Aus SPEX #1, 1992
von Diedrich Diederichsen

Die Ich-Maschine
(What's So Funny About/EfA)

"Macht doch mal jemand den Kulturkack aus, ach geht ja nicht, bin selber drin."

Die Tatsache, daß es verdammt schwer ist zu leben, kann man unter seine anderen Interessen einsortieren, man kann es vergessen und sich stattdessen für Fußball und Clubsoul interessieren, man kann es intellektualisieren und lieber über Bedingungen reden als über das von ihnen Bedingte. Und man hat ja Erfahrungen gemacht, die das begründen: Nichts ist so scheußlich, wie das Gefühl als Argument. Oder noch schlimmer: das Maß an eigener sprachlicher Inkompetenz gegenüber einem Gefühl als Maß für die Richtigkeit des Gefühls als Argument - wer würde diese Aporie nicht besser kennen als der Rockkritiker, von seinen eigenen und der Kollegen Blödheiten, wie von denen, die er zu beurteilen hat. Jochen Distelmeyer, Gitarrist und vor allem Sänger und Texter von Blumfeld, möchte weder die Dimension des Arguments, noch die der nicht bewältigten Gefühle aufgeben: Er macht daraus Fragen, wie "Sind zwei zuviel, um frei zu sein, oder brauch ich dich, um ich zu sein?". Das ist haarscharf an der Grenze, von dem, was man so notiert, wenn man z.B. "Liebeskummer" hat und ihn am nächsten Tag vergißt, und einer philosophischen Frage, die halt jeder Liebeskummer hervorbringt. Dafür muß man ihn ernstnehmen, an ihm arbeiten, ihn in die Länge ziehen. Die auf dem Opener "Ghettowelt" (als einziger Song der gleichnamigen Blumfeld-Single hier dabei) formulierte Attacke gegen die Ablenkung durch Pop (vgl. auch den Feind "Spaßtyrann" auf der Single-B-Seite), die sich in dem ersten Satz des ersten Songs von Seite 2 fortsetzt ("Dieser Zustand ist nicht tanzbar!"), bildet dabei nur die Voraussetzung. Protestantisch-norddeutsch wird gegen Siw Malmquist behauptet, daß Liebeskummer eben doch lohnt. Das ist sozusagen der privilegierteste Erkenntnismodus, wobei Resultat der Erkenntnis ein neuer rerhythmisierter, deutschsprachiger Pop-Song sei, Texte, die man vor allem noch nie so narzißtisch artikuliert gehört hat. Im Gegensatz zu seinem ehemaligen Mitstreiter Begemann verbindet Distelmeyer keine Analogien mit seinem deutschsprachigen Song: Es ist nicht die deutsche Version von, die deutsche Antwort auf ..., nein eben keine Antwort.

Was Rockkritiker traditionell am meisten hassen, sind Leute, die Popmusik ernstnehmen und daher ihre Geschwindigkeit oder ihr Abwechslungsbedürfnis nicht mitvollziehen können: Der relativ monoton gemixte, mal schnellere, mal langsamere, mal verhaltenere, mal aggressivere Gitarrenschrumm ist eigentlich klassisch-folkige Gesangsbegleitung, wurde aber hier in der Redaktion gleich mit anderen Erzfeinden wie Cure oder Echo & The Bunnymen in Verbindung gebracht, die für solch pubertäre Schreib- und Spielpositionen in der Vergangenheit standen und eben genau solch eine Klientel befriedigten, die eins zu eins an die Stimmungen glaubte. Distelmeyer und seine Band, die dann übrigens wirklich für Akzente und die Unterschiede zwischen den Songs sorgt, wollen nicht hinter die von Kritik erreichte Distanz zurück, aber sie fragen sich halt nochmal, was jemand wie sie selber heute rühren oder ernstnehmen könnte. Dafür treiben sie diese pubertäre Position auf eine höhere Ebene, passen sie einer Situation an, wo tausende in Großstädten leben, die sich ihr Leben organisieren als müßten sie nie arbeiten, als würden sie noch vor dem erwachsenen Leben stehen, die aber im Gegensatz zum Pubertären über viel mehr analytische und begriffliche Erfahrungen verfügen, um dem Grübeleien auf höchstem Niveau gegenüberzustellen. Sein Problem bleibt, wenn er zwi- schen sein so konkretes und so schmerzhaft deutlich nach vorne gemischtes Aussprechen von aus dem konkreten Hamburger Leben gewonnenen Dingen und Metaphern aus solchen Dingen Abstrakta mischt: wenn er gegen die "Dummheit" kämpft, wenn er in DDR-Poesie verfällt: "mein Selbstbetrugsdezernat" oder "Zyankali-Laune". Das Lied dagegen, das hier auch seine ärgsten Fans schreiend und würgend aus der Tür treibt, gefällt mir immer besser, die Antwort auf Salt'n'Pepa oder Rocko Schamoni ("Spaßtyrannen?"): "Laß uns nicht von Sex reden" spricht alles aus, was Jungs schon lange nicht mehr trauen, sich zu sagen, noch mehr nach vorne gemischt vorgetragen, von so einem komischen Schnauben unterlegt, quälend langsam, mit echter, schöner, zäher New-Wave-Percussion: self-indulgent, verquält, extrem unlocker geht es nochmal darum, daß man (Mann) keine Macht, keine Verantwortung haben will, aber doch all den bösen Spaß. Ach ja und Liebe(in einem Song kann "sie wahr werden", was immer das heißen mag, bei diesem: "Ich liebe Dich, am liebsten nackt"). Dieser Song hätte es nicht vertragen, noch allzu lange nicht geschrieben worden zu sein. Für weitere Qualitäten verweise ich auf meine Singles-Review von "Ghettowelt" und auf den ganz seltenen, um so netter kurz aufblitzenden Humor: das Matthias Reim-Zitat ("daß dir das total nicht paßt"), der Patti-Smith-Text auf dem Sex-Küchentisch: "Female-feel male/sie schreibt heftig, schwach, schwelgerisch", und aus demselben Song, nach einer Verantwortungs-/Vertrauensbruch-Erörterung: "Wie möchtestdu dein Ei/auf oder unter dem Tisch?"

Diedrich Diederichsen