Von rolux.org


Tradition beweisloser Suche nach Klarheit im politischen Lied
L'état et moi. Ein Interview mit Jochen Distelmeyer

Gibt es irgendein Thema, über das du gern reden würdest? Nach der Platte wurdest du ja nun schon sehr oft gefragt...

Äh... nicht, daß das jetzt doof klingt, aber... ich red eigentlich gern über die Platte. Seit der Interview-Tour, die ich gemacht habe, ist schon wieder einiges passiert, wovon ich denke, daß es mit der Platte zu tun hat, und daß möglicherweise die Zusammenhänge, in denen sie gehört werden kann, sich geändert haben. Nicht in dem Sinne, daß man etwas berichtigen müßte, aber daß man andere Schwerpunkte setzen kann.

Habt ihr den kommerziellen Erfolg, der sich jetzt einstellt, unter Kontrolle, oder entgleitet euch das? Die Rezeption treibt ja bisweilen seltsame Blüten...

Ich glaube nicht, daß man so eine extreme Kontrolle haben kann, was die Rezeption anbelangt. Was man da tun kann, haben wir versucht zu tun, indem wir von vornherein darauf geachtet haben, mit wem man überhaupt darüber spricht. Was ich schon festgestellt habe, war, daß viele Sachen nicht gehört worden sind. Und ich glaube, die Tatsache, daß Blumfeld als Phänomen für viele Leute schon mehr als genug Stoff zum Schreiben bietet, hat ein bißchen den Blick darauf verstellt, was auf dieser Platte eigentlich geschieht.

Was siehst du denn da genau vernachlässigt?

Das Wesentliche eigentlich. Ich habe das in Interviews öfters gesagt, daß der Gedanke, daß die Texte so wichtig wären und die Musik nur als Transportmittel dienen würde, verhindert, daß man die Platte hören kann. Darauf will ich aber nicht mehr allzuoft insistieren, denn es hat sich herausgestellt, daß alle Welt das als Floskel übernimmt, ohne die Erfahrung beim Hören selber zu machen. Daß da etwas nicht gehört wird, kann natürlich auch ein Schwachpunkt der Platte sein. Da wird keine Geschichte erzählt, sondern eher eine Versuchsanordnung aufgebaut oder eine Bewegung beschrieben: Wie jemand versucht, sich selbst als etwas Schönes herzustellen, und daran letztlich scheitert, weil er alle Leute um sich herum zu Dingen oder zu Gedanken werden läßt. Das ist fast schon so wie in den Filmen von Vincent Price, das Scheitern dieses Versuchs: Scheiße, ich krieg's schon wieder nicht hin, scheiße, ich will doch auch, daß das irgendwie funktioniert, daß da etwas Schönes entsteht. Äh... möglicherweise stottere ich jetzt deshalb so rum, weil ich mich nach einer Rezeption sehne, die das erkennt. Ich kann das jetzt natürlich erklären, aber dieser Erklären habe ich ja schon in die Platte reinzutun versucht.

Vor allem handelt sie ja vom Verschwinden, in Texten und Zitaten. Klappt das?

Ich weiß, daß das klappt. Ich weiß nicht, ob ich das am eigenen Leib erfahren habe oder muß, aber wenn man sich das System Star, Superstar, Weltstar anschaut...

Gut, bei Marlene Dietrich hat das wahrscheinlich funktioniert, oder bei Madonna...

Es klappt also. Ich weiß auch, daß, wenn man dieses und jenes tut, um dahin zu gelangen, dann würde das auch hinhauen, und daß Blumfeld dazu rein technisch in der Lage wären. Nur merke immer mehr, was das Problem dabei ist, wenn man diesen Ort des Stars anstrebt, was das bedeutet für die soziale Praxis, die man entwickelt, und für das eigene Verhalten sich selbst gegenüber. Dazu bin ich dann doch nicht in der Lage - im Hinblick auf meine Vorstellungen von Gerechtigkeit oder Freundschaft oder Liebe - weil es bedeuten würde, so viele Sachen aufzugeben und zu zerstören, Menschen vor allem und Verbindungen zu Menschen, die außerhalb dieses Verwertungszusammenhangs stehen. Das wäre etwas, was die Kunst schlecht werden lassen würde für mich.

Das heißt, das mit dem Verschwinden ist jetzt erstmal gegessen?

Nein, es ging auf der Platte ja um unterschiedliche Arten von Verschwinden. Grundsätzlich vor allem darum, daß das Ich zugunsten einer Möglichkeit von einem Du aufgegeben wird, daß das Ich aufhört, Selbstverwirklichung herzustellen über Selbstgespräch, sondern in der Lage ist, sich jemand anderem hinzugeben. Und was die Techniken des Verschwindens betrifft, da gibt es eben zwei Möglichkeiten: Einmal, hinter den Spot, den Song, die Musik zurückzutreten, was aber bloß zu einer Betonung des Ausgelassenen führt. Als andere Möglichkeit sah ich, eine so starke Anwesenheit von Identität herzustellen, daß die Person, die von Identität sprechen könnte, an Kontur verliert. So wie das Cover mit den vielen Elvis-Anzügen dann aussieht. Wobei man damit in den Bereich einer seriellen Produktion eintritt, was ich auch für problematisch halte. Das korrespondiert wieder mit dem, woran Menschen leiden, wenn sie festzustellen meinen, sie wären total leer. Kurt Cobain möglicherweise, der dann sagt: Ich bin ein total hohler Typ irgendwie. Und diese Leere wird dadurch zum Schmerz, daß sie als Mangel empfunden wird: Da muß doch was sein, wo ist denn das, was ich wirklich bin? Wenn Nirvana, mein Erfolg, die Klatschpresse wegfällt, was bin ich denn dann? - Wenn man aber sagen würde: Ich bin erstmal "nichts mit was drumrum" - interessant würde es dann ja, wenn zwei sich treffen und gemeinsam etwas machen. Das sind jetzt aber alles eher banale Sachen...

Wobei der Gedanke ja fast die ganze Platte durchzieht...

... aber im weiteren Verlauf des Arbeitens kamen andere Punkte dazu. Und jetzt kann man sogar sehen, daß in einem anderen Kontext auf einmal ganz andere Aspekte betont werden...

Die wären?

Beispielsweise: Das gros der Rezeption hat die Platte dargestellt als den Versuch, den Tobias Levin mal genannt hat: Arbeit am Politischen Lied. Was aber nicht nur etwas Geglücktes darstellt an dieser Platte, sondern auch ein Problem. Weil die Kunst, die da entsteht, die Nähe zum Politischen sucht und sie möglicherweise als eine Form der Legitimation braucht. In einem Interview sagte jemand: Das ist ja gerade nicht l'art pour l'art, gerade durch dieses Angeschlossensein an politische Zusammenhänge... bis ich dann meinte: Scheiße, ich hab aber gar nichts gegen l'art pour l'art. Meine Auffassung von Kunst ist eben, daß sie über sich selbst hinausgeht, und damit in Bereiche vordringen kann, wo das Politische nicht hinkommt. Wenn man zum Beispiel eine politische Arbeitsgruppe nimmt, deren Politikbegriff allein an Effizienz, Disziplin, Konsequenz und Zielgerichtetheit orientiert ist, dann ist die zwar in der Lage, eine gesellschaftliche Utopie zu entwickeln - aber ich glaube, daß dieser Vorstellung von Politik, die eine solche Gruppe dann zusammenhält, etwas entgeht. Die kann zum Beispiel nicht trösten, die erfaßt den Bereich eines Individuums nicht, daß eben nicht nur an ganz existentiellen Sachen leidet. Darum kann sich das Politische nicht kümmern, weil es davon nichts weiß. Meine Vorstellung von Kunst, die ich da hätte, oder auch von Politik, wie ich sie mir denke, wäre, das sie dazu in der Lage sein müßte. Sonst nützt es nichts. Obwohl natürlich Verteilungskämpfe und was weiß ich unheimlich wichtig sind und sicherlich das Sein das Bewußtsein bestimmt, aber umgekehrt natürlich auch... Ich weiß nicht, daß ist jetzt vielleicht alles ein bißchen rumgesponnen von mir...

Nein, ich geb mir schon Mühe, dem zu folgen...

Tut mir wirklich leid, ich komm mir selber auch wirr vor, aber das ist es eben: Das Maximum an Klarheit hab ich halt auf der Platte. Also, möglicherweise.

Wäre ein Vorwurf, den man der zweiten Platte machen könnte, daß auf der Ich-Maschine Widersprüche noch auf einem gesellschaftlichen Feld ausgetragen wurden, während L'état et moi eher in einem Innenraum spielt?

Das ist ja auch genau der Titel: Das ist ein Kunststaat. Als die Platte rauskam, hab ich versucht, erstmal zu erklären: L'état heißt Zustand, heißt Staat, und natürlich auch Etat, also Geld: Die vorherigen Cover waren halt alle schwarz-weiß, jetzt sieht das ein bißchen teurer aus. Und von 1995 aus kann man sagen, daß die Platte zu einem eigenen Staat geworden ist - und vorne drauf sind die ganzen Angehörigen dieses Staates.

Bloß, wie du sagst, eher ein Kunststaat als irgendeine andere Form des Staates...

Ja sicher, es ist ein Kunststaat. Und was ich bemerkenswert fand, es sind da jetzt zwei neue Bände von Theweleit rausgekommen, in denen es genau darum geht...

Daran dachte ich auch gleich, als du Kunststaat sagtest, daß du wohl gerade in dem Theweleit steckst...

Naja, bislang war das noch ein bißchen zu teuer, das kostet ja doch 'ne Stange Geld... Ich weiß bisher zu wenig darüber, aber was ich in den Rezensionen gesehen habe, fand ich wirklich irre. Daß der genau daran arbeitet: Elvis, Warhol, serielle Produktion - und was das dann wiederum für das Politische bedeutet.

Nur bedeutet Kunststaat eben auch, einen gesellschaftlichen Konflikt in einen ästhetischen zu verwandeln.

Und doch gibt es diese Stelle in "Superstarfighter", wo das Soziale unaufgefordert hereinbricht, also: Mach mal halblang, Junge, geh mal nicht hinter all den Kram zurück, den du mal behauptet hast, denn von genau dem Kram handeln wir. Und daß das da hereinbricht, obwohl es vorher vernichtet oder eingesogen worden ist, das ist der Moment, in dem ein Du, mehrere sogar, die im eigenen Recht stehen und sich auch so begreifen, sagen: Hier sind wir!

Das fand ich live ziemlich schade, daß du dieses "Und davon handeln wir" selber singen mußtest, daß da dieser Chor nicht war...

Wenn das passieren würde, das wäre natürlich der Oberhammer. Kaum eine Stelle bietet sich mehr zum Mitgröhlen an als die. Das würde ich schon gerne mal erleben. Nicht weil ich das Gröhlen so geil finde, sondern weil das dann auf einmal ein sehr spezielles Gröhlen wäre und etwas ganz Spezielles bedeuten würde. In Frankfurt ist uns etwas Ähnliches passiert: Da haben die Leute wie wild stagediving gemacht, und auf einmal merke ich, während ich die Lieder dazu singe, daß es die ganze Zeit um dieses stagediving geht. Wo die mit dem Rücken zu mir stehen, am Bühnenrand, und ich singe dazu bei "Sing Sing": "Paß auf dein Rückgrat auf, sagt der / ich stehe hinter dir / das ist dein Pech / der meint: gib's mir" - das sind so Momente, wo ich denke: Hey, das ist ja fast so, als würden wir das gerade schreiben! Und so kann man die Stücke eben auch immer wieder spielen, indem man versucht, sie in der konkreten Situation neu entstehen zu lassen. Und dadurch bedeuten sie dann auch was ganz anderes.

Trotzdem erliegt ihr ja einer Festschreibung auf ein bestimmtes Image...

Die Festschreibung hat es schon immer gegeben bei uns. Und es geht ja nicht darum, sich dem total zu entziehen, sondern eine Art des Umgangs damit zu entwickeln, die diese Zuschreibung auch ernst nimmt. Viele Sachen sind ja nicht ganz aus der Luft gegriffen, wenn beispielsweise Leute bei "Laß uns nicht von Sex reden" knutschen, was mich früher ein bißchen irritiert hat... Aber das hat schon Gründe, warum Leute das machen. Es geht ja nicht um die totale Widerlegung von allem, was von außen an einen herankommt.

Die Stelle auf L'état et moi dazu ist ja: "Vergiß die Lieder die ich spiel / die hatten nie etwas zu tun mit dir", wobei auch und gerade das ja betrifft und neugierig macht. Also wieder: Das ist Blumfeld, das ist der Sänger, das ist seine Geschichte, die ist zu verfolgen: alles wichtig, wichtig, wichtig, alles signifikant... da finge für mich der Terror an.

Nö, ich finde auch, daß das alles wichtig ist.

Ist nur die Frage, ob das deine eigene Geschichte bleibt, ob du das in der Hand behältst. Mittlerweile ist es ja so, daß Blumfeld als Zentralsignifikant der deutschen Musikszene gesehen wird und selbst Mutter oder die Goldenen Zitronen über Blumfeld definiert werden.

Damit tut man Mutter und den Goldenen Zitronen unrecht. Man täte uns aber kein Unrecht, würde man uns über die Goldenen Zitronen, Mutter, Flowerpornoes, die Regierung usw. definieren. Klar: die Beziehungen zu Leuten, die sich durch solche Statements in einem Konkurrenzverhältnis sähen, würden natürlich komplizierter. Aber generell sind Beziehungen kompliziert...

Ihr werdet dieses Jahr Pavement auf ihrer US-Tour begleiten. Hast du eine Idee, was Pavement und Blumfeld miteinander zu tun haben könnten?

Eine Zeitlang meinte ich, daß ich das wüßte. Beispielsweise das Arbeiten an einer Möglichkeit, noch solche Musik zu machen, in einer Epoche, wo eigentlich alles dagegenspricht...

Ich dachte nämlich auch, daß beides vor allem Musik übers Musikmachen ist. Gerade auf der Pavement-Platte war eben mit drauf, wie sich das anfühlt: Proberaum 1994...

Es ist nur eben die Frage, inwieweit sie über den Proberaum 1994 dann auch tatsächlich hinauskönnen. Und das hört man der Platte auch an, daß ihnen da etwas im Weg steht...

Trotzdem fand ich deren Problem interessanter als die ganze Debatte über das Problem, daß Kurt Cobain hatte letztes Jahr...

Fand ich eigentlich nicht. Soviel ist dann in der Pavement-Rezeption auch nicht diskutiert worden. Da stellt man fest, daß alle sagen: Genau diese Platte beschreibt das Problem, aber wie sie das umsetzt und wie das dann klingt und zu welchen Ergebnissen das führt, darüber gibt die Rezeption keine Auskunft. Ich finde Pavement schon sehr, sehr gut. Aber zum Beispiel bei den Beastie Boys, da ist es extremer, da ist für meinen Begriff der Gedanke dahinter und der Zusammenhang, in dem so eine Platte dann gehört wird, virtuoser als die Platte selber. Immer vorausgesetzt, daß ich möglicherweise ein total anachronistischer Trottel bin, das kann ja sein, daß ich möglicherweise etwas verpaßt habe und gar nicht begreifen kann, worum es da geht. Ich glaube aber, daß das ein generelles Dilemma ist, in dem die Kunstproduktion steckt auf diesem Sektor. Genau dasselbe bei Liz Phair oder Penelope Houston, das sind so Sachen, wo ich den Diskurs darüber interessanter finde als das, was ich dann wirklich höre.

Wäre das ein Problem?

Das ist das totale Problem, finde ich. Das kann ja auch bei uns so sein. Es ist ja gut möglich, daß vielleicht der Diskurs über diese Band besser ist als die Band selber, nur das wir das noch nicht gemerkt haben.