Aus Knaartz
von Thomas

Die Liebe in den Zeiten der Marktwirtschaft

Blumfeld haben im Januar ein neues Album veröffentlicht, ihr drittes. Das ist wohl niemandem entgangen. Warum öffnen sich Blumfeld auf "Old Nobody" so konsequent dem Pop? Ist dies ein weiteres Beispiel emanzipierter Umgangsformen alternativer Gesellschaften? Und warum müssen Blumfeld immer alles übertreiben? Keine Antworten darauf von Thomas.

In einer Frühstückshalle eines Berliner Hotels mit dem schönen Namen Sorat Art am Bahnhof Zoo treffe ich mich mit Jochen Distelmeyer, dem Mann, der die Gedanken Blumfelds in Harmonien und Worte faßt. Er ist leicht nervös, ermüdet von den vielen Fragen wissensdurstiger Journalisten am Tag zuvor. Es ist 11:00 Uhr, und ich bin der erste, der ihm heute sagen darf, wie fremd es wirkt, bei einer Blumfeld Platte Assoziationen zur Münchner Freiheit zu haben, oder zu George Michael. Gar kein Problem, wie sich später herausstellen wird. Blumfeld sind doch eine Popband. Habt ihr das nicht gewußt? Die Pixies waren Pop, Nirvana waren Pop, Blumfeld sind Pop (Diskurspop für die Besserwisser). Jochen Distelmeyer jedenfalls wird an diesem Morgen einige Minuten brauchen, ehe er sich in diesem Dschungel aus New-Age-Coulor-Teppich und Einheitsgeschirr zurechtfinden wird. Was nichts daran ändert, daß Blumfeld und Distelmeyer zwei völlig verschiedene Pole sind, das wußte ich bereits. Und so wird es ein sehr entspanntes Gespräch, in dem ich meine Eindrücke und er seine Intentionen zu "Old Nobody" erklären.

Was diese Platte so groß macht ist fast schon allein die Tatsache, daß es sich um eine Blumfeld Platte handelt. Und Bands dieser Sorte gibt es nur wenige. Mir würden spontan auch nur The Beautiful South und Notwist einfallen. Groß macht eine Platte auch das Rätselraten, das Vermuten, das Abwägen von Pro und Kontra vor der Veröffentlichung. Da war bereits Ende '97 die Rede von einem neuen Blumfeld Album, dann Mitte '98. Dann hieß es, Blumfeld würden ein sehr elektronisches Album aufnehmen wollen, weil Jochen hin und wieder in Housediskotheken gesehen worden sein soll. Oder ein philosophisches, weil er auch oft in Cafes gesehen wurde, mit Zetteln und Stift. Zu guter letzt, um allen Gerüchten auf den Grund zu gehen, erfuhr ich von Alfred Hilsberg, Manager und Labelchef von ZickZack, daß es vielleicht sogar gleich zwei Alben werden könnten, ich solle mich doch überraschen lassen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, daß absolut nichts klar war.

"Old Nobody" ist grundehrlich in seiner Aussage, subtil in seiner Erscheinung und raffiniert in seiner Struktur. Es ist Blumfelds deutlichstes Album. Noch nie waren sie dem so nah, was sie schon immer am meisten beschäftigt hat: der Liebe. "Ich will, daß Liebe war wird/ ich weiß, daß Liebe war werden kann" sind Zeilen der "Ich-Maschine". Der Grundsatz war ihnen schon immer klar, allein der Weg fehlte Blumfeld, die ausnahmslose Umsetzung. Die grauen Bilder aus Abrißhäusern, umgesetzt in "Laß uns nicht von Sex reden" waren Kälte, Angst. Denn "die Angst, die du fühlst, ist das Geld, das dir fehlt". Diese Zusammenhänge sind die Sorge gewesen, von denen Distelmeyer in "Status: Quo Vadis" erzählt. Und deshalb ist "Old Nobody" Musik für eine Ewigkeit, nur eben für eine andere. Das WIE oder WARUM ist hier gar nicht wichtig. Jochen Distelmeyer ist verliebt, das reicht doch. Und diese Möglichkeit unterscheidet ihn von keinem von uns. Er hat es erkannt: "So schlägt mein Herz/ es schlägt in mir/ Stunde um Stunde/ Es schlägt für sich/ für Dich und mich/ jede Sekunde/ So lebe ich/ einer von vielen/ kein Einzelfall."

Das Album ist "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" unter den Tonträgern. Es trägt Geschichten aus 40 Jahren Popmusik, mit Anspielungen, die von Michael Jackson bis zu Leonard Cohen reichen. Eine Art Mix aus Mixtapes, die ja schon immer bei Blumfeld das zentrale Kommunikationsmittel darstellen sollten. So wie es Nick Hornby in "High Fidelity" als unmittelbaren Zugang zu "neuer" Musik benutzte, definieren Blumfeld Mixtapes als ihren konkreten musikalischen Austausch. Der Zugang von Michael Mühlhaus am Keyboard, der sonst für Dorsch und Nautic United spielt, tut dem Album unglaublich gut. Es bleibt fraglich, ob das Vorhaben, eine dem Mainstream kompatible Platte zu produzieren, ohne ihn geglückt wäre. Auch Peter Thiessen, der eigentlich bei Kante die Fäden in der Hand hält, ist ein adäquater Ersatz für Eike Bohlken, der die Band Mitte '96 verließ, um sein Studium fortzuführen. "Aus persönlichen Gründen" lautet die offizielle Erklärung, wer traut sich da noch zu fragen? Als musikalisches Denkmal oder Dankeschön - vielleicht auch nicht ist die treibende Basslinie auf "Pro Familia" keine 10 Schritte vom Stil Eike Bohlkens entfernt. Wenngleich sein Beitrag auf "Old Nobody" in "Ein Lied von zwei Menschen" verewigt worden ist.

"Singing words - words between the lines of age" "Old Nobody" ist ein unglaublich offenes Album, welches trotz aller 'positive vibrations' keineswegs als Denkmal der Hoffnung gelten kann. "Solang es Liebe gibt" hat diese zweifelhaften Harmonien, die den Grundgehalt des Liedes im Schatten stehen lassen. Auch wenn der Songtitel das letzte ist, was auf dieser Platte gesprochen wird, ist es nicht der letzte Ton. Dieser nämlich ist offen, ein unvollkommener Schluß, ein Fragezeichen. Hier ist noch nicht alles gesagt. Auch "The Lord of Song" erzählt von dieser Ungewißheit, die uns das Leben mit auf den Weg gibt. "Mein offenes Buch/ es wurde zu Stein/ zu schwer für mich." Es sind wohl diese Art Fragen, auf die auch das Alter keine Antworten geben kann.

"Maybe I'm still hurting, I can't turn the other cheek. But you know that I still love you, It's just that I can't speak." "Old Nobody" ist ein wunderbar sensibles Album. Und beinah kindisch wirken die Worte, mit denen Distelmeyer von seinen Gefühlen erzählt: "Manchmal kommt es mir vor/ als könnte nichts uns beide trennen/ dann stehst Du vor mir/ als würden wir uns ewig kennen/ Du und ich." Jede neue Liebe ist wie ein neues Leben (fällt mir da ein). Daß Blumfeld ihr gerade beschriebenes Lied von zwei Menschen auch noch am Sound der Münchner Freiheit festmachen, es gar kopieren, ist fast schon kokett. Die erste Single "Tausend Tränen tief" ist ihr "Draußen auf Kaution" anno 1999. Das sagt Jochen Distelmeyer selber. Allerdings gibt es 1999 kein Ende, alles bleibt offen, alles bleibt Liebe.

"Old Nobody" ist immer noch ein Blumfeld Album. Am Anfang war das Wort, auch auf dieser Platte. Deshalb beginnt "Old Nobody" mit den berüchtigten, von manchen gefürchteten Worten Distelmeyers. Es sind diese schweren Worte eines Menschen, der sich eben nicht nur als Musiker versteht. Auch dies ist auf "Old Nobody" spürbar: Liebe, Politik, Leben. Die drei Themen, die sich seit "Ich Maschine" durch Blumfelds Lieder ziehen. Es ist die Umsetzung gleicher Texte mit anderen Worten. Und erstmals wird beinah mehr über Blumfelds Musik lamentiert, als über deren Texte. Und das ist richtig so, denn hätten wir "L'etat et Moi" so unglaublich gut gefunden, wenn die Musik grausam gewesen wäre? Für mich ist "Old Nobody" ein aufregender Start ins neue Jahr. Zum ersten Mal höre ich Blumfeld bevor ich Samstags durch die Clubs ziehe. Ich fange an im Zimmer zu tanzen und diese angenehme Stimme zu genießen die vom Leben erzählt. Es nicht nicht mehr die Musik für Minderheiten, es ist Mainstream-Pop mit intelligenter Artikulation. Blumfeld haben bewußt überzogen, sie haben uns an der Nase herumgeführt. Sie sind deutschlands ehrlichste Boyband, und Boyband meint diesen Begriff, der irgendwann bei New Kids on... an Bedeutung gewann. "Old Nobody" erlangte mich in einer Zeit, in der auch ich mittendrin war, die Lieder dieser Lohnschreiber für eben solche Boybands (Backstreet Boys, ...) zu verteidigen. Vielleicht ist "Old Nobody" nicht die Platte, die man als allererste der Plattensammlung einem Freund/ einer Freundin vorspielt, "L'etat et moi" war eine solche. "Old Nobody" aber würde ich dafür einem Freund/ einer Freundin schenken, wenn eine Freundschaft/ eine Liebe dies verlangt.

Berlin: Sorat Art'otel, 11:00 Uhr

Knaartz: Mit dem Gedanken im Hinterkopf an unser letztes Interview vor 2 1/2 Jahren in Hannover, als du dich offen als Fan der Münchner Freiheit bekannt hast, kam mir eben diese Gruppe beim Hören von "Old Nobody" als allererstes in den Sinn. Täusche ich mich vielleicht?

Jochen Distelmeyer: Nein, keineswegs. Aber das ist nicht der einzige Einfluß wenn man so will. Münchner Freiheit ist einfach eine Band, die auf interessante Weise verzweifelt versucht haben, Popmusik im Sinne von Beatles und Beach Boys zu machen, wie ich finde. Im Rahmen ihrer Musik eben etwas visionär, anders als die meisten anderen hier. Und den Sänger finde ich ausgezeichnet, von der Stimme her. Auch die Texte finde ich zum Teil ziemlich gut. Aber das schlägt sich hörbar ja eigentlich nur bei "Ein Lied von zwei Menschen" nieder. Es gab ja immer auch Stücke von Münchner Freiheit, die ich auf Mixtapes aufgenommen habe, oder in Clubs aufgelegt. Zum Beispiel "Solang man Träume noch leben kann", ist doch ein wunderschönes Stück.

Knaartz: Obwohl ich es anfangs nicht wahr haben wollte, gibt es doch eine stete Entwicklung, also eine Linie von "Ich-Manschine" zum neuen Album.

Jochen Distelmeyer: Ja, ich sehe da auch keinen Bruch drin. Es ist doch die Fortsetzung der gleichen Ideen und Haltungen.

Knaartz: ... mit anderen Mitteln.

Jochen Distelmeyer: Ja, doch. Obwohl beispielsweise Arrangements und Kompositionen genauso sind wie auf den anderen Platten auch, es sind die selben Songs. Es ist nur anders gesungen und anders instrumentiert durch Peter und Michael.

Knaartz: Ganz so pessimistisch ist "Old Nobody" aber auch wieder nicht. "Ich-Machine" war ja eine sehr rauhe, kalte Platte. Dagegen war "L'etat et moi" schon viel hoffender, nicht so abschließend, eher lieblich. Das neue Album hebt letzteres noch stärker hervor.

Jochen Distelmeyer: Das ist interessant, so habe ich das noch nie gehört oder gesehen. Auch wenn es nicht das erste ist, woran ich selber denken würde bei der Entwicklung, ist das vielleicht so. Ich fand "'Letat et moi" schon auch viel tröstender, hoffender. Ich empfinde die neue Platte nicht mehr hoffender als "L'etat et moi".

Knaartz: Wobei es doch eigentlich unglaublich viele Textbeispiele gibt, die das widerlegen. Allein die Tatsache, "So lang es Liebe gibt" als letzten Satz erklingen zu lassen, gibt der Platte einen sehr positiven Abschluß.

Jochen Distelmeyer: Das stimmt, aber die Musik bei dem Stück ist alles andere als fröhlich, eher ein Trauermarsch. Die Art, wie Text und Musik aneinander vorbeigehen, läßt da kein eindeutiges Urteil zu. Auch "The Lord of Song" ist solch ein Beispiel, bei dem die Musik nun recht fröhlich ist, der Text aber ganz schön heftig. "Mein offenes Buch/ es wurde zu Stein/ zu schwer für mich...". Das ist schon ziemlich derbe. Auch "Mein System kennt keine Grenzen" würde ich hier nennen.

Knaartz: Was ja ein Stück ist, welches problemlos auch auf "L'etat et moi" und das erste Album gepaßt hätte.

Jochen Distelmeyer: Genau, so war das auch gemeint. Also es hat sich nicht sooo viel geändert, es ist immer noch genau das selbe wie früher auch.

Knaartz: Das würde ich aber nicht so sehen.

Jochen Distelmeyer: Es hat sich schon einiges geändert, aber nichts wo ich sagen würde, daß die Grundmotive, trotzdessen zwei neue Leute dabei sind, die einen ganz anderen Ton anschlagen, irgendwie anders wären. Die Perspektive darauf vielleicht. Dieses bekenntnishafte in unseren Texten hat es ja immer schon gegeben.

Knaartz: Gibt es denn nun Gründe dafür, daß sich an der Verständlichkeit eurer Texte einiges geändert hat?

Jochen Distelmeyer: Ich fand ja auch, daß "L'etat et moi" relativ direkt war. Das war zumindest immer meine Hoffnung. Das war die einfachste Art, wie ich das irgendwie sagen konnte auf "L'etat et moi". Als die Platte dann zu Ende war war schon klar, daß ich mit der neuen Platte alles noch mehr in die Enge treiben wollte, noch einfacher machen. Allein weil da nicht mehr so viel Text ist, ich versucht habe einen anderen Ton anzuschlagen. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Nur wenn das bedeudet, daß es vorher komplizierter war, dann würde ich das nicht sagen. Ich finde "Old Nobody" nicht weniger kompliziert als "L'etat et moi". Ich habe immer gedacht "L'etat et moi" ist die einfachste Art, wie man das sagen kann. Zum Beispiel "...die Angst, die du fühlst/ ist das Geld, das dir fehlt/ für den Preis, den du zahlst."

Knaartz: "Kommst du mit in den Alltag" ist nicht ganz von euch.

Jochen Distelmeyer: Ja, das ist von Michael Girke, einem alten Freund von mir. Er hatte früher eine Band namens Jetzt, wo wir in diesem Labelzusammenhang Fast Weltweit (u.a. auch Bernd Begemann, Frank Spilker; Anm. d. Verf.) zusammen Musik gemacht haben. Und Jetzt hatten einen Motown ähnlichen Song mit dem Titel "Kommst du mit in den Alltag". Und wir haben schon zeitgleich zur "Ich-Maschine" den Text über eine Van Morisson-mäßige Musik gespielt, bei den Konzerten. Na ja, und viele haben uns gefragt, wann wir das mal aufnehmen würden. Auf "L'etat et moi" hat es aber nicht drauf gepaßt.

Knaartz: Bei unserem letzten Interview hatte ich es so verstanden, daß Tobias Levin festes Bandmitglied werden sollte. Das ist ja nun nicht der Fall. Wird er denn bei den Konzerten dabei sein?

Jochen Distelmeyer: Das hat sich jetzt etwas anders entwickelt. Obwohl Tobias für uns enorm wichtig ist, mal abgesehen davon, daß er mein Freund ist, und er auch live für die Band musikalisch sehr wichtig war, war mir aber klar, daß, ohne zuviel Personalunion zu haben, man es irgendwie anders löst. Es war auch geplant, daß er uns auf unserer kommenden Tour begleiten sollte, aber da er seit einem Jahr sein eigenes Studio in Hamburg hat, will er natürlich auch sehen, seine eigenen Sachen, also Cpt. Kirk & wieder voranzutreiben.

Knaartz: Cpt. Kirk & soll es wieder geben?

Jochen Distelmeyer: Ja, er ist die ganze Zeit am mitdenken. Eben deshalb wäre es doof, er hätte eben keine Zeit dafür.

Knaartz: Wieder Soundgarden Studio, wieder Rautenkranz - die Macht der Gewohnheit?

Jochen Distelmeyer: Es gab schon die Überlegung, das mit einem anderen Produzenten zu versuchen. Das ist aber lange her. Durch den personellen Wechsel der Band, war es dann aber auch nicht unbedingt notwendig. Außerdem hatte ich im Blick, diese Platte einigermaßen Mainstream-Pop-mäßig musikalisch zu halten, was ja auch eine klangliche Veränderung ist. Chris ist halt jemand, der es sehr genau verstehen kann, was wir vorhaben, und der neben seinen beeindruckenden Fähigkeiten jemand ist, mit dem man unglaublich angenehm zusammenarbeiten kann. Er ist schon sehr wichtig für diese Band. Es kann natürlich sein, daß man es bei der nächsten Platte mal mit jemand anderem versucht. Bei "Old Nobody" war es aber a) nicht notwendig, und b) gar nicht anders vorstellbar. Was er für eine Ruhe ausgestrahlt hat, als wir im Studio waren, das war enorm, ja.

Knaartz: War Michael Mühlhaus das Mittel, um den erwähnten Mainstream-Pop realisieren zu können?

Jochen Distelmeyer: Überlegungen, wie man die Band erweitern kann, obwohl man immer noch dasselbe macht, gab es schon zu Zeiten, als Eike noch in der Band war. Genauso wie Tobias die Band als zweiter Gitarrist live erweitert hat, also in eine andere Richtung verschoben hat, war das die Überlegung zu schaun was passiert, wenn man immer mehr Leute in die Band holt. Damit ging natürlich einher, daß mir sehr früh klar war, daß es musikalisch so werden wird, wie ich die Band immer schon gesehen habe, wie eine Popband. Auch bei den Platten vorher schon, auch wenn die viel rauher klingen. So wie diese Platte klingt hat es sich auch angefühlt, "L'etat et moi" zu machen. Da dachte ich auch schon, "L'etat et moi" ist eine Pet Shop Boys Platte.

Knaartz: Was macht ihr, wenn ihr nicht in Sachen Blumfeld unterwegs seid? Also die meiste Zeit der letzten vier Jahre.

J:Also wir sind schon ziemlich lang unterwegs gewesen, sowohl mit Eike, als auch ohne ihn. Auch um Peter einzuarbeiten, um zu sehen, wie es mit ihm als Typ funktioniert auf Tour: im Tourbus sitzen, im Hotel abhängen, mit den Gags und Mixkassetten vorspielen. Was auch die Hauptsache ist. Die Band eben neu sozial zu ordnen. Das hat sich auch alles eingespielt. Ich lege zeitweilig Platten auf. Andre jobt nebenher, hat auch noch diverse Bands. Halberstadt zum Beispiel. Michael jobt auch noch im Cafe' und hat auch diverse Konzerte mit Kante zusammen gemacht.

Knaartz: Hat "Eines Tages", da es ja am Anfang der Platte steht, eine Art erzieherische Funktion, um den Musikhörer ein breiteres Spektrum von "Kunst/ Kultur" näherzubringen? Stichwort: Brüllen.

Jochen Distelmeyer: Nein, eher nicht. Für mich ist "Eines Tages" auch musikalisch gedacht. Für mich ist das nicht Lyrik oder Poesie. Es ist nur ein Teil von dem, was die Band auch immer ausgemacht hat. Angefangen bei der ersten Single mit dem Sprechstück, das wir später vertont haben. Über "L'etat et moi" bis hin zu "Eines Tages". Dieses Stück sollte auch deshalb am Anfang sein, um den Hintergrund darzustellen, vor dem die Musik dann erklingt und sich entwickelt. Wenn man den Text später gebracht hätte, wäre es eher das Ergebnis, was es vielleicht ja auch ist, oder? Es sollte eine Einleitung für die Musik sein. Musik mit noch weniger Mitteln. Also das Tempo etwas herauszunehmen und das dramaturgisch etwas anders zu gestalten, irgendwie. Es hat vielleicht eine etwas abschreckende Funktion für Leute, die es für normal halten, daß da wo Musik draufsteht auch Musik drin ist sein muß. Deswegen sage ich, das ist auch ein Musikstück, nur das man die Musik eben nicht hört. Beziehungsweise nur den Rhythmus und die Melodie der Worte. Genauso wie "L'etat et moi" auch ein Musikstück ist.

"And even though
it all went wrong
I'll stand before the Lord of Song"
("Hallelujah", Leonard Cohen)