Aus Spex 11/1994
Von Christoph Gurk und Ralph Christoph


Kunze und andere deutsche Texte

Ein Interview mit Jochen Distelmeyer

Vor fünf Monaten druckte der "Spiegel" ein Interview mit Heinz Rudolf Kunze, in dem eine Zwangsquote für deutschsprachige Bands in Radio und Fernsehen gefordert wurde, die weniger den etablierten Acts, sondern "Nachwuchsbands" wie Blumfeld, Die Sterne, Element Of Crime, Mastino oder Caspar Brötzmann zugute kommen soll.

Anfangs glaubten wir noch, es handele sich um die übliche Wichtigtuerei eines Rockbeamten, der schon bessere Tage gesehen und die Diskussion um die Folgen der Wiedervereinigung verpennt hat. Als langsam klar wurde, daß Kunze offenbar ein breites Bündnis aus Politik und Musikwirtschaft hinter sich hat, lehnten wir es erst recht ab, eine Stellungnahme zum Thema abzugeben. Denn wer allen Ernstes an einer Kontroverse über die Staatsangehörigkeit oder Sprache von Musikern als Kriterium einer Ausschlußregelung teilnimmt, und sei es nur in distanzierender Absicht muß sich nicht wundern, wenn die Entwicklung eine unkontrollierbare Eigendynamik annimmt. Das war eine Lehre, die wir aus der Nazirock-Diskussion gezogen hatten.

Spätestens seit der diesjährigen Popkomm aber, die inhaltlich ganz im Zeichen der Quotendiskussion stand, hat sich die Debatte in ihr Gegenteil verkehrt. Das Problem sind immer weniger die Nationalisten in der Musikindustrie und die Medien, die das Thema zu dem gemacht haben, was es heute ist, sondern die Objekte der Vereinnahmung. Ein typischer Fall linker Selbstzerfleischung, wo der Hauptgegner völlig aus dem Blickfeld gerät.

So polemisierte Wiglaf Droste in der "Jungen Welt" plötzlich gegen "anpolitisierte Hamburger Musikkreise". Christoph Twickel kanzelte in der Stadtzeitschrift "Szene Hamburg" die "privatistische, sozusagen inkorrekte und 'unverständliche' Sprache" von Blumfeld als Träger habitueller Dissidenz ab und dekretierte, man müsse "schon explizit antinational argumentieren", um der Vereinnahmung zu entgehen. Den Vogel schoß im Oktober erwartungsgemäß Günther Jacob mit einer (gemäßigten) Titelgeschichte in "Konkret" und einem Dokument des kompletten Realitätsverlustes in der "Jungen Welt" ab. Darin wird Jochen Distelmeyer – Sänger, Gitarrist und Texter von Blumfeld – unter anderem unterstellt, er habe beim Indie-Label Fast Weltweit schon Mitte der 80er Jahre an einer »Rückbesinnung auf das deutsche Liedgut« mitgearbeitet.

Neben vielen anderen Dingen, die hier zu kommentieren wären, gehört es zu den bezeichnenden Konstanten in dieser gespenstischen Debatte, daß den Autoren solcher Texte bis zu vier Seiten eingeräumt werden, um von oben herab ihre Argumentation entwickeln zu können, aber kaum jemand auf die Idee kommt, die Leute, um die es geht, nach ihrer Einschätzung zu fragen, von einer fundierten Recherche ganz zu schweigen. Aus diesem Grund verzichten wir auf eine ausführlichere Stellungnahme der Redaktion. An ihrer Stelle hier ein Auszug aus einem Gespräch, das Christoph Gurk und Ralph Christoph mit Jochen Distelmeyer in Köln führten. Der Wortlaut wurde vom Interviewpartner autorisiert.

SPEX: Bevor wir über inhaltliche Fragen sprechen, wäre es hilfreich, ein paar Ereignisse zu rekonstruieren, die bislang nicht weiter an die Öffentlichkeit gedrungen sind. Fangen wir mit dem Ausgangspunkt der Debatte an: Wie haben Blumfeld auf Kunzes Äußerungen im "Spiegel" reagiert?

JOCHEN DISTELMEYER: Neben einem Interview mit dem Berliner Stadtmagazin "Zitty", das uns als einzige Zeitung anbot, dazu Stellung zu beziehen, haben wir noch einen Brief an den "Spiegel" geschickt, der nicht gedruckt wurde. Sowohl im Interview als auch im Leserbrief haben wir uns klar von Kunzes Forderungen und Vereinnahmungsversuchen distanziert, weil wir seine Äußerungen als Teil des deutschnationalen Diskurses verstehen, gegen den wir uns als Band und Privatpersonen immer erklärt haben.

SPEX: Kannst du dir erklären, warum sich Kunze ausgerechnet auf euch beruft?

JOCHEN DISTELMEYER: Ich sehe darin in erster Linie einen erneuten Profilierungsversuch. Mit der Bezeichnung "Nachwuchs" suggeriert Kunze, wir würden an etwas weiterarbeiten, für das er immer schon gestanden hätte. Daß dem nicht so ist haben wir ihm schon einmal zu verstehen gegeben, als er uns vor zwei Jahren einlud, auf seinem Konzert im Rahmen der Popkomm zu spielen. Wir lehnten mit der Begründung ab, es gäbe nichts, was uns mit ihm verbindet. Schließlich konnte man schon vor dem "Spiegel"-Interview einschätzen, wo sich Kunze sowohl politisch als auch künstlerisch verortet.

SPEX: Kannst du das genauer beschreiben?

JOCHEN DISTELMEYER: Ich verstehe Kunzes Äußerungen zur Zwangsquote nicht nur als Ausdruck einer politischen Gesinnung, die sich mit Martin Walser, Botho Strauß und der Politik der Bundesregierung kurzschließt: Der Wehrmachtston, den er anschlägt, wenn er von der "Flut" ausländischer Musik und "ausländischen Schunds" redet, der "in Deutschland und in Japan, den Verlierernationen des 2 Weltkriegs (...) widerstandslos geschluckt wird"; seine Angst vor dem Strom von Fremden, dem die deutsche (Kultur-)Nation hilflos ausgeliefert sei, wenn die Deiche nicht höher gezogen würden; und schließlich sein Aufruf, sich der eigenen Identität zu besinnen – das alles steht auch für sein Verständnis von sich und seiner Arbeit als Musiker und Verfasser von Texten. Wenn man sich Stücke anhört wie "Ich bin auch ein Vertriebener" oder "Die langen Messer der Nacht", in dem Kunze eine Analogie zwischen Konzentrationslagern und Techno-Clubs herstellt, versteht man auch, wieso es ihm leicht fällt, Ole Seelenmeyers Satz vom "Genozid an der deutschen Rockmusik" als verbalen "Punk" zu verharmlosen. Eben nicht nur, weil er keine Ahnung von Punk hat, sondern auch, weil er das inhaltlich ähnlich sieht.

SPEX: Wenige Wochen nach dem "Zitty"-Interview erschien im "Rolling Stone" ein Artikel von Wiglaf Droste, in dem er gegen Kunze zu Felde zog und sich darüber wunderte, warum es bisher keine öffentliche Distanzierung seitens der von Kunze vereinnahmten Bands gegeben habe.

JOCHEN DISTELMEYER: In der selben Ausgabe wurden Musiker wie Campino zum Thema befragt – doch außer Element Of Crime keine der vereinnahmten Bands.

SPEX: Wieso habt ihr es dann abgelehnt, an der Diskussionsveranstaltung »Wie deutsch kann Pop sein?« teilzunehmen, die vom "Spiegel Extra" im Rahmen der diesjährigen Popkomm ausgerichtet wurde? Da hättet ihr doch die Möglichkeit gehabt, euch in aller Öffentlichkeit zu äußern.

JOCHEN DISTELMEYER: Angesichts der uns bekannten Teilnehmer – neben Kunze halt Vertreter der Musikindustrie und jemand vom "Spiegel" – war der Verlauf vorgezeichnet. Wir hatten keine Lust, als vereinzelte Gegenstimme der Veranstaltung einen pluralistischen Touch zu verleihen. Es lag auf der Hand, daß Kunzes Äußerungen lediglich relativiert werden sollten, um dann aber an den deutschnationalen Inhalten der Forderung festzuhalten. Eine Stellungnahme, in der wir uns auch zu dieser Podiumsdiskussion äußern, ist in der aktuellen Ausgabe der "Beute" abgedruckt worden.

SPEX: In der Tat nahm die Debatte während und nach der Veranstaltung makabre Züge an. Die rechtsextreme "Junge Freiheit" nahm das Thema im Anschluß an die Popkomm unter der Headline "Englisches Gedudel Stoppen" auf die Titelseite, während der linksliberale "Freitag" die Diskussion mit einem Pamphlet gegen die Haltung der sogenannten "Poplinken" auf den Kopf stellte. Ab da richtete sich die Kritik kaum noch gegen Kunze und die Quotenlobby – vielmehr wurden die von Kunze herbeizitierten Bands, darunter auch Gruppen, die bisher in diesem Zusammenhang gar nicht aufgetaucht waren, latent oder manifest dieser Lobby zugeordnet. Was sagst du zu dieser Entwicklung?

JOCHEN DISTELMEYER: Es hat den Anschein, als ginge es den Verfassern darum, den Bands die Fehler ihrer Kunst nachzuweisen. Dabei versuchen sie zwar, eine Verbindung zur Kunst, Musik, Literatur herzustellen, sind aber nicht in der Lage, formal und thematisch mit den darin aufgehobenen Denkweisen zu kommunizieren. Sie können sich in ihren Analysen nicht wirklich einlassen auf die künstlerischen Prozesse und deren explizite Argumentation.

SPEX: Gerade das aber wird Blumfeld vorgeworfen – mangelnde Klarheit in Fragen der politischen Meinungsbildung.

JOCHEN DISTELMEYER: Für Gruppen wie Die Goldenen Zitronen oder Blumfeld, die beide mittlerweile im Zentrum dieser Kritik stehen, ist Explizität und Engagement für den antinationalen Diskurs ein wesentlicher Teil des künstlerischen Selbstverständnisses. Das ist in den Liedern zu hören, in Interviews zu lesen und zu verfolgen gewesen bei politischen Aktionen. Die genannten Journalisten wissen das, und darum ist ihre Kritik nur möglich als Behauptung, als Teil einer Immunisierungsstrategie, mit der sie primär sich und ihre Texte behaupten wollen. Schließlich sind ihre Texte immer schon geschrieben; es sind ja immer dieselben Texte, die sie schreiben. Der Anlaß wird immer beliebiger, ihre Absicht ist entscheidend: Es muß immer etwas geben, das nicht dazugehören darf – bis es nur noch zwei Sprachen gibt, die jeweils eigene und die von vornherein auszuschließende. Deshalb richtet sich die Kritik im Kern auch nicht wirklich gegen mangelndes Engagement, mangelnde Explizität, sondern vielmehr gegen die Kunst, Musik, Literatur selbst, die sich durch ihre Mehrstimmigkeit, Vielsprachigkeit von der Geste des absoluten, autoritären Schreibens unterscheidet. Im Ausschluß abweichender Sprechweisen sehe ich sogar eine strukturelle Ähnlichkeit der Texte bei Kunze und den Journalisten.

SPEX: Heißt das für dich, daß beide Texte im Prinzip das Gleiche sagen?

JOCHEN DISTELMEYER: Ich rede nicht von den politischen Inhalten. Nicht von dem, was sie zum Thema sagen, sondern wie sie zu ihren Texten gelangen, und welche Funktion diese Texte erfüllen. Darin sehe ich Gemeinsamkeiten. Sowohl Kunze als auch die Journalisten verstehen sich nur auf eine Sprache. Das ist die Sprache der Identität, die immer schon Ausdruck eines Gewaltverhältnisses ist. Deshalb erfüllt es sie mit Schrecken, wenn sie bei der Suche nach dem "Eigenen" immer schon auf das Andere stoßen. Sie flüchten sich in ein dogmatisches Wahrheitssystem, mit der totalitären Forderung, denselben Klartext zu sprechen, wie sie selbst.