schlimmer
zum Beispiel zeigten sie wie Verhungernde schreien
ich habe weitergegessen
und danach erst geweint
Gelähmt durch Filme, vergiftet durch Fotos
und eine Überdosis
Guns ´n´ Roses
Illusion von Stärke durch verzerrte Gitarren
Motorräder, Stirnbänder
Kreuze und Knarren
Denn die Quoten sind im Keller,
es ist längst nicht mehr schön
und der Stern gibt uns
Hitler - menschlich gesehen
Nazis überall und Nazis hier im Haus
darf noch irgendjemand bleiben
wenn sie rufen "Nazis raus" ?
Ein paar Sachen wären selbst Richard Nixon zu schmutzig
doch sie tun es immer wieder
und niemand wird stutzig
arm gegen arm, reich mit reich
versuch das zu verstehen
am besten gleich
Tillmann sagt er versteht nur zu gut
Jochen spricht von nichts anderem als Wut
Ich meine sind wir verdammt oder verflucht
es gibt einen besseren Weg
warum wird er nicht versucht

(auf "rezession, baby!", 1993)

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Nur zwei Dinge
von Gottfried Benn (1886-1956)

Durch soviel Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu ?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage -- ob Sinn,
ob Sucht, ob Sage -- dein fernbestimmtes: Du mußt.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.


Dieses Gedicht hat Jochen bei einem Konzert, das zum
Teil bei WAH² übertragen wurde, vorgetragen, während er
die die Gitarre stimmte. In "Old Nobody" wird auch "durch Formen geschritten".

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Female
von Patti Smith

female. feel male. Ever since I felt the need to
choose I'd choose male. I felt boy rythums when I
was in knee pants. So I stayed in pants.
I sobbed when I had to use the public ladies
room. My undergarments made me blush.
Every feminine gesture I affected from my mother
humiliated me.

I ran around with a pack of wolves. I puked on every
pinafore. Growing breasts was a nightmare. In agner
I cut off my hair and knelt glassy eyed before
god. I begged him to place me in my own barbaric race.
The male race. The race of my choice.

In answer he injected me with all the characteristics
of my gender. sultry. languid. wanton. dip into
summer skirts. go down with a narrow hipped boy
behind a bowling alley. bleed. come. fill my womb.

the misfit massacres the mustang pony just to feel
the soft rise of marilyn monroe against his chest.

bloated. pregnant. I crawl thru the sand. like a
lame dog. like a crab. pull my fat baby belly to
the sea. pure edge. pull my hair out by the roots.
roll and drag and claw like a bitch. like a bitch.
like a bitch.

[1967]
(aus: "Seventh Heaven" (1972), Telegraph Books, Boston MA, USA /
Expanded Media Editions, Bonn, Germany, 1979)

In "Lass uns nicht von Sex reden" heisst es:
"(...) auf dem Küchentisch ein Gedicht von Patti Smith:
female, feel male
sie schreibt: heftig ... schwach ... schwelgerisch
Im Sommerrock sich legen lassen
von einem schmalhüftigen Jungen hinter der Kegelbahn
bluten ... den Höhepunkt erreichen ... den Bauch gefüllt bekommen" 

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Die Sonette an Orpheus (Erster Teil, III. Sonett)
von Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Ein Gott vermags. Wie aber, sag mir, soll
ein Mann ihm folgen durch die schmale Leier?
Sein Sinn ist Zwiespalt. An der Kreuzung zweier
Herzwege steht kein Tempel für Apoll.

Gesang, wie du ihn lehrst, ist nicht Begehr,
nicht Werbung um ein endlich noch Erreichtes;
Gesang ist Dasein. Für den Gott ein Leichtes.
Wann aber sind wir? Und wann wendet er

an unser Sein die Erde und die Sterne?
Dies ists nicht, Jüngling, Daß du liebst, wenn auch
die Stimme dann den Mund dir aufstößt, - lerne

vergessen, daß du aufsangst. Das verrinnt.
In Wahrheit singen, ist ein andrer Hauch.
Ein Hauch um nichts. Ein Wehn im Gott. Ein Wind.

(Aus: Die Sonette an Orpheus, Erster Teil, 1922)


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Corona
von Paul Celan (1920-1970)

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehen:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

(aus: Mohn und Gedächtnis, 1952)

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Thank you Satan
von Léo Ferré
(Übersetzung: Erich Meier, www.LeoFerre.org)

Für die Flamme die Du entzündest
In der Mulde eines armseligen oder piekfeinen Bettes
Für das Vergnügen das sich darin verzehrt
In Leinen oder in Samt
Für die Kinder die Du belebst
Hinten in engelsgleichen Schlafsälen
Für ihre Blütenblätter namenlos
Wie die Rose am Morgen

Thank you Satan

Für den Dieb den Du bedeckst
Mit Deinem weichen rotfarbenen Pulli
Für die Türen die Du ihm öffnest
Zum Schlupfloch der Stinkreichen
Für den Verurteilten über den Du wachst
In der Abtei für Knackis
Für den Rum zu dem Du ihm rätst
Und die Kippe die Du ihm reichst

Thank you Satan

Für die Sterne die Du aussäst
In den Gewissensbissen der Mörder
Und für das Herz das trotz allem schlägt
In der Huren Brust
Für die Ideen an denen Du bastelst
In den Köpfen der Staatsbürger
Für die Einnahme der Bastille
Auch wenn sie unnütz ist

Thank you Satan

Für den Priester der sich abrackert
Um sein Schäfchen wiederzufinden
Für den billigen Fusel
Den er für Château Margaux hält
Für den Anarchisten dem Du
die beiden Farben Deines Reichs gibst
Rot um in Barcelona geboren zu werden
Schwarz um in Paris zu sterben

Thank you Satan

Für das anonyme Grab
Das Du Herrn Mozart geschaufelt
Ohne Kreuz noch sonst was, nur zum Schein
Einen Hund als zufälligen Leichenträger
Für die Dichter die Du auf das Kissen
Jugendlicher gleiten läßt
Wenn im Schutze des Schattens
Die Blumen des Bösen siebzehnjährig sprießen

Thank you Satan

Für die Sünde die Du erweckst
In der Brust der Tugendhaftesten
Und für die Langeweile die aufkommt
Auf den Bettkanten an denen Du nicht mehr bist
Für die Dummköpfe die Du weiden läßt
Wie Schafe auf grüner Au
Für Deinen Anstand niemals
In der Idiotenlaterne zu erscheinen

Thank you Satan

Für all das und noch mehr
Für die Einsamkeit der Könige
Das Lachen der Totenköpfe
Die Möglichkeit das Gesetz zu verdrehen
Und daß man mich nicht zum Schweigen bringt
Und daß ich zu Deinem Wohl singe
In dieser Welt wo die Maulkörbe
Nicht mehr für die Hunde gemacht sind

Thank you Satan !


Thank you Satan

Pour la flamme que tu allumes
Au creux d'un lit pauvre ou rupin
Pour le plaisir qui s'y consume
Dans la toile ou dans le satin
Pour les enfants que tu ranimes
Au fond des dortoirs chérubins
Pour leurs pétales anonymes
Comme la rose du matin

Thank you Satan

Pour le voleur que tu recouvres
De ton chandail tendre et rouquin
Pour les portes que tu lui ouvres
Sur la tanière des rupins
Pour le condamné que tu veilles
A l'Abbaye du monte en l'air
Pour le rhum que tu lui conseilles
Et le mégot que tu lui sers

Thank you Satan

Pour les étoiles que tu sèmes
Dans le remords des assassins
Et pour ce coeur qui bat quand même
Dans la poitrine des putains
Pour les idées que tu maquilles
Dans la tête du citoyen
Pour la prise de la Bastille
Même si ça ne sert à rien

Thank you Satan

Pour le prêtre qui s'exaspère
A retrouver le doux agneau
Pour le pinard élémentaire
Qu'il prend pour du Château Margaux
Pour l'anarchiste à qui tu donnes
Les deux couleurs de ton pays
Le rouge pour naître à Barcelone
Le noir pour mourir à Paris

Thank you Satan

Pour la sépulture anonyme
Que tu fis à Monsieur Mozart
Sans croix ,ni rien , sauf pour la frime
Un chien, croque-mort du hasard,
Pour les poètes que tu glisses
Au chevet des adolescents
Quand poussent dans l'ombre complice
Des fleurs du mal de dix-sept ans

Thank you Satan

Pour le péché que tu fais naître
Au sein des plus raides vertus
Et pour l'ennui qui va paraître
Au coin des lits où tu n'es plus
Pour les ballots que tu fais paître
Dans le pré comme des moutons

Pour ton honneur à ne paraître
Jamais à la télévision

Thank you Satan

Pour tout cela et plus encor
Pour la solitude des rois
Le rire des têtes de morts
Le moyen de tourner la loi
Et qu'on ne me fasse point taire
Et que je chante pour ton bien
Dans ce monde où les muselières
Ne sont pas faites pour les chiens...

Thank you Satan !

[Léo Ferré, 1961]


In "So lebe ich" singt Jochen:
"thank you, Satan
ich kann mich spalten
ein selfmademan
ein Doppelblick" 

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Berliner Klopsgeschichte

Ick sitz an' Tisch und esse Klops
uff eenmal klopts.
Ick kieke, staune, wundre mir,
Uff eenmal jeht se uff, die Tür!
Nanu, denk ick, ick denk nanu,
Jetz is se uff, erst war se zu.
Ick jehe raus und kieke
Und wer steht draußen? - Icke.

In "Verstärker" singt Jochen:
"und ich als Text fall immer wieder
auf und in mich selber rein und denk na nu
Na nu denk ick jetzt bin ick uff erst war ick zu
dann geh ich raus und kieke
und wer steht draußen? -Icke" 

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Gedicht
von Rolf Dieter Brinkmann

Zerstörte Landschaft mit
Konservendosen, die Hauseingänge
leer, was ist darin? Hier kam ich

mit dem Zug nachmittags an,
zwei Töpfe an der Reisetasche
festgebunden, Jetzt bin ich aus

den Träumen raus, die über eine
Kreuzung wehn. Und Staub,
zerstückelte Pavane, aus totem

Neon, Zeitungen und Schienen
dieser Tag, was krieg ich jetzt,
einen Tag älter, tiefer und tot?

Wer hat gesagt, daß sowas Leben
ist? Ich gehe in ein
anderes Blau.

Aus: Rolf Dieter Brinkmann, Westwärts 1&2 Gedichte, rowohlt, 1975.

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Gemeinsame Gegenwart
von René Char

Es drängt dich zu schreiben
Als ob du mit dem Leben im Rückstand wärst
Wenn es so ist dann geh deinen Quellen nach
Eile dich
Eile dich weiterzugehen
Was dein ist an Wunder Wohltun und Rebellion

Wirklich du bist mit dem Leben im Rückstand
Dem unsäglichen Leben
Dem einzigen schließlich dem du dich vereinen magst
Das dir von Menschen und Dingen täglich verweigert wird
Von dem du mühsam hier und da ein paar magere Bruchstücke findest
Nach unerbittlichen Kämpfen
Sonst aber ist alles nur unterwürfige Agonie grober Zweck
Triffst du den Tod indes du dein Feld bestellst
So empfang ihn wie der feuchte Nacken  dsa trockene Schweißtuch begrüßt
Willig dich beugend
Möchtest du lachen
So biete deine Ergebenheit an
Nie deine Waffen
Du bist für ungewöhnliche Augenblicke geschaffen
Wandle dich zieh dich klaglos zurück
Wie immer die sanfte Härte dich leitet
Weiter geht Stück für Stück der Totalausverkauf der Welt
Ununterbrochen
Unbeirrt

Streue den Staub nur aus
Keiner je enträtselt daß ihr eins seid.

[1936]
Aus: René Char: Einen Blitz bewohnen. Gedichte. Fischer Verlag.

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Frühling der Seele
von Georg Trakl (1887-1914)

Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen stürzt der Wind,
Das Blau des Frühlings winkt durch brechendes Geäst,
Purpurner Nachttau und es erlöschen rings die Sterne.
Grünlich dämmert der Fluß, silbern die alten Alleen
Und die Türme der Stadt. O sanfte Trunkenheit
Im gleitenden Kahn und die dunklen Rufe der Amsel
In kindlichen Gärten. Schon lichtet sich der rosige Flor.

Feierlich rauschen die Wasser. O die feuchten Schatten der Au,
Das schreitende Tier; Grünendes, Blütengezweig
Rührt die kristallene Stirne; schimmernder Schaukelkahn.
Leise tönt die Sonne im Rosengewölk am Hügel.
Groß ist die Stille des Tannenwalds, die ernsten Schatten am Fluß.

Reinheit! Reinheit! Wo sind die furchtbaren Pfade des Todes,
Des grauen steinernen Schweigens, die Felsen der Nacht
Und die friedlosen Schatten? Strahlender Sonnenabgrund.

Schwester, da ich dich fand an einsamer Lichtung
Des Waldes und Mittag war und groß das Schweigen des Tiers;
Weiße unter wilder Eiche, und es blühte silbern der Dorn.
Gewaltiges Sterben und die singende Flamme im Herzen.

Dunkler umfließen die Wasser die schönen Spiele der Fische.
Stunde der Trauer, schweigender Anblick der Sonne;
Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden. Geistlich dämmert
Bläue über dem verhauenen Wald und es läutet
Lange eine dunkle Glocke im Dorf; friedlich Geleit.
Stille blüht die Myrthe über den weißen Lidern des Toten.

Leise tönen die Wasser im sinkenden Nachmittag
Und es grünet dunkler die Wildnis am Ufer, Freude im rosigen Wind;
Der sanfte Gesang des Bruders am Abendhügel.

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Ballade des äußeren Lebens
von Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
und alle Menschen gehen ihre Wege.

Und süße Früchte werden aus den herben
und fallen nachts wie tote Vögel nieder
und liegen wenig Tage und verderben.

Und immer weht der Wind, und immer wieder
vernehmen wir und reden viele Worte
und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.

Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte
sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen,
und drohende, und totenhaft verdorrte...

Wozu sind diese aufgebaut? Und gleichen
einander nie ? Und sind unzählig viele ?
Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?

Was frommt das alles uns und diese Spiele,
die wir doch groß und ewig einsam sind
und wandernd nimmer suchen irgend Ziele ?

Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben?
Und dennoch sagt der viel, der "Abend sagt,
ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt

wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.

In "Der Wind" singt Jochen u.a.
"Und draußen weht der Wind und immer wieder
fall ich ins Nichts zurück und geh umher
ich sing beim Gehen vor mich hin
damit ich weiß, daß ich noch bin
und der Wind, er weht - und fährt mir in die Glieder".

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Psycho
von Schorsch Kamerun / Die Goldenen Zitronen

Meine Füße sind seit Wochen festgewachsen auf dem Boden ihres Zimmers
Ich glaube, ich bin glücklich, denn täglich nährt sie mich mit einem Kuss
Meistens ist sie fort, doch nicht sehr weit, ich höre immer ihre Schritte
Und es beruhigt mich, ich habe Glück, dass sie nie das Haus verlässt
Von mir aus kann es ruhig jahrelang so gehen
Wenn mich ihre Küsse füttern, bleib ich angewachsen stehen

Es ist zwar psycho - und trotzdem ist es gut so
Es ist so psycho - und dennoch hab ich´s gern so

Immer wenn es Nacht wird, schwirren leise Stimmen durch ihr Zimmer
Sie kommen her vom Bücherschrank, und es geht um die Eifersucht auf mich
Ich kam mit Büchern nie gut klar; so ist es auch jetzt in ihrem Zimmer
Doch so lang sie jeden Morgen ihren Rücken an mir reibt, stört mich das nicht
Meine festgewachsene Welt kann sich ruhig weiter um sie drehen
Solang mich ihre Küsse füttern, bleib ich angewachsen stehen

Es ist zwar psycho - und trotzdem ist es gut so
Es ist so psycho - und dennoch hab ich´s gern so
Oh, yeah
Es ist so psycho - und trotzdem ist es gut so
Es ist zwar psycho - Und dennoch hab ich´s gern so
Psycho - und trotzdem ist es gut so
Psycho - und dennoch hab ich´s gern so

(Auf "Punkrock", 1991)
Blumfeld haben "Psycho" als Blues mit abgewandeltem Text auf der
"Wir sind frei"-Maxi gecovert. Jochen hat das Lied schon Anfang 2003
zusammen mit den Goldenen Zitronen auf deren 20.Geburtstag gespielt.

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Alles macht weiter
von Rolf Dieter Brinkmann
Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die
Regierungen machen weiter, die Rock'n'Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das
Papier macht weiter, die Tiere und Bäume machen weiter, Tag und Nacht macht weiter, der Mond geht auf,
die Sonne geht auf, die Augen gehen auf, Türen gehen auf, der Mund geht auf, man spricht, man macht
Zeichen, Zeichen an den Häuserwänden, Zeichen auf der Straße, Zeichen in den Maschinen, die bewegt
werden, Bewegungen in den Zimmern, durch eine Wohnung, wenn niemand außer einem selbst da ist, Wind
weht altes Zeitungspapier über einen leeren grauen Parkplatz, wilde Gebüsche und Gras wachsen in den
liegengelassenen Trümmergrundstücken, mitten in der Innenstadt, ein Bauzaun ist blau gestrichen, an
den Bauzaun ist ein Schild genagelt, Plakate ankleben Verboten, die Plakate, Bauzäune und Verbote
machen weiter, die Fahrstühle machen weiter, die Häuserwände machen weiter, die Innenstadt macht
weiter, die Vorstädte machen weiter... Auch alle Fragen machen weiter, wie alle Antworten weitermachen.
Der Raum macht weiter. Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier. Rolf Dieter Brinkmann, 1975 Zurück