Aus Marabo #2, 1999
von Ines Philipp

Ausdruck für ein Glücklichsein

"Eine Frage im Raum - in sprach-
losen Zeiten. Du kursierst als
Pulsar, durchquerst luftleere
Weiten und wirst zum Begriff ..."

Jeder Versuch, Blumfeld in einen vergleichenden Kontext zu setzen, muß im Ansatz scheitern. Das war bereits bei der "Ich-Maschine" 1992 so und bei "L’etat et Moi" 1994, und das gilt, fünf Jahre später, auch für "Old Nobody", das dritte Blumfeld-Album. Und das ist groß.

Ines Philipp traf Blumfeld-Kopf Jochen Distelmeyer zum Interview.

In Giga-Byte-Zeiten von immer hastiger verabreichten Musik-Video-Schnitten, normativen 3D-CD-Rom-Animationen und standardisierten 2,30 min-Radiobeiträgen ist es ausgesprochen mutig, ein Pop-Album mit einem fast sechsminütigen Monolog zu beginnen. Für Blumfeld ist es nur konsequent. Die intellektuelle Wertschätzung, die Jochen Distelmeyer, charismatischer Sänger, Gitarrist und Songschreiber, seit der "Ich-Maschine" 1992 zuteil wird, ist gerechtfertigt. Und fünf Jahre nach dem auch kommerziell erfolgreichen "L’etat et Moi" bricht "Old Nobody" erneut mit den Hörgewohnheiten und hinterläßt ein erfüllendes Gefühl von Entspannung und ruhiger Nachdenklichkeit. Das Album ist wunderschön. Tiefgründig. Traurig. Ernst. Humorvoll. Anders. Eigenständig. Sechs-Minuten Pop-Songs wie "Tausend Tränen Tief" oder das 9,20 min lange "So Lebe Ich" langweilen keine Sekunde. Und das gilt für jedes der elf Stücke auf "Old Nobody".

Marabo: Kann man mit "Old Nobody" Blumfeld begreifen, ohne die ersten beiden Alben einzubeziehen?

Jochen Distelmeyer: Für mich ist das kein so eklatanter Unterschied. Die Art der Komposition oder des Songwriting ist eigentlich genauso geblieben. Durch diesen Wechsel innerhalb der Band wird das eben anders in Szene gesetzt und anders instrumentiert. Die Klangfarben definieren das halt ein bißchen anders, was vorher auch schon drin war. Aber die Haltung war immer dieselbe.

Marabo: Die Haltung ist nach wie vor antifaschistisch, antisexistisch, gesellschaftskritisch und nicht konsumorientiert. Aber es gab Veränderungen.

Jochen Distelmeyer: Eike Bohlken ist als Gründungsmitglied und Bassist seit 1996 nicht mehr dabei, ihm wurde die Doppelbelastung Philosophiestudium und Band zu viel. Dennoch wurde aus uns ein Quartett. Andre Rattey bleibt Schlagzeuger – aber Peter Thiessen spielt nun den Baß und Michael Mühlhaus die Keyboards.

Doch das Wesentliche bleibt: Jochen Distelmeyer (31). Er ist Blumfeld. Ein Kultidol. Ob er das will oder nicht.

Im Kölner Chelsea-Hotel sitzt er mit dieser gewissen dandyhaft eleganten Lässigkeit an diesem Avantgarde-Tischchen, die Beine überereinander geschlagen, raucht. Er wirkt sehr ruhig, ausgeglichen, ist so distanziert wie offen. Jede Antwort ist das Bestreben, in komplexen Schachtelsätzen maximale Präzision zu erlangen. Blumfeld ist in Deutschland vor allem auch ein Synonym für Poesie und Lyrik.

Marabo: Ist es dir wichtig, daß die Leute dir zuhören?

Jochen Distelmeyer: Nein. Für mich steht die Musik in erster Linie. Hier fühl’ ich mich besser aufgehoben als in den Texten. Natürlich ist mir das Ganze am wichtigsten. Ich mag es nicht, wenn die Leute das aufteilen und dann unterhält man sich nur über die Texte. Was ich auch ok finde – aber nicht, ohne zu verstehen, oder ohne in Rechnung zu stellen, wie Musik und Text ineinanderwirken. Das ist alles immer schon im selben Moment gedacht. Also nach ‘L’etat et Moi’ – bestimmt ein halbes oder ¾ Jahr danach – wußte ich schon genau, wohin die neue Platte gehen sollte. Früher hatte ich manchmal den Eindruck, als könnte ich so ein bißchen in die Zukunft gucken, weil ich mit ‚Ich-Maschine’ und ‚L’etat et Moi’ versuchen wollte, eine zurückliegende Zeitspanne darzustellen. Aber als dann die Platte fertig und ich damit auf Tour war, schien es eher so, als hätte ich auch die Zukunft, die ich dann da erlebte, mitgemeint. Das war ziemlich merkwürdig. Da habe ich dann manchmal gedacht, daß ich so weiß – ach, das kann man gar nicht formulieren, es stimmt auch nicht, ist auch nicht beweisbar. Davon würde ich jetzt eher abrücken. Aber aus den Erfahrungen nehme ich eine gewisse Sicherheit. Mir sind bestimmte Sachen, die anderen vielleicht peinlich wären, nicht peinlich, sondern die halte ich für richtig und angemessen.

Marabo: "Old Nobody" ist das berühmte dritte Album. Wie groß war der Erwartungsdruck?

Jochen Distelmeyer: Die Frage ist, wie man damit umgeht. Zum einen ist da der Druck, den ich mir selber mache, indem ich mir sage, ‘Das ist nicht gut genug’. Man ist generell damit beschäftigt, sich radikal in Frage zu stellen, sich erst auf eine komische Art zu demontieren und zu sagen, ‘Guck dir das doch mal an, was du da verzapft hast, das ist doch lächerlich. Willst du das wirklich jemandem zumuten? Sei froh, wenn keiner dahinterkommt, was das für ein Quatsch ist.’ Aber das gehört mit dazu.

Marabo: Und der Druck von außen?

Jochen Distelmeyer: Der ist eigentlich immer da, sobald man sich in der Rock-Arena oder Popmühle, eben der Öffentlichkeit bewegt. Die Band kann relativ befreit und ungezwungen damit umgehen und die Sachen angehen mit dem Gefühl: ‘Gar kein Problem, daß wir jetzt hier vier Jahre warten. Wir sind Blumfeld.’ Wir haben uns eben keinem ökonomischen Muster unterworfen. Also wenn, dann unterwerfen wir uns der Kunst, nicht den Bedingungen des Marktes, alle ein, zwei Jahre eine Platte rausbringen zu müssen, um eine Präsenz zu haben, um dann dadurch wieder mehr Schallplatten zu verkaufen. Wir sind in den letzten vier Jahren mindestens genauso präsent gewesen - wir sind durch alle möglichen Schallplattenbesprechungen anderer gegeistert.

"... bilingual born hobo
dein Weg ist bereit
die Weichen gestellt
für eine Stunde der Wahrheit
vergeh’n die Jahre wie Strobo"
("Eines Tages")

Marabo: Wo sich doch angeblich so viele Deutsche dagegen wehren, benutzt du ganz selbstverständlich Englisch in deinen deutschen Texten.

Jochen Distelmeyer: Ich bin auch ein englischsprachiger und ein französischsprachiger Künstler. Auch wenn das eine sehr komplizierte Angelegenheit ist – weil das natürlich schon die deutsche Sprache ist, in der das dann da geschrieben ist, grammatikalisch und phonetisch – wehre ich mich immer verzweifelt dagegen, wenn jemand sagt, du machst ja deutsche Texte. Weil: Mir fallen tausend andere Sachen zuerst ein, wenn ich einen Text von John Lee Hooker oder Scritti Politti oder den Pet Shop Boys höre, als daß ich sage, das sind englische Texte. Ich lese die nicht als englische Texte. Ich lese die als John Lee Hooker-Texte oder Texte von Scritti Politti und erst ganz zum Schluß, falls ich überhaupt darüber nachdenke, sag ich, ach ja, das ist ja Englisch. Weil mir das echt egal ist. Es gab auch die Überlegung, nach "Ich-Maschine" das zweite Album in englischer Sprache zu machen. Nicht wegen des Verkaufs, sondern um ein Signal zu setzen. Was ja Tobias Levin von Cpt. Kirk gemacht hat. Deren englisches Cover-Versionen-Album "Wrong But Right" war das Signal: Vollkommen egal in welcher Sprache. Auch wenn die nächste Platte auf Englisch ist, wäre das trotzdem ‘ne Blumfeld-Platte – und das wäre dann trotzdem meine Sprache.

Marabo: Ob Wahlheimat Hamburg, "back to Bielefeld-Brake" oder Ursprung in Bad Salzuflen – Blumfeld strebt nach Globalität. Musikalisch und auch lyrisch kämpft ihr dagegen, euch einordnen zu lassen.

Jochen Distelmeyer: Das sehe ich so: Ich denke trotz aller Selbstzweifel – also daß ich ganz genau weiß, daß das jetzt bestimmten literarischen Kriterien gar nicht genügt – aber worauf ich hinaus wollte, ist – off the mike sozusagen – daß ich dann schon denke, ok, das hat es hier so noch nicht gegeben, so ein Stück wie ‘Tausend Tränen Tief’. Und nicht nur hier, sondern international. Das ist ja so eher die Welt, in der ich mich aufhalte, Musik, Filme, Literatur, Freunde – und was auch gar nicht auf das Land hier beschränkt ist. Und das hat aber, wie gesagt, für mich auch viel mit der Musik zu tun, gar nicht so viel mit dem Text, sondern auch damit wie die Songs sind, wie die Melodie ist und wie diese Band zusammen spielt. Das empfinde ich – obwohl es tausend bessere Sachen gibt und man selbst auch nicht besser ist, als irgendwelche anderen – aber das empfinde ich schon als etwas besonderes, ja.

Marabo: Wann entstehen die Sachen von Blumfeld. Tagsüber oder nachts?

Jochen Distelmeyer: Ich hab früher, also bis ‘L’etat et Moi’, immer sehr viel nachts gearbeitet. Die Stunden vorher waren halt so Einstimmung darauf, Vorbereitung, Sachen zurechtsammeln, lesen. Bei dieser Platte war das anders. Da bin ich immer früh aufgestanden und habe gearbeitet. Was mich auch verwundert hat, ist, daß es bei ‘L’etat et Moi’, also einer Platte, die eigentlich nachts entstanden ist, inhaltlich sehr viel um Glanz und Lichter geht und daß sie so farbig ist. Dagegen hat ‘Old Nobody’ eigentlich eine viel dunklere Stimmung. Und das ist morgens oder mittags entstanden.

Marabo: Wie schreibst du deine Texte? Führst du Tagebuch?

Jochen Distelmeyer: Nein, seit vier Jahren nicht mehr. Das habe ich bis ‚L’etat’ regelmäßig gemacht. Früher war das so, daß diese Platten – auch schon bei der ‘Ich-Maschine’ – eingebettet waren in einen schriftlichen Kontext von anderen Texten, von Tagebucheintragungen oder anderen Überlegungen. Das ist bei der Platte jetzt anders. Erst dachte ich, da fehlt mir irgendwie was – aber jetzt komme ich eigentlich gut damit klar, daß ich das nicht mehr mache.

Marabo: Hast du jetzt einen Menschen, dem du das mitteilen kannst, was du früher aufgeschrieben hast?

Jochen Distelmeyer: Hm. Ja, würde ich sagen. Die Art des inneren Monologes oder die Art, wie ich rede und mich so erlebe, wenn ich dann rede, die hat sich schon geändert. Das hat vielleicht auch was mit dem Alter zu tun – aber in jedem Fall damit, daß ich jetzt mit jemandem zusammenlebe.

Marabo: In dem Lied "So lebe ich" tauchen die Zeilen "Ich brauche Dich und kann es zeigen" auf.

Jochen Distelmeyer: Schöne Stelle. Ja, das ist so und das freut mich auch sehr. Das wollte ich vorher auch schon immer – und konnte es auf eine bestimmte Art, zum Beispiel durch Musik – aber das hat sich durch mein Zusammenleben mit jemandem Konkreten geändert. Man kann das ja dann auch dadurch eher, eben darum weil da überhaupt jemand ist, der das auch aufnimmt und daran Anteil nimmt.

Marabo: Fällt es dir grundsätzlich leichter über etwas ein Lied zu schreiben als darüber zu reden?

Jochen Distelmeyer: Im Tagebuch habe ich immer die negativen Dinge gelassen. Die positiven Dinge habe ich gelebt und auch keine Form gefunden, das schriftlich auszudrücken. Und wenn man das später liest, findet man sich da nicht mehr wieder, weil man ist das nicht komplett. Das hat auch was mit der Platte zu tun. So, wie man ‘Eines Tages’ lesen kann – das ist dann eben wie ein Protokoll einer bestimmten Zeit: wo man denkt, ‘Um Gottes willen, was ist denn da los – oh, oh, oh das ist ja ganz übel...’. Aber das ist eben auch nicht alles. Der Rest der Platte versucht halt – unter anderem – auch für das Glücklichsein, was bei mir eigentlich auch in den letzten Jahren überwiegt, einen Ausdruck zu finden. Ich weiß nicht, ob man mir das ansieht – aber ich fühl mich schon als sehr glücklicher Mensch. Aber wie gesagt, um dafür einen Ausdruck zu finden – das gelingt mir in der Musik halt schneller und auch irgendwie kohärenter als bei Texten.

Marabo: Deine Texte sind oft sehr persönlich, fast privat. Hat du nicht die Befürchtung, mit deinen Liedern etwas von dir herzugeben?

Jochen Distelmeyer: Nee, gar nicht. Ich bin sehr dankbar, wenn ich Musik höre von anderen oder Filme sehe oder Bücher lese oder Bilder betrachte. Überall da, wo Leute versuchen, einen Ausdruck zu finden für eine bestimmte Sache, die mit ihnen selber zu tun hat, bin ich glücklich, daran teilhaben zu dürfen. Man hat das Gefühl, daß man nicht alleine ist. Das empfinde ich als Geschenk. Das ist bei mir zwar nicht in dem Sinne direkt beabsichtigt, und das ist kein Motiv für mich – aber wenn es dann fertig ist, denke ich, "Oh, hoffentlich versteht das noch jemand, daß das eben gar nicht nur über mich ist – auch, wenn da viel ‘ich’ gesagt wird."

In sprachlosen Zeiten hat Jochen Distelmeyer eine Menge Fragen beantwortet. Er kursiert als Pulsar und wird zum Begriff. Eines Tages. Jetzt.