Aus Babsies Diktatur #07
Text: Marco Fuchs


Testament der Angst

Ich-Maschine und L`État Et Moi waren die Alben für die Zweifler, Old Nobody jenes für die Liebenden. So weit, so vereinfacht. Und für wen ist bitte schön Testament Der Angst? Für alle? Yeah, für alle!
Nach der Ratio, der Wut, dem Analysieren der Zwangsläufigkeit des Systems und was das mit mir zu tun hat, kam die überraschende Wendung hin zu Prefab Sprout-esken Melodien und einem klaren Himmel namens "Emotion", als "Liebe" gesehen/gefühlt und verstanden. Beim Wort genommen und zur Sprache gebracht. Plötzlich war aber auch Ablehnung in the house: "Nicht nur im Kerzenlicht suhlen, Herr Distelmeyer, das Böse benennen, aber schnell!" Macht Jochen D. auch wieder: Diktatur Der Angepassten und Anders als Glücklich sind so klar und deutlich, von einer solch prägnanten Wichtig- und Richtigkeit, dass ausnahmsweise kein Interpretationsspielraum den 1:1-Gehalt auf's Meer hinausspült. In Opposition dazu: Wellen Der Liebe und Weil Es Liebe Ist. Der in zwei Songs ausgesprochene Überbau des Albums called Liebe! Liebe! Liebe!, der mitzudenken ist. Dann erst ergeben die Sätze der Bitterkeit, des Scheiterns, des Aufgebens, der Wut, der Melancholie, des Zerwürfnisses mit sich selbst ehrlich Sinn. "Anders als glücklich. Ich melde Zweifel an." Und: "Ich will die Wahrheit sagen." Und die Wahrheit ist, dass die Traurigkeit eben nicht weggehen kann, wenn man sich den Mut zur Ehrlichkeit bewahrt. Die Kunst ist, eine Technik zu entwickeln. Die Technik, damit umzugehen, die sich in Stücken wie Wellen Der Liebe wieder findet. Womit dann das vordergründig offenherzigste und trivialste "Liebeslied" das kühlste, technischste von allen ist. Vielleicht, denn möglicherweise (hoffentlich!) auch nur der Ausdruck eines höheren Zustandes nach dem Loslassen. Wenn man seine Ängste wie in Testament Der Angst erst einmal zu Papier gebracht und herausgeschrieen hat, dann lösen sie sich unter Umständen auf. Das Herauschreien hat idealerweise auch den Effekt des Körperlichen, rückgekoppelt an eine gereinigte Klarheit. So bricht nach Testament Der Angst und Diktatur Der Angepassten der wütende, stolze Gestus zusammen, um zusammengekauert und schwachen Körpers mit Der Wind wie auf einem Drogen-Comedown eine präzise, ich-erhellende Sprache zu finden. "Ich hab' versucht, den Widerspruch zu leben. Ich hab' versucht, nur ich selbst zu sein. Es hat nicht funktioniert, es ging daneben..." Meine Güte, Anklage und Resignation auch als Technik? Was unterscheidet denn dann Blumfeld von jenen, deren Namen ich hier nicht nennen will?
Zum Beispiel das Video zu Graue Wolken: Alles ist in Ordnung, alles ist die Hölle. Keine Worte, ab und an ein Lächeln. Familienidyll, Schule, Freunde und tagtäglicher Schmerz in deutschen Jugendzimmern. "Wo kommen all die grauen Wolken her. Es regnet und ich kann nicht mehr." Eine Melodie so schön und Sätze so bitter. Bleibt nur noch die Hoffnung auf's Älterwerden. Dennoch...
Älterwerden raubt die letzte Hoffnung, die Unzufriedenheit würde sich bei einer großen, wahren Liebe auflösen. Im Gegenteil: Sie gibt einem erst die Kraft, das Erkannte aus der Warte eines aufrechten Menschen zu benennen. Und sich zu stellen: "Ich weiß nicht warum ich lebe, nur dass ich am Leben bin. Arbeit, Fernsehen, Schlafen gehen, so macht das Leben keinen Sinn." Die Fragen, die sich im alter jenseits des ungezügelt-unreflektierten jugendlichen Schwarz-Weiß-Denkens immer und immer wieder, und von mal zu mal drängender und auswegloser stellen.
Um Himmels Willen, was bleibt? "Ich will nicht in Eurer Logik leben, so als ob ich einverstanden wäre." Anders gesagt: "Das soll für Dich sein. Du fängst das Licht ein. durch Dich weiß ich, was Liebe heißt. Auch wenn der Alltag uns stumm macht."