Aus Spex 06/2001
von Justus Köhncke

Blumfeld
Testament der Angst

ZickZack /EastWest


Das spezielle und bewegende an Blumfeld ist seit jeher ihre elegante Tabulosigkeit: Sachen wagen, die andere aus Furcht vor Blamage, dem Zuhörer, dem Ausstellen auch kompliziertester Gefühle / Gedanken / Zweifel niemals tun würden, öffentlich, auf Platten. Wir reden ja nicht von Gedichtbänden, Hörbüchern, Theaterstücken, von Reservaten, in denen eine Figur des Kalibers Jochen Distelmeyer aus der hohlen Hand Furore machen könnte, sondern vom Terrain Pop. Zwei Alben und sieben Jahre lang fand dieser Mut mehr im Text (»Laß uns nicht über Sex reden«) als in der musikalischen Form (exquisiter Indierock) statt.
Dann, Anfang 1999, kam der Beauty-Schock, diese unangestrengte Transgression namens »Old Nobody«. Um so wärmer, dass sich wirklich alle, also Markt, Intelligenzia, die meisten »alten Fans«, Helmut Berger, das ZDF etc., darauf einigen konnten. Die Musik kannte keine Skrupel mehr, die Nachtigallen in der Voliere von JD’s Kehle hatten freien Flug, und die ohnehin stabil groovende Band war mit Michael Mühlhaus um einen Keyboarder reicher, der aus ein paar profanen MIDI-Geigentönen offene Himmelspforten schmiedete. »Mein System kennt keine Grenzen«, sowas hinstellen als Refrain und per Platte auch einlösen. Da komme ich aus der Wallung immer noch kaum raus.
Jetzt es geht um »Testament der Angst«, und »Old Nobody« preise ich hier auch deshalb aufs Neue an, weil ich rieche, dass diese Platte gerade dem Daft-Punk-Syndrom zum Opfer fällt: Ereignisse wie »Homework« oder »Old Nobody« kann man ebensowenig reanimieren wie vergangene Meilensteine privater Natur. Bei DP wie BF wurde etwas weiterverfeinert, und dann hört man ja genauer, worauf wirklich hinausgewollt wurde bei dem, was einen mal derart mitgenommen hat. Als wär’s ein echter Mensch! Manchmal findet man’s dann plötzlich doof. Als Fan fühlt man sich mindestens so schnell betrogen wie in einer realen Liebe – aber um etwas, das niemals versprochen, Ehevertrag war. Das macht Musik als System so hart, reell und schön. Ich fürchte, ähnlich viele Leute werden die neue Blumfeld ebenso als Enttäuschung empfinden wie »Discovery«, und da hört, außer dass ich von beiden Projekten Fan bin, die Parallele auch schon wieder auf. Ein Werk ist ein Werk, und eine aktuelle Platte steht nie allein da als Zustand. »Testament der Angst« ist wütend, sauer und depressiv, im Coverdesign, in der Mitte der Platte, und, klar, schon im Titel. Die deprimierende Harmlosigkeit um einen herum macht den Versuch, dieses Gefühl in eine Pop-Platte zu packen, schön und nötig. Umrahmt ist die vierliedrige, zum Glück nicht schonend verteilte Angst-Sektion unter anderem von neuen Liebesliedern, der Disziplin, bei deren Verfeinerung ich BF gerne noch ein Leben lang zuhören möchte. Später ein zaubriges, langes Folk-Gedicht (»Der Wind«). Am Ende eine Hanns-Dieter-Hüsch-Version (»Abendlied«), kein Gag, sondern schöner Schluss. Aber Rewind: »Graue Wolken« kann einfach überall plötzlich anrauschen und steht dann so selbstverständlich, groß und souverän da wie (keine lustige Tabu-Liste!) Gerry Raffertys »Baker Street«, manches von Chris Rea oder »Still The Same« von Bob Seger, womit ich die »Grauen Wolken« beim Auflegen immer kopple, denn die zwei lieben sich wirklich. Alles sogenannte Schwächen von JD (und mir), verbotene Liebe jenseits allem Do & Do not. Der klare, universelle, traurige Text führt direkt ins Thema des Albums, getragen in einer würdevoll-unaufgeregten Sänfte. Als Gast und Königin, nicht Bruch, Ebene oder Kontrapunkt. Das aufs ekligste ausgedachte, keck und gagig anrückende Kitsch-Sax-Solo wohnt in diesem Song neben Schlagzeug, Gitarre, Bass und Klavier als wie schon immer. Und klarer denn je, Grenzen ade. Weinkrampf, echt jetzt, ich erspar’ euch die Details.
Dies ist eine Platten-»Kritik«, also: der Wut-und-Angst-Teil in der Plattenmitte hat mich richtig geärgert. »Anders als glücklich« ist toll, mit Prefab-Sprout-hafter Melodieakrobatik, bis ein Frauenchor (die Lassie Singers, Anm. d. Red.) einsteigt und – ich litt noch mehr – JD witzige, gesprochene Frage-Antwort-Spielchen mit diesem treibt. Die Props für Kristof Schreuf, von dem die Refrainzeile stammt, werden gesungen, statt einfach als Credit auf der Platte zu stehen. »Referenzhölle«, diese schönste Wortschöpfung der »Hamburger Schule«, da lodert sie wieder und macht Lieder kaputt. Dann der Titeltrack. Eine Aufzählung von Ängsten, klare schöne Sache, aber warum, bei DER Band, im ausgedacht und angezogen klingenden Fake-Joy-Division-Wave-Gewand? Das ist mir keine Sänfte, eher der falsche Nachtbus in Berlin. Hach, den Wut-und-Angst-Teil finde ich also so nötig wie vergeigt. Da haben BF doch weichere und schärfere Messer. Dann rauschen die »Wellen der Liebe«, der »Wind« weht, und da steht sie wieder, die neue Mutmaschine. Knietief in Harmlosistan, wo man sowas zur Not auch mal selber repariert.

Justus Köhncke