Mannheim, Lagerhaus, 12.5.2001
Von Sascha und Alex
www.skyeyeliner.de


Ein Interview

Vor dem Konzert in Mannheim trafen wir auf 3/4 von Blumfeld. Am Ufer des Neckars sprachen Peter Thiessen, Andre Rattay und Michael Mühlhaus lange über das zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichte neue Album "Testament der Angst". Jochen Distelmeyer konnte leider nicht am Gespräch teilnehmen, weil er vor dem Konzert Sprechverbot hatte, um seine von einer Grippe angegriffene Stimme zu schonen.


Sascha: Ihr seid bei "Top Of The Pops" aufgetreten. Habt ihr das gemacht, weil Euch euer Label oder die Chartsplatzierung dazu gezwungen hat oder weil ihr dort auftreten wolltet?

Peter: Wir wollten das. Wir haben einen Vertrag, bei dem wir eigentlich machen können was wir wollen. Wir haben lange mit verschiedenen Firmen verhandelt und jetzt mit EastWest einen Vertrag ausgehandelt, bei dem uns eigentlich alle erdenklichen Freiheiten bleiben.

Sascha: Euer Auftritt war playback. Kann man da eigentlich auch live spielen?

Peter: Ja, man kann auch spielen, aber erstens legen wir da nicht so besonderen Wert drauf und zweitens hört es so einfach besser an.

Andre: Wenn wir uns im Studio schon die Mühe geben, die Platte zu produzieren, ist es unter diesen Umständen das beste, das bei Top Of The Pops playback zu machen. Das ist dann auch der Sound, den wir selbst hergestellt haben, da kann auch keiner mehr reinfunken. Außerdem spielen wir ja dauernd live.

Peter: Uns ist das auch nicht so wichtig, dass das so megaauthentisch ist. Ich find das immer ein bisschen albern, wenn sich Leute da so drüber aufregen. Vor einiger Zeit war im Spiegel ein Riesenartikel darüber, dass die Rolling Stones angeblich gar nicht richtig live spielen. Ich finde das -ehrlich gesagt- vollkommen egal. Das ist für das, was wir machen nicht so wichtig. Natürlich ist das bei einem Konzert toll live zu spielen, aber das ist eben auch eine komplett andere Situation, als in so einer Sendung.

Andre: Man merkt ja auch: Die Sendung ist der Star. Die Künstler, die da auftreten sind da nur die einzelnen Teile, die da durchgeschläust werden. Und insofern kannst Du dir überlegen wie Du mit der Situation umgehst. Ob du da hingehn willst oder nicht und wie Du da auftreten willst

Sascha: Blumfeld war früher als betont unkommerzielle Band bekannt, die sehr genau auswählt, wem sie Interviews gibt, Singles auch mal nur per Mailorder verkauft, etc. Das ist heute ja doch etwas anders...

Andre: Das mit den Interviews ist heute eigentlich immernoch genau so, das macht ja immernoch Alfred Hilsberg, jetzt eben in Zusammenarbeit mit EastWest. Wir überlegen immernoch ganz genau, wem wir Interviews geben. Jetzt verbreitert sich das Spektrum eben. Jetzt sind wir auch bereit dem einen oder anderen Magazin ein Interview zu geben, dem wir zur letzten Platte noch keines gegeben hätten. So lange man das selbst bestimmen kann, nicht von dem Magazin entdeckt wird, sondern mit 10 Jahren Bandgeschichte und 4 Platten da hingeht und auch andere Möglichkeiten hat, auf die Situation und das, was da geschrieben wird, einzuwirken, spricht eigentlich nichts dagagen, das zu machen. Wir haben uns ja bewusst entschieden diesen Weg zu gehen, so dass man jetzt eben auch mal mit den Großen sprechen kann.

Peter: Blumfeld sind ja auch keine Band, deren erstes Ziel es ist Platten zu verkaufen. Das was an stilistischen Wechseln und Veränderungen passiert, hat nicht den Grund, dass man möglicherweise dadurch mehr verkauft. Wir entwickeln unsere Musik schon relativ kompromisslos. Das sorgt auch immer wieder für verstörende Effekte. Ich kenne glaube ich nicht so viele Bands, die so stark kritisiert werden. Was ich ja auch nicht schlecht finde, weil das auch dafür spricht, dass es den Leuten, die das hören, irgendwie ernst damit ist. Wenn wir dann aber ne Platte gemacht haben, wollen wir natürlich auch damit an die Öffentlichkeit und die auch verkaufen. Wir machen natürlich nicht alles und verbiegen uns da nicht komplett für, aber wir machen halt das, wo wir denken, wir sind dazu in der Lage, das so zu machen, dass es zu unseren Bedingungen funktioniert.

Andre: Es geht ja auch darum Leute zu erreichen und nicht leute auszugrenzen. Wenn man z.B. wie beim "Top Of The Pops" Auftritt da als krude Band in dieser Popmaschinerie auftaucht, die einen eher verstörenden Eindruck hinterlässt oder auch durch Videos und Radio Leute erreichen kann, die man sonst eben nicht erreicht, und die dann auch merken „Hey, das ist doch endlich mal was anderes, da wird ja ein Gefühl besungen, das ich sehr gut kenne, da fühl ich mich drin aufgehoben, da sind sind Leute, denen geht’s genauso“. Das wird ja sonst im Radio nicht gebracht, da geht’s ja immer nur um gute Laune, blablabla und die Musikauswahl ist dementsprechend. Ich möchte das halt auch zur Disposition stellen, die Leute sollen sehen, ob sie damit was anfangen können.

Peter: Wir machen auch nicht Musik um einem bestimmten Kreis von Leuten angenehme Einrichtungsgegenstände zur Verfügung zu stellen, um es sich damit bequem einzurichten. So ein Saxophonsolo wirkt auf manche Leute ähnlich verstörend wie es früher vielleicht verzerrte Gitarren waren. Das macht natürlich irgendwie auch Spaß und ist schon auch ein bisschen eine Provokation zu sagen „das machen wir jetzt, auch wenn es wehtut“.

Sascha: Jan Delay hat einen Song gemacht, in dem er sagt, er will gar nicht, dass gewisse Leute seine Musik hören. Was ihr macht, ist da vielleicht so das Gegenteil davon, also „Mein System kennt keine Grenzen“...

Peter: Wir haben das Gefühl, dass z.B. „Graue Wolken“ oder eigentlich alle unsere Songs so gut sind, dass sie, wenn sie irgendwo laufen oder wenn irgendwelche Leute, die kaufen, auf die wir vielleicht gar keinen Bock hätten, dadurch kaputtgehen oder ihre Aussage oder ihre Würde verlieren. Wir vertrauen da auf die Musik, die wir machen.

Sascha: In der „Welt“ war neulich ein Artikel, in dem Blumfeld, Kante und Paula mehr oder weniger über einen Kamm geschoren und in so eine konservativ-bürgerliche Ecke gestellt wurden.

Andre: Zum einen waren wir sehr überrascht, weil wir mit der „Welt“ gar nicht gesprochen haben.

Peter: Das war eine der Zeitungen, der wir bewusst kein Interview gegeben haben. Ich finde es außerdem schon äußerst merkwürdig, dass man sich jetzt in der „Welt“ konstatieren lassen mussen, dass man bürgerlich wäre. Da frag ich mich, wer da eigentlich von wo aus was schreibt. Ich finde er [Ulf Poschardt; Autor des Artikels] gibt sich da eher selbst eine Blösse als uns. Auch solche Argumente, wo er z.B. über mich sagt, die Tatsache, dass meine Eltern auf der Kante-Platte mitwirken, wäre ein Hinweis auf Bürgerlichkeit. Das spricht eigentlich nur für seinen bürgerlichen Ödipus-Komplex. Dass Protest, Unwohlsein oder Ablehnung sich gegen die eigenen Eltern richten muss, halte ich für eine total kleinbürgerliche Dummbatzenposition. Ich will mich da auch gar nicht so drüber aufregen. Ich fand ein paar Sachen in dem Artikel ganz interessant, aber ich glaub der hat nicht so richtig verstanden.

Alex: Das neue Album ist relativ schnell eingespielt, es ist auch recht kurz, ist es so eine Art Schnellschuss, also nicht so das ganz große, in sich geschlossene Werk wie Old Nobody?

Peter: Das ist schon ganz gut beobachtet. Zunächst wollten wir, dass man mal nicht 3 oder 5 Jahre auf ´ne Blumfeld-Platte warten muss. Außerdem hatten wir in dieser Besetzung mit der Old Nobody und den anschließenden Touren zueinandergefunden. Zum anderen sollte es eine Platte sein, die direkter in die Gegenwart eingreift. Zum Beispiel stehen im Zentrum der Platte diese appelativen, anklagenden Stücke, die aber umklammert sind von zwei Liebesliedern, aber ohne dass die jetzt den Ausweg zeigen würden oder als Lösung angeboten würden. Es ist schon Absicht, dass das durch diese beiden Pole in der Schwebe gehalten wird. Dass man, wenn man die Platte zu Ende gehört hat, nicht das Gefühl hat, das Problem, um das es geht, sei gelöst worden.

Alex: Sind die Texte eine Rückkehr zu Fast Weltweit-Zeiten des Jochen Distelmeyer? Sie sind ja einfacher, privater, weniger verschachtelt ...

Peter: Es ist vielleicht schon eine Rückkehr, aber keine im Sinne von „Lass uns mal alles vergessen, was zuvor war“, sonder eher eine Konsequenz aus dem, was vorher war, aus dem, worum es es da geht. Man kann sagen, dass L’ETAT ET MOI ein sehr verzweigtes, vielschichtiges Modell war, so rhizom-artig. Old Nobody hat dann ja schon eher eine Linie beschrieben. Und bei "Testament der Angst" könnte man sagen, dass es eher einen Punkt beschreibt, einen sehr verdichteten Einschnitt, eine Eintragung.

Sascha: Es heißt immer „Komposition und Text - Jochen Distelmeyer“. Wie groß ist denn der Einfluss von euch drei Bandmitgliedern auf die Songs? Kommt es auch vor, dass ihr Songs nicht spielen wollt?

Andre: Wenn jemand mit einem in sich geschlossenen, guten Song in den Übungsraum kommt, ist das ja das beste Argument für einen Song und dafür, den dann auch so zu machen. Uns geht es dann darum, diese vorgegebene Komposition mit anderen Stimmen zu versehen, daraus einen Band-Song zu machen.

Peter: Es ist halt auch nicht so, dass wir von den Texten erst dann was mitkriegen, wenn die schon fertig sind, wir tauschen uns natürlich sehr oft, sehr intensiv darüber aus. Wenn es in einer Band einen Songschreiber gibt, dann schreibt der die Songs halt auch meistens auf die Band hin, der konkrete Prozess des Schreibens, findet also schon auf einem gemeinsamen Fundament statt.

Alex: Gibt es bei euch viele Lieder, die nicht den Weg auf die Platte finden und im Lager bleiben?

Andre: Ja, gibt es, die sammeln sich da so an, liegen auf Halde.

Alex: Gibt’s noch ne Single mit B-Seiten?

Blumfeld: Ja. Wir sind ne Album Band. Wir arbeiten nicht so, dass wir zwei gute Singles machen und dann Schrott drumrum basteln. (...) „Ein privates Problem“ gehört von der Thematik her noch eher zu Old Nobody, das hätte aber einfach nicht so auf das Album gepasst.

Alex: Sind auch noch Remixe geplant?

Andre: Geplant ist nichts, aber wenn jemand was machen will, und uns das gefällt ...

Alex: Sind noch mehr Zusammenarbeiten mit anderen Hamburgern wie Rabauke geplant?

Peter: (...) Bei „Nowhere bei mir“ war klar, dass wir das so triphop-mäßig machen wollten. Triphop ist halt zur Zeit eigentlich das uncoolste was man machen kann, weil es schon irgendwie vergessen ist. Deshalb wollten wir das nochmal aufgreifen und schauen, was da eigentlich gut dran war. Daraus ist das mit dem Rabauke entstanden. Wir sagen also nicht „Lass uns mal mit dem was machen“ und kucken dann was dabei rauskommt.

Sascha: Wer ist eigentlich Björn-Delf Hein? (angestrengtes Überlegen)

Andre(nach angestrengtem Überlegen): Ich weiß es nicht mehr, ich glaub der hat ´n paar Leute gekillt.

Sascha: Ist der Lehrer in dem neuen Video der Jochen?

(Peter weiß von nichts)

Andre: Ja, das ist unser Oberstudiendirektor Distelmeyer.

Sascha: Macht Jochen die Videos ganz allein?

Peter: Die Idee des Videos haben wir besprochen, aber beim Dreh selbst war ich gar nicht dabei. Jochen kann das halt auch sehr gut. Ich würde dabei warscheinlich nur blöde rumstehn.

Alex: Macht Jochen noch anderes in dieser Richtung, also Kurzfilme oder sowas?

(unverstädnlich, aber ein Nein)

Alex: Ist die Münchener Freiheit wirklich so ein großer Einfluss für euch?

Andre: Nein, überhapt nicht.

Peter: Egal, was man von der Band hält, die Münchener Freiheit ist für mich keine Schlagerband, allein von der Musik her, das sind Beatles- und Beach Boys-Fans. Ich verstehe nicht, dass man Beatles und Beach Boys total super findet, die Münchener Freiheit aber total zum kotzen. Die singen ja auch irgendwie so Bee Gees mäßig und die haben auch super Stücke gemacht.

Andre: Das ist ja auch die grundsätzliche Frage, wie man Bands bewertet. Ich finde man darf da nicht so ungerecht sein und sagen, das sei nicht mit Herzblut gemacht. Ich glaub eigentlich nicht, dass Leute so total kalkülmäßig Hits machen. Jedem bedeutet das doch was. Wenn eine Band gute Stücke macht, ist es doch scheißegal, welches Genre das ist, selbst wenn es tatsächlich ne Schlagerband wäre. Michael Holm hat doch auch tolle Stücke geschrieben. Oder Udo Jürgens. Es gab ja auch mal im Visions oder so diese Kolumne „Mein peinlichstes Lieblingslied“. Warum ist das eigentlich ein peinliches Lieblingslied? Das war so die Grundproblematik. Darauf angesprochen hat Jochen dann natürlich über die Münchener Freiheit gesprochen und für die Journalisten war das natürlich ein gefundenes Fressen. „Müchnener Freiheit - Hamburger Schule“ kann man ja ne tolle Schlagzeile draus machen.

Peter: Das ist kein wirklicher Einfluss für uns, das ist textlich ja auch was vollkommen anderes. Jochens Texte haben mit Schlagertexte nun wirklich überhaupt nichts zu tun. Wenn bei „Weil es Liebe ist“ gesagt wird „wie geil es ist, wenn man sich dann küsst“, dann ist das natürlich schon auch ein bisschen als Gag gemeint, aber trotzdem stimmt das ja auch, es ist ja wirklich geil, wenn man sich dann küsst. Es ist eben offen ausgesprochen. In Schlagern ist das ja immer eher so was schlüpfriges, so „Manchmal würd ich schon ganz gern mit dir das Wörtchen Leidenschaft buchstabiern“ oder so’n Schrott. Da ist Sex immer so was schmutziges, was anrüchiges, über das man am besten nicht offen redet, so eine verklemmte Vorstellung von Liebe. Das bei Jochen ist was komplett anderes. So ein Satz steht ja auch nicht einzeln da, sondern steht innerhalb von nem Song wo eben auch gesagt wird „Liebe ist eine Technik und ein System“ und außerdem im Kontext einer Platte und der Geschichte einer Band. Deshalb kann man sowas nicht einfach so rausnehmen, da macht man sich das zu einfach. Uns ist das eigentlich auch gar nicht so wichtig, wenn Leute sich da so drüber aufregen, dass das Schlagermusik sei. Ich denk da einfach nur: Die haben wohl keine Ohren oder hör’n sich das nicht richtig an oder wissen gar nicht, was Schlager eigentlich ist.

Alex: Hat es mal Kontakt zur Münchener Freiheit gegeben?

Peter: Nein, gar nichts.

Sascha: Stimmt es, dass ihr als die Promo-CDs verschickt wurden, Radio-Sender, die von Media Control überwacht werden, bewusst nicht bemustert habt, damit ihr nicht so hoch in die Charts einsteigt?

Andre: Das stimmt so nicht. Es stimmt, dass die nicht von Media Control überwachten zuerst bemustert wurden und die anderen erst später, aber das hatte nicht den Grund, dass wir Bedenken hätten, zu hoch in die Charts einzusteigen.

Peter: Wenn man so vorgehen würde, würde ich das auch gar nicht verstehen, auch bei jeder anderen Band nicht. Ich glaube, dass in dem, was wir gemacht haben, die politische Haltung der Band eindeutig klargemacht ist. Wenn man als Ersatz für eine klare Stellungnahme meint, man müsste bestimmte Zeitungen oder Radiosender ausschließen, dann verstehe ich das nicht. Wir stellen schon fest, dass einige Sender selbst mit „Graue Wolken“ Probleme haben.

Andre: Da macht man so einen Song und denkt, das könnte ja super funktionieren und dann wird das mit der Begründung „zu intellektuell“ abgelehnt. Da denke ich: das ist doch wirklich schon total einfach formuliert, wenn das schon zu intellektuell ist, was wollt ihr denn dann hören?

Peter: Vor allen Dingen ist das ja so absurd, dass der Band, der jahrelang vorgehalten wurde, das sei alles zu abstrakt und verkopft, jetzt, wo die Stücke ziemlich einfach und eindeutig formuliert sind, vorgeworfen wird, das wäre jetzt alles zu banal.

Sascha: Der Vorwurf, dass es banal ist, kommt ja nicht von denen, die es früher schon zu kompliziert fanden, sondern doch eher von den Fans, die diese komplizierte Kunstspache früher geschätzt haben.

Peter: Ich kann das schon verstehen, aber ich finde die Frage ist, worum es geht, wovon die Stücke und die Platte handeln. Worum es bei L’ETAT ET MOI ging, das hat einfach diese Schreibweise erfordert, die Texte waren ja nicht kompliziert um der Kompliziertheit willen. Bei "Testament der Angst" geht es halt nicht nochmal genau um das, obwohl das natürlich die Grundlage dafür ist. Es gibt ja auch ein Stück wie „Anders als Glücklich“, das noch eher diese Form des Texteschreibens hervorhebt.

Andre: Hätten wir im Stil von L’ETAT ET MOI weitergemacht, wäre das - wie Peter es schon erwähnte - die Entscheidung zum Einrichtungsgegenstand gewesen, dann würden wir den bequemen Weg nehmen, die Platte einfach alle zwei, drei Jahre mit anderen Texten wiederzuveröffentlichen, damit Erfolg haben oder für eine bestimmte Gruppe von Leuten authentisch wirken. (...)

Peter: Die Aggressivität ist ja auch in einem Stück wie „Tausend Tränen tief“ drin, nur in einer anderen Form.

Sascha: Ich finde die Schritte sind bei Blumfeld von einem Album zum andern immer recht groß, das trägt wohl auch dazu bei, dass das so verstörend wirken kann

Peter: Ich hab eigentlich eher das Gefühl, dass das daran liegt, dass die Band an Stellen, die dafür gar nicht angemessen sind, so komisch überhöht wird. „Ach, die Band mit den komplizierten Texten, die ich sowieso nicht verstehe“. Wenn man uns hört, ohne das zu denken, kann man das auch verstehen, dann kann man auch L’ETAT ET MOI verstehen. Es geht ja nicht darum jeden Satz zu verstehen.

Alex: Wie seit ihr auf das Abendlied gekommen? Es stellt ja doch einen zienlichen Bruch zum Album dar und fällt ziemlich raus.

Andre: Das finde ich nicht. Zum einen gibt es auf der textlichen Seite mit der Gegensatzpaarbildung wie bei „Testament der Angst“ eine Verbindung. Zum anderen fällt es nicht raus, sondern es hält das Album in der Schwebe, weil es nicht wirklich tröstend ist und am Schluss eher so verunsichert. Aus dem Grund passt das auch dahin.
(Es folgt ein recht langer Monolog über Hans-Dieter Hüsch)

Sascha: Mir würde gefallen, wenn „Die Diktatur der Angepassten“ die nächste Single würde. Ich denke: wenn man sich mit „Graue Wolken“ so ein gewisses Publikum geschaffen hat, könnte man da mit so einem Song ganz gut weiterarbeiten...

Peter: Wenn man das veröffentlichen würde, wäre halt ziemlich klar, dass es auf Alternativ-Sender wie Viva2 laufen würde. Auf einem Sender wie Viva2 find ich’s eigentlich besser, wenn da ein Stück wie „Graue Wolken“ oder meinetwegen „Anders als glücklich“ läuft, weil das was anderes ist, als das, was da sonst läuft. Insofern wäre die Veröffentlichung von „Die Diktatur des Angepassten“ irgendwie zu einfach. Uns macht es natürlich schon Spaß mit „Graue Wolken“ bei Radiosendern aufzutauchen, wo sowas sonst nicht läuft, die vielleicht erstmal denken „Das is ja 'n ganz hübscher Song“ und später erst merken, was da eigentlich gesagt wird.

Andre: Wenn Radiostationen schon mit „Graue Wolken“ ihre Probleme haben, kann man realistisch betrachtet davon ausgehen, dass „Die Diktatur der Angepassten“ da bestimmt nicht laufen würde.

Hier endet das Band.

Peter, Andre und Michael erzählten außerdem von ihren anderen Bands, vom ehemaligen Bassisten Eike Bohlken, äußerten sich zu Benjamin v.Stuckrad-Barres Blumfeld-Lobeshymnen (in etwa: "Wer sich unsere Texte durchliest, kann sich schon ausrechnen, was wir von einem Benjamin v. Stuckrad-Barre halten...") und witzelten über Detlef Diedrichsens kaputten CD-Player und seine schlechte Anlage (Diedrichsen hatte "Testament der Angst" vor allem wegen des "schlechten" Sounds verrissen).