Aus Intro, Mai 2001
Autor: Sven Opitz


Zeichen und Fleisch zugleich

Der folgende Text geht von zwei unterschiedlichen Orten aus. Eine Person entschließt sich, plötzlich "Ich" zu sagen und erinnert sich. Die Schrift und die Gedanken tragen sie zu der Hamburger Band Blumfeld. Fast zeitgleich erscheint deren viertes Album mit dem Titel "Testament Der Angst". Es handelt von Politik und Liebe, von den anderen und einem selber: ein Album mehr, das dich festhält. Schließlich stoßen diese zwei Positionen aufeinander und finden keine Übereinstimmung. Das Protokoll dieser Begegnung stammt von Sven Opitz.

Ich/Maschine.1

Jemand entscheidet sich, "Ich" zu sagen. Nicht direkt, um nun jeden mit seinen eigenen Idiosynkrasien zu belästigen, sondern nur um für einen kurzen Augenblick zu sehen, wie sich das anfühlt, so als ein einzelner für alle sichtbar die Sprache sprechen zu lassen. Und dabei den Problemen bei ihrer Entstehung zusehen zu dürfen. Denn wer spricht jetzt eigentlich genau? Sprechen zwei auf einmal oder sind diese Zwei in Wirklichkeit noch viel mehr als zwei? Wie finden Sprache und Ich zusammen?

Als ich Blumfeld jedenfalls das erste Mal hörte, da hatte ich noch ganz andere Probleme. Ich war 16, meine Lieblingsbands waren Dinosaur Jr. und Sonic Youth. Oft hatte ich ein Skateboard bei mir und die Haare kinnlang. Ein heutiger Freund würde die Lage etwa so beschreiben, dass alle Zeichen für mich damals eine feste Bedeutung besaßen. Ich war fest in einer Welt identifiziert und irritiert von diesem Sänger. "Und ich heiß' Jochen", das sang er und trug dazu ein T-Shirt mit der Aufschrift "Ich-Maschine". Die Augen in einem blassen Gesicht mit ungewöhnlichen Konturen geschlossen, insistierte die klare Stimme in einem nahezu unaufhörlichen Redefluss auf etwas, das ich nicht verstand. Sie machte ihre eigene Vehemenz spürbar, ein leidenschaftlicher Sprechgesang eingebettet in Schichten von Gitarrenakkorden. Seit diesem Abend bin ich durch den Text/Musik-Körper von Blumfeld hindurchgegangen, ohne jemals anzukommen.

Angst

Das aktuelle Album von Blumfeld trägt den Titel "Testament Der Angst". Aber die Angst selbst hat wohl noch niemand gesehen, höchstens die Formen, die sich im Medium der Angst herausbilden. Manchmal sind sie als Inschriften den Individuen eingeprägt: eine verkniffene Geste oder ein nervöses Zittern. Sie sind das unendlich Kleine der Gewalt. Sie sind die Spuren der Nacht, die einige Menschen mal wieder nicht schlafen ließ.

Die im Medium der Angst verdichteten Formen erzeugen also eine Sichtbarkeit der Angst. Allerdings wird diese Sichtbarkeit selbst wiederum nicht gerne gesehen. Denn Angst gilt dem herrschenden Verständnis zufolge als etwas Privates. Auch wenn die Angstneurosen das Ergebnis eines unbefriedigenden Arbeitsalltags sind, in dem viele Menschen gezwungen sind, für wenig Geld Dinge zu tun, auf die sie keine Lust haben, müssen diese Angstneurosen zu Hause ausgelebt werden oder zumindest hinter den verschlossenen Türen psychotherapeutischer Einrichtungen. Die Öffentlichkeit, die traditionell auch die Sphäre des Politischen ist, hat jedenfalls von ihnen frei zu sein.

Zugleich wird der Angst mit Unverständnis begegnet. Man möchte von der Person, die Angst leidet, wissen, was denn so schrecklich sei, dass man davor Angst haben müsse. Der Psychoanalyse Freuds zufolge zielt aber auch diese Frage ins Leere, weil die Angst zuallererst eine freie, nicht an ein Objekt gebundene Angst ist. Sie erscheint als Produkt einer psychischen Hilflosigkeit. Deshalb gibt es gegen Angst kein einfaches Argument. Man kann sie nicht wegbefehlen. Wer Angst hat, hat alle Argumente auf seiner Seite, und die eingebildete Rationalität des unverständigen Gegenübers ist wertlos.

In dem Titelstück "Testament Der Angst" dokumentiert sich eine solche Angst. Sie richtet sich zwar gegen konkrete Dinge, zielt dabei aber in alle Richtungen. Die Person, die dort spricht, hat Angst vor den Reichen. Aber auch vor den Armen. Angst vor dem Alleinsein und vor den Leuten. Angst in jeder Beziehung. Die Angst wird geradezu tautologisch und zeugt damit von ihrer eigenen Beschaffenheit.

Jochen Distelmeyer: "Was mich interessiert hat, war die Vorstellung eines Vermächtnisses aus Angst. Dass da jemand schreibt: Ich habe Angst davor, wie es weiter geht. Aber auch, dass das Testament die Überwindung der Angst im konkrete Song darstellt. Die Angst hat ihr Testament verfasst, in dem die Dinge genau beschrieben sind. Damit wir uns nicht missverstehen: dass die Ängste immer da sind, dass sie eine bestimmte Funktion erfüllen und dass es auch gut ist, dass sie da sind - damit wird auf der Platte nicht gebrochen. Die Platte ist nur ein Versuch, darauf aufmerksam zu machen, wie in einer kapitalistischen Gesellschaft Angst als Mittel der Einschüchterung der Individuen eingesetzt wird, wie systematisch vom Kapitalismus Verlassenheit produziert wird. Das geht so weit, dass man sich selber verlässt. Die Menschen werden gefügig gemacht durch den permanenten Anspruch, flexibel zu sein. Hier bekommt der Bereich der Angst eine gesellschaftspolitische Dimension und gipfelt dann in Panik. Aber was ist Panik? Die Leute haben vielleicht Panik davor gehabt, dass die Computer bei der Jahresumstellung alle abstürzen. Und sagten dann, alles klar, ist ja nicht passiert, alles in Ordnung. Aber das, was die Leute die ganze Zeit begleitet, das hat gar keinen Raum mehr, in den es hinein sprechen kann, weil scheinbar alles schon geklärt und überstanden ist."

Ich/Maschine.2

"Ich-Maschine" hört von seinem Gestus her so schnell nicht auf, direkt in das Gesicht seiner Hörer zu sprechen, wobei das Album insgesamt monolithisch und kompakt wirkt. Es ist auf diese Weise für mich der Inbegriff einer kolossalen Jugend: wütend und schlau. Dagegen besitzt "L'etat Et Moi" die Form eines verzweigten Geflechts. Von einem Sprechtext, der in der Mitte des Albums platziert ist, greifen die textlichen und musikalischen Themen nach allen Seiten hin aus. Jeder Punkt führt zu jedem anderen.

Ich war 1994, als "L'etat Et Moi" erschien, noch an der Produktion eines handkopierten Fanzines beteiligt, von dem jeweils höchstens 200 Exemplare verkauft wurden. Im Gegensatz zum "Focus" bekamen wir ein Interview mit Blumfeld, was uns damals sehr beeindruckte. Der Auftritt am gleichen Abend gehörte dann zu den unvergesslichen Momenten, die Popmusik manchmal zu schenken bereit ist. Die Band begann als Trio, bis schließlich Tobias Levin während des Stückes "Penismonolog" auf die Bühne kam und die statischen Soundwände mit Gitarrenfeedbacks ausstaffierte. Der Klang stand nicht nur im Raum, sondern schuf diesen geradezu in seinen sinfonischen Dimensionen, und Distelmeyers Stimme war ein eindringlicher Teil von alledem: "Auf dass die anderen aufhören / mit sich selbst zu reden."

Politik

Wahrscheinlich gibt es nur wenige diskursive Felder, wo man sich trotz geteilter Leidenschaften und ähnlicher Grundeinstellungen so uneinig ist, wie bei der Diskussion um den Zusammenhang von Pop und Politik. Betonen die einen die systemkritische Kraft von Pop, arbeiten die anderen die systemstabilisierenden Effekte heraus. An der nächsten Ecke träumt man von Pop als einer Sphäre der Abwesenheit aller störenden, harten Themen, in der die reine Party möglich wird. Und bezeichnet das manchmal in einem paradoxen Umkehrschluss als wirklich politische, weil totale Verweigerung. Ist das politische Potential von Pop etwa schon ausgeschöpft, wenn junge Menschen es sich durch den Konsum von Pop in ihrer Lebenswelt einrichten? Ist Pop als Differenzmaschine gar die Blaupause des flexiblen Kapitalismus der Gegenwart? Oder können wir in den Fluchtlinien von Pop doch etwas gegen dieses Regime unternehmen?

Ohne an dieser Stelle in der Lage zu sein, Antworten auf derartige Fragen zu geben, soll wenigstens eines in aller Deutlichkeit festgestellt werden: Politische Reflexion und politisches Handeln sind heute notwendiger denn je. Denn die meisten Probleme, die in den vergangenen Jahrzehnten linken Widerstand provozierten, haben sich in unsere Gegenwart fortgesetzt. Der "Armuts- und Reichtumsbericht" dieses Jahres gab da nur eine exemplarische Ahnung von dem, was derzeit im Kapitalismus falsch läuft: 50 Prozent der Bundesbürger besitzen nur vier Prozent des Privatvermögens; weltweit haben 1,2 Milliarden Menschen nach Berechnungen der UNO weniger als einen US-Dollar am Tag zum Leben.

Blumfeld fungierten glücklicherweise nie als politisches Gewissen. Aber sie haben sich immer politisch engagiert. Gemeinsam mit Bands wie Tocotronic und TGV wurde dann schon mal ein Pritschenwagen mit einer Anlage ausgestattet, auf dem sie quer durch Hamburg fuhren, um so Menschen gegen einen parallel stattfindenden Naziaufmarsch zu mobilisieren. Oder sie beteiligten sich an einem Solikonzert für die linke Zeitschrift "Radikal", die in den neunziger Jahren Opfer staatlicher Repression war. Auf der anderen Seite haben Blumfeld in ihren Texten die politische Reflexion fortgeführt. Hatte die Band zu "Ich-Maschine" sogar ein kleines Magazin angefertigt, in dem eine Auseinandersetzung mit Michel Foucaults Machtbegriff stattfindet, thematisieren die Stücke zumeist die Verstrickungen des Politischen mit dem Privaten. Zugleich befragt das sprechende Ich immer wieder die eigene Position auf das Eingebundensein in die Verhältnisse ("Du bist nur die Abschrift dessen, was man dir vorschreibt"). Auf "Testament Der Angst" treten die Widersprüche und Unklarheiten, die sich innerhalb jeder Kritik immer auftun, nun in den Hintergrund. Stattdessen wird Kritik in einer Deutlichkeit und vor allem Eindeutigkeit formuliert, wie sie von Blumfeld so noch nicht zu hören war.

Jochen: "Wenn man sagt, Old No-Body heißt ‚alter Nein-Körper', die Verkörperung der Kraft der Negation der Verhältnisse, verhält sich das auf ‚Testament Der Angst' so, dass es erst mal eine ungestüme, im Sinne von ‚Ich-Maschine' jugendliche Platte ist. Es geht um Gefühle, die keine alten, erwachsenen Gefühle sind, nur weil wir zum Teil schon über dreißig sind, sondern es sind vielleicht pubertäre Gefühle: Ich kann nicht mehr, ich will sie hassen. Dabei geht es uns ganz konkret um eine Position, von der Gesellschaftskritik möglich ist. Oder anders gesagt, glaube ich, dass in 16 Jahren Kohl-Deutschland und zwei Jahren Schröder Positionen der Kritik zunichte gemacht worden sind. Der öffentliche politische Raum ist vollkommen entpolitisiert, und es gibt keine Position der Kritik, die gesellschaftlich repräsentativ oder relevant wäre - wie noch in den Sechziger, Siebziger und auch noch Achtziger Jahren. Vor diesem Hintergrund war es unsere Idee, zu einer vielleicht ignoranten, jugendlichen, vielleicht auch beschränkten Position zurückzukehren, von der aus man sagt: Es ist mir jetzt egal, ihr seid schuld. Der Versuch, eine Position von Kritik in ihrer radikalsten Form, der Anklage, überhaupt denkbar werden zu lassen. Normalerweise sagt dann nämlich gleich einer zu dir: Du bist aber ganz schön schlecht gelaunt. Sofort schwebt der Verdacht des Kulturpessimismus im Raum. Aber Politik heißt für mich erst mal, bevor es um das pragmatische Verwalten von Partikularinteressen geht, das als Unmögliches bezeichnete zu wollen und aus einer minoritären Position zu behaupten. Politik ist für mich erst mal das Einfordern, ohne gleich die Frage beantworten zu müssen, wie das dann gehen soll. Man muss einfach sagen können: Ich will aber in einer Gesellschaftsordnung leben, die grundsätzlich nicht darauf ausgelegt ist, dass es Arme und Reiche gibt, nur damit das Ganze funktioniert. Ich will, dass es dieses Gefälle bis zur totalen Verelendung von Menschen und Hunger nicht gibt. Das muss sagbar sein."

Peter Thiessen: "Ich würde dem noch hinzufügen, dass ich nicht finde, dass die Position, die unsere Platte mit ihren Texten einnimmt, eine einfache ist, weil sie immer im Kontext der anderen gelesen werden muss. Die Sachen, um die es politisch geht, sind zudem keine komplizierten Sachen. Jeder kann verstehen, dass es Unsinn ist, in dieser Gesellschaft arbeiten zu gehen; dass es ungerecht ist, dass es Arme und Reiche gibt; dass es ungerecht ist, dass nicht jeder dort leben kann, wo er möchte, egal wo er geboren ist."

Andre Rattay: "Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Delegierung von Verantwortung. Einerseits machen wir ganz klar, dass wir den ersten Stein werfen, man macht sich schuldig und übernimmt dafür Verantwortung. Andererseits wurde im Kapitalismus von den Global Players Verantwortung auf die einzelnen Arbeiter abgewälzt."

Jochen: "Aber es gibt auch ein Recht darauf, dass man die Verantwortung nicht übernehmen muss. Wenn man zum Beispiel daran denkt, wie hier und in anderen europäischen Ländern die Bevölkerung während des Kosovo-Kriegs unter moralischen Druck gesetzt wurde! Dabei ist es nicht mein Problem, es liegt nicht in meiner Verantwortung, das Problem zu lösen, wie da ein Konflikt zu klären ist. Die Maschine, die angeworfen wurde - durch Leute wie Joschka Fischer oder Rudolf Scharping -, war die moralische Keule. Nach dem Motto: Wenn du jetzt gegen den Krieg bist, dann bist du verantwortlich. Alle wurden zu Mittätern gemacht."

Ich/Maschine.3

Mitten in der Weihnachtszeit des Jahres 1998 sprossen die Blüten in blausamtener synthetischer Pracht. Ich war in einer Zeit, die man zwischen den Jahren situiert, zurück nach Hamburg in eine leere Wohnung gekehrt und fühlte mich zwischen den Orten. Im Briefkasten lag eine CD, die eine Band zeigte, bei deren Anblick man spontan nicht wusste, ob es sich um die englische Königsfamilie oder die Beach Boys handelt. "Old Nobody" war das erste Blumfeld-Album nach über vier Jahren und als ich damals zum ersten Mal "Tausend Tränen Tief" hörte, vergaß ich meine Heizung wieder anzustellen, so warm wurde es plötzlich. Ich rief einen Freund an, und wir hörten das Stück gemeinsam am Telefon und staunten. Über diesen simplen Soulbeat, über ein Lied über alle Liebeslieder und vor allem über diese Stimme, die sich wieder dazu entschlossen hatte, in kristallklarer Schönheit zu singen.

Aber "Old Nobody" ist nicht deshalb so groß, weil es die Eleganz von Prefab Sprout oder George Michael aufnimmt. Blumfeld tragen diese Eleganz in ihr eigenes Universum und haben ihre musikalische und textliche Poesie adäquat umgestellt. Dabei zeugen die Stücke von einer Zerrissenheit, die mich persönlich an Scritti Politti denken lässt. Auch bei deren Sänger Green Gartside geht es um eine fragile Mischung aus Freundlichkeit, Intellektualität und Zweifeln. In "So Lebe Ich" wird aus einem Distelmeyer ein Dornenboy zwischen Songs to remember im Dunkeln.

Liebe

Die Musik liebt das große Thema der Liebe. Geradezu ein Manifest dieser tiefen Verbundenheit von Liebe und Musik ist das Album "69 Love Songs" von den Magnetic Fields aus dem letzten Jahr. Es dokumentiert ein ebenso ironisches wie pathetisches Wechselbad von 69 Situationen und emotionalen Zuständen, die immer dann die Welt bedeuten, wenn man sich in ihnen befindet. Im Nachhinein kann man schon mal über sich selbst lachen, obwohl man gleichzeitig weiß, dass die Lage in den Fängen der Liebe ernst war. Und es auch schnell wieder werden könnte.

Bei Blumfeld tritt Liebe in anderer Gestalt auf. Liebe löst die Welt hier nicht im Gefühlschaos auf, sondern stiftet eine Welt. Niemand wird "verrückt vor Liebe" oder "Liebeskrank". Eher beschreibt Liebe die Möglichkeit von Verständnis und Vertrauen. Gleichzeitig suchen die Stücke einen Ausdruck für die Mikrophysik, die sich im System der Liebe abspielt. Schließlich treibt nichts die Sprache zu größeren Verrenkungen als die Liebe. Aber in diesem exzessiven Bemühen stößt die Sprache paradoxerweise an ihr Ende, weil sie über einige Aussagen nicht hinausgehen kann. Deshalb bedarf die Sprache der Liebe der Musik: weil ein Song immer mehr ist als das, was er in einem bestimmten Augenblick zu sein scheint, zeugt er von der Unendlichkeit der Liebe.

Jochen: "Der Versuch, Gefühle zu beschrieben, sie Begriff werden zu lassen, in Worte zu fassen - das ist am kontinuierlichsten versucht worden mit Liebe. Die Texte kreisen ständig um die Frage, was Liebe ist, wie das funktioniert. Der ‚Spiegel' schreibt, das sei nur ein Trick der menschlichen Zivilisationsgeschichte, einen Begriff für Mechanismen zu finden, durch die die Arterhaltung gewährleistet werden kann. Aber das greift viel zu kurz, denn ein Gefühl ist noch kein Wort, ein Gefühl hat keinen Bedeutungshof. In dem Moment, wo man sagt, es sei Liebe, was ich empfinde, schließt man damit den gesamten Bedeutungshof aller dazu gesungener Songs, aller Filme, der Literatur und aller Gespräche mit Freunden potentiell in diesen Begriff mit ein. Ich sage zu dem Gefühl, dass wir super Sex hatten, wie angenehm es ist, die Tage miteinander zu verbringen und dass wir es geschafft haben, obwohl wir uns neulich gestritten haben - das bezeichne ich alles mit, und zwar mit einem Begriff, der dieses Gefühl mitmeint. Eine relativ schwierige Operation."

Peter: "Was Liebe allerdings nicht stiftet, ist eine Welt, in der alles klar ist. Eine Beziehung, so erlebe ich das zumindest, ist eine Art Geflecht, aus dem immer etwas Utopisches entsteht. Wo man Wünsche formuliert, wie es mal sein wird. Eine Beziehung ist also ein Ort, an dem ein Fluchtpunkt entsteht, auf den man hindenkt."

Jochen: "Man kann es ja auch so verstehen: Die Liebe, wie sie in einem Stück wie ‚Weil es Liebe ist' auftaucht, bestimmt das Verhältnis, das man zur Welt einnimmt. Und dass das, was einem in den folgenden Songs als Weltekel und Ablehnung vorkommt, trotzdem mit einer liebevollen Haltung vorgetragen wird. Ein der Welt und dem Leben und den Menschen zugewandtes Sprechen. Weil es Liebe ist, wird später gesagt: Ihr seid schuld. Weil man Anteil an den Dingen nimmt."

Der Ort Der Dichtung

"Testament Der Angst" macht für mich auf eine bestimmte Weise Sinn. Man könnte es wie folgt beschreiben: Zuallererst ist in den Songs jemand, der sich entscheidet, "Ich" zu sagen. Diese Person treibt ein Gefühl der Entwirklichung um. Mal muss sie im Gehen zu sich selbst singen, um sich zu vergewissern, dass sie überhaupt noch präsent ist; an anderer Stelle erscheint das Subjekt als "Eintragung ins Nichts". In "Graue Wolken" wird das Verschwinden alternativer Weltordnungen beklagt ("Wo ist die rote Sonne hin? / Arbeit, Fernsehen, Schlafengehen / So macht das Leben keinen Sinn") und von einem Saxofonsolo begleitet, das seinen Ort in der Popmusik eigentlich längst verloren hatte. Musik und Text legen, anders gesagt, von einer Auflösung einer geteilten sozialen Welt mit geteilten Bedeutungen Zeugnis ab. Man könnte diese Welt auch als Symbolische Ordnung bezeichnen, die ihre intersubjektive Verbindlichkeit verloren hat. Darauf reagiert die Musik punktuell verunsichert, und der Ich-Erzähler bekommt es mit der Angst zu tun.

Musik und Text ergreifen aber gleichzeitig "Gegenmaßnahmen", die der Verunsicherung in einer fragmentierten Welt entgegenwirken sollen. Zum einen erscheint die Liebe als Option, wieder ein sozialer Mensch zu werden. Auch wenn in der Liebe niemals alles glatt läuft, wird das Subjekt in ihr angenommen und bestätigt. Die Liebe ist bei Blumfeld eher ein Ort der Sicherheit als eine andauernde Katastrophe. Zum anderen dient auch die Form der eindeutigen Politik, wie sie "Die Diktatur Der Angepassten" formuliert, dazu, eine eigene Position im Sozialen zu erlangen. Denn wenn es ein klar benanntes Anderes gibt, gegen das ich mich abgrenze, weiß ich, wer ich selbst bin. Und schließlich arbeitet auch die Musik an der Wiedererlangung einer geteilten Welt. Immerhin spielen Blumfeld eine Art Mainstream-Pop in einer Zeit, in der sich ein kanonisierter Mainstream längst aufgelöst hat. Man könnte deshalb vielleicht sagen, dass Blumfeld einen Mainstream simulieren.

Ich habe der Band diese Lesart ihrer neuen Platte am Ende des Interviews unterbreitet. Mir wurde genau zugehört und entschieden widersprochen. Besonders Jochen Distelmeyer legte ausführlich dar, warum ich mich seiner Meinung nach in nahezu allen Punkten irre. Ich hatte, ehrlich gesagt, mit einer solchen ablehnenden Reaktion gerechnet, weil meine Lesart eine gewisse Distanz zu den Dingen unterstellt. Und Blumfeld natürlich der Politik und dem guten Song nahe sein wollen. Deshalb habe ich meine Lesart in einer Frage komprimiert, die bereits gestellt wurde. Ich wollte wissen, wie frei der Einzelne, der "Ich" sagt, in seiner Sprache ist. Oder ob es Orte in der Musik und in der Sprache gibt, die sich dem Ich aufdrängen. Ich habe auf diese Frage eine ausgesprochen schöne Antwort erhalten.

Jochen: "Wenn ich lese, Musik höre oder mir Filme ansehe, dann nehme ich die ganze Zeit den Ort, von dem aus die arbeiten, mit wahr. Der Ort der Dichtung. Der wird aber nie in Gänze durch die Summe der Gedichte erfasst. Es ist eher so, als wenn Bluestypen früher gesagt haben, dass jemand den Blues hat: Du hast den Ort. So einen gibt es, aber man kann ihn nicht vollständig darstellen. Insofern bleibt er immer im Verborgenen. Aber er beinhaltet alles und deshalb habe ich manchmal das Gefühl, dass alles irgendwie ein einziger Song ist. Mit dem Begriff des Werkes wäre der Ort, von dem aus gearbeitet wird, nicht ausreichend beschrieben. Es handelt sich um einen Motor. Man will die Welt beschreiben, damit die Welt lesbar ist. Aber die Welt ist nie lesbar und sie wird auch nie vollkommen lesbar werden. Trotzdem versucht man es. Und erst in dem Moment, wo man für andere etwas lesbar macht, wird es spannend."