Aus Jungle World #22, 2001
von Olaf Neumann

»Wir denken wie Martin Luther King«

Auf ihrem neuen Album »Testament der Angst« beschäftigt sich die Hamburger Band Blumfeld zwar verstärkt mit der Liebe, bleibt aber ihren politischen Anliegen treu und spricht das aus, was viele mal gesagt haben, aber heute nicht mehr zu denken wagen.

Mit dem Gründungsmitglied von Blumfeld, dem Schlagzeuger André Rattay, unterhielt sich Olaf Neumann.


Ursprünglich war Rock'n'Roll eine Reaktion auf das Establishment. Will Blumfeld den Rock zurück zu seinen Wurzeln führen?

In unseren Texten geht es nicht nur um Politik, auch um Alltagserfahrungen. Zum Beispiel der Zweifel an einer gesellschaftlichen Entwicklung, die derzeit überhaupt nicht angezweifelt wird: Uns geht es ja ganz gut, Arbeitslose sind sowieso faul, dazu haben sie aber längst nicht das Recht. Wir wollen diese Strömungen aufzeigen und gleichzeitig daran erinnern, wo wir und ähnlich denkende Menschen herkommen. Die Leute sollen sich bei unserer Musik aufgehoben und verstanden fühlen. Ein Sprachrohr sind wir deshalb aber nicht. Von wem auch - etwa den verstreuten Restlinken?

Wir sehen uns garantiert nicht als bierernste politische Band mit einem bestimmten Programm oder Masterplan. Eher verhalten wir uns als politisch denkende Menschen in ganz normalen Alltagssituationen. Ob man den Abfall trennt, Fahrrad fährt, bestimmte Zeitschriften, Bücher, Konzerte, Platten oder Filme konsumiert - das sind auch alles politische Entscheidungen.

Songs wie »Graue Wolken« oder »Eintragung ins Nichts« klingen nach Kapitulation. Sind die Linken gescheitert?

Jeder kennt das Gefühlt, durchgesumpft zu haben oder mal schlecht drauf zu sein, weil seit drei Monaten die Sonne nicht mehr scheint. Man wacht auf und denkt: Ey, ich kann nicht mehr, ich habe einfach keinen Bock! Aber das ist doch ein ganz normales Gefühl. Ich möchte nicht wissen, wie viele Millionen Menschen sich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit richtig scheiße fühlen, aber trotzdem nichts an ihrem Dasein ändern. Wir aber denken da wie Martin Luther King: Wenn morgen die Welt untergeht, würden wir heute noch einen Apfelbaum pflanzen. Zwar sind wir nur ein Staubkorn im Universum, aber das ist noch lange kein Grund, hier alles den Bach runtergehen zu lassen. Ich kenne Zeiten, wo es noch Utopien und Modelle von sozialer Gerechtigkeit gab. Daran sollen unsere Songs erinnern.

Wollt ihr mit kitschigen Stücken wie »Wellen der Liebe« das Schlagertext-Gefüge ins Wanken bringen?

Wenn Maria Carey »Always Be My Baby« singt, ist das vielleicht Kitsch pur. Wenn Jochen »Weil es Liebe ist« singt, ist das eine Beobachtung von Liebe und Partnerschaft im Alltag. Dazu gehören auch die Reibungen. Das findest du weder im Schlager noch in englischen Pop-Texten.

Bei der letzten Platte »Old Nobody« haben sich Blumfeld auf Mainstream-Popper wie George Michael und die Münchner Freiheit berufen - eine Verirrung?

Hör mal die alten Wham-Scheiben oder George Michaels Soloplatte »Listen Without Prejudice« - ganz toll! Auch die Münchner Freiheit hat gute Stücke gemacht. Das muss man einfach anerkennen. Avantgardisten wie Captain Beefheart oder Glenn Branca sind aber genauso Einflüsse von uns.

Habt ihr eigentlich schon mal einen Text eures Sängers Jochen Distelmeyer abgelehnt?

Früher ist das passiert. Aber nach all den Jahren mit Blumfeld, in denen wir unheimlich viel gemeinsam erlebt haben, haben wir ein Grundverständnis entwickelt. Wir unterhalten uns über Filme, tauschen Mix-Kassetten aus, oder ich kriege mal ein Buch von Thomas Bernhard zugesteckt.

Blumfeld gilt ja als die letzte aller Independent-Bands. Ist der Unabhängigkeitsgedanke heutzutage überhaupt noch relevant?

Anscheinend zerbrechen sich nur noch Blumfeld-Fans über sowas den Kopf. Ich finde es aber gut, dass Leute an dieser Entwicklung teilnehmen. Das hat ja nichts mit einem bestimmten Sound zu tun. Auch wir haben mit Feedback-Krach à la Smashing Pumpkins und Garbage angefangen. Diese Bands gehören heute aber zum Mainstream.

Echte Unabhängigkeit bedeutet, sich von den Marktströmungen zu lösen. Wenn man sich heute bewusst abheben will, müsste man eigentlich die Musik von Tina Turner aus den achtziger Jahren machen. Witzig fände ich, einmal einen Song im Stil der Gebrüder Blattschuss aufzunehmen. »Kreuzberger Nächte sind lang« eröffnet das Album »Testament der Angst« - und plötzlich kaufen alle Proleten die neue Blumfeld-LP.

Könnte schon bald passieren. Das neue Album wird immerhin vom Konzern Warner Music vertrieben. Lässt sich Blumfeld jetzt von der Industrie vereinnahmen?

Wir sind zwar bei Warner, arbeiten aber trotzdem weiter mit Alfred Hilsberg und seinem Indielabel Zick Zack. Die Bedingungen lassen wir uns nicht diktieren. Songauswahl, Video, Artwork - das machen wir alles selbst. Und wenn die Rahmenbedingungen stimmen, spielen wir auch schon mal einen Fernsehauftritt wie kürzlich bei »Top Of The Pops«.

Welche Erfahrungen habt ihr denn bei eurem ersten Fernsehauftritt gemacht?

TV ist ein gutes Beispiel dafür, wie Pop als Wirtschaftszweig funktioniert. Man kann dabei lernen, welche Qualitäten man dafür braucht: weniger künstlerische, eher telegene. Umzingelt von animierten Schülerhorden, musst du auf die Kamera zugehen und den Leuten da draußen zeigen, dass du ehrlich und aufrichtig bist. Wenn das funktioniert, steht einer großen Karriere nicht mehr viel im Wege - wenn du nur über den richtigen Produzenten, Songschreiber und Visagisten verfügst. Wir würden sowas niemals mitmachen, aber es war trotzdem eine interessante Erfahrung. Wovor ich wirklich Angst habe, ist eine Generation, die nur noch auf bunte Bilder und Entertainment abfährt. Ich bin erstaunt, dass darüber innerhalb der Musikerszene gar nicht diskutiert wird.

Lässt sich Blumfeld für politisch korrekte Aktionen vereinnahmen?

Wir haben keinen Bock auf parteipolitische Geschichten, lieber Benefizkonzerte für selbstverwaltete Jugendzentren oder Auftritte bei Anti-Nazi-Veranstaltungen in den neuen Bundesländern. Sowas spielen wir alle naselang.

Wer deutsche Texte singt, hat eine moralische Verpflichtung zu politischer Stellungnahme. Wie stehst du zu dieser Aussage?

Eine derartige Verpflichtung besteht durchaus, das hat aber nichts mit der deutschen Sprache zu tun. Wir verstehen uns auch nicht ausdrücklich als deutsche Band. Jeder Künstler ist auf gewisse Weise Teil eines weltumspannenden Patchworks. Ob nun Bob Dylan, Captain Beefheart, George Michael, Syph oder Hanns Dieter Hüsch - von diesen Leute habe ich in der Vergangenheit meine Kicks bekommen, und ich gebe sie an andere Menschen weiter. Wenn wir als Menschen weiter zusammen leben wollen, brauchen wir einen ethischen Wertekatalog. Leider ist das zur Zeit kein besonderes Thema. Ich finde es zum Beispiel extrem verwerflich, wie sich Staat und Wirtschaft bei den Zahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter verhalten. Ich frage mich nur, wo all die Leute geblieben sind, die früher auf die Straße gingen.

Hast du gegen den Castor protestiert?

Am Tag X habe ich mich den Protesten angeschlossen. Das war wie eine Zeitreise. Vor 20 Jahren war ich Punkrocker, und es gab immer diese kulturellen Spannungen zwischen den Punks und Hippies. Die Demonstranten sehen noch immer genauso aus und singen die gleichen Lieder wie damals. Die Lieder sind zwar scheiße, aber es ist ja für eine gute Sache.