Aus Spex 08/2003
Text: Doris Achelwilm


Blumfeld - Der Platz an der Sonne

Das nennt man dann wohl einen Hattrick plus eins oder fast schon ein Abonnement: Nach »L`Etat et moi« vor fast zehn Jahren, als die »Superstarfighter« erstmals das Titelbild zierten, über die von vielen Menschen immer noch als eine der besten deutschsprachigen Popmusik-Alben aller Zeiten verhandelten, dritten Langspielplatte »Old Nobody« von 1999, eroberte die Hamburger Band Blumfeld sowohl mit dem Nachfolger »Testament der Angst« (2001) als auch mit ihrem nun fünften Studioalbum »Jenseits von Jedem« die Frontseite der SPEX. Immer jedoch aus unterschiedlichen Gründen, und immer von verschiedenen politischen, ästhetischen oder musikalischen Lagern innerhalb der Redaktion unterstützt und gefeiert, während andere mitunter kopfschüttelnd der Verehrung einer der »spexiesten« Bands überhaupt beiwohnten. Allen gemeinsam sind jedoch bis heute die »gemischten Gefühle« zwischen kritischem Interesse und der liebevollen Neugierde des Fans, die immer dann aufkommen, wenn ein neuer Baustein im »Werk« von Blumfeld zur Veröffentlichung steht.
Dementsprechend haben sich viele Autoren und Redakteure auf ihre Weise dem Phänomen Blumfeld genähert und so diesem speziellen Prozess eine lange Reihe von persönlichen Perspektiven hinzugefügt. Wie es diesmal war, was sich verändert hat oder was schon immer so war, wie sich die Befindlich- und Empfindlichkeiten des Trios um Jochen Distelmeyer an einem Sonntag im Juli 2003 so anhören, versucht der folgende Text zu beschreiben.

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Vier Tage müssen reichen. Vor vier Tagen kam »Jenseits von Jedem« als Tonträger bei mir an. Vorgestern fand das Interview mit Blumfeld statt, heute abend ist der Artikel fällig. Überfällig, um genau zu sein. Dass Album und Interview wirklich bei mir angekommen wären, kann ich noch nicht behaupten. Dabei verhält sich alles so einfach wie nie. Blumfeld haben eine neue Platte gemacht. Eine Band hat eine Platte gemacht. Was das bitte für eine Aussage ist? Eine radikal gedachte. Sie meinen es ernst. Schon auf der Coverfotografie stehen sie so da: Blumfeld 2003. Jochen Distelmeyer, Michael Mühlhaus, Andre Rattay: zwischen den hohen Häusern ihrer Stadt, die dem Bild nach auch eine andere sein könnte. Der Himmel verspricht weder Sonnenschein noch Regen. Er ist weiß und sagt: Alltag.

Der Alltag macht weiter /// die Probleme und Zwänge /// der Verkehr in den Straßen /// die Einsamkeit in der Menge /// die glücklichen Stunden /// Phantasien und Pläne /// Planten un Blomen /// Enten und Schwäne /// Alles macht weiter wie bisher /// die Zeit vergeht und steht doch still.
(»Alles macht weiter«)

»Old Nobody«, Blumfelds Wegweiser von 1999, ging anders, hat dieses Bild vielleicht vorformuliert. Die Band ließ sich als nachtblau gekleidete Eigentlichkeit vor schwarzem Hintergrund ablichten, als ein »wir«, das noch einer milde lächelnden Überinszenierung bedurfte. Es war von Neuerfindung, Systementgrenzung oder Kitsch die Rede.

2001 erschien »Testament der Angst«. Als fotografisches Statement zu ihrer Platte hatte die Band sich nun vermeintlich zurückgezogen: Das Artwork zeigte lediglich die dunkle Silhouette eines Mannes, den Blick durch ein Fenster nach draußen gerichtet. Die Szene lehnte sich an ein Bild des Spieltheoretikers John Nash, A Beautiful Mind, an. In der Rezeption war von Fundamentalkritik, (halb)politischen Behauptungen und eben gebündelter Angst die Rede. Einige fragten sich, wie schlecht es Blumfeld wohl gehen mag. Es ging ihnen gut.

Es geht ihnen gut, nach wie vor. Die Coverrückseite von »Jenseits von Jedem« sagt sogar: blendend. Abgebildet ist ein Picknick im Park, mit Schachbrett, Harmonie, Obst und Kuchen, leer getrunkenen Gläsern. Blumfeld & Friends. Jochen Distelmeyer schaut guter Dinge in die Kamera, während die Sonne strahlt und alles andere egal zu sein scheint (Frisuren eingeschlossen, wie Manager Oliver Frank während des Interviews anmerkt). Mit diesem Backcover vor Augen ist es zum musikalischen Auftakt des Albums nicht mehr weit. Das erste Stück heißt »Sonntag«. Und was auch immer man mit dem ambivalentesten aller Tage verbinden mag: Mit diesem Lied kommt er - ich sag einfach mal: »trotz allem« - so sorglos wie möglich daher, begleitet von Swing, janglenden Instrumenten, Big Band, Bewegung, Aufwind.

Ich geh durch die Wohnung mit gemischten Gefühlen /// Besteig meinen Thron /// und sitze zwischen den Stühlen /// Und der Tag scheint rüber zu mir /// wie ich so durch die Schöpfung spazier /// Alles will blühen - ohne was davon zu haben.
(»Sonntag«)

Wie »gemischte Gefühle« mit »Sonntag« und auch im weiteren Verlauf von »Jenseits von Jedem« sprachlich und musikalisch gelöst werden, muss man erstmal wegstecken: diese um sich selbst wissende Dichte, die es schwierig macht, an einer bestimmten Stelle den Hebel anzusetzen, um zum Kern dessen zu gelangen, was Blumfeld gerade wollen. Beim ersten Hören muss man sich einfinden, später wird klar: »Jenseits von Jedem« ist Einheit, Bindung, »unangestrengte Transgression« (Justus Köhncke über »Old Nobody« - in seiner Kritik zu »Testament...«). So sehr jedes Lied im einzelnen funktioniert, hat es seinen (regulativen oder bestärkenden) Kontext, der offen lässt, ob er sich praktisch »wie von selbst« ergibt, weil Blumfeld eben ihre Geschichte mitbringen und es vorziehen, Stimmungen und Sounds zu variieren, oder ob er sehr bewusst gesetzt wurde, mehr oder weniger verkopft ausformuliert. Auf das gelöst-enthusiastische »Sonntag« etwa folgt »Armer Irrer«, ein dissonantes, härter gespieltes Stück, das einen distanzierten Blick auf eine Person wirft, die »null und nichtig, wertlos in der Warenwelt« »vorm Supermarkt« verharrt: »wie Don Quixote und schenkt sich selbst reinen Wein ein«. Einfach stehen gelassen wird die Person auf »Jenseits von Jedem« nicht: An »Armer Irrer« schließt »Krankheit als Weg« an, man richtet den Blick gegen sich selbst:

Krankheit als Weg - ein kranker Geist in einem kranken Körper /// Was weh tut, lebt - oder: Der Tod klopft an die Tür /// Der Körper streikt und das Immunsystem sagt: Nicht mit mir! /// Ich lieg im Bett und schwitz mich wund /// Hey Leute, hier ist mein Befund: /// Krankheit als Weg.

Und zum »Armen Irren« ist es plötzlich nur ein Katzensprung. Was allerdings den Unterschied macht. Denn unten angekommen ist man nicht, zum Abschluss aller Beobachtungen, Moves, Abwege und Tiefen lautet die Diagnose gar: »Ich bin ok. Die Welt ist schön, ich lebe gern.«

Ist es wirklich so einfach? Kann das sein? Am Ende, ja. Was dieses Fazit gebrochen, aber gänzlich ironiefrei antizipiert hat, ist der auf »Jenseits von Jedem« beschrittene Weg, der lang gewesen ist (das Titelstück lässt sich als Repräsentant dessen geschlagene 14 Minuten Zeit) und auch vorangegangene Platten und deren Lieder miteinschließt: »Der Sturm« ist, wie Jochen Distelmeyer selbst im Interview sagen wird, ein Anschluss an »Der Wind« (von »Testament der Angst«). Die dem »Sonntag« vorbehaltenen Königsinsignien (»Besteig meinen Thron«, »So schwing ich mein Zepter«, die wohlwollende Sicht aufs eigene, aber mit Abstand betrachtete Reich) rekodieren den monarchistischen Zug von »L’Etat et moi«. Und was auch mal gesagt werden musste: »Alfred macht weiter« (ein Wink an Alfred Hilsberg, Betreiber des Blumfeld-Labels ZickZack/What’s so funny about).

Musikalisch gibt es laut Distelmeyer außerdem auch »so Stellen, die an Eike erinnern«. Eike Bohlken, der bis zu »L’Etat et moi« (1994) Bass gespielt hat, bevor Peter Thiessen zu Blumfeld kam. Peter Thiessen hat sich vor den Aufnahmen zum aktuellen Album nun ebenfalls verabschiedet. Aber das ist eine Geschichte, die sich anders auf Blumfeld ausgewirkt hat, als Bohlkens Ausstieg. Überhaupt ist es - speziell für Michael Mühlhaus, der als Arrangeur, Pianist/Keyboarder und inzwischen am Bass dem System Blumfeld seit »Old Nobody« »offene Himmelspforten schmiedet« (Justus Köhncke wieder) - die interessanteste aller Fragen, wie sich die Band durch ihre verschiedenen Mitglieder gewandelt hat. Die Referenzfalle, in die man bei »Jenseits von Jedem« tappen könnte, indem man z.B. Rolf Dieter Brinkmann (»Alles geht weiter«), Caspar David Friedrich oder Shakespeare (»Der Sturm«), Joni Mitchell (»Die Welt ist schön«) zitiert, lassen Blumfeld jedenfalls kaum noch zu. Jochen Distelmeyer: »Ach, wenn man da so zwei, drei Sachen sagt, wird man erstens nicht denen gerecht, die man unerwähnt lässt, zweitens drücken solche Erwähnungen nicht das aus, was man alles mit ihnen verbindet.« Andre Rattay fügt später hinzu, dass es inzwischen um »Musik, Kunst, Ausdruck, irgendwas« geht, bevor Distelmeyer dieses »irgendwas« aufklärt und gegen Ende des Interviews »Magie« daraus macht.

Hm. Und persönlich hat sich zwischen »Testament der Angst« und »Jenseits von Jedem« wirklich nichts Entscheidendes verändert? Distelmeyer: »Das klingt jetzt, als ob man eine andere Spezies wäre. Es ist einfach das, was passiert im Leben ...Vielleicht, um das in Beziehung zu stellen: >Testament der Angst< ist für mich eine extrem wichtige Platte gewesen. So wie jede Blumfeld-Platte für bestimmte Abschnitte steht, für Fragen, die man sich stellt. Und mit >Testament der Angst< war für mich klar, dass der Weg geebnet wurde für die neue Platte, so wie sie jetzt ist.«

Bevor auch ich so weit war, und mir klarer wurde, dass Blumfeld »einfach« die Big Band sind, die sie mit »Sonntag« zum Besten geben, ziehen allerdings einige Fragen und Antworten ins Land. Dass wir uns dafür an einem Sonntag treffen - es sollte so sein. Verabredeter Ort ist die Lobby des Hamburger Hotels Reichshof. Als erstes schneit Oliver Frank herein, unterm Arm die FAZ am Sonntag, sich wundernd, dass ich so jung aussehe. Tja, nichts ist, wie es scheint. Im Zehn-Minuten-Takt kommen die anderen nach, zuerst Schlagzeuger Andre Rattay, zum Schluss Jochen Distelmeyer, Michael Mühlhaus kündigt sich dazwischen mit ein paar Tönen auf dem Barpiano an. Wunderbar. Wie macht man so eine Platte?

JD: Die Band ist in den Proberaum gegangen. Wir haben die Stücke geprobt, sind dann zu Chris von Rautenkranz ins Soundgarden Studio gegangen, und haben sie aufgenommen. Das alles hat sich sehr, ja, vertraut und unspektakulär angefühlt. Wir sind da rein, mit einem sehr großen Vertrauen in die Songs und in die Leute, mit denen wir das gemacht haben. Auf eine Art wie bei jeder Platte. Nur, dass ich nun denke, dass sich bestimmte Titulierungen, die so bei den letzten Platten herumgeisterten und oft mit verzweifelten, polemischen Erklärungsversuchen einhergegangen sind, hoffentlich erledigt haben. Ich glaube, das sieht man auch auf dem Cover: Das sind wir halt. Und das ist unser Angebot. So, wie wir bei jeder Platte das tun, was wir können. Alles tun, was wir können.

WAS SICH KONKRET GEÄNDERT HAT, IST JA, DASS DER PETER THIESSEN NICHT MEHR DABEI IST. WIE IST ES OHNE IHN?

JD: Obwohl ich das natürlich auch schade finde, ist es zumindest für Andre und mich kein neues Gefühl, zu erleben, wenn sich der Bassist der Band mehr anderen Sachen widmen will. Bei Eike war das damals ja auch so. Und wir haben eigentlich sofort (nach Peters Ausstieg, Anm. d.A.) entschieden, okay, dann gehen wir das zu dritt an. Michael spielt Bass und wir vertrauen ohnehin auf die besondere Kraft von so einer Trioformation. Ich glaube, das hört man der Platte auch an, dass das bei allen Stücken von vornherein entschiedener ist und klingt. Weil du auf das vertraust, was du mit Schlagzeug, Bass, Gitarre und Gesang machen kannst. Damit dringt man sehr schnell zum Kern des eigenen Spiels vor. Und im Studio, wo Michael ja dann die Keyboards, Klaviere, Streicher usw. gemacht hat, kann man das Ganze dann auf der Grundlage dieser gefestigten, sehr dichten Sache aufblühen oder so weiterlaufen lassen.

UND IST ES NICHT TROTZDEM AUCH EIN VERLUST? ICH MEINE, SELBST WENN SICH DIE LÜCKE SCHLIESST ODER EBEN DURCH DIESE TRIOSACHE GELÖST, DER KLANG ALSO KOMPAKTER WIRD, IST ES DOCH SO, DASS JEMAND FEHLT, DER EINE LANGE ZEIT DABEI WAR. DA SPIELT JA AUCH DAS PERSÖNLICHE MIT REIN...

JD: Es war die letzte Tour zu »Testament der Angst«, im Herbst 2001, als Peter gesagt hat, dass er diese Doppelbelastung mit Kante und Blumfeld so nicht mehr handlen kann. Auf eine Art war das vorher auch schon abzusehen, dass bei einer stärkeren Reaktion auf den Kram, den er so macht, die Versuchung oder der Sog, das weiter zu verfolgen, natürlich sehr stark wird. Und er war damals in einer Situation, wo das alles allein terminlich sehr zerreißprobenmäßig für ihn war. Das hat man ihm auch angemerkt, wie anstrengend das für ihn gewesen ist. Bevor wir im Herbst auf Tour gegangen sind, hat er schließlich gesagt, dass er sein Engagement bei der Band schweren Herzens beenden möchte. Wir trafen dann die Vereinbarung, okay, wir spielen im Herbst nochmal zusammen, behalten das erstmal für uns, und sehen diese Tour auch als eine Form von Abschiednehmen. Im März 2002 haben wir dann in der Roten Flora quasi das Abschiedskonzert zusammen gespielt. Und ab da war das Ganze eigentlich spruchreif.

AR: Es fühlt sich jetzt im Nachhinein auch richtig an. Ich weiß gar nicht, ob man das alles so hätte zusammen machen können. In dem Moment, wo es passiert, dass man Abschied nimmt, ist das noch was anderes. Aber jetzt im Nachhinein betrachtet: Genau richtig alles. Wahrscheinlich auch für ihn, in seiner Arbeit.

JD: Das ist mir schon bei den Proben zu dem Album so gegangen und jetzt auch bei den ersten gemeinsamen Konzerten mit Vredeber Albrecht (von Commercial Breakup, Anm.d.A.), der noch nicht ganz Blumfeld-Mitglied ist, aber so angeschlossen Keyboards spielt: Es fühlt sich angenehm an, es ist alles sehr geklärt... weißt du? Eben so, wie die Platte auch ist. Ich bin sehr glücklich damit, wie sich das entwickelt hat.

ICH BIN INZWISCHEN AUCH GANZ GLÜCKLICH MIT DER PLATTE, NACHDEM ICH MICH ZUNÄCHST SEHR ORIENTIEREN MUSSTE. »JENSEITS VON JEDEM« KLINGT IM BESTEN SINNE REIF, »ERWACHSEN«. MAN MERKT DER PLATTE AN, DASS SIE SICH AN GAR NICHTS ANBIEDERN MUSS, KEINE MUSIKALISCHEN TRENDS, KEINE ERWARTUNGEN.

MM: Für mich ist es auch das erste Mal, dass eine neue Platte so abgeschlossen ist. Ich nehme die einfach und lege sie auf. Ich höre die gar nicht mehr wie eine Platte, die wir gemacht haben. Eher wie irgendeine Platte, die mir gefällt. Ich höre nicht in die Details rein, sondern höre die einfach als das, was da rauskommt, insgesamt. Das finde ich schon sehr erstaunlich.

WAS DENKT IHR, WIE DIE REAKTIONEN AUF DAS ALBUM AUSFALLEN WERDEN? KÖNNT IHR DAS INZWISCHEN VORHERSEHEN?

AR: Ich lasse mich da gerne immer wieder überraschen. Das will ich gar nicht einschätzen. Ich bin jetzt auch noch ganz dicht bei der Platte, so wie Michael das eben beschrieben hat, alles andere ist mir egal. Auch wenn die ganze Welt das jetzt scheiße finden würde: Ich bin absolut zufrieden damit, und hoffe halt, das geht anderen Leuten auch so. Dass sie die Platte toll finden.

JOCHEN, DU SCHEINST ALS TEXTER/KOMPONIST INZWISCHEN IN EINEM SINNE ZU ARBEITEN, DEN ARAM LINTZEL IN DER JUNGLE WORLD EINST ALS »WELTVEREINFACHUNG« UMSCHRIEBEN HAT. OFFENBAR GEHT ES DIR DARUM, ETWAS AUF DEN PUNKT ZU BRINGEN, VERSTÄNDLICH ZU HALTEN...

JD: Ich finde ja, viele setzen sich dem, worüber sie sich Gedanken machen, nicht wirklich aus, sondern gehen hinter so einem Schleier von Genialität in Deckung. Da wird dann irgendwie so gearbeitet: Das ist bedeutungsschwanger formuliert, also dürft ihr jetzt denken, es hätte auch tatsächlich etwas zu bedeuten. Oder es wäre irgendwie komplex. Oder es ginge um was. Diesen Gestus, den man überall, bei Bands, Filmemachern, Literaturleuten und so sehen kann: Das ist für einen persönlich, also wenn man so verfährt, sehr unerquicklich. Dann spielt man nämlich die ganze Zeit Versteck. Vor sich selbst. Und unterm Strich kommt dabei relativ wenig für einen rum. Ich mache meine Musik ja nicht, damit irgendwelche Leute denken: Ach, wie genial ist das denn? Man will ja vielleicht was rauskriegen, oder wie du auch sagst, auf den Punkt bringen, damit man es selber versteht. Und formal interessiert mich das halt seit ein paar Platten und Sachen, die wir so gemacht haben - sicherlich auch als Kritik an besagten Schreibweisen oder Styles von anderen - etwas EINFACH zu sagen. Das heißt ja nicht, zu leugnen, dass die Dinge kompliziert sind, oder komplex. Es heißt, sich zu entscheiden.

OBWOHL DIESE UNIVERSALEN AUSSAGEN - DIE WELT IST SCHÖN, WIR SIND FREI, ALLES MACHT WEITER - DAS IST JA NICHT KONKRET. SOWAS KANN JA NUN AUCH ALS SICH-VERSTECKEN GEDEUTET WERDEN, KANN AUCH WIE EINE FLUCHT WIRKEN, GENAUSO WIE DIESE GENIALITÄT.

JD: Das verstehe ich nicht. Ich meine, auf so einem Album sind ja mehrere Stücke drauf, die auch untereinander in Beziehung treten. Wenn man z.B. »Armer Irrer« gehört hat, da ist das ja exemplarisch vorgemacht. Vorher hört man »Sonntag«, denkt sich was dabei, und das nächste Stück lässt das Stück davor wieder ganz anders aussehen. Und trotzdem kann das, was mit dem ersten Stück gemacht wurde, immer noch richtig und wahr sein. Und ich finde es sehr konkret, wie bei »Die Welt ist schön« erzählt wird, wie man zu dieser Aussage »Die Welt ist schön, ich lebe gern« gelangt. Ob man das a priori immer schon sagt, also das große Ganze als klasse ansieht, ist wieder was anderes. Ich empfinde den Satz, so wie er gesagt, gesungen wird, als konkret.

AR: Ich finde auch, dass der Satz nicht nur am Ende dieser Platte steht, sondern auch am Ende der Platten davor. Das setzt sich ja auch alles in Beziehung zueinander. Davor ist eben die »L’Etat et moi«, »Ich-Machine«, »Old Nobody«, »Testament der Angst«: Das ist der ganze Werdegang zu dieser Aussage. Und wenn du »Die Welt ist schön« so hörst, ist es eben sehr kompliziert, da hinzugelangen. Der ganze Weg ist dabei nachzuvollziehen.

ABER WENN MAN BEI »JENSEITS VON JEDEM« EINSTEIGT, ALS NEUER HÖRER, ODER ABER MAN HALT ALS BLUMFELD-IDEAL NOCH »ICH-MASCHINE« VOR AUGEN HAT, WO ES DANN WEGEN MIR ANALYTISCHER ODER POLITISCHER, DIREKTER ZUGING, DANN IST DAS EBEN NICHT SO KLAR.

JD: Das sehe ich anders. Sicherlich kann man, wenn man so einen Werkblick auf unsere Platten wirft, das Ganze als eine große Erzählung sehen. Andererseits habe ich bei jeder Platte immer das Gefühl gehabt: Das ist die erste, die wir machen. Oder: Das könnte die letzte sein, die wir machen. Das ist für mich bei jeder Platte so gewesen. Immer schon. Und selbst bei einer Platte wie »Old Nobody«, wo man schon so ansatzweise von einem Werkhintergrund sprechen konnte, haben wir immer erlebt, wie Leute, die die Band vorher nicht kannten, und auch nicht SPEX lesen, und auch nicht irgendwas lesen, sondern das Stück auf einem Videosender gucken oder im Radio hören, einen Zugang zu der Band kriegen, auf Konzerten auflaufen. Das funktioniert für die ohne Vorgeschichte. Es ist wieder beides gleichzeitig, das ist in Bewegung. (...)

Und was das Politische angeht, das Konkrete, Appellhafte, was du meintest, da denke ich, gibt es kein pointierteres Stück als »Diktatur der Angepassten«, vielleicht. Und genau dieses Konkrete ist uns ja auch vorgeworfen worden. Bei »L’Etat et Moi« ging es hingegen um eine ganz andere Schreibweise, um Technik, formal gesehen. Die ist als Platte nochmal anders gebaut. Und ich habe häufig den Eindruck, dass Leute, die sich als Blumfeld-Frühphasen-Fans selber darstellen, und dann sagen, das kann man doch aber wie bei »Diktatur der Angepassten« nicht machen, es lieber diffuser haben wollten. Marke: Da kann man sich seinen Teil noch bei denken. Und ich kenne auch die Haltung, von wegen, wenn ich »L’Etat et moi«-Blumfeld-Fan bin, bin ich bereits linksradikal, dann brauche ich gar nicht mehr auf die Straße zu gehen. Sowas kenne ich auch aus politischen Arbeiten Ende der 80er/Anfang der 90er, dass Leute meinten: Ich höre Public Enemy, und deswegen bin ich kein Rassist, ich habe meinen politischen Anteil schon erfüllt. Ich finde es also schwierig, zu sagen, dass diese Blumfeld-Platte politischer ist als jene.

JA. DIE REAKTIONEN SEHEN DAS HALT MANCHMAL ANDERS...

JD: Natürlich ist es toll, zu erleben, wenn unsere Musik einigen scheinbar viel bedeutet, wenn sie das so interessant finden, dass sie sich da sehr intensiv und rege mit auseinandersetzen. Und da können die Einschätzungen richtig oder falsch sein. Klar, ist ja immer so. Interessant oder problematisch wird es dann, wenn jemand den Eindruck hat, um so eine Blumfeld-Platte auf sich wirken lassen zu können oder dürfen, muss man sich durch diesen ganzen, oh Gott... Und auf einmal verstellt dir das meiner Meinung nach den Weg dazu. Du musst dich erstmal durch richtige und falsche Bemerkungen arbeiten und weißt gar nicht mehr: Wo bin ich da jetzt eigentlich? Und wo ist da jetzt diese Platte, und die Band? Klar, machen diese Auseinandersetzungen es vielleicht auch spannend. Aber es macht das Ganze auch anstrengend.

WELCHER HALBSATZ IST ES EIGENTLICH, DER IN »JUGEND VON HEUTE« GEPIEPT WURDE, ALSO DER ZENSUR ZUM OPFER GEFALLEN IST?

AR: Der Halbsatz ist so gefährlich, dass er nicht veröffentlicht werden durfte.

Das glaube ich gern.
Danke.

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»Jenseits von Jedem« von Blumfeld erscheint am 01. September 2003 bei ZickZack/WEA, die Single »Wir sind frei« bereits am 04. August. Mehr unter: www.blumfeld.net
Seit Ende Juni bis Ende November sind Blumfeld in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Tour. Mehr unter: www.powerline-agency.com