Aus Spex 10/1994
Von Kerstin Grether


MACHT VERRÜCKT, WAS EUCH VERRÜCKT MACHT

Vier Wochen sind vergangen, seitdem das zweite Album von Blumfeld in die Plattenläden gekommen ist, und mehr noch als beim letzten Mal hat es die Gruppe geschafft, ziemlich bizarre Entwicklungen im Medienapparat und leidenschaftliche Diskussionsschlachten unter ihren Hörern in die Gänge zu bringen. Die einen schätzen oder vermarkten Jochen Distelmeyer als einen neuen Typ von Popstar, als ideale Projektionsfläche für die privaten und politischen Sehnsüchte tausender Twentysomethings im Deutschland nach der Wiedervereinigung. Andere wenden sich mit Grauen ab, wenn Blumfeld mit und gegen alle Regeln der Songschreiberkunst durch ein kaum entwirrbares Netzwerk von Reflexionen und Zitaten reisen, um von den Themen »Der Staat und Ich«, »Pop und Politik«, »Identität und Differenz« ins »Innere der Trauer« vorzudringen. KERSTIN GRETHER sprach mit Jochen Distelmeyer über eine Platte, die davon handelt, daß es das wesentliche Prinzip nicht gibt.

Ein gutes Jahr für Platten aus Hamburg. Cpt. Kirk&, Goldene Zitronen, Saal 2, Kastrierte Philosophen, Die Regierung, Tocotronic und jetzt die neue Blumfeld. In diesem Jahr kann man erkennen, daß es nicht darum gehen kann, einer dominanten Szene die Dominanz abzusprechen, sondern nachzuvollziehen, wie sie sich gegenseitig reguliert. Auf jeder dieser Platten gibt es Konflikte, die auf anderen bereits gelöst sind und wiederum neue blinde Flecke von sich werfen. P.C. sind diese Bands alle nicht, aber es bewahrheitet sich, daß auch erfolgreiche Undergroundmusik immer mehr zu »Ideenmusik« wird. Selten ähnelten die Platten der Leute, die man kennt, so sehr ihrem Bücherschrank. Wie immer gibt es Gründe, warum ein Künstler ein bestimmtes Ideenreservoir einem anderen vorzieht. Deshalb ist der Bücher-Bezug nicht weniger authentisch oder existentiell als andere Bezüge auch, wer außerhalb der Universität viel liest, will was über das Leben, die Welt und die Wissenschaft erfahren. Es ist ein weiterer Bezugsrahmen, wie Menschenkennen, Liebe, Musikhören auch.

Noch sind wir nicht so weit, daß wir Quellenangaben brauchen, um einen Pop-Artikel zu schreiben oder eine Pop-Platte zu verstehen. Die Universalisierung des verarbeiteten Wissens wird aber mystisch, wenn man sich nicht überlegt, was da gewußt. wird. Das ist nicht das Problem des Künstlers, der eine funktionierende Sache bereitstellt. Für Kritiker aber gilt: Nur wenn man in etwa weiß, was eine Platte von sich selbst weiß, kann man ihre Auswahlleistungen, ihren Umgang mit dem Material und damit ihre Schönheit beurteilen.

So kann man der Illusion entkommen, man würde das alles »einfach so« verstehen. Was nicht heißt, daß man es nicht einfach so verstehen kann. Aber das liegt daran, daß Blumfeld hier ganz bewußt auch die Light-Verständnis-Version in das Material eingewoben haben. »Light« ist bei der zweiten Blumfeld-LP »L’etat et moi« wörtlich zu nehmen: Leichtigkeit und Licht. Beides wirft diese Platte in einem so hohen Maße ab, daß ich mich beim Hinhören, lange bevor ich mich in das Textblatt vertiefte, immer wieder gefragt habe: Wie können Leute Mitte, Ende 20 eine Platte machen, die zugleich einen so weisen UND jugendlichen Gefühlseindruck abstrahlt. Tiefe und oft dunkle Sätze werden da ganz ruhig ausgesprochen, und doch ist kaum Melancholie mit im Spiel, von Sentimentalität ganz zu schweigen. Es gibt zwar diese tiefen Traurigkeiten, aber die Platte klingt so, als hätte sie da hindurchgefunden, zu einem Lebens-/Gefühlsprinzip, das ein ungebrochenes Glück wieder fühlbar macht, ohne sich dabei zu vergessen.

Ich interviewe Jochen im Zug im Speisewagen auf dem Weg von Köln nach Frankfurt, wo er an diesem Tag noch weitere Interviews geben wird. Jochen trägt Klamotten in den Farben Dunkelrosa, Blau, Dunkelgrau, Lila. United Colours Of Telekom. Der Speisewagen ist ein kleines übersichtliches Bistro. Zum Glück hat er nicht diese übliche überbelichtete Weiträumigkeit, und eingerichtet ist er sogar ebenfalls in den Telekom-Farben. »Nö, find ich gar nicht so toll hier«, sagt Jochen, »schon allein wegen der Farben.« Jochen sagt das nicht einfach so, denn ansatzweise wird hier (wie überhaupt in seiner Art sich optisch zu präsentieren) ein Prinzip sichtbar, das auch auf »Ich-Maschine« und »L’etat et moi« angewandt wird: Einen Schmerz dort zu suchen und auszustellen, wo er einem zugefügt wurde.

Das gibt es auch auf politisch: Der ganz unpostmoderne Alexander Mitscherlich hat es in seinem Klassiker »Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft« so formuliert: »Man muß die Menschen radikal in die Gesellschaft einführen und sie gleichzeitig dagegen immunisieren.« Man muß die Menschen natürlich überhaupt nichts, oder doch? Jochen Distelmeyer hat seine Band irgendwann Ende der 80er Jahre, nachdem er schon unter dem Namen Bienenjäger und Arm Songs geschrieben hatte, nach einem Text von Kafka »Blumfeld« genannt.

YOUNG: GIFTED
Es ist schon ein Gemeinplatz: »Blumfeld«, eine Spex- Band. Aber das wird sich mit »L’etat et moi« ändern. Bereits zwei Wochen nach dem Erscheinungstermin war die Hälfte der ausgelieferten LPs und CDs verkauft. Schon im Vorfeld hat die Band ihre neue Vertriebsfirma Rough Trade (das britische Label Big Cat wird die Platte fast weltweit veröffentlichen) ziemlich genervt, indem sie ihr auf seitenlangen Faxen detailliert mitteilte, mit welchen Zeitschriften/Journalisten sie zu sprechen wünschte, und mit welchen nicht. Es ist für ein Label wie Rough Trade, bzw. für die Menschen, die da ihren Job gut tun, wahrscheinlich schwer nachvollziehbar, warum ihr neues goldenes Kalb sich weigert, zum Beispiel dem »Spiegel« ein Interview zu geben. Oder »Focus«. Oder anderen deutschnationalen, chauvinistischen, blutsaugenden Machtorganen. Statt dessen sprachen Blumfeld mit vielen Leuten, die Fanzines machen. Rough Trade mußte wohl oder übel die Namen dieser »unrentablen« Kleinhefte wieder in den Verteiler aufnehmen. Wo sie jetzt auch drinbleiben müssen, wenn Rough Trade seine Cred bewahren will.

Aber laß uns auch mal von SPEX reden. Hier geht das Gerücht um, daß Blumfeld mindestens 90% aller Platten, die von »Ich-Maschine« abgesetzt wurden, an unsere Leser verkauft haben. Das hat uns aber nicht daran gehindert, Worte wie »pubertär« oder »gefühlsbetont« weiterhin denunziatorisch zu benutzen, im Gegenzug dafür wurde aber immerhin das »Intellektualisieren« von »Gefühlssubstanzen« zum Programm. Paradoxerweise wurde die Kritik an »Gefühl« nicht mit einer Kritik an der »fehlenden« Einordnung von Gefühlen verbunden. Genau das aber versuchen Blumfeld zu leisten: Nicht Gefühle sind das Problem, sondern falsche Substantialisierungen. Es kann nicht darum gehen, Gefühle abzuschaffen – eher wäre es eine Aufgabe, den Ort und Techniken zu finden, sie als Symptom wieder politisch lesbar und wirksam werden zu lassen.

SPEX dagegen hat sich oft als eine Zeitschrift verstanden, die sich nunmal wohl oder übel an den männlichen Post-Jugendlichen, den Jung-Erwachsenen oder Gerade-Erwachsenen richtet. Nun sind Konstruktionen des Alters auch Konstruktionen, so wie »Rasse«, »Geschlecht« etc. Aber sie haben auch dann Wirkungen, wenn man sie nicht in ihren identitätsfixierten Totalisierungen anerkennt. So war es wohl ein bißchen leichtfertig, einfach nur anzunehmen, daß »der Leser« noch bestimmte Sachen aus der Pubertät mit sich rumschleppe, die Jochen Distelmeyer wohl artikuliere.

WIR
Während ich mit Jochen so rede, gewinne ich immer mehr den Eindruck, daß er und viele Leute aus seinem Szene-Polit-Aktivismus-Umfeld eine gewisse Ohnmacht empfanden, angesichts des Artikels »Abschied von der Jugendkultur« von Diedrich Diederichsen. Jochen hat an dem Artikel auch ein Gestus mißfallen, der ihm suggerierte, daß jetzt Schluß sein soll mit Lustig, mit Haß, mit Widerstand. »Jet Set«, das Stück, mit dem der monströsere Teil der Platte eingeleitet wird, formuliert es so: »In diesem Sinne haben wir vor, weiterzumachen als Gescheiterte bisher. In Sachen Selbstverwirklichung, offensichtlich halten welche nicht so viel davon wie wir.« Wobei mit dem Wort »welche« wohl weniger der Autor des Artikels gemeint war, als die »Focus«-Schreiber dieser Welt, die das Programm »Ende der Jugendkultur« besonders entzückt aufnahmen.

Selbstverwirklichung und Jugendbewegung wird also zunächst gegen alle verteidigt. Daß man auch ein freundlicher, irgendwie sozialdemokratisch gesinnter Mensch sein könnte, wird als Lebensprinzip nicht in Erwägung gezogen. Statt dessen wird das »unter sich«-Sein zum philosophischen Konflikt der Platte. Ist es toll, unter sich, unter seinesgleichen, unter Geistesverwandten zu sein, fragt diese Platte. Um es mit einer alten Problemstellung von Diedrich Diederichsen zu sagen: Wie uniformiert sind eigentlich die, die sich gegen Uniformierung wenden? Vor allem: Wie damit umgehen, wo es doch die Faschisten sind, die das Prinzip des »Gleichen« und der Selektion in Barbarei überführen? Auch das gibt es wieder als »Privat«-Konflikt: Muß man, um irgendwie noch freier zu werden, am Ende sogar den Traum von der »one love« aufgeben (die Illusion »verstanden« zu werden)?

»L’etat et moi« ist auch eine Kritik am Modell »In Utero« von Nirvana, ein gedanken- und gefühls-wissenschaftlicher Versuch, das Resignative, Unbewegliche, die Melancholie abzulehnen, Harry Rag oder Herbert Achternbusch oder Godard oder Rainald Goetz gegen Kurt Cobain Recht zu geben. Was nicht heißt, daß Kurt Cobain auf dieser Platte nicht zu Wort kommt. Wie Cobain lehnt Distelmeyer die Idee ab, nach den Gesetzen des Starsystems einen Repräsentantenstatus einzunehmen, nicht aber um den Preis, sich dann tatsächlich die Kugel zu geben. Ganz lebensfreundlich werden so viele Sachen wie möglich zugelassen – auch um die Vorstellung von einem Ende zu bezwingen. »Überall wo ich nicht bin, bin ich am besten aufgehoben«, heißt es bereits in »Jet Set«, wo als Refrainzeile immer wieder panisch-hochfliegend genau das wiederholt wird: Jet Set. Das ist natürlich sehr verwirrend: In ein und demselben Song total emphatisch die Selbstverwirklichung zu fordern, und dazu genauso emphatisch die Aufhebung des »Selbst«. Schaut man noch genauer hin, dann kann man sehen, daß sogar die Dualität aufgehoben wird: »Gegen den Strich geht’s durch die Rechnung, und in ihr zweideutig auf (...) schafft also 2, 3, 4 , viele (...)« Das kann der Musik dieses Stückes jedoch nichts anhaben. »Jet Set« ist sich in seiner leeren Hysterie, seiner rockenden, skeletthaften und affirmativen Zielgerichtetheit verdammt sicher. Das scheint mir ein wesentliches Prinzip dieser Platte zu sein (Jochen: »Die Platte handelt davon, daß es das wesentliche Prinzip nicht gibt.«): Eine Ästhetik des Verschwindens exemplarisch vorzuführen, ohne sich der blöden Illusion hinzugeben, man könnte die eher regressiven Genüsse einfach auslagern (wie z.B. die affirmative Zielgerichtetheit). In »Ich – wie es wirklich war« heißt es dazu zum Beispiel: »Ich war dabei, mir eine Art von Verschwinden, die schließlich mich bezwingt, zu Ende zu denken, gegen den Schmerz, unter dem ich mich krümme, zurück zum frühesten Bild, von wo ich eigentlich komme.« Da ist von einem »Schmerz« die Rede, der sich selbst nicht mehr aushalten will und deshalb zurück zum frühesten Bild will, der wissen will, woher er eigentlich kommt.

SCHMERZ (SOZIALISIERT)
Jochen Distelmeyers »Reise ins Innere der Trauer« würde vermutlich keinen von uns interessieren, wenn es sich nicht um das Resultat eines Prozesses handeln würde, der ästhetisch kommunizierbar geworden ist. Oder in anderen Worten: wenn das nicht so eine verdammt geile Pop-Platte wäre. Sie läßt einen zunächst manchmal stutzig werden, dann immer mehr, schließlich ununterbrochen. Es gibt diese komischen hohen Töne, wie man sie auch von der vorletzten Dinosaur-jr- Platte und von Pavement kennt, »Star Wars«-mäßige Stör- und Abschußgeräusche (bei »Sing Sing«), Sätze, die unmittelbar und schnell aufeinanderfolgen und dabei rasend schnell Gefühlslage und Tonfall wechseln können. Zwischen einzelnen Intonationen können Welten liegen, und dennoch werden sie als logische Anschlüsse hergestellt.

Neben Literatur-, Pop- und Sonstwas-Zitaten gibt es so viele Film-Assoziationen, daß die Platte sich beim Konzipieren sicher auch vorgestellt hat, ein Film sein zu können. Die Musik kann man sich vorstellen wie eine Kamera, die bei jedem Stück eine andere Einstellung vornimmt: In »Draußen auf Kaution« spielt sie größtmögliche Verdichtungen kreisartig durch, unterstützt den Text in seinem klassischen Aufbau. Auch in »Jet Set« gibt es diese Parallelisierung von Text und Musik. In dem Lied, das »Walkie Talkie« heißt, wandert der Groove tatsächlich zwischen zwei verschiedenen Elementen hin und her. In »Evergreen« wird das klassische Einheits-Motiv vom Anfang wieder aufgenommen, nur diesmal in größter musikalischer Kontrastierung.

Der Text spricht die Ahnung aus, daß man sich wohl ändern können muß, um etwas Besseres als Ich-/Nation-/Einheits-Wahn zu finden, will dieses Ziel aber nicht in eine blinde Absolutheit hinein verfolgen, »bis jede Zelle gänzlich Oberfläche ist«. Die Musik oszilliert genau zwischen den beiden beschriebenen Gefahren: Sie ist mit ihrer beathaften Leichtigkeit schon fast gänzlich Oberfläche, die beruhigende Wiederholung eines chanson- oder kinderliedhaften »Babababab« läßt die Frage offen, ob sich hier jemand in den Schlaf singt oder sich gerade aus dem Schlaf heraus am Leben erhält.

HYSTERY: HISSTORY
In »Verstärker« hingegen läuft alles zusammen, was bei Blumfeld Sex bedeutet: phallische Symbole, die als gebrochen und matt vorausgesetzt werden, um gerade über diese Gebrochenheit zu einem stark sexuell-konnotierten kommunikativen Akt zu kommen: »Merkst du was ich merke, wenn ich den Output verstärke.« Text und Körper als einander bedingende Kategorien von Berührung mögen als literarische Strategie ziemlich 80er-Jahre-mäßig sein. Interessant ist aber, wie es als musikalisch bearbeitetes Motiv in den Pop-Kontext zurückgeholt, feminisiert wird: »Merkst Du, was ich merke, wie sich mystery und history und hystery / hisstory verstärken.« Hisstory mit all seinen männlichen Einheits-Prinzipien ganz erlahmt nochmal durchzuspielen, ist eine typische Blumfeld-Strategie. Auf einer instabilen Linie zwischen Exorzismus und Existentialismus werden Frauen- und Männer-Politiken verhandelt. Die Strategie geht noch weiter: Daß Konstruktionen wie »Alter«, »Geschlecht« etc., weder pure Erfindungen noch pure Essenzen sind, macht sie in ihren Wirkungen so beständig. Die ästhetische Hauptleistung dieser Platte besteht nun darin, diese Erfindungen da ernstzunehmen, wo sie noch authentische Wirkungen erzeugen, wie z.B. bei: »Jugend« in SPEX, das Phallische in Sexualität, die angeblich geduckte Haltung der Opfer-»Erben« des Holocaust, das Metaphorische des Wörtlichen. Dies wird auch als musikalisches Prinzip behauptet:

»Eine eigene Geschichte« ist aufgebaut wie ein 4000-Meter-Lauf, es ist das schnellste, gehetzteste Stück von allen, nur ausgerechnet im Refrain, wo die Sicherheit formuliert wird, euphorisch und vernünftig im »Jetzt« die Geschichte um sich zu stapeln, verlangsamt und versachlicht sich die musikalische Begleitung: Als müsse der so Hetzende sich doch mal kurz umschauen, in dem Moment, wo ihm die Gegenwart am gegenwärtigsten erscheint. »Das hat auch technische Gründe. Einen für Jochens Verhältnisse kurzen Text oder einen ganz langen, wie »Sing Sing«, kann man einfacher umsetzen, als so ein Zwischending wie »Eine eigene Geschichte« « (Eike Bohlken).

GESCHICHTE SELBERMACHEN
Apropos Zwischending: Die »eigene Geschichte«, von der hier die Rede ist, ist auch so ein Zwischending, sie spielt sich zwischen den Generationen, Geschlechtern und politischen Gewißheiten ab. Aber was bedeutet es, wenn ein 27jähriger wie Jochen Distelmeyer von der RAF spricht, die er als 12jähriger irgendwie mitgekriegt hat? Jochen: »Ich habe damals so RAF ins Fenster des Schulbuses mit der Hand eingeritzt.« Ich muß an Jutta Koether denken (von deren Malerei übrigens die Songs wesentlich beeinflußt sind), die an dem Nachmittag, an dem die Schüsse auf Hans Martin Schleyer fielen, mit Freunden in demselben Müngersdorfer Wald saß und die Schüsse gehört hat.

Die Platte klingt so, als habe Jochen sich von einer Person, die die Schüsse gehört hat, bestätigen lassen müssen, daß es sie tatsächlich gab, daß sie mehr waren als nur eine halluzinatorische Erinnerung. So bezieht er sich auf Zeitzeugen, als müßten die Ereignisse selbst und neu dazu erfunden werden. Ohne Gewähr, daß das Ereignis bedeutet, radikal links zu sein, dieses Mal. Jochen: »Eine eigene Geschichte«, das könnte auch ein Faschist sagen: "Es hat uns niemand gefragt, wir hatten noch kein Gesicht, ob wir leben wollten oder lieber nicht, hin und her gerissen, zwischen Verstehen-Wollen und Handeln-Müssen, keine Liebe, keine Arbeit, kein Leben." Und das mit dem Staat kann auch ein Nazi sagen: "Der Staat ist kein Traum, sondern bleibt wie mein Kissen, ein mich gestaltender Zustand." Und ich sage: Laßt das doch ruhig einen Nazi sagen, denn dann kommt plötzlich der Satz: "Gegen Holo, Hool und Holidays denk’ ich und zieh’ mir später noch was rein, dann durch die Bars, schlafen kann ich schließlich, wenn ich tot bin". Das würde der nie sagen! Aber das mit dem Ende der Jugendkultur ... es gibt halt ’ne Ähnlichkeit, es geht ja nicht darum, das zu akzeptieren, es geht darum, das aus den richtigen Gründen falsch zu finden.«

Hier läuft einiges zusammen, wovon »L’etat et moi« handelt: Verteidigung, Entsubstantialisierung und Wieder-ins-Spiel-Bringen von Gefühlszuständen. Eine »eigene Geschichte« beschreiben, die von der Ungleichzeitigkeit ihrer Signale und Ereignisse weiß. Einen ästhetischen Blickpunkt schaffen, der sich verändern kann, und gar nicht mehr festschreiben will, wer »Ich« eigentlich ist. Und schließlich führt Jochen im Interview eben jene Ähnlichkeit an, die zwischen »linker« Jugendkultur und Nazis.

Dies als »Ähnlichkeit« zum Programmpunkt zu machen, entspringt nicht nur dem Ego des Poeten, der wissen will, wie frei, wie auslegbar Texte sein können, das hat auch etwas mit einem Hysterisch-Dandyhaften zu tun, das gerne dazu tendiert, Selbstverliebtheiten in Richtung »Einheit« aufzulösen. »Ich heiße Einheitsarchitekt, du kannst auch Blödman zu mir sagen«, heißt es in »Eine eigene Geschichte«, wo die aristokratische Erhabenheit von »Einheitsarchitektur« dadurch bloßgestellt und ins Lächerliche gezogen wird, daß das folgende »Blödman« sich so überaus geschäftig und bilateral englisch ausspricht. In der »fremden« Sprache verrät sich der Traum Deutschlands von der Einheit, verrät sich also auch der Faschist: Daß Sprache nicht lügen kann, ist auch sowas, was hier bewiesen werden soll.

LEICHEN
In »Draußen auf Kaution« wird die Treue zum »Traum« in ihrer unfreien Schmerzhaftigkeit vorgestellt, ohne sie zu denunzieren. Es ist wohl das, was Blumfeld tendenziell als peinlich unterstellt oder angerechnet wird: daß sie bestimmte Gefühls-Autismen nicht aus Person / Text auslagern, um cool in der Gruppe weitersprechen zu können. Daß Blumfeld das als einen politischen Akt verstehen, wird immer da deutlich, wo sie ihren Begriff von »Geschichte« erläutern. Geschichte nicht nur wie in »deutsche Geschichte«, sondern auch als Geschichte des einzelnen Menschen. In diesem Zusammenhang wird das Wort »zählbar« benutzt. Die Geschichte zählbar machen, heißt, sich selbst dazuzählen, die Erfahrung der eigenen Irrtümer ins Denken und Fühlen miteinzubeziehen: »Zurück zum frühesten Bild, woher ich eigentlich komme.«

Es sind gerade diese radikal-therapeutischen Ansätze, die Blumfeld zu einer erfolgreichen Popgruppe machen: Sich an Leute zu wenden (Jugend), von denen Jochen annimmt, daß sie aufgrund ihres Übergangstatus sich selbst noch nicht als zählende Individuen wahrnehmen. Die postmoderne Ausgabe von Alice Miller? (Sind wir alle Sinead O’Connor?) Aber Jochen läßt sich nicht außen vor, er will die Spaltung / Pathologisierung dahin zurücktragen, wo sie herkommt, ohne sie aufzuheben: »Macht verrückt, was euch verrückt macht« ist so einer der schönsten Sätze auf der Platte. Aus der Sicht von »L’etat et moi« ist das Verschwinden des »Ich« eine der wenigen Möglichkeiten zu einem »Du« zu kommen, das in seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten erkannt und also nicht mehr therapiert oder totalisiert werden muß.

SUPERSTARFIGHTER
Das Album »L’etat et moi« beantwortet die Frage, warum Jugend ganz bei sich und seinesgleichen sein UND von sich selbst wegkommen will: Die Stelle, die eingenommen werden könnte, sei immer schon von anderen besetzt, und gerade in der Ikone Popstar läuft dieses ganze Paradoxon zusammen: Sie heilt ihre eigene Unzulänglichkeit in einer selbstgemachten Schönheit, die den Betrachter schon wieder mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten alleine läßt. Das ist der Ausgangspunkt des Titelstückes »L’etat et moi«: Es will den Prozeß klären, wie »ich es schaffte, dem Blick derer, die ihn durch mich für sich erzeugen, zu entkommen«.

»So beschaffen ist der Alltag der Figuren, nie ist je eine Herr der Lage. Sind wie ich Zeugen, die sich fragen, was sie in aller Welt verloren haben.« Jochen spricht hier und auch im weiteren Verlauf des Textes als einer, der das Trauma des Fantums / Vater-Ichs nicht um jeden Preis weitervererben will. Genau das macht aber den Kern des noch vorhandenen Narzißmus dieser Platte aus. Brutale Sätze wie »Was von da kommt, kann wie ich nur Teufel sein«. Ein latentes: Wenn Du mich nicht vernichtest, vernichte ich dich (wo Blumfeld sich plötzlich selbst als Staatsmacht denken). Dabei muß ja niemand gegen seinen Willen diese Blumfeld-Platte hören oder sich was dabei denken oder gar was dabei fühlen. Wer will, kann ja zum Beispiel einfach gleich Mutter gut finden. Blumfeld verkaufen aber mehr Platten als Mutter, sehr viel mehr Platten, das könnte zu denken geben. Wer sich angesprochen fühlt, hat vielleicht wie Distelmeyer in den 80er Jahren die Erfahrung gemacht, daß es für einen glücklich-revoltierenden Menschen kaum etwas Barbarischeres als das »Fantum« (Autoren-Prinzip) gibt und keinen kreativeren Weg, nochmal mit dem Leben davonzukommen.

Das Sprechstück »L’etat et moi« untersucht die Konsequenzen der Identifizierung in den post-industriellen Neunzigern. Jochen hat aus Filmen und Songtexten der 90er Jahre eine Definition von Staatsmacht abgeleitet: »San Quentin, I hate every inch of you, Nein, platzt der Staat aus allen Nähten« (»Sing Sing«). Will sagen: Nein, der Staat hat sich im Menschen einimplantiert, daß er ihn gar nicht mehr bestrafen, zwingen oder auch nur im Sinne eines postmodernen Über-Ichs verhöhnend auslachen muß. Wenn der Staat aus allen Nähten platzt, partikularistische Barbereien produziert, dann will Distelmeyer ihn mit den Waffen seines eigenen Partikularismus schlagen.

Keine Angst, es handelt sich immer noch um eine Pop-Platte, hier ist von Kunst die Rede, aber was, wenn der Staat auch ein Kunst-Staat ist, der nicht mehr funktioniert wie bisher? Dann kann auch die staatsfeindliche Kunst, so die Schlußfolgerung von Blumfeld, nicht mehr funktionieren wie bisher. Deshalb die Devise: Schafft 2,3,4, viele Pop-Staaten (ab). Auch SPEX ist so ein Pop-Staat, und Distelmeyer fühlt sich auf dem Cover sicher wie der erste der neuen 90er-Jahre-Subversiven: »A fake, it’s so real, I am beyond fake.« (Das war jetzt kein Zitat von Blumfeld, sondern von Hole.)

Um auf das Titelstück »L’etat et moi« zurückzukommen: Es will schon heute ohne die identifikatorischen Zusätze von Musik auskommen und verfügt gerade dadurch über eine Anziehungskraft, eine Unausweichlichkeit des Wortes, die den Musikstücken für einen kurzen Moment die ersehnte Unschuld des Popsongs zurückgibt. »L’etat et moi« handelt davon, wie man durch die Bekämpfung des Star-/Text-/Einheits-Ideals einen Körper zurückbekommt, der dann erst recht schmerzt, weil er doch nun mit jeder Berührung die alten Wunden im anderen aufreißt. An dieser Stelle im Text scheint sich der Theweleit-/Seeßlen-/Zizek-Fan Distelmeyer vermutlich an den Film »Edward mit den Scherenhänden« erinnert, er möchte aber nicht in dieser Position des Einsam-Zerstörenden verharren, sondern macht daraus einen weiteren politischen Programmpunkt:

Exakt in der Strophe von, »L’etat et moi«, die bei Durchzählen des Strophenmaßes nicht aufgeht, beschreibt er, wie ignorant und tendenziell reaktionär die einfache, keiner sozialen Praxis folgende Selbsterkenntnis ist: »Sischer datt, doch ganz schön einsam noch hier oben. Über dem Regenbogen war’n mir alle Sterne schnuppe, zum aus der Haut fahren ist genau das, was ich will.« Ist es natürlich nicht, denn die nächste Strophe beginnt mit dem extra-debilen Glaubenssatz: »Rock’n’Roll hat meinem Leben einen neuen Sinn gegeben.« Was dann folgt, gibt es in der faschisierenden und der ultra-freiheitlichen Variante: Wie geht man um, mit dem Gleichen, dem Anderen (und könnte es vielleicht noch ein Drittes geben?)

Die Botho-Strauß-Variante wird wie folgt beschrieben: »Aus diesem Grund ein Keller voller Leichen zieht es Deutschland nach Europa, und ohne sich zu öffnen, stellt es Weichen, um Schuld und Angst gleich unter Gleichen fernzuhalten.« Die Rainald-Goetz Variante: »Vergiß die Lieder, die ich spiel, die hatten nie etwas zu tun mit Dir, die sind so hohl wie ich, und darauf Du: Und davon handeln wir.« (Dieses letzte »Wir« wird von einem Chor aus Hamburger Szene-Leuten gesungen.)

WISSENSCHAFT
Da werden sich noch viele Deutungen finden lassen. Es geht jetzt erstmal darum, auch die sperrigen, gar nicht auf Bedeutungsgebung versessene Leere, den Durchlauferhitzer-Charakter von »L’etat et moi« zu sehen. Was das alles auch noch mit Kafkas »Prozeß« zu tun hat, läßt sich später klären. Wichtig ist allerdings, daß Jochen seine Texte/Vorgehensweise keinen Augenblick mit Hochkultur verwechselt, vermutlich würde er gar nicht auf die Idee kommen, daß in einer Zeile von, sagen wir, Ingeborg Bachmann (»eine Sprache aus Trauer«) mehr Wert / Wahrheit / Whatever sein könnte, als in einem Satz von Ingrid Steeger aus »Klimbim« (»Dann mach’ ich mir’n Schlitz ins Kleid und find’ es wunderbar!«).

Das gilt aber auch umgekehrt: Die Popkultur ist nicht heilig. Was er allerdings ganz explizit betreiben will, ist Kunst als Wissenschaft. Denn auch der Wissenschaftler, so Jochen, verschwindet ja in seinen Akten. So endet die Platte sehr mehrdeutig mit einem »nicht ganz bei Trost leg’ ich mich nieder zu den Akten.« Und wenn er darauf angesprochen wird, warum das entweder so verkopft oder so verbaucht ist, dann weist er mit einer leicht in sich einsickernden Freundlichkeit darauf hin, daß das ja wohl irgendwie auch zusammengehört, der Kopf und der Bauch. Bestimmte Prinzipien von »Rock’n’Roll« muß man, scheint’s, immer wieder neu erklären.