Aus Jungle World, 27. Januar 1999
von Harald Peters

Dummes Ding

Das neue Blumfeld-Album "Old Nobody" und was es nicht bedeutet

Die alte Tante Diskursrock, eigentlich hatte man sie schon fast vergessen. Einst entdeckte sie die neue Innerlichkeit und hielt das öffentliche Singen über relativ durchschnittliche Gefühlsdinge für hochgradig politisch. Sie bestellte Scharen desorientierter Indierock-Hörer an die Bücherregale, um dort nach dem tieferen Sinn des Lebens zu suchen.

Körper, Liebe, Geld - was macht das mit mir? Als Antwortgeber wurden ebenso postmoderne Theoretiker wie einschlägige Popstars herangezogen. Madonna, Elvis, Kunze. Oder Godard, Rilke und Marcus. Es wurde ein vieldeutiges Beziehungsgeflecht entworfen, in dem alles seinen Platz hatte und irgendwie immer etwas bedeuten könnte.

Strenggenommen führte das alles zu nichts. Doch zunächst sah man eine Legion von Studenten und Gymnasiasten über bandwurmlange Theweleit-Sätze grübeln, sah sie sich immer tiefer in ihre Symbolwelten zurückziehen und schließlich verschwinden hinter einem riesigen Berg aus Fachliteratur und Autorenfilmen. Diskursrock war zu diesem Zeitpunkt zu sich selbst gekommen und hatte sich damit überlebt.

Das war auch der Moment, in dem Blumfeld sich hätten eigentlich zu den Akten legen können. Doch fünf Jahre nach "L' Etat et Moi" ist es wieder wie damals. Blumfeld sind Platte des Monats, sind auf den Titelblättern, sind auf MTV und Viva, sind auf Berlin 88,8, dem Schlagersender des SFB. Blumfeld machen jetzt Pop, heißt es. Sie seien jetzt ganz anders, mehr so eingängig, so radiotauglich gewissermaßen. Doch das ist falsch. Blumfeld sind haargenau wie früher. Sie hören sich bloß anders an. Der Schrammelrock auf Drei-Akkord-Basis ist verschwunden, die Gitarren und der deklamatorische Gesang auch. Statt dessen haben Blumfeld jetzt Keyboards und schweben in süßlichen Sphären. In der ersten Singleauskopplung von "Old Nobody" klingen Blumfeld exakt wie George Michael in "Jesus To A Child". Jochen Distelmeyer singt im Timbre der Liebe ambitionierten Schlager: "Komm zu mir in der Nacht / wir halten uns umschlungen / bis der Tag erwacht / küß mich dann / wie zum ersten Mal".

Im Video sieht man ihn Helmut Berger (Schauspieler, Skandalnudel, Biograph) schmachtend gegenübersitzen. Für die schwer kommerzfeindlichen Blumfeld-Hörer eine harte Nuß, doch Jochen Distelmeyer kann noch härter. Neuerdings gibt er in Interviews zu Protokoll, daß man bei Blumfelds die Schlagerband Münchner Freiheit schätzt, diese Schwabinger Spätgeburt der Neuen Deutschen Welle in cremefarbenen Miami Vice-Anzügen mit Schulterpolstern. Das provoziert Ahnungen. Man sieht die Heerschar der aus dem Seminarschlaf geküßten Diskursrock-Freunde schon vor sich, wie sie sich am verstaubten Plattenschrank der älteren Schwester zu schaffen macht und die Singles der Münchner Freiheit noch einmal auf ihre Tauglichkeit hin überprüft.

An anderen Stellen machen es Blumfeld den Hörern leichter. "Old Nobody" ist eine Annäherung an Gitarrenpopbands vom Schlage der Lightning Seeds, von Prefab Sprout und Aztec Camera. Die Songs sind stimmungsvoll angereichert mit Streichern und Synthies, und hier und da verziert mit reichlich Yeah Yeahs! und Bah Bah Bahs! Das ist im Ergebnis ganz ordentlich und klingt wie leicht verdaulicher Britpop deutscher Kleinstädte, wären da nicht diese Texte. "Old Nobody" hat drei Themenschwerpunkte. Zum einen die Sache mit dem Comeback der alten, beinah vergessenen Stars - ein Zitat aus Prefab Sprouts "Andromeda Height". Dann die Problematik der Kommunikation zwischen dem Du und dem Ich, hinsichtlich der eigenen Geschichte, die sich anhäuft (Distelmeyer-Sprech). Und schließlich die Vereinfachung und Entspannung im Textbereich.

Das Dumme daran ist, daß die Originalität von Punkt eins und zwei recht überschaubar ist und Punkt drei nicht klappt. Der einzige Text, dem man noch eine gewisse Lockerheit nachsagen kann, nämlich "Kommst Du mit in den Alltag", stammt aus einem alten Song von Jetzt, der Rest ist verquaster Unfug: "Status: Quo Vadis / stets dem Leben zu / hüten wir die Schwelle zwischen Ich und Du / Sorge braucht Zusammenhänge / Zärtlichkeit braucht Zeit / Musik für eine andere Wirklichkeit" ("Status: Quo Vadis"). Oder: "Das zwischen dir und mir / wir brauchen Worte dafür / weil wir uns gleichen / und doch unterschiedlich sind" ("Ein Lied von zwei Menschen").

Die Spice Girls, die Backstreet Boys oder Xavier Naidoo können sowas besser. Die vorgeschobene Ernsthaftigkeit ist hier durch die doppelt ironische Wendung schon wieder reaktionär. Die pubertäre wird Geste berechnend vorgeführt. Blumfeld sind keinen Meter Pop, weil sie zu lang darüber nachgedacht haben, wie sie Pop werden könnten. Pop ist leicht, ist mißverständlich, ist oberflächlich, mehrdeutig und plakativ und billig. Blumfeld sind eindimensional und tiefschürfend, kalkuliert und eindeutig. Blumfeld haben kein Geheimnis, die Münchner Freiheit hat Tausende.

Ihre Leichtigkeit ist nur verkrampft, weil hinter "Old Nobody" der unbedingte Wille zum Klassiker steckt. Selbst "Tausend Tränen tief" fällt als der beste Song des Albums Meilen hinter sein Vorbild zurück. Ein derart perfekt austariertes Stück Musik wie George Michael abzuliefern, sind Blumfeld dann eben doch nicht in der Lage. Zumal die Herangehensweise mit "Old Nobody" anspruchsvolle Popmusik abzuliefern, schon relativ eklig ist und ein dummes Achtziger-Jahre-Ding. Blumfeld sind Teil eines erlöschenden Zeichensystems.