Aus Intro #61, Februar 1999
Autor: Jochen Bonz
Blumfeld [Nobody's Glück]
Im Hotel 'Hafen Hamburg', über den Landungsbrücken, ist es trotz Mittagszeit im Januar beinahe
so dunkel wie draußen im Regenwetter. Von meinem Warteplatz aus, der beim Eingang liegt und an
der Bar, auf der ein Glas Tee steht, sehe ich Jochen Distelmeyer an einem Tisch am Fenster. Er
raucht und redet auf eine Journalistin ein. Sie sind der hellste Ort im Raum. Ist 'Old Nobody'
... Gott? Kann aber auch sein, daß die anderen recht haben: die ihn vor fünf Jahren anbeteten
und heute sagen, die neue Platte klinge stellenweise nach Pur, ein anderes Mal wie George
Michael, und alles in allem sei das doch ... ja, Achselzucken. Genau, der Unterschied zwischen
'Ich-Maschine' (das identitätsstiftende Debüt von '92) und 'L'Etat Et Moi' (das Meisterwerk,
'94) einerseits und dem neuen Album ist, daß die ersten ein klares Ja! oder Nein! provozierten.
(Eher ein Ja!) 'Old Nobody' dagegen ruft nicht zum Appell und möchte nicht religionsstiftend
sein - Achselzucken doch wohl aber auch nicht!
Mixtapes
Blumfeld - und tatsächlich versammelt sich die Band im Laufe des einstündigen Gesprächs
komplett um den Restauranttisch: die Alten (Distelmeyer [Gitarre, Gesang, Songwriting] und
Andre Rattay [Schlagzeug]) und die Neuen (Peter Thiessen von Kante [Baß], Michael Mühlhaus
[Keyboards]) - Blumfeld also sind bemüht, zwischen damals und heute eine Kontinuität zu
entfalten und stark zu machen. 'Der Ort der Musik' sei derselbe ... Eine Formulierung, die
Jochen, der an diesem Tisch schon so auftritt, wie man das eben nennt, was sich im Umgang
mit intellektuellen Anführertypen erfahren läßt, sogleich ergänzt. Er meine damit nicht die
Musik, 'die wir' da tatsächlich 'hören', sondern eben 'die Position, von der aus das gespielt
wird, also auch die gefühlsmäßige und gedankliche Einstellung zu den Dingen.' Auch was die
Einflüsse angehe, habe sich nicht viel geändert. 'Abgesehen davon, daß halt ein paar gute
neue Platten von ihnen veröffentlicht worden sind.' Okay. Beispiele später. Und jetzt die
Frage: Wie arbeitet denn diese Band eigentlich?
An Mixtapes entlang integriert sie sich. Alle Beteiligten betonen, die Neuformation der Band
nach dem Ausscheiden von Eike Bohlken als Bassist, '96, habe die Notwendigkeit mit sich
gebracht, ein neues 'Bandgefühl' herzustellen. So etwas wie 'wie man miteinander umgeht,
wie sich das anfühlt, zusammen auf der Bühne oder im Proberaum zu stehen' (Peter Thiessen).
'Wie man sich so verhält gegeneinander, das mußte man komplett neu machen', sagt Jochen. Die
'Hauptarbeit' habe dabei im Tourbus stattgefunden, 'beim sich gemeinsam Mixtapes Vorspielen'.
Das Mixtape als Bild für Blumfeld-Arbeitsvorgänge und -Funktionsweisen hat noch weitere
Bedeutungen. Zum einen steht es für Jochens DJ-Erfahrung, die, vom 'Pudel Club' ausgehend,
in den letzten Jahren gar nicht mal so wenig Platz in seinem Leben eingenommen haben soll.
In diesem Zusammenhang und in der Formulierung 'Ich habe das so verstanden, wie man Mixtapes
aufnimmt' steht es dem DJ-en als Kunst und Fingerfertigkeit gegenüber. Zweitens, bezüglich
der Band - wobei, das muß noch angemerkt werden, Jochen die Banderfahrung definiert als
'unterwegs sein, rumfahren, geil Essen gehen und Konzerte spielen' -, bedeutet Mixtapes,
daß einem Lieblingsstücke entgegentreten. 'Das verdichtet sich immer mehr. Und die läßt
man dann näher an sich ran.' Und schließlich 'fließt das da einfach so rein.' Ins neu
Entstehende.
Drei Kriterien habe er für das neue Album schon längere Zeit im Auge gehabt: 'einfachere
Texte; Gesang machen, so voll; und von der Art, wie die Songs laufen sollten: so
Mainstreampop-mäßiger.' - Läßt sich das denn heute noch bestimmen, Mainstreampop? -
'Einen Mainstreampop, wie man ihn aus den 80ern kannte, den gibt es so nicht mehr. Also
MAIN-STREAM. Trotzdem gibt es ja bestimmte musikalische Ansätze von Leuten, die immer noch
Platten machen - Robert Palmer, Michael Jackson, George Michael und ich weiß nicht wer
alles -, die sich diesem Mainstreampop-Idiom der 80er, ja, nicht verpflichtet fühlen,
aber daraus entwickeln die sich ja.'
Mainstreampop-Offenheit
Blumfeld haben Prinzipien, und die sind strange. Man muß sich das so vorstellen: die meiste
Zeit drückt sich einer ziemlich kompliziert aus, der Texter nämlich, der den
Interpretationsspielraum verständlicherweise ganz weit auf lassen möchte. Etwa,
weil er der Ansicht ist, daß Widerstand, oder Politikmachen, heute heißt, eine Sprache
zu sprechen, die in ein und demselben Moment scheidet und versöhnt. Oder, daß Lyrics
Poesie im Sinne von Kristevas Begriff von Semiotischem sein müssen, um überhaupt eine
Chance zu haben, sich der symbolischen Ordnung der Welt zu verweigern. So hört sich das
gut an, vorausgesetzt, man vermag sich etwas darunter vorzustellen. Auf diesem Niveau
funktionieren Blumfeld. Aber man sollte nicht den Fehler machen, sie um Konkretisierungen
zu bitten, denn dann wird's schnell banal.
Muß nicht sein. Statt dessen: Blumfeld fordern im Prinzip einen furchtbar offenen, ganz
und gar ernsthaften und ausgesprochen ums Musikmachen kreisenden Musikbegriff ein.
Festlegungen oder Abgrenzungen erscheinen da als 'Problem'. 'Reaktionär' ist jedenfalls
kein Fremdwort in Jochens Wortschatz. Aber man kann sich doch auch nicht alles anhören!
'Man kann aber schon ziemlich viel hören!' Peter Thiessen: 'Also, für mich stellt das
Sich-Auseinandersetzen mit Musik schon eine Art Verpflichtung dar - einfach, um verantwortlich
mit Musik umgehen zu können oder das sozusagen ein Stück weit auch wissenschaftlich zu betreiben.
Und da geht es für mich in erster Linie darum, hören zu lernen, also tatsächlich: Musik hören
lernen. Und darüber findet das Wege in den eigenen Körper und das eigene Fühlen.' Vehement
sprechen sie wider oberflächliches Sampling, das das, 'was da von jemandem in Erfahrung
gebracht worden ist', damals auf diese Weise formuliert werden mußte aufgrund bestimmter
Entscheidungen (oder Zwänge), nicht verstehen möchte. Denn SIE wollen es verstehen. Wollen
noch viele-viele Mixtapes hören. Wollen alles interessante Musikmachen erleben. Wie auch
immer man das 'interessant' dann bestimmt ... Man verläßt sich wohl auf sein Gefühl - und
landet schließlich bei Eighties-Pop.
WOW!
Wirklich: Wow! Wenn ich in letzter Zeit Songs gehört habe, die mir etwas bedeuten, dann
sind es Stücke wie 'Tausend Tränen Tief' und 'The Lord Of Song'. Auf ihrem Weg, sich in
offenen musikalischen Räumen zu verlieren, um was weiß ich was zu finden, haben Blumfeld
das hingekriegt. Was mir besonders gefällt, ist, daß in 'The Lord ...' eine dermaßen offene
Situation, eine derart verlorene nochmals in Worte gefaßt wird, und gleichzeitig hängt der
Himmel voller Geigen: Die Welt stirbt dem Erzähler weg. Er sieht seinen alten Körper, der
er nicht mehr ist. Denn er ist weg, draußen, Gespenst. Und ausgerechnet dort, außerhalb von
Welten, im Nirgendwo des Symbolischen, findet er die große Liebe. Das Glück. Als nobody. Total
seltsam.
Jochen Distelmeyer findet diese Interpretation - der Text selbst verlangt nach ihr, das ist
gar keine Frage -, nun ja, sie ist ihm nicht geheuer. Er hat sie nicht bedacht. Nur gemacht.
(Ciao, Autor!) Aus Elektro-Pop. Aus irgendwelchen Gründen läßt sich das ästhetisch nur auf
diese Weise realisieren. Ob es was mit dem Alter (um 30), ob es mit einer Generationserfahrung
zu tun hat? Heißt die, daß eine bestimmte Kombination aus Sounds und Melodiösität =
Nobody-Glück bedeutet?
Aber nobody gibt hier ein Glücksversprechen. 'Ich glaube, das ist in bezug auf die Texte
ziemlich wichtig. Weil, das ist wohl der Punkt, an dem man sich scheiden kann: ob man das
tatsächlich als Versprechen auffaßt', meint Michael Mühlhaus. Nachdem Andre Rattay bereits
erklärte: 'Es ist kein Versprechen, das gegeben wird. Es geht um die Arbeit daran, also
darum, sich diese Perspektive zu erarbeiten, daß es Hoffnung gibt, daß so etwas wie
Hoffnung entstehen kann.' Nein, geschenkt wird einem von Blumfeld nichts.
Einen Abend nach dem Restauranttisch ist Peter Thiessen an einem DJ-Battle des Fanzines
'[Sic]korski' in der Szenekneipe 'Schilleroper' beteiligt. Schanzenviertel. Er spielt
das Blumfeld-Stück 'Pro Familia', danach 'Billie Jean', und so geht's gerade weiter. So
sind Blumfeld, okay? Selbstbewußt, funky, Pop! Knapp 20 Musikleute machen mit, spielen
Rock und so. Thiessen holt den ersten Platz. Mit den alten Hoffnungmachern. Die Erinnerung
an sie, recalled, birgt den Grund, weshalb die neue Blumfeld nicht nur Achselzucken, sondern
im Achselzucken super ist. Dann, wenn sie in Richtung Pet Shop Boys, Prefab Sprout, Grace
Jones ... Man wird dann - von irgendwoher -, nein, nicht zur Ordnung gerufen. Nur ganz
beruhigt und froh.