Aus LAUT, November 1999
Interview: Michael Schuh und Sebastian Hornik


Blumfeld: Notes of a stylish young Man

Blumfeld sind Ende des Jahres nochmals mit einer Mini- Tour in deutschen Landen unterwegs, um ihr jüngstes Werk "Old Nobody" live zu präsentieren. Die LAUT-Mitarbeiter Michael Schuh und Sebastian Hornik sprachen mit Sänger und Mastermind Jochen Distelmeyer nach dem Gig in Mannheim über die Platte, die Zukunft und gute und schlechte Musik.

Laut: Was hältst Du von deutschem Hip Hop?

Jochen Distelmeyer: Finde ich sehr interessant, wir haben aber ausser zu DJ Koze, den ich ganz gut kenne, und Eins Zwo keine freundschaftlichen Kontakte zu anderen Leuten aus dieser Ecke. Koze legte ja oft im Pudels Club auf und spielte mir mal seinen "Tausend Tränen Tief"-Mix vor - he das ist gut, den sollte man auf Platte pressen, meinte ich. Und Bo von Fünf Sterne Deluxe finde ich als Rapper sehr gut - sehr musikalisch. Wobei ich manchmal inhaltlich damit nicht so d’accord bin.

Laut: Gibt es Parallelen zu Blumfeld, da Du auch viel mit gesprochenen Textversionen agierst?

Jochen Distelmeyer: Bedingt. "L’etat et moi" stellte für mich in dieser Hinsicht den Höhepunkt dar.

Laut: Inwiefern?

Jochen Distelmeyer: Viele Schreibweisen sind hier an Hip Hop oder Rap-Metrik sozusagen angelehnt. Dies war für mich dann auch der Abschluss dieser Form, ich hatte ab da an dieser Schreibweise kein Interesse mehr. Das hatte sich mit der Platte für mich eigentlich erledigt. Wobei "Lord of Song" oder "Eines Tages" irgendwie an Hip Hop anschliessen. (Überlegt) Aber "Eines Tages" soll sowohl Talking Blues als auch Gospeltext sein. (Summt Blues-Schema und intoniert die ersten Zeilen von "Eines Tages")

Laut: Steht dabei von vornherein fest, ob spoken word Stück oder Song?

Jochen Distelmeyer: Normalerweise schon. "Eines Tages" sollte am Anfang von "Old Nobody" stehen, nachdem vier, fünf Jahre nichts war, hört man erstmal sechs Minuten lang reinen Text, bevor Musik einsetzt.

Laut: Und das ist ja dann die Single "Tausend Tränen Tief". Im Video spielt Helmut Berger mit. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit?

Jochen Distelmeyer: Ich wollte gerne ein Video mit ihm machen. Mit dem Plot vor allem am Ende, bin ich jedoch nicht ganz zufrieden, der ist auch filmisch nicht so schön umgesetzt.

Laut: Woran lag's?

Jochen Distelmeyer: Ursprünglich sollte die Story noch mehr auserzählt werden. Eigentlich sollte man sehen wie sich beide, also Helmut und ich, in dem Hotel nach dem Gespräch wieder trennen.

Laut: Wurde das Material nicht verwendet?

Jochen Distelmeyer: Es gab das Material gar nicht, die letzten Szenen wurden gegen 5 oder 6 Uhr morgens im Hotel abgedreht. Mehr war der Crew nicht zuzumuten, weil wir eh schon zwei Tage durchgedreht hatten. Das merkt man dem Schluss auch an, der ist photographisch nicht so gut in Szene gesetzt, wie der Rest des Videos.

Laut: Warum Berger?

Jochen Distelmeyer: Wenn ein Video, dann mit ihm. Ich halte ihn für einen aussergewöhnlichen Schauspieler - die Visconti-Filme beispielsweise. Ausserdem stellt er eine Art „Old Nobody“ dar. Das Video ist insofern auch als Video zum Album konzipiert und zu verstehen.

Laut: Wie lief es mit seiner Zusage?

Jochen Distelmeyer: Wir haben ihm die Nummer geschickt und er rief dann irgendwann spät nachts an, im Hintergrund dröhnend laut der Song laufend, und gratulierte uns, fand das super und wollte unbedingt dabei sein. So kam das zustande, schliesslich reiste er nach Hamburg, zwei Tage essen gehen, sich unterhalten und kennenlernen und dann zwei Tage ziemlich straighter Dreh.

Laut: Obwohl „Old Nobody“ nicht mehr frisch in den Regalen steht und ihr im Frühjahr schon getourt seid, spielt ihr nun nochmal ein paar Gigs - warum?

Jochen Distelmeyer: Wir haben das Titelstück "Old Nobody" noch nie live gespielt. Einen Song von dieser thematischen Schwere im Frühjahr oder Sommer zu spielen, hätte nicht gepasst. Ausserdem bilden die Gigs den Abschluss unserer Touraktivitäten für diese Platte in Deutschland.

Laut: Wie sehen die Pläne für das neue Jahrtausend aus?

Jochen Distelmeyer: Wir werden Mitte 2000 ins Studio gehen, um mit den Arbeiten für die neue Platte zu beginnen.

Laut: Gibt es schon grobe Ideen, wo der Weg hinführen soll?

Jochen Distelmeyer: Ja, ich habe ca. 16 Sachen irgendwie angefangen. Wobei ich die letzten 2 Jahre fast ausschliesslich mit "Old Nobody" beschäftigt war. Konzentriert an den Sachen arbeiten, die schon am Start sind, werden wir frühestens Mitte des Jahres.

Laut: Wann soll die Scheibe erscheinen?

Jochen Distelmeyer: 2001 ist anvisiert.

Laut: Wie arbeitet Blumfeld im Studio?

Jochen Distelmeyer: Ich habe meistens etwas vorgearbeitet, dann gehen wir in den Proberaum, entwickeln die Musik um diese Songs herum und spielen die Sachen danach im Studio ein. Das ging bisher immer recht flott. Die Songreihenfolge und das Cover stehen meistens davor schon.

Laut: Dann gibt es also schon Ideen für das neue Cover?

Jochen Distelmeyer: Ja - das Cover ist schon klar.

Laut: Verrätst Du uns, wie es aussehen wird?

Jochen Distelmeyer: Neee. (schüttelt schmunzelnd den Kopf).

Laut: Was ist die letzte Platte, die Du Dir gekauft hast?

Jochen Distelmeyer: Maxis von "Chicks on Speed" und noch anderer Kram - ich kaufe immer ziemlich viel auf einmal.

Laut: Und was ist die schlechteste Platte ’99?

Jochen Distelmeyer: Es gibt soviele schlechte Platten, die dieses Jahr rausgekommen sind. Ein sehr enttäuschender Jahrgang. Eigentlich verwundernswert, da ein thematischer Reichtum und Möglichkeiten, Musik zu spielen, besteht. Die relevanten Platten kannst Du an fünf Fingern abzählen.

Laut: Kannst Du ein paar nennen?

Jochen Distelmeyer: Blumfeld "Old Nobody" gehört dazu. Ansonsten......(überlegt)... Mensch, was war denn da noch, jetzt kann ich nicht schlafen, wenn mir nichts mehr einfällt. "Scritti Politti", naja, wirklich super Stücke drauf, aber als Album auch nicht so der Hammer. Trickys "For real" - da finde ich das Stück genial, die Platte allerdings langweilig. Ah ja, richtig, die neue Randy Newman-Scheibe. Die gehört auch zu den Tapes, die ich für die Tour aufgenommen habe.

Laut: Vielen Dank für das Gespräch.