Aus SPEX #10, 1991
von Diedrich Diederichsen
Single des Monats
Blumfeld - Ghettowelt / Apropos Tyrannenmord / Sing Sing
(What's So Funny About/Mailorder)
Jochen Distelmeyer (Texte, Gesang, Gitarre) war bisher als politischer
Aktivist (Anti-Wiedervereinigungs-Bewegung) und als einer der Denker aus
der Bad Salzuflener Deutsche-Texte-um-jeden-Preis-Bewegung (Begemann,
Der Fremde etc.) bekannt. Sein Zusammentreffen mit Andre Rattay und Eike
Bohlen von der Freien Garage, die sich nach deren Ende mehr in Richtung
Postcore u.a. orientieren wollten, erinnert an das Entstehen von
fIREHOSE (von denen Blumfeld auch musikalisch noch nicht so weit weg
sind, auch wenn ihnen eine Type wie Mike Watt fehlt), nur daß hier
Jochen fROMOHIO die dominierende Figur ist. Einen Texter von seinem Rang
sucht man in Deutschland lange. Im unbegleitet gesprochenen "Sing Sing"
findet man all die Binnenreime, überhängenden und verschoben
nachgetragenen Reime und metrischen Reize, die man bei Chuck D. oder
Rakim schätzt. "Apropos Tyrannenmord" enthält den für diesen
geschichtlichen Moment der Popkultur entscheidenden Satz "Spaß ist kein
Spaß" und baut darauf einen Aufruf zum Widerstand gegen den Spaßtyrann
durch die Spielverderber auf (ein gutes Wort für alles, was von den
einst so vollmundig als "Strategie" bezeichneten Plänen übrig bleibt).
"Ghettowelt" zweifelt das Prinzip des Popsongs an sich an, durch
Emotionalisierung zu überzeugen, zu überreden, mithin das, woran der
stets erschüttert wirkende, ernsthaft-melancholische Distelmeyer nicht
unbeteiligt ist: "Ein Lied mehr, das dich festhält/und nicht mehr dahin
läßt, wo du hinwillst." Seit langem aber die erste 7", die nicht "eine
Single mehr" war, in dieser professionell festgehaltenen, festhaltenden
Redaktion, die von Hand zu Hand ging und die sich alle möglichen Leute
immer wieder anhörten, vorspielen ließen und dazu brachte, immer näher
an die japanischen Boxen zu rücken, um die Texte zu verstehen. Ziemlich
archaische Verhältnisse.