Aus Intro, Oktober 1994
Autor: Matthias Hörstmann, Gerd Wichmann, Jochen Bonz



Zwischen Meilenstein deutschsprachigen intelligenten Pops und postpubertärem Twentysomethings-Output

Vor nunmehr fast drei Jahren tat sich etwas in Deutschlands Pop-Untergrund, das uns nach langen Zeiten der Indifferenz und Beliebigkeit aufhorchen ließob der dargebotenen musikalischen Reduktion und einer bis dato selten gehörten textlichen Offenheit und Direktheit.

Da kam aus Deutschlands Schon-Immer-Pop-Hauptstadt ein bis dahin nahezu unbekanntes Trio, das keine nennenswerte musikalische Vetternwirtschaft aufweisen konnte bis auf die Tatsache, daß die Rythmusfraktion Bohlken/Rattay einstmals aus einer Band namens DER SCHWARZE KANAL hervorging. Zwar konstituierten sich einige nicht unwichtige postmoderne respektive Postpunk-Bands um das seinerzeit neben "What's So Funny About" wichtigste neugegründete Hamburger Kleinlabel "L'Age D'Or", allen voran die KOLOSSALE JUGEND sowie DIE ERDE, und doch hoben sich BLUMFELD bereits damals deutlich von ihren Kombattanten aus dem Intelligentsia-Pop-Umfeld ab. Als sie nämlich mit ihrem Debüt "Ich-Maschine" den Angriff auf die Denkpop-Journaille und das großdeutsche Feuilleton antraten. Was am Anfang die Ruchbarkeit des gelenkten Medienspektakels und Pressehypes hatte, verflüchtigte sich genauso schnell wie es entstanden war. Das Album war ein Klassiker noch bevor ein einziges Exemplar einen potentiellen Hörer erreicht hatte.
Aber was war so außergewöhnlich und neu an diesem Werk, das uns aufhorchen ließ, uns nötigte, auf die dargebotenen Texte zu achten, um uns zu Interpretationen hinzureißen? Oberflächlich betrachtet war die Instrumentierung spärlich - böse Zeitgenossen sprachen gar von New-Wave-Zusammenhängen und adaptierten CURE-Gitarrenriffs - reduziert und doch nie nur Beiwerk zu wortgewaltiger eloquenter Prosa. Ich sah schon damals in BLUMFELDs durch die "Arbeitshypothese Trio" vogegebene Selbstbeschränkung mehr den sonischen Ansatz im disziplinierten Noise und die gelungene Intention, eine Rock/Pop-Band akustisch klingen zu lassen und vice versa, wie dies beispielsweise auch von YO LA TENGO sowie anderen Noise-Folk-Bands amerikanischer Provenienz gekonnt umgesetzt worden ist. Wer jemals die Gelegenheit hatte, BLUMFELD in dieser Anfangszeit, die mehr denn je musikalische Standortbestimmung und Selbstfindung war, live zu erleben, der konnte die Vitalität und den Groove, den dieses Trio verbreitete, erfahren, der so gar nicht anachronistisch war, für eine deutsche Band geradezu ungewohnt leicht, unbelastet von Pathos und teutonischem Schwermut. Hier spielte eine Band als homogene Masse um ihrer selbst willen, zurückgenommen, beängstigend exakt, von hoher Professionalität und doch mit einer in Lärmpopgewänder eingehüllten unverwechselbaren Seele. Und als man diese eigentümlich zeitlose Popmusik in originären, nicht korrumpieten Sinne hörte, öffnete man sich unweigerlich für diese beispiellosen Texte, die zuweilen dem Vorwurf postpubertärer Gymnasiastenprosa und der Lieblingslektüre von Germanistikseminaren ausgesetzt waren.
Richtig daran war und ist, daß es auf der "Ich-Maschine" um die Selbstfindung, dem Ich-Ausloten, das Standortbeziehen und als wesensnotwendiger Ausläufer der Pubertät, um das Erwachsenwerden in einer damals noch postmodernen Welt geht, wobei Distelmeyer nie davor zurückschreckte, das Gefühl (und allein hier gehört es hin!) als postpubertäre Sentimentalität gleichberechtigt neben die ratio zu stellen, um aus seiner ureigenen subjektiven Sicht der Dinge - als pars pro toto - eine größtmögliche allgemeingültige Authenzität zu erzielen und doch Raum für das jeweilige "Ich" als Person und "Du" zu lassen. Daß dabei "Zeittotschläger" zum heimlichen Hit einer desillusionierten Jugend avancierte und damit das werbeträchtige Generation X-Gequatsche vorweg nahm, ist nicht Distelmeyers Fehler. Die "Ich-Maschine" entwickelte eine Eigendynamik, die sie aus sich selbst bezog und entzog sich damit doch gleichzeitig einer alles relativierenden und damit bagatellisierenden Vereinnahmung durch die hinlänglich bekannten Kulturkackmechanismen linksliberaler Magazine und Feuilletons, denn die Platte war viel zu groß und antizipatorisch wahr und damit unbequem, um sich in ihrer subtilen Sprengkraft entschärfen zu lassen. Nachdem die Rezeption des Debüts abgeschlossen war, BLUMFELD das Material auch live überzeugend vorgestellt hatten und Jochen Distelmeyer als nunmehr (pop-)uläres Mitglied der Wohlfahrtsausschüsse die "Etwas anderes als die Nation-Tour" im Ostteil der Republik u.a. mit CPT. KIRK &, KASTRIERTE PHILOSOPHEN, GOLDENE ZITRONEN mitorganisiert hatte, wurde es still um BLUMFELD und laut in Hamburgs Denkerpop-Enklave.

"Zwischen Rock/Pop-Kontexten und der Angst vor der eigenen Vereinnahmung"

Jetzt, nach nahezu drei Jahren, nachdem niemand mehr so recht damit gerechnet hat, erscheint "L'ETAT ET MOI", vieldeutig nicht nur im Titel und sowohl musikalisch als auch inhaltlich stringent durchstrukturiert, ohne dabei zu einem reinen Nachfolgewerk zu verkommen. Indem "L`ETAT ET MOI" sich jeglichen Vergleich mit dem Erstling verschließt, wird er, der Tonträger, gleichwohl zum Klassiker und zur konsequenten Fortführung der Vita und der Erkenntnisprozesse des Jochen Distelmeyer, der zwar immer noch und immer wieder aus der Position des Ich-Betrachters der "angry young man" ist, dabei jedoch das "Du" und die Welt als Verschmelzung von Mikro-/Makrokosmen einbezieht, um seinen Standort, sofern dies auch nur annäherungsweise möglich ist, zu bestimmen. Auffällig ist, daß er nicht wie vergleichsweise ein Begemann linear erzählt, sondern ein gewebeartiges, alles durchdringendes Netz spannt - alles hängt mit allem zusammen in einem Geisteszustand globaler Interpedenz. Distelmeyer verweist dabei im Interview immer wieder darauf, daß er sich selbst als klassischen Songwriter sieht und BLUMFELD durchaus in Rock/Pop-Kontexte einordnet, wobei BLUMFELD sich immer wieder von sich selbst überraschen lassen, ohne sich dabei zu irrelevant-sakrosanten Kunstfiguren a la EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN zu degradieren. BLUMFELD sehen sich aus dem sozialen Selbst, das keiner Kontrolle unterliegt, das Platz für ein (Geistes-)Leben auch außerhalb der sozialen Norm Hamburgs läßt und unterschiedliche Rezeptionsweisen des eigenen Ichs als Totalität ermöglicht. Allein die Angst vor der (auch eigenen) Vereinnahmung als Form einer möglicherweise selbst gewählten Entmündigung als semantisches Exil bleibt.
"L'ETAT ET MOI" sind wir selbst im Du.

DAS INTERVIEW

Intro: Wie waren die Vorbereitungen zum neuen Album? Gab es da nicht irgendwann Druck genügend Songs zusammenzukriegen?

Jochen Distelmeyer: Nein, nicht so richtig. Wir wußten eigentlich schon sehr früh welche Bewegung beschrieben werden sollte und um welche Bilder es uns ging. Es war zwar noch nicht voll ausformuliert aber es gab klar umrissene Ansätze, wie beisielsweise die Bedeutung von Licht, dem eine Art Schlüsselfunktion zukommt.

Intro: BLUMFELD'94 - kann dem noch jeder folgen?

Jochen Distelmeyer: Für mich war es schwer vorstellbar inwieweit das da noch kommunizierbar ist, was wir da gemacht haben. Deshalb versuchten wir bestimmte Möglichkeiten des Anschlußes aufrecht zu erhalten. Ab einem bestimmten Punkt wo die Eigengesetzlichkeit der Musik und der Texte und wie das alles so funktioniert von selbst gelaufen ist hätte es auch sein können das man niemanden als Zentrum erreichen kann.

Intro: Glaubst Du nicht auch, daß viele Leute mit einem zu verkrampften Interpretationszwang an Eure Musik gehen?

Jochen Distelmeyer: Es scheint wirklich so, als meinen einige Leute bestimmte Anforderungen erfüllen zu müssen, um überhaupt über unsere Musik reden zu dürfen. Irgendwann fiel mir dazu die Geschichte von Kafkas "Vor dem Gesetz" ein, wo dieser Typ die ganze Zeit nur davorsteht. Man muß bei uns kein bestimmtes Vorwissen haben. Es ist natürlich gut wenn man irgendwie etwas weiß, aber wissen tut eh' jeder. Ich glaube das die Struktur des Ganzen, vom Cover, den Songs und der Texte sehr frei ist. Wenn Du da erstmal drin' bist, kannst Du machen was du willst. Bis zu einem bestimmten Punkt natürlich.

Intro: Ich verstehe die Argumentation wenn es sehr offene Texte sind, wenn man einfache Geschichten erzählt. Aber ist das nicht irgendwie paradox bei derart persönlichen Texten?

Jochen Distelmeyer: Es ist kein linearer, narrativer Song, das ist es aber mit Absicht nicht. Ich glaube, wenn einem was gefangen hält, dann ist es ein lineares Denken. Bei uns ist es eine Struktur, keine Perlenkette oder ein Konzeptalbum, bei dem die Wege schon vorgezeigt sind. Weil es so eine komplexe Masse ist denken die Leute daß man sich da nicht so frei bewegen kann oder daß man da nicht rein darf. Aber das Leben, wie es ist, ist auch total komplex und trotzdem bewegst du dich wie selbstverständlich drin.

Intro: Inwieweit definiert sich BLUMFELD denn nun durch Jochen Diestelmeyers Präsenz?

Jochen Distelmeyer: Die Musik ist in der Regel von BLUMFELD, die Songs sind von mir. Grundlegend für uns ist immer gewesen, daß da ein Trio ist und die 3 Leute miteinander spielen und wie wir letztlich nicht über Proben sondern über Live-Auftritte mit den immer-gleichen, aber immer neu zu entdeckenden Stücken gelernt haben anders miteinander Musik zu machen.

Intro: Und Jochen allein mit Gitarre auf der Bühne, so ganz solo?

Jochen Distelmeyer: Klar kann ich das machen, aber ich hab' im Moment einfach gar keinen Bock drauf'. Es geht ja darum wie jemand dem normalerweise Frontmann-Positionen zugeschrieben werden lernt, innerhalb des Sozialen seinen Ort ganz anders zu bestimmen, nämlich als einer von Dreien und das ist mir wichtiger. Außerdem ist es einfach extrem einzigartig wie der Eike leicht aristokratisch Bass und Andre unverwechselbar und genial Schlagzeug spielt, da kommt für mich einfach niemand dran', definitiv nicht. Eigentlich besteht BLUMFELD aus einem relativ ausgewogenem Verhältnis von drei Charakteren, wobei es immer Extremverschiebungen gibt, wo zwei immer Extreme bilden und sich der dritte in der Mitte findet. Eine eindeutige Festschreibung der Persönlichkeitsstruktur gibt es da, hoffe ich jedenfalls, bisher noch nicht.

Intro: Worin besteht denn musikalisch Eure "Einzigartigkeit"?

Jochen Distelmeyer: Die Professionalitäten die wir haben entwickeln sich über die Herangehensweise "Wie kann man virtuos sein ohne professionell zu spielen" und sich immer wieder in den Zustand versetzen von "Ich bin noch nicht Mucker". Es wird halt zwischendurch nicht immer wieder geprobt und keine Jam-Sessions gemacht, sondern jeder lebt irgendwie sein Leben und zwischendurch spielen wir live.

Intro: Wie "funktioniert" denn überhaupt ein BLUMFELD-Konzert?

Jochen Distelmeyer: Es besteht aus und lebt von einer Aneinanderreihung aus Situation. Dabei kommt es vor, daß wir alte Stücke quasi neu erfinden oder nochmal gucken: "O.K., was ist das jetzt hier, wie fühlt sich das jetzt hier an und was bedeutet das denn jetzt hier für außen? Inwieweit kann man "Ghettowelt" vor "Jet Set" spielen und was heißt das dann?" Es ist immer noch eine Art Überprüfen, eine neue Präsenz herzustellen für das was vergangen ist, der Versuch einer Aktuallisierung. Letztendlich ist ein Konzert auch immer ein Angebot bei dem der Song dem Hörenden hingestellt wird und für uns eine Erfahrung wie man sich veräußert, wie man Ausdruck wählt und herstellt.

Intro: Als ich zum ersten Mal die neuen BLUMFELD-Songs hörte fiel mir irgendwann auf, daß der Diestelmeyer jetzt öfter singt. Wie kam das überhaupt?

Jochen Distelmeyer: Im Jahr vor "Ich-Maschine" hatte ich eigentlich mit Musik machen gar nicht soviel am Hut und hauptsächlich geschrieben, bis ich dann irgendwann gemerkt habe was HipHop mit Degenhart zu tun hat, nämlich die Möglichkeit Nachrichten dienstlich wie eine Presseagentur funktionieren zu lassen: Reden und durch eine minimale gesangliche Modulation die Reime dazu bringen. Das traf sich zu dem Zeitpunkt halt mit einer Aversion meinerseits gegen Singen, weil ich früher eigentlich nur gesungen habe und dann auch schlechte Texte durch den Gesang ausgleichen konnte. Der Melodiereichtum setzt jetzt noch mehr Harmonien frei, aber Fakt ist, daß was an harmonischen Läufen auftaucht ist schon bei Ich-Maschiene in einer extremen Bandbreite angelegt.

Intro: Die Eindimensionalität oder Kargheit Eurer Spielweise scheint dem ja sogar dienlich, oder?

Jochen Distelmeyer: Ansich sind sogar zwei Leute mehr am spielen. Bei einem Stück wie "Verstärker" merkt man es möglicherweise am meißten, weil es da noch exponierter durch den Gitarrensound dargestellt wird.

Intro: In diesem Zusammenhang ist vielleicht das Gastspiel von Tobias Levin zu nennen.

Jochen Distelmeyer: Das haben wir ja früher auch schon gemacht wenn CPT. KIRK mit uns zusammen gespielt haben, das Tobias beispielsweise bei "Penismonolog" und das er jetzt halt so quasi als Gitarrenroadie gesagt hat, daß er Bock hat mit uns auf Tour zu gehen.

Intro: Aber doch wohl nicht als eine Art Studiomusiker.

Jochen Distelmeyer: Nein, eben nicht. Es geht immer noch um eine Trio-Konzeption und dabei wird es bleiben. Ich denke, daß alle Erweiterungen die auf der Grundlage vorstellbar sind, daß die Struktur der Stücke so frei ist, daß da jemand reinkommen kann, dienlich sind. Durch Tobias Genialität gehen die Songs noch ein Stück weiter nach vorn, gewinnen an Dramaturgie. An unserer Vorstellung der Arrangemants und Kompositionen hat sich aber bisher nichts geändert nur weil er mitgespielt hat.

Intro: Wie sensibel ist man überhaupt als beobachteter Künstler egal ob nun im Interview oder bei Resonanzen jeder Art?

Jochen Distelmeyer: Da kommt ja zunächst einmal etwas zurück. Bei mir setzt einfach immer eine Phase ein wo ich überprüfe, was davon hat möglicherweise mit mir zu tun, entspricht mir und kann ich auch gebrauchen. Und was hat letztendlich nicht mit uns zu tun und führt nur zu einer Rahmung von dem was BLUMFELD ist. Eine Rahmung die uns letztendlich nur dazu nötigen will zu Verharren oder uns Unbeweglich zu machen.

Intro: Nach Eurem Labelwechsel zu "Big Cat" werdet Ihr auch im fremdsprachigen Länder spielen bzw. dort Platten verkaufen. Wie denkst Du über die damit einhergehende, geradezu zwangsläufige Reduktion und vielleicht gar Beschränkung BLUMFELDs auf die Musik?

Jochen Distelmeyer: Das ist ja keine Beschränkung! Ich denke, daß das was da textlich abläuft auch musikalisch vermittelt wird und deshalb sehe ich keine Gefahr, ganz im Gegenteil, eher eine Chance nicht alles immer auf den Text zu fokusieren. Außerdem gibt es zu jedem Text Linernotes wo erzählt wird worum es geht und dann sollen 2 Stücke exemplarisch übersetzt werden.

Intro: Die Version von "Sing Sing" auf dem Album ist ja eine andere als auf der Single. Aus der objektiven Sichtweise ist jetzt eine subjektive Sichtweise geworden. Wie kam dieser Wechsel zustande?

Jochen Distelmeyer: Der Song ist inzwischen erweitert. Der erste Schritt war nochmal das Stück ins Spiel zu bringen, mit der Überlegung, alles was "Spoken Word" ist, kann auch mit Musik funktionieren. Und dann die Überlegung mit dem Modell vom Staat als einen institutionellen Teil mit Familie, Beruf, Schule, Psychatrie, Knast etc. wegzukommen. Eben genau klarzustellen, wie das bei den neuen Strophen ist, daß ein Kontrollverhalten vom Staat, nicht mehr darauf reduziert ist, das es da Häuser, Institutionen gibt, sondern, daß es wie Splitter eines Spiegels individualisiert ist. Der andere Schritt war der, daß ein Mißverständnis auf die Sicht, auf die RAF und auf Stammheim entstanden ist. Einige Leute haben Stammheim mit Babel gelesen. Mir kam es aber eher darauf an, zu sagen, daß Babel wie Stammheim funktioniert. Und daß das, was möglicherweise als Kritik, durch die Formulierung "Hochstablerkarriere", an der RAF läuft, eine Kritik ist, der ich mich überhaupt nicht anschließe. "Hochstablerkarriere" ist bei mir einfach nur ein Bild. Wenn man den Text von früher ungenau liest, dann konnte man offenbahr eine Position daraus lesen, die meint, daß diese Leute die in Stammheim drinsitzen, es selbst verschuldet haben. Man kann die RAF oder das, was an millitantem Kampf gelaufen ist vielleicht unter anderen Gesichtspunkten kritisieren, aber bei mir läuft diese Kritik immer auf der Grundlage von Solidarität.

Intro: Ist eine Zusammenfassung der BLUMFELD-Historie möglich?

Jochen Distelmeyer: "Auf "Ich-Maschine" ging der Sub-Text noch von der Idee vom "Ich" aus, was ich bin, wodurch sich meine Identität irgendwie beweist. Das lief zusammen mit einer Konzeption von "Du", der so einen quasi aperativen Charakter an die Leute, die diese Platte gehört haben, hergestellt hat, wo aber die Rahmung, der Begriff von "Du", schon so festgelegt war, daß dieses "Du" gar keine andere Möglichkeiten mehr hatte zu existieren (= eine abstrakte Möglichkeit von "Du"!). Der Schritt den wir da jetzt weiter gemacht haben ist erst einmal der, über die Erfahrung von so einem hohl oder leer sein als These (= da ist ja gar kein Kern in mir, wesenhaft ist da ja gar keine Identität drin...!) nicht schicksalshaft festgelegt ist sondern wie bei "Verstärker" aus dem Hier entwickelt, in den Zwischenbereichen Sinn zu produzieren.

Ich hab mir gesagt, O.K., laß' doch erst einmal diese Leere zu, begreif' die doch nicht als Mangel, als etwas wo da etwas fehlt was da eigentlich hingehört, als eine Mitte oder ein Zentrum sondern man kann doch erst davon ausgehen das da nichts ist.

Intro: Und Jochen allein mit Gitarre auf der Bühne, so ganz solo?

Jochen Distelmeyer: Klar kann ich das machen, aber ich hab im Moment einfach gar keinen Bock drauf. Es geht ja darum, wie jemand, dem normalerweise Frontmann-Positionen zugeschrieben werden, lernt, innerhalb des Sozialen seinen Ort ganz anders zu bestimmen, nämlich als einer von Dreien, und das ist mir wichtiger. Außerdem ist es einfach extrem einzigartig, wie der Eike leicht aristokratisch Bass und André unverwechselbar und genial Schlagzeug spielt, da kommt für mich einfach niemand dran, definitiv nicht. Eigentlich besteht BLUMFELD aus einem relativ ausgewogenen Verhältnis von drei Charakteren, wobei es immer Extremverschiebungen gibt, wo zwei immer Extreme bilden und sich der Dritte in der Mitte findet. Eine eindeutige Festschreibung der Persönlichkeitsstruktur gibt es da, hoffe ich jedenfalls, bisher noch nicht.

Intro: Der Chor auf "Superstarfighter" besteht zum großen Teil aus Leuten des "Wohlfahrtsausschusses". Gibt es da einen Zusammenhang?

Jochen Distelmeyer: Sie sind zwar zum Teil im Wohlfahrtsausschuß, aber in erster Linie auch private Bekannte und Freunde, die um BLUMFELD und dem WOHLFAHRTSAUSSCHUSS eine Bedeutung haben, die in der Realität genau das darstellen, was da in diesem Satz vermittelt werden soll. Wo dieser Typ denkt, das gibt es gar nicht mehr, das habe ich hinter mir gelassen, daß die dann im eigenen Recht stehend auftauchen und sagen, jetzt nicht hinter die Sachen zurückgehen, die Du vorher schon ganz richtig gesagt hast. Denn genau davon handeln wir, wo wir Dir vertrauen und auch verlangen, daß Du uns vertraust und wir zueinander verantwortlich sind, eben eine andere Form von Moral zu entwickeln.

Intro: Aber der Typ bist nicht Du?!

Jochen Distelmeyer: Ich bin mir ziemlich im klaren darüber, so wie da "Ich" auftaucht, es zwei Möglichkeiten gibt: Erstmal war der mir beabsichtigte Anlaß, es wie ein McGuffin zu sehen, wie eine Redewendung, also daß eine klare Zuschreibung von Identität, die vom Subjekt ausgeht, zurückgewiesen wird. Ein klassischer McGuffin, der so erst einmal nichts bedeutet, dessen Bedeutung sich erst durch das Ereignis ergibt.
Dieser McGuffin funktioniert bei bestimmten Stücken natürlich nicht, nämlich dann, wenn sich eine magische Autobiographie schreibt. Das "Ich" von "2 oder 3 Dinge, die ich von Dir weiß" ist natürlich ersteinmal kein McGuffin. Es ist kein mit einer speziellen Identität aufgeladenes "Ich", wie man es sonst aus Liebesliedern kennt, sondern es funktioniert irgendwie anders. Bei "Superstarfighter" und "You make me" beispielsweise ist es ähnlich, während aber bei "Ich, wie es wirklich war", "Jet Set" oder "L'etat et moi" alles eingesetzt werden kann.

Matthias Hörstmann, Gerd Wichmann, Jochen Bonz