Aus Intro #18, 1994
Autor: Matthias Hörstmann


Ein Interview mit Blumfeld

Beteiligte Personen:
Jochen Distelmeyer für BLUMFELD
Matthias Hörstmann für INTRO
Ort: „Casablanca“ in Bielefeld, Kneipengeräusche im Hintergrund.
Das Gespräch beginnt mittendrin...

Matthias Hörstmann: Wie, das war mit die erste Kritik, von der Du überhaupt gewußt hast, die Du gesehen hast?

Jochen Distelmeyer: Ja! Und für mich war es halt vorstellbar, inwieweit das dann überhaupt noch kommunizierbar ist, was wir da gemacht haben. ... Also, das hatten wir schon immer als Problem drin, und deshalb haben wir auch versucht, noch bestimmte Möglichkeiten des Ausschlusses für Leute, die „Ich-Maschine“ gehört haben, aufrecht zu erhalten, weil das eigentlich schon das Wichtigste ist, daß das halt von anderen Leuten besprochen werden kann, also nicht nur Plattenbesprechungen, sondern halt generell. Nur, an einem bestimmten Punkt, wo, sagen wir mal, die Eigengesetzlichkeit der Musik und der Texte und wie das alles funktioniert, von selbst gelaufen ist, hätte es auch sein können, sag ich mal - ... Wir haben zwar alles so gemacht, daß wir dachten: Gut, das ist noch für jemanden, das ist eigentlich das Zentrum der Sache, daß es für jemanden ist, ...

Matthias Hörstmann: Aber ist es denn immer von selbst gelaufen? Ich habe beim Konzert in Manchester mit Eike darüber gesprochen, und damals hätte ich mir nie vorstellen können, daß ein halbes Jahr später so eine Platte rauskommt. Zu dem Zeitpunkt wart ihr doch gerade so weit, daß ihr überhaupt erst ein paar Songs hattet, oder?

Jochen Distelmeyer: Nö, ich hatte ja vorher schon Songs, also „Jet Set“ zum Beispiel war da eigentlich schon fertig, ...

Matthias Hörstmann: Ja, und „Verstärker“ ja sowieso und die Stücke von der Single, aber sonst?

Jochen Distelmeyer: Das lief schon so von selbst - die Vorbereitung an dem Teil. Also, die Konzeption: Was soll da jetzt abgesteckt werden, welche Bewegung soll da beschrieben werden, um welche Bilder geht es da? Das war da schon, würde ich sagen, ungefähr zur Hälfte ausformuliert. Es gab schon klar umrissene Ansätze - zum Beispiel der ganze Lichtkram, der darin vorkommt. Das war schon zu Zeiten der England-Tour klar, daß Licht in irgendeiner Form einen Schlüssel darstellen soll, also irgendwie als Metapher ... Das, was bei „Ich-Maschine“ das Cover war, also das Weiße, nä...

Matthias Hörstmann: Ja, aber nicht in den Songs, oder was. Ich fand das auf „Ich- Maschine“ auch schon.

Jochen Distelmeyer: Nee, ich meine jetzt nicht abstrakt, sondern ganz konkret.

Matthias Hörstmann: Ach so, ich meinte es jetzt abstrakt!

Jochen Distelmeyer: Also Licht, also Sterne, Blitz, ..., Licht an eine Mauer, zwischen den Zeilen kommt noch Licht her, also solche Sachen; dann das Gelb wie auf der CD - hast du CD oder hast du Vinyl?

Matthias Hörstmann: Gibt’s Vinyl? Mir haben die „Rough Trade“-Leute gesagt, es gibt nur CD! Es gibt Vinyl?

Jochen Distelmeyer: Möglicherweise gibt’s nur CD als Pressedingsbums, nee, aber es gibt natürlich Vinyl.

Matthias Hörstmann: Ja! - Dann will ich Vinyl haben!! Was ist denn unterschiedlich - das Artwork, oder was?

Jochen Distelmeyer: Auf dem Cover ist nur das, was ihr vorne draufhabt. Also das ist nur Vinyl, bei der CD läßt sich das ja noch aufklappen. Dann das, was hinter dieser durchsichtigen CD... Da sind ja diese Photos. Und die sind halt auf der Innenseite der Textseite, und auf der Rückseite ist das halt größer. Da gibt’s ja auch so lichte Flecken undsoweiter ... Ich meine jetzt nicht, daß die Lieder nicht vorher schon davon erfüllt gewesen wären, sondern daß es eher schon um die Bedeutung davon ging. Also, von mir aus Aufklärung oder so’n Quatsch und auf der anderen Seite Bücherverbrennung. An sich ist das so eine Metaphorik, die ziemlich schnell auf Germanentum schließen läßt, weißt du, also Feuerdingsbums, Lichtsonnenwende, ... keine Ahnung, verstehst du? Als Ansatz gab’s das damals jedenfalls schon.

Matthias Hörstmann: Kannst du dich noch daran erinnern, daß wir damals im „Gleis 22“ in Münster gesessen haben, und ich mit Christoph Laue, mit dir und den anderen beiden gesprochen habe nach dem Konzert? Weißt du noch? Da hatten wir nämlich ganz lange darüber gesprochen, was nach dieser Platte kommen soll. Kann es BLUMFELD noch geben? Kann die Platte überhaupt so konzipiert sein? Kann es überhaupt ein Konzept geben? Und da hast du gesagt, daß du es dir ganz anders vorstellen würdest für eine neue Platte.

Jochen Distelmeyer: Hab’ ich?

Matthias Hörstmann: Ja! Daß Du auch geglaubt hast, daß es BLUMFELD nicht unbedingt weiter geben wird, also von mir aus dieselbe Konstellation, also ihr drei, aber nicht BLUMFELD.

Jochen Distelmeyer: Ach so, das war aber nur eine Möglichkeit, aber so absolut hab’ ich das garantiert nicht gesagt, weil ...

Matthias Hörstmann: Nein, ich will dir das auch nicht so unterstellen, aber ...

Jochen Distelmeyer: Grundlegend für uns ist halt immer das Trio gewesen, und wie die Leute zusammen spielen, und wie wir letztendlich nicht über Proben, sondern über Liveauftritte gelernt haben, anders miteinander Musik zu machen - durch das Spielen immer wieder derselben Stücke letztendlich.

Matthias Hörstmann: Aber es war eindeutig, daß du jetzt hier sitzt und die Interviews gibst?

Jochen Distelmeyer: Ja, das ist einfach als pragmatische Entscheidung gelaufen, weil Eike noch mit seiner Magisterarbeit zu tun hat. Der macht jetzt mündliche Prüfungen.

Matthias Hörstmann: Oh, ich dachte, der ist fertig! Ich hab’ ihn schon als Doktor genannt ...

Jochen Distelmeyer: Ach so. Nee, der hatte erst seine schriftlichen Sachen abgeschlossen, aber muß jetzt noch mal in die Mündlichen rein. Und bei André ist es so, daß der nach der POPKOMM krank geworden ist, so ‘ne Magen-und-Darm-Grippe, der hatte sich halt total überanstrengt. Dann ist es eine Kostenfrage. Es ist halt billiger, nur einen durch die Gegend zu schicken, und ich kann, ohne daß ich mich jetzt in den Mittelpunkt stellen müßte, aber ich kann halt über alle Sachen relativ gut Auskunft geben.

Matthias Hörstmann: Die Songs sind doch auch erstmal von dir, oder nicht?

Jochen Distelmeyer: Na ja, ich würde sagen, es gibt da bandintern eine Auseinandersetzung, wo ich schon behaupten würde, daß die Musik von BLUMFELD ist, daß aber die Songs von mir sind, also nicht alle, zum Beispiel „Draußen Auf Kaution“, äh, „Sing Sing“ und das eine oder andere sind halt Bandsachen, nä, also mit „Jet Set“ bin ich reingekommen, hier der Riff, mach mal, und dann machen und fertig, und dann fängt Eike irgendwie an, so’n Baßkram zu daddeln...

Matthias Hörstmann: Jaja, ist schon klar, aber ich meine die Texte - die Texte sind doch im Endeffekt ausschließlich von dir, oder nicht?

Jochen Distelmeyer: Ja!

Matthias Hörstmann: Bei Texten gibt’s doch keine Kompromisse, oder?

Jochen Distelmeyer: Doch! Wenn die beiden sagen, der ist scheiße... Das hat’s ja bei der Ersten gegeben - da hat’s ja ein paar Stücke gegeben, die nicht auf die Platte gekommen sind, weil Eike und André meinten, das gefällt ihnen nicht, das finden sie scheiße. Das halte ich nach wie vor für einen Fehler, weil das geniale Songs waren.

Matthias Hörstmann: Dann mach’ sie doch alleine, also nicht unter BLUMFELD.

Jochen Distelmeyer: Ja, dann kann ich aber 1000 andere Stücke alleine machen! Es geht ja um BLUMFELD, wie das Soziale untereinander funktioniert. Also, wie jemand, dem normalerweise Frontmannpositionen zugeschrieben werden, wie der auch lernt, innerhalb des Sozialen seinen Ort ganz anders zu bestimmen, eben als einer von dreien, ja? Ich weiß nicht, klar kann ich das machen, aber ich hab’ da einfach keinen Bock drauf, denn wie sich diese Musik da spielt über die drei Leute, das ist mir wichtiger. Ich könnte auch mit anderen Musikern zusammenarbeiten, aber das wäre totaler Quatsch, weil es extrem einzigartig ist, wie Eike Baß spielt. So spielt keiner! Also, so spielt kein Mensch, mit dem ich jemals zusammen gespielt habe, und ich hab’ mit vielen Leuten zusammen gespielt und kann das auch beurteilen, auch wenn ich andere Bands sehe und da Schlagzeuger oder Bassisten arbeiten sehe, da kommt für mich erstmal nichts ran an die beiden, definitiv nichts, was mich natürlich wiederum auch total beeinflußt.

Matthias Hörstmann: Meinst du bei André einfach das Zusammenspiel mit Eike oder meinst du André selbst?

Jochen Distelmeyer: Also, ähm, wir haben uns lange darüber unterhalten, wie mit dem ganzen Schlagzeugkram bei uns zu verfahren ist, also keine Unterhaltung, die so läuft - Ich sage: Mach es so. Er sagt: Ich mach es anders -, sondern: Wo kommt es musikalisch her? Welche Vorstellungen hat er musikalisch, wie begreift er sich als Schlagzeuger, und welche Auffassung habe ich davon, wie ein Song funktioniert? Und er arbeitet halt eher von der Vorstellung aus, komplexe, polyrhythmische Sachen zu spielen, wo ich dann aber sagen würde: Wenn das nur ein Solo-Schlagzeug die ganze Zeit in einem Stück ist, dann ist es halt scheiße. Und irgendwann hatten wir den Punkt, wo wir gesagt haben: Okay, der Song ist das Wichtigste, also spiele ich auch anderen Kram als das, was ich könnte oder würde, und ich denke, was man da hört, ist, daß man da nicht nur auf der einen Seite extrem diszipliniert spielt oder spielen kann, sondern daß sich das Straighte, Gerade aus einer anderen Form von Coolness entwickelt, also irgendwie ..., weißte? Der definiert ein gerades Schlagzeugspiel einfach anders, weil er an sich gegen ein gerades Schlagzeugspiel ist. Er definiert das anders. Es ist halt ein anderer Ansatz als ein Schlagzeuger von irgendwelchen ... Ich will da jetzt keine Bands nennen, aber ...

Matthias Hörstmann: FLOWERPORNOES!

Jochen Distelmeyer: Äh, könnte man sagen. Also, ich finde FLOWERPORNOES super, auch die letzte Platte finde ich spitze, aber da ist ein anderer Schlagzeuger am Werk. Das ist jemand, der ist gut am Instrument, der kann das alles, das ist für Toms Arbeitsweise richtig. Ich für meine kann nur sagen: Mich interessiert nicht, ob jemand sein Instrument beherrscht, mich interessiert, ob jemand zusammen spielt, weil wir sind halt alle keine ... genialen ...

Matthias Hörstmann: ... ja, Autodidakt.

Jochen Distelmeyer: Das sowieso! Die Professionalität, die wir jetzt haben, entwickelt sich vor allem über: Wie kann man virtuos sein und professionell spielen und sich immer wieder zurück in den Zustand versetzen von: Ich bin noch nicht Mucker, ja? ... und das ist so, weil auch zwischendurch nicht geprobt wird, und weil halt zwischendurch keine Jam-Sessions sind, sondern jeder so irgendwie sein Leben macht, zwischendurch halt live spielt, und dann machste zwei, drei Jahre später mal ‘ne LP, die immer noch vom selben ausgeht, von so ‘nem In-den-Raum-reingehen-machen, und deshalb ist das auch in einer Linie zu sehen, auch schon allein über die Cover und so, mit dem ...

Matthias Hörstmann: Ist Eike irgendwo der Diplomat zwischen euch beiden?

Jochen Distelmeyer: Der hat wohl etwas leicht Aristokratisches... Äh, das kommt, sage ich mal, auf die Sachfragen an. Das ist ein relativ ausgewogenes Verhältnis von drei Leuten, wo es immer solche Extremverschiebungen gibt, wo zwei immer Extreme bilden und der andere, der letzte, der dritte, sich dann irgendwie in der Mitte befindet ... So, wie auf diesen Kinderschaukeln, diese großen Kreisel auf den Spielplätzen, wo durch merkwürdige Art der Anordnung das Gleichgewicht hergestellt wird. Da geht es oft so, daß Eike irgendwas vermittelt und sehr oft, daß ich Sachen vermittle zwischen den beiden, und es gibt Momente, wo André das übernimmt. Eine eindeutige Festschreibung der Perönlichkeitsstruktur ist da, so hoffe ich jedenfalls, noch nicht vorhanden.

Matthias Hörstmann: Unter dem Strich ist ziemliches Gleichgewicht auf der neuen Platte, finde ich. Die Songs sind super-bündig, super-stimmig, super- äh ja, rund, ohne das negativ zu meinen. Erstaunlich rund sogar.

Jochen Distelmeyer: Ja, das ist einfach cool. Also, das ist einfach so!

Matthias Hörstmann: Das ist die Platte, die du jetzt auch aufnehmen würdest, oder wie?

Jochen Distelmeyer: Hä?

Matthias Hörstmann: Das ist die Platte, die du jetzt genauso aufnehmen wolltest, wollen würdest?

Jochen Distelmeyer: Ja!

Matthias Hörstmann: Voll und ganz?

Jochen Distelmeyer: Ich würde jetzt vielleicht die Mundharmonika bei „Sing Sing“ noch lauter machen, beispielsweise. Und das Badabadabadabadabada (singt summend) bei „Evergreen“, also das Zweite, ist jetzt schon die lauteste Textstelle in der Relation auf der ganzen Platte. Das ist da, wo der Gesang am lautesten ist.

Matthias Hörstmann: Ist überhaupt ... STEREOLAB-Harmonie ohne Ende.

Jochen Distelmeyer: STEREOLAB?!

Matthias Hörstmann: Ja, ohne Ende. Kennst du STEREOLAB? In Hamburg haben sie auch gespielt, als ihr da vor PAVEMENT gespielt habt. Hast du sie da gesehen?

Jochen Distelmeyer: Ja, die haben auch in England gespielt, da hab’ ich die auch gesehen. Die find’ ich nicht sooo toll!

Matthias Hörstmann: Echt nicht?

Jochen Distelmeyer: Nö! Find’ ich nicht so geil.

Matthias Hörstmann: Warum?

Jochen Distelmeyer: Ich find’ das sympathisch, aber das ist nicht so mein..., mein... Style. (Pause) Was meinst du, „Evergreen“ ist so STEREOLAB-mäßig?

Matthias Hörstmann: Ja, genau die Passage, die du eben gesungen hast.

Jochen Distelmeyer: (s.o.) Badabadabadabadabada!

Matthias Hörstmann: Ja, haargenau!

Jochen Distelmeyer: Badabadabadabadabada.

Matthias Hörstmann: Ja, aber auch wirklich haargenau!

Jochen Distelmeyer: Es ist halt eine Mischung aus französischem Chanson-Kram, gerade von den Harmonie-Verschiebungen.

Matthias Hörstmann: Da kommt es ja auch her. Sie ist ja Französin und er ist Brite. Sie bringt die Harmonie in der Stimmung mit und er die Songidee.

Jochen Distelmeyer: Ah ja! Ich hab’ die letzten zwei Jahre ziemlich viel französischen Kram gehört, also unabhängig davon - ich hab’ nur zwei Stücke von denen auf Platte gehört und live fand ich das nicht so beeindruckend.

Matthias Hörstmann: Ich denke mir, was dieses Jahr total oft in Rezensionen stehen wird, ist halt dieser ungewöhnliche Fakt: Distelmeyer singt! Kann er’s überhaupt?

Jochen Distelmeyer: Vor „Ich-Maschine“ hab’ ich ja so gut ein Jahr lang mit Musikmachen nicht mehr so viel am Hut gehabt. Ich habe halt hauptsächlich geschrieben und so; ziemlich viel HipHop gehört, bis ich dann irgendwann gemerkt hab’, was HipHop mit Degenhardt und Dylan zu tun hat.

Matthias Hörstmann: Und zwar? (lacht) Ich hab keine Ahnung, was es damit zu tun hat!

Jochen Distelmeyer: Ja, einfach die Möglichkeit, nachrichtendienstlich wie eine Presseagentur zu reden und durch eine minimale gesangliche Modulation die rhymes zu droppen, oder so. Und das traf sich zu dem Zeitpunkt halt mit meiner Aversion gegen das Singen, denn früher hab’ ich ständig nur gesungen, und ich hab’ schlechte Texte von mir so singen können, daß sie gut klangen, und das ging mir auf den Sack, daß ich das durch den Gesang machen mußte, damit es gut wird. Ich wollte es halt vorher schon gut haben und ich dachte dann, Gesänge sind irgendwie zu korrumpieren. Das war der Ansatz von „Ich-Maschine“, daß ich gedacht habe, okay, jetzt Sprechgesang, äh, hiphop-mäßig oder Franz-J.-Degenhardt-mäßig, also einfach nur reden. Es gibt aber auch auf „Ich-Maschine“ so ‘nen paar Stücke, auf denen ich singe und wo mir das auch totalen Spaß macht. (singt) Viel zu früh und immer wieder lieb’ ich...... Du weißt ja, daß ich das gut kann, das konnte ich halt schon immer gut.

Matthias Hörstmann: Aber das war wirklich so eine Grundstimmung, die wir alle drei unabhängig voneinander - das war so mit das Erste -, daß einfach viel mehr Harmonien drin sind als vorher. Also, daß das Singen dir jetzt viel mehr imponiert als bei „Zeittotschläger“ oder ...

Jochen Distelmeyer: Ja, ja, sagen wir mal so, der Melodiegesang oder dieses Singen da setzt jetzt noch viel mehr Harmoniekram frei, aber Fakt ist, was jetzt an harmonischen Läufen und Melodie auftaucht, ist schon in einer extremen Bandbreite - finde ich - bei „Ich-Maschine“ angelegt, über „Pickelface“, „Auch Viel Zu Früh“, ja?; der Melodiereichtum dieser Platte ist - weil hauptsächlich eine Konzentration auf den Text und so ‘nen Kram stattgefunden hat, weil man glaubte, das Überraschende an der Platte ist dieser viele Text und daß das funktioniert -, also der ist in der Rezeption oder in der Wahrnehmung nicht berücksichtigt worden. Aber wenn man halt mitkriegt, wenn die Leute bei den Konzerten sind und daß die sich alle die Platte kaufen, dann läuft das halt darüber - sage ich -, weil die Musikalität da schon eine extreme Bandbreite abdeckt, wie es das bisher hier so nicht gegeben hat. Obwohl es halt von der Eindimensionalität oder der Kargheit der Besetzung, der Spielweise zu dritt ausgeht, hast du da an sich zwei Leute mehr am Spielen. Das war immer mein Eindruck. Also, bei „Verstärker“ merkt man es möglicherweise am meisten, weil es da irgendwie noch exponierter dargestellt ist über den Gitarrensound. Der Gitarrensound beispielsweise ist auch eher ein Live- Erlebnis, daß ich vor „Ich-Maschine“ einen Amp ausgeliehen hab’ und gespielt hab’ und mir auch live anfangs immer nur Amps geliehen habe und nie selber einen hatte und nie wußte: Wie stell’ ich das jetzt ein?, und irgendwann, als ich diese kleine Schüssel da hatte, stellte sich heraus: Ja, ich kann das halt so ganz schnell drehen, eine Einstellung, und dann sitzt das. Mit der Kenntnis über Liveauftritte sind ja auch die Doppelsingles aufgenommen worden.

Matthias Hörstmann: Ist das denn übrigens - sonst vergesse ich das nachher wieder, weil ich das jetzt wichtig finde - in Köln mit Tobias, ist das eine Ausnahme?

Jochen Distelmeyer: Ja, das haben wir früher live auch schon gemacht, wenn KIRK irgendwie mit uns zusammen gespielt haben, daß Tobias dann bei „Verstärker“ oder so mitspielt. Jetzt hat er halt gesagt, daß er Bock hätte, so quasi als Gitarrenroadie mitzukommen.

Matthias Hörstmann: Er kommt mit, die ganze Tour?

Jochen Distelmeyer: Ja! Und daß wir dann gesagt haben: Ey, dann laß uns irgendwie auch -, da hatte er auch Bock drauf.

Matthias Hörstmann: Aber er ist dann ganz eindeutig ein Musiker für euch? Er ist einfach wie ein Studiomusiker, den man sich mitnimmt?

Jochen Distelmeyer: Nee, eben nicht!

Matthias Hörstmann: Aber er würde BLUMFELD ja verändern, er würde BLUMFELD doch erweitern und dann gehört er doch zur Band, dann ist er doch Teil von BLUMFELD.

Jochen Distelmeyer: Ja, das ist er ja auch für die Tour. Genau wie Chris von Rautenkranz bei den Aufnahmen quasi Bandmitglied ist. Es geht immer noch um so eine Trio-Konzeption, dabei wird es bleiben, und ich denke, daß alle Erweiterungen nur auf der Grundlage vorstellbar sind, daß die Struktur der Stücke, der Musik, wie die sich herstellt, wie die gespielt wird, so frei ist, daß jemand von vornherein da mit reinkommen und was machen kann. Generell ist es doch so, daß wenn eine zweite Gitarre kommt, dann geht’s doch noch mal ein Stück nach vorne. Bei Tobias geht das einfach, weil der ein guter Musiker ist, der spielt quasi mit den Stücken. Aber an der Vorstellung von Arrangements oder Kompositionen hat sich bisher nichts geändert, auch wenn er mitgespielt hat. Es ist halt so ein, äh, freies Zusammenspiel. Aber nicht als Mucker, wo man sagt: Hier, mach das und das! Das ist schon eher so, daß ich ihm sage: Der Song funktioniert so und so - darauf würde ich Wert legen, ... aber das weiß er auch so.

Matthias Hörstmann: Aber in dem Moment ist er ja doch Studiomusiker. Irgendwo machst du ihm doch Vorgaben, wenn du ihm sagst ...

Jochen Distelmeyer: Ja, aber das sind Absprachen! Studiomusiker wäre: Hey, mach mal so!

Matthias Hörstmann: Ja, so ähnlich klang das aber eben.

Jochen Distelmeyer: Nee, es ist einfach so: Innerhalb dieses Spektrums bist du total frei. Ich denke, wenn man bestimmte Sachen machen würde, dann könnte es auch auf Kosten der Songs gehen. Wenn er beispielsweise bei „Sing Sing“ oder so in Köln gleich von Anfang an mit dem Feedback- Kram so abgeht. Am Ende tropft das dann einfach so ab, dann hast du keinen Bock mehr drauf, das zu hören. Daß man das ein bißchen dramaturgisch aufbaut. (Pause) Der kann gar kein Studiomusiker sein, also auch aus sich heraus gar nicht, denn dazu ist er viel zu stolz.

Matthias Hörstmann: Nee, deshalb war ich vorhin auch verwundert. Mir ging es vielmehr darum zu erfahren, ob er vielleicht auch mal eine richtige Ergänzung wäre, was Festes.

Jochen Distelmeyer: Weiß ich so noch nicht. Im Augenblick interessieren mich halt immer noch die Möglichkeiten mit einer Trio-Formation, also wie weit man musikalisch gehen kann. Ich finde, das ist einfach die coolste Art, irgendwas zu spielen, also erstmal als Trio - total simpel, man ist dann total beweglich.

Matthias Hörstmann: Oder ist es dann nicht mehr zu vereinbaren, wenn man vier Individuen hat?

Jochen Distelmeyer: Doch! Das geht gut! Also, es funktioniert ja live so. Nur, er hat ja nach wie vor CPT. KIRK und so was. Da will ich mich jetzt auch gar nicht festlegen. Wir wollen sehen, wie das auf der Tour funktioniert, und was man da macht. Wie spielen wir jetzt zusammen, nicht: Ey, haste mal Bock, auf die Bühne zu kommen?, sondern: Wir machen jetzt zusammen! Es kann ja sein, daß das unsere Auffassung von Musik dahingehend extrem verändert, daß man auch ganz andere Sachen ausprobiert. Aber auf die Erfahrung können wir ja gar nicht aufbauen, denn das geht jetzt ja erst im Oktober los.

Matthias Hörstmann: In der Hinsicht muß für dich ja dieses Ding mit PAVEMENT ziemlich schrecklich gewesen sein. Das sind ja ganz unterschiedliche Paar Schuhe, wenn ich an „Verstärker“ in der Markthalle denke. Da habt ihr alle ganz unglücklich ausgesehen, daß PAVEMENT sich ganz anders benehmen auf der Bühne oder ganz anders ...

Jochen Distelmeyer: Nö, das war ganz einfach nur ein bißchen Irritiert-Sein - die fanden dann das Stück super.

Matthias Hörstmann: Das war aber einfach nur eine ganz andere Coolness bei PAVEMENT, bei euch war es alles deutlich angestrengter.

Jochen Distelmeyer: Es war halt vom Dahinkommen so erstmal nicht unser Ding, weil wir normalerweise versuchen, unser Spiel aufzubauen. So war’s halt so: Ey, wir hätten Bock, mit euch diesen Song zu spielen, den finden wir super. Das war schon in England - wenn man in Hamburg ist, dann könnte man ja irgendwas zusammen spielen. Und wir haben gesagt: Warum nicht? Klar, kann man machen! Nur - die waren halt genauso unsicher wie wir, möglicherweise. Was machen wir da jetzt eigentlich?

Matthias Hörstmann: Ich habe das vor kurzem auf Video gesehen, ... und da ging mir das nochmal so richtig auf. Das war irgendwie schon echt krass, weil, äh, - ihr kamt auf die Bühne, wart am Stimmen, und die anderen bewegten sich auf der Bühne und wußten gar nicht, wohin mit sich. War ja klar, nach dem Konzert!

Jochen Distelmeyer: Das ist ja nicht geprobt.

Matthias Hörstmann: Ja, na klar, und das war schon krass - das waren echt Welten, die da aufeinander geprallt sind - für den Betrachter. (Pause) Wie sehr ist die ganze Sache nur für euch selbst, oder gerade nur für dich selbst? Wieviel Vorgabe gibt’s für’s Publikum?

Jochen Distelmeyer: Wie Vorgabe?

Matthias Hörstmann: Vorgabe durch Text, durch irgendwelche Intuitionen, durch Herangehensweise, durch ‘nen Song an sich. Wenn du jetzt auf die Bühne gehst und einen Song spielst, den keine Sau kennen kann - in Köln war es ja ganz extrem, denn die Platte war doch noch gar nicht draußen, oder? Nee!

Jochen Distelmeyer: Nee!

Matthias Hörstmann: Okay, es kannten viele Leute, aber einige Leute waren halt dabei, die gar nicht wußten, was da mit ihnen geschieht. Und du stehst da auf der Bühne und spielst diesen Song: Inwieweit du das in dem Moment nur für dich tust, inwieweit du so einen Draht zum Publikum überhaupt herstellen willst. Kriegst du überhaupt mit, daß da ein Publikum vor dir steht?

Jochen Distelmeyer: Ja, klar! Nee, das ist ...

Matthias Hörstmann: Ich habe ganz oft das Gefühl, daß du genausogut im Probekeller bei dir zuhause, egal wo ...

Jochen Distelmeyer: Nee, nee!

Matthias Hörstmann: Du bist immer sehr in dir selbst versunken, wenn du auf der Bühne stehst.

Jochen Distelmeyer: Nee, nicht in mir selbst, sondern in der Situation, in dem Spiel, was ich höre, von Schlagzeug, Bass und Gitarre, was ich so mitkriege. Auch wenn wir die alten Sachen spielen, hat sich das für uns noch nicht abgenutzt. Deshalb konnten wir zwei Jahre lang, obwohl es schon neuen Kram gab, sagen: Gut, wir spielen erstmal nur das alte Material. Weil es quasi immer so war, diese Stücke noch einmal neu zu erfinden oder nochmal gucken: Okay, was ist das jetzt hier? Wie fühlt sich dieses Stück jetzt hier an? Nicht nur für uns drei, sondern auch für außen. Also: Was bedeutet das denn jetzt für außen? Es ist ja nicht - zack! - zum 300sten Mal „Ghettowelt“, sondern: Inwieweit kann man „Ghettowelt“ vor „Jet Set“ spielen, und was heißt das dann? Inwieweit ist diese „Ich- Maschine“ vor dem Hintergrund von „L’État Et Moi“ halt richtig gewesen, oder wo liegen da Fehler? Das ist immer wieder ein Überprüfen, also äh, quasi eine neue Präsenz herstellen für das, was letztendlich vergangen ist, ja?, das noch einmal zu versuchen, zu aktualisieren. Was heißt das jetzt? Auf der POPKOMM im E-Werk „Ein Lied Mehr“ zu spielen, was ja, als es mal angefangen hatte, eine ganz andere Bedeutung hatte, oder erstmal auch anders angetreten war als jetzt, und es funktioniert trotzdem.

Matthias Hörstmann: Aber als ihr von mir aus vor anderthalb Jahren in Münster gespielt habt und euch irgendwo für den Betrachter in einem Loch befunden habt, weil niemand wußte: Was machen BLUMFELD jetzt? Was wird aus BLUMFELD? Und ihr seid auf die Bühne gegangen und habt die Stücke gespielt, von mir aus mit anderen Interpretationen, aber im Endeffekt war’s für mich echt schade, daß zu der Zeit überhaupt keine neuen Songs vorlagen.

Jochen Distelmeyer: Die waren ja neu!! Das war ja das, was wir behauptet haben. Es ist ja das, was wir behauptet haben. Also, äh, für mich ...

Matthias Hörstmann: Aber du kanalisierst doch auch in neue Ideen - neue Ideen kannst du doch nicht in alte äh ...

Jochen Distelmeyer: Nö, deshalb haben wir ja auch die Platte gemacht.

Matthias Hörstmann: ... Schemata - irgendwelche Schemata gibt’s doch trotzdem von den alten Songs, oder nicht?

Jochen Distelmeyer: Ja natürlich, die bieten eine Struktur an, und in der Struktur kann man halt durchgehen und gucken, was passiert. Jetzt nochmal zu diesem Für-Sich-Selber-Machen: In diesem Moment ist das immer ein Angebot. Ihr kennt das oder du kennst das noch nicht. Guck’ mal, das kommt von uns, zack! Das muß ja nicht sofort so laufen, das kann ja auch über Monate und Jahre hinweg irgendwie so - keine Ahnung -, das ist ein Angebot. Das ist für uns halt auch ‘ne Erfahrung zu sammeln, wie man sich veräußert. Wie man Ausdruck wählt und sucht, wie man diesen Ausdruck herstellt - daß man das lernt. Viele Leute lernen das nicht, haben gar keine Gelegenheit, das zu lernen. Und von wegen Alte-Sachen-länger-spielen: Ich würde mal sagen, mit „L’État Et Moi“ wird das nicht anders laufen. Hier setzt ‘ne Platte ein, also jetzt „Ich-Maschine“, und sie beschreibt möglicherweise eine Strecke von hier nach da, irgendeine Geschichte, die stattgefunden hat, eine Entwicklung. Gleichzeitig hat sie aber schon eine, äh, sagen wir mal - Vorstellung von dem, was sein könnte oder so, als Möglichkeit oder stellt halt Möglichkeiten her. Und dann spielt man die danach nochmal, verstehst du? Das meine ich halt mit einer, äh ... Es ist halt faktisch historisches Material, aber dieses historische Material wird halt immer wieder einer gegenwärtigen Untersuchung und Auseinandersetzung unterzogen, und daraus gewinnt es seine Aktualität. Also, ich halte Stücke wie „Der Angriff Der Gegenwart Auf Meine Übrige Zeit“, also von den Singles - äh, das isses, das isses einfach immer noch.

Matthias Hörstmann: Und je öfter du den Song den Leuten in verschiedenen Versionen hinstellst, desto mehr Möglichkeiten bieten sich dem Zuhörer dann wahrscheinlich auch, damit umzugehen.

Jochen Distelmeyer: Man hört es ja. Wir spielen es ja meistens ähnlich, wir spielen es ja nie so: Laß uns mal den Part umwerfen oder so’n Kram, sondern wie spielen halt den Song, ..., aber der wird live irgendwie anders gespielt sein oder anders gehört werden, denn man geht ja nicht mit derselben Verfaßtheit in so’n Konzert rein oder was auch immer. Klar gibt’s da neue Stücke, klar könnte man sich jetzt darüber unterhalten. Aber das ist dann so ‘ne Arbeitsweise, die finde ich zwar cool, so mit neuem Kram und dann immer wieder nie jemanden etwas zweimal hören lassen, aber aus anderen Gründen finde ich es dann halt auch wieder nicht gut. Und das haben wir selber nie als ein Loch erfahren, sonder das war für uns halt unser Tempo. Das sind unsere Bedingungen, für uns selbst, unter denen wir arbeiten und für die andere Leute etwas machen, und für die Leute, die das halt sehen wollen: Aah geil! Neue, deutsche Musik halt und geile Band, cool, kauf’ ich mir jetzt auch, und die dann irgendwie davon enttäuscht sind, daß nichts Neues kommt, und dieses Enttäuschtsein dann - das Enttäuschtsein akzeptiere ich sogar noch - aber wenn das dann dazu führt, daß man jemanden nicht mehr ernst nimmt, ...

Matthias Hörstmann: Wie sensibel wird man überhaupt durch das, was von außen kommt, also durch Printmedien, durch dieses Interview. Ich fand das damals so krass mit dieser kleinen Serie im ZDF, da war so’n kleiner Take mit dir drin, wo du dich so aufgeregt hast, ...

Jochen Distelmeyer: ZDF???

Matthias Hörstmann: Im ZDF lief eine Dokumentation über deutsche Musik als Kulturgut. Ich weiß nicht mehr, wie sie hieß. Mit unterschiedlichsten Leuten, da warst du auch mit dabei. Habe ich zuhause auf Video (lacht).

Jochen Distelmeyer: Weiß ich nicht mehr, keine Ahnung. Bei den Interviews sieht’s ja genauso aus. Ich äußere mich halt über Gedanken zu irgendetwas, jemand anderes stellt Fragen ...und sagt: Ist es aber irgendwie nicht so blablablabla ... Ähm, und dann setzt halt erst mal eine Phase ein, wo man es überprüft. Was davon hat jetzt etwas mit mir zu tun, was entspricht mir möglicherweise, was davon kann ich auch gebrauchen? Oder: Was hat irgendwie nichts damit zu tun und führt letztendlich nur zu einer Rahmung - also von dem, was BLUMFELD ist oder was ich bin oder was die anderen sind -, die uns letztendlich nur dazu nötigen will, zu verharren oder uns unbeweglich zu machen. Je nachdem, wie man es unterscheidet, also wie gesagt, diese Plattenbesprechung, das war so ... ja, cool, da kann ich mit leben, während ich bei anderen Sachen schon sagen würde, ...

Matthias Hörstmann: Aber erdrückt das nicht auch? Die Plattenkritik war ja überschrieben mit „Das Spektakel“. Findet da nicht so eine Sensibilisierung statt, irgendwie?

Jochen Distelmeyer: Ja, wenn das im SPIEGEL so stehen würde, dann würde ich schon denken, mit denen machen wir gar nichts!

Matthias Hörstmann: Warum?

Jochen Distelmeyer: Warum ich nichts mit dem SPIEGEL mache? Weil der SPIEGEL politisch andere Ansichten vertritt als wir, weil das, was der SPIEGEL vertritt, extrem gefährlich ist für meine Begriffe.

Matthias Hörstmann: Ist es denn nicht gerade dann wichtig?

Jochen Distelmeyer: Nein, weil man sich dann vereinnahmen läßt. Das ist dann dasselbe wie mit dem STERN und MASTINO. Hast du das gehört?

Matthias Hörstmann: Ja, hab’ ich.

Jochen Distelmeyer: Ja, also gut, ich meine, man kann’s versuchen, man kann da auch was drüber lernen oder erfahren, aber man kann im Vorfeld auch schon genau abwägen, wie das laufen wird. Ich meine, das konnte man wissen, und beim SPIEGEL würden sie das halt als so’n freakiges Novum ... musikkrammäßig, ja? Aber ohne, daß, wenn sie beispielsweise über die BEASTIE BOYS schreiben, also das, was die BEASTIE BOYS darstellen, irgendeine Konsequenz darüber hat, was dann auch STERN und andere über Wiedervereinigung, CDU, was weiß ich nicht alles schreiben. Das, was die da politisch- programmatisch vertreten, ist doch total reaktionär. Das ist ein Nationalismus, der halt anders ist, als sie’s gerne hätten, und sich nicht auf eine liberale Vorstellung von Rechtsstaat oder von Staatlichkeit aufbaut, sondern der ständig völkisch argumentiert. SPIEGEL, FOCUS, FAZ, STERN, all solche Sachen, die gehen halt politisch nicht, das ist halt genau dasselbe.

Matthias Hörstmann: Ich kann’s nachvollziehen, aber trotz alledem ...

Jochen Distelmeyer: Nicht nach unseren Bedingungen. Also, wenn wir irgendwann die Position hätten, sagen wir mal, wie Genscher, der irgendwelche Interviews nochmal gegenlesen darf und dann durchstreichen darf und revidieren darf, und man sichergehen kann, daß man da sechs Seiten Interview hat, ...

Matthias Hörstmann: Bei O-Tönen hast du doch die Möglichkeit, oder nicht?

Jochen Distelmeyer: Bitte? Wie - bei O-Tönen?

Matthias Hörstmann: Wenn da jetzt also drinsteht: Distelmeyer, Doppelpunkt, Anführungszeichen ...

Jochen Distelmeyer: Anderes Ding: Guck’ dir TEMPO an und den GOLDENE ZITRONEN- Artikel! Also, TEMPO, sag’ ich mal, ist nicht so gefährlich wie SPIEGEL ...aber TEMPO ist einfach uncool und ein Schweineblatt, ist einfach scheiße. Also, da kommt dann noch die ästhetische Komponenete dazu, so wie sich Ästhetik uns ...

Matthias Hörstmann: Gibt’s einen Interviewtermin mit BLUMFELD?

Jochen Distelmeyer: Nö, nö, nö, natürlich nicht. Mit PRINZ gibt’s auch keins.

Matthias Hörstmann: Weil sie nicht wollen, oder weil ihr nicht wollt?

Jochen Distelmeyer: Nö, weil wir nicht wollen. Die wollen ja alle! Das haben wir schon klar bei der „Ich-Maschine“ gesagt, daß es das nicht gibt. Das haben die gewußt. Ich meine, man kann natürlich bei denen immer wieder absehen, wie die Reaktionen dann darauf laufen, also, mit welch hämischen Halbsätzen man da kommentiert wird, weil die halt genau wissen, daß es halt nicht läuft. Bei den GOLDIS war es halt so, daß René - den wir halt gut kennen, der kommt aus Hamburg, das ist ein okayer Typ -, der hat für TEMPO gearbeitet und der hat die GOLDIS direkt gefragt: Hey, ihr habt alle Freiheiten, ihr könnt auch TEMPO dissen und was weiß ich nicht und Erläuterungen dazu machen, Interview?; und die: Okay, wenn das und das und das die Bedingungen sind, ja. Da haben die ein Interview zusammen gemacht, er hat einen Artikel geschrieben, die GOLDIS sind das nochmal durchgegangen, haben das mit ihm abgesprochen, René fährt in Urlaub, er kommt zurück, da ist der Artikel von jemand anders überarbeitet und umgeschrieben worden und ist in der Zeitung drin, und die GOLDENEN ZITRONEN nehmen sich darin aus wie die Volltrottel. So die netten Punx von nebenan, die auch was gegen TEMPO sagen können, weil TEMPO is’ ja sooo cool, daß sie auch Kritik an sich, und man versteht sich ja trotzdem und so. So läuft das!

Matthias Hörstmann: Ja, aber kann’s denn keine Gegendarstellung geben? Das kann doch wohl nicht wahr sein!

Jochen Distelmeyer: Nein! Kann es jetzt höchstens über René geben. René ist aber bei der Zeitung raus. Der hat halt seinen Hut genommen, weil das nicht das erste Mal ist, daß da so etwas vorkommt. Das hast du bei SUBLINE genauso, bei VISIONS, solchen Sachen, über Anzeigenkram: (mit verstellter Stimme) Hey, wollt ihr nicht STONE TEMPLE PILOTS; naja, geht so; hey, wir machen auch ‘ne große Anzeige; klar, kommt auf’n Titel!, so irgendwie.

Matthias Hörstmann: (lacht) STONE TEMPLE PILOTS, jaja.

Jochen Distelmeyer: Ja, is’ ja so!

Matthias Hörstmann: Jaja. Woher willst du denn wissen, daß es bei uns nicht so ist? Vielleicht habe ich ja mit Carsten Stricker ausgemacht, daß ich nur ein Interview mit dir mache, wenn wir dafür eine drittel Seite BLUMFELD-Anzeige bekommen.

Jochen Distelmeyer: Ja, das ist aber noch etwas anderes. Ich sage mal so: So, wie ich das Blatt kenne, finde ich’s voll okay auf dem Level, auf dem das läuft, hab’ ich den Eindruck, daß Leute da versuchen, über etwas zu schreiben, mit dem sie noch verbunden sind. Bei VISIONS läuft’s doch so: Ja, wir finden die Platte ganz toll, wir finden die auch super. Ja gut, mag ja sein, daß ihr die Platte gut findet, aber wie läuft das denn ansonsten da ab, verstehst du? Das ist ja immer schwierig, eine Grenze zu ziehen vor dem Hintergrund, daß du da möglicherweise Leute kennst und auch weißt, daß die okay sind. René Martens zum Beispiel: Hätte der uns direkt angesprochen und nicht Alfred angehauen - Alfred hat sich ja auf unsere Abmache berufen, von wegen TEMPO auf keinen Fall -, dann wären wir auch in die Bredouille gekommen. Da hätte ich dann auch gedacht, ja, René find ich gut, ich weiß, der baut keine Scheiße. Also wie...?, weißt du, so! Und ich sag’ mal so: Über die paar Male, die wir uns bis jetzt getroffen haben, und was es da für Auseinandersetzungen gegeben hat, kann ich doch zumindest eine grobe Einschätzung dessen machen, wie das bei euch läuft. Das ist echt okay.

Matthias Hörstmann: Aber ... Ich habe echt versucht, mich stark dafür zu machen, daß wir die BLUMFELD-Tour präsentieren dürfen, und darüber hatte ich halt mit Alfred gesprochen, und da gab es dann ein klares Nein! Ist das ein Schritt weiter, der gefährlich ist? Der blöd ist oder euch beengt, oder wie?

Jochen Distelmeyer: Nee, das war einfach zu einem Zeitpunkt, an dem wir uns auch noch um eine Menge anderen Kram kümmern mußten, beispielsweise Proben für Lemgo und Köln und so’n Kram. Das wären Sachen, die hätte ich nicht gewollt, äh, hier gibt es die Möglichkeit, wollt ihr’s machen? Ja oder nein? So, ...

Matthias Hörstmann: Ja, so war’s ja auch gar nicht. Ich konnte dich ja gar nicht anrufen. Ich habe mit Alfred gesprochen, habe mit „Rough Trade“ gesprochen, habe mit „Powerline“ gesprochen, und die haben alle gesagt, daß sie mit euch sprechen wollten, und dann habe ich nochmal mit Alfred gesprochen, und dann kam es von Alfred wohl so, daß er mit euch darüber gesprochen hätte und daß es wohl nicht machbar wäre.

Jochen Distelmeyer: Ja, also das, was ich eben gesagt habe, ist einer der Gründe, der andere Grund ist halt der, daß ich halt BLUMFELD erstmal BLUMFELD sein lassen will. Wenn die SPEX ankommt und sagt: Wir wollen die Tour präsentieren, ...

Matthias Hörstmann: Ja, die haben immerhin die „Big Cat“-Night präsentiert, mit Levi’s, ...

Jochen Distelmeyer: Ja, und MTV. Das waren noch andere Sachen, aber da sind wohl auch noch andere Geschichten gelaufen. Wir waren ja vorher darüber informiert, daß SPEX das halt machen sollte. Das war die Ausgangsposition, und dann war es halt so, daß VIVA ja die gesamte POPKOMM präsentierte, und MTV nachgefragt hat, ob sie den „Big Cat“-Abend machen könnten. Also so’n Konkurrenzding. Und weil „Big Cat“ VIVA scheiße finden, haben die sofort gesagt: Ja, cool, sorgen wir da mal für ein bißchen trouble, und haben das dann halt so laufen lassen. Also, dieser ganze Tourkram ist halt jedenfalls erstmal BLUMFELD. Es sind halt verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen (Pause) ... und mit dem Zwei-Seiten-Gestalten fühle ich mich halt extrem geschmeichelt, aber äh ...

Matthias Hörstmann: Ja, das wollte ich immer schon mal von irgendjemandem haben, und ich hatte gedacht, daß ihr da vielleicht mitmachen würdet.

Jochen Distelmeyer: Ja, würde ich auch generell, aber ich hatte zu dem Zeitpunkt halt keine Ahnung, was man da alles machen kann.

Matthias Hörstmann: Genau das ist es ja. Genau das muß ja die Vorgabe sein, daß ihr alles machen könnt. Zwei Seiten auf eine ganz andere Art.

Jochen Distelmeyer: Ja, nee, ich hatte keine Ahnung, was ich da machen will.

Matthias Hörstmann: Ach so! Aber das entwickelt sich doch aus ein paar Fragmenten heraus.

Jochen Distelmeyer: Wenn es aber darum geht, daß es da eine interessante Doppelseite von jemandem gibt, dann ließe sich das doch auch später machen, wenn es darum ginge. Zu dem Zeitpunkt war’s für mich halt nicht überschaubar, wo ... ich kopfmäßig so bin.

Matthias Hörstmann: Hier, diese „Big Cat“-Sache da: Ich habe ja keine Ahnung, was da hinter den Kulissen alles passiert ist. Das würde mich einfach mal interessieren. Wie ist es denn noch ausgeartet mit MTV? Gab es da Interviews?

Jochen Distelmeyer: Ja, es gab Interviews ... das fand ich auch ganz gut, weil es halt erstmal gegen VIVA ging -, daß die das präsentiert haben zusammen mit SPEX. Die wollten SPEX eigentlich noch rausgekickt haben.

Matthias Hörstmann: MTV?

Jochen Distelmeyer: Ja! Und „Big Cat“ haben gesagt: Nee, SPEX sind unsere ersten Ansprechpartner gewesen, entweder mit denen oder ohne euch, ganz einfach. Darauf hat sich MTV dann eingelassen, und dann gab’s halt Interviews und so’n Kram und später auch noch eine Sendung bei 120 minutes, und das sah dann so aus: Eigentlich war mit „Big Cat“ abgesprochen, 120 minutes exklusiv „Big Cat“-Abend, und MTV haben das für sich wiederum genutzt, indem die Videos der anderen Bands auf der POPKOMM mit drauf waren, als hätten sie quasi die gesamte POPKOMM präsentiert, verstehst du? Also so: Das ist jetzt unsere POPKOMM-Berichterstattung, wir haben alles, wir sind beim wichtigsten Abend dabei, hier die anderen Bands, verstehst du, so. Das war ein MTV-VIVA-interner Streit, also Konkurrenzkacke.

Matthias Hörstmann: Aber ist MTV nicht genauso scheiße wie VIVA? Oder ist MTV das geringere Übel, weil sie eher scheiße waren als VIVA.

Jochen Distelmeyer: Nee, vor allem, weil sie nicht deutschnational argumentieren. VIVA hat - das ist natürlich auch ‘ne Doppelmoral, darüber haben sie ihren Sendeplatz bekommen - VIVA sagt, vorrangig deutsche Künstler zu bringen, auch Underground und so’n Kram blablabla, also sie argumentieren auf der einen Seite mit so einer kulturellen Identitätskiste, die ich scheiße finde ... die sie erstmal nur benutzen, und es dann noch abgefuckter abläuft, denn bis du da ein Video in die heavy rotation reinkriegst - so heißt das - mußt du schon auf die Schiene mit denen kommen, weißte? Und das finde ich erstmal vollkommen indiskutabel. Zweitens: Ästhetisch, so wie die moderieren, so wie die Sendungen aussehen und zusammengestellt sind, ist alles bis auf die Techno-Sendung der letzte Scheiß, ist einfach nur uncool und Kacke. MTV sind für mich ... Ich guck’ mir das lieber an, obwohl ich’s kacke finde, und die Leute, die da die Sendungen zusammenstellen, haben einfach noch ein bißchen mehr Ahnung von dem, was da überhaupt ist, und sie argumentieren halt nicht so vordergründig, daß sie eine spezielle Nationalität pushen wollen, ...

Matthias Hörstmann: Obwohl ich finde, die MTV-Entwicklung mit irgendwelchen Ingo Schmolls und wie sie alle heißen, ...

Jochen Distelmeyer: ... ist zum Kotzen, klar. Das war für uns nur partiell der Grund, weswgen wir bei diesem „Big Cat“-Abend mitgemacht haben, also, weil das unser Label ist, und weil das mit MTV an dem Abend für uns voll okay war, das so laufen zu lassen.

Matthias Hörstmann: Gab’s da keine Probleme mit dieser Levi’s-Kiste? War Levi’s noch als Sponsor dazugekommen?

Jochen Distelmeyer: Das weiß ich nicht, die standen ja nicht hinten an der Plakatwand, die waren ja nur ..., also hinter der Bühne war ja nur...

Matthias Hörstmann: Gegenüberliegend!

Jochen Distelmeyer: Gegenüberliegend war das?

Matthias Hörstmann: Ja, und dann wurden die Buchstaben während des Konzerts ausgetauscht, das war ziemlich klasse.

Jochen Distelmeyer: Ach so, das hab’ ich nicht gesehen.

Matthias Hörstmann: Evil und Evils und diverse Sachen. Die waren aber auch auf dem Plakat mit drauf und auf den Tickets auch, die waren überall mit drauf. Die Plakate wurden sogar in irgendwelche Levi’s-Geschichten in den Läden, in Jeansshops integriert. Das war ziemlich pervers. Deshalb habe ich auch gedacht, daß du irgendwie davon wüßtest. - Egal!

Jochen Distelmeyer: Ich hab’ halt nur diese MTV-Kiste mitgekriegt.

Matthias Hörstmann: Gibt’s von BLUMFELD überhaupt ein Video-Clip?

Jochen Distelmeyer: Ja, wir haben für diese „Lost In Music“-Sache - was ziemlich kläglich ausgefallen ist als Sendungskonzept, finde ich - ein „Verstärker“-Video gemacht, was wir auch so, wenn es jetzt Anfragen gibt, benutzen wollen.

Matthias Hörstmann: Was dann unter Umständen auch auf VIVA gesendet werden würde, oder wie?

Jochen Distelmeyer: Nö, erstmal nicht! Die wollten halt mit uns ein Interview machen - die haben da ja so eine Sondersendung gemacht - MUTTER, GOLDENE ZITRONEN - und wollten uns dabei haben. Also, es läuft ja halt so: Die wollen eine Sendung machen, jetzt zum Beispiel Wah- Wah... und wollen das halt ein bißchen featuren. Und dann sagen sie: Wir zeigen auch euer Video, und wir haben halt gesagt: Ja, dann zeigt ihr das einmal, das ist dann halt wie KUNZE oder Tempo oder so, dann habt ihr’s halt gehabt, und dann ist das für euch gegessen, ohne daß es Konsequenzen hat. Wir haben halt so argumentiert - natürlich mit der Aussicht, daß sie das nie machen würden: Laß uns das doch so machen: Ihr zeigt erstmal das Video ein paar Wochen in der heavy rotation, bringt den da erstmal rein, daß der gezeigt wird, und dann können wir uns nochmal über ein Interview unterhalten. Weißt du, so.

Matthias Hörstmann: Aber ist das nicht genauso inkonsequent? Natürlich war klar, daß sie das nicht machen würden, aber ...

Jochen Distelmeyer: Nö, erstmal gucken, inwieweit es ihnen wirklich ernst ist, ein Interview zu machen.

Matthias Hörstmann: Aber wenn sie darauf eingegangen wären, wär’s doch genau dasselbe in grün, im Endeffekt, wär’s doch Spiegel und FAZ, also diese Interview-Geschichte ...

Jochen Distelmeyer: Seh’ ich nicht so, weil es halt kein Interview ist, weil es keine Gesprächsform ist, mit der man da zusammen ... Wenn du da BEASTIE BOYS siehst oder so’n Kram, Sabotage oder so was, dann siehst du BEASTIE BIOS, ja? Dann ist der ganze Müll drumherum erstmal scheißegal!

Matthias Hörstmann: Trotz alledem! Du bist dann Teil des VIVA-Programms!

Jochen Distelmeyer: Ja, stimmt, ... Hm, stimmt.

Matthias Hörstmann: Äh, weiß ich nicht ,das wundert mich einfach nur, wenn ich das auf eine Stufe stelle mit der Auswahl der Printmedien.

Jochen Distelmeyer: Ja, ich meine, dieser Printmedien-Sache messe ich erstmal mehr Bedeutung bei, weil man sich da in einer Gesprächssituation von jemand beim Wort nehmen läßt und den noch ernst nimmt, faktisch, weil man da sitzt, ja? Das ist ‘ne Situation, die entsteht vor einem Hintergrund, und diese erwähnten Zeitschriften - Spiegel, ME-Sounds, Tempo - haben halt eine klare Ausrichtung davon, was sie damit bezwecken wollen; die haben ja auch, sagen wir mal, ‘nen ideologischen Überbau, mit dem sie da letztendlich arbeiten. Von daher ist der Grad, wie gefährlich ich das finde, ... läuft das für mich anders, als wenn man da ein Video bei VIVA laufen hat. Aber du hast natürlich recht, ...

Matthias Hörstmann: Ja, aber dem Video wäre ja das Interview gefolgt , und äh ...

Jochen Distelmeyer: Stimmt, du hast recht! Ja, dann haben wir halt Glück gehabt. Wir haben’s nicht gemacht und wir machen’s nicht. Also, ich meine, wir haben uns das sowieso mit allen total verscherzt, weil eigentlich schon während der POPKOMM ...

Matthias Hörstmann: Tut sich überhaupt schon was in England?

Jochen Distelmeyer: Äh, nee, die Platte wird ja erst Anfang nächsten Jahres dort veröffentlicht.

Matthias Hörstmann: Ach so, ich dachte, das wäre jetzt parallel.

Jochen Distelmeyer: Nee, nee! Soweit ich informiert bin, wird die Platte international erst Anfang Dezember veröffentlicht.

Matthias Hörstmann: Weltweit?

Jochen Distelmeyer: Hast aber recht mit den Teilen.

Matthias Hörstmann: Jaja, ich werde das außen vorlassen, weil ...

Jochen Distelmeyer: Nee, das mußt du ja nicht außen vorlassen ... das sind ja genau die Sachen, also die heften uns ja nicht irgendwie an die Marke, daß wir da 100%ig p.c. sagen, aber genau das sind ja die Fragen, um die es in der Öffentlichkeit eine Auseinandersetzung gibt. Mit den GOLDIS können wir darüber reden, mit KIRK können wir darüber reden und noch ein paar anderen Leuten, aber bei Leuten, die halt ‘ne Zeitung machen - Intro weiß ich jetzt nicht -, gibt es keine Erfahrung, mit Leuten so darüber zu reden, sag ich mal, also mit Musikern. Also die ganze politische Dimension, von der wir ja sagen, daß es die hat, muß sich ja irgendwo beweisen und beweist sich ja darin, wo man halt Grenzen setzt und wo nicht. Ja, und ich sage nicht, daß wird da hardliner 100%ig okay liegen.

Matthias Hörstmann: Ja, und genau das war’s ja vorher. Du hast irgendwo ‘ne konsequente Herangehensweise aufgeführt, daß du gesagt hast, ...

Jochen Distelmeyer: Das ist keine harte Linie, sondern am konkreten Fall entscheidet.

Matthias Hörstmann: Aber mit Konsequenzen halt.

Jochen Distelmeyer: Ja, natürlich!

Matthias Hörstmann: Ja klar. Und aus der Konsequenz heraus entsteht doch die Linie.

Jochen Distelmeyer: Ja, die entsteht daraus, aber die wird nicht festgelegt, daß heißt ja nicht ... beispielsweise ...

Matthias Hörstmann: Beispielsweise ein Spiegel-Redakteur würde mit dir sprechen - du wüßtest nicht, daß er vom Spiegel wäre - und er würde dich zum Interview bringen!

Jochen Distelmeyer: Nö, das weiß ich ja! Das ist ja bei der Interview-Tour genauso gelaufen! Es gibt ‘ne Liste, die kriege ich vorgelegt, die diskutieren wir dann mit der Band, der und der und die und die hätten Interesse, da werden halt Privatleute aufgeführt, freie Mitarbeiter und Zeitungen, und dann sagt man halt: Die nicht, die nicht, die nicht, die nicht - Zeitungen - und dann guckt man: Ja, das auch, aber der, der für die Süddeutsche Zeitung was macht, der schreibt auch für’n ME-Sounds, so, und dann wird halt mit dem gesprochen und wird gesagt: So, paß mal auf, wir würden gerne mit dir mit der Süddeutschen was machen, das wäre noch im Rahmen dessen, was uns möglich erscheint, aber wir würden dich bitten wollen, das nicht für ME-Sounds zu machen. Ist das in dem Bereich für dich möglich, ja oder nein, und wenn der sagt: Weiß ich nicht, das ist ja wohl meine Sache, die bleibt mir ja wohl vorbehalten, dann muß man sagen: Okay, dann können wir so aber nicht ...

Matthias Hörstmann: Es gibt dann aber keine Interviews mit irgendwelchen Freien, die dann nicht vorgeben, für wen sie im Endeffekt die Story liefern?

Jochen Distelmeyer: Die müssen nicht sagen, daß sie das nur für das und das Blatt machen, aber wenn klar ist, daß die das für Zeitungen machen, beispielsweise Playboy oder so’n Kram oder Playgirl oder keine Ahnung was, und es ist klar, daß sie es dafür verticken wollen, dann sagen wir eben, du gehst zwar für uns okay als Typ, aber wir können das halt so nicht machen.

Matthias Hörstmann: Im nachhinein wirst du dich dann wahrscheinlich trotzdem noch wundern können, wo denn nun überall diese Story erschienen ist, oder meinst du, daß du das ausschliessen kannst?

Jochen Distelmeyer: Nee, also wir haben halt versucht, das so klar wie möglich einzugrenzen, wobei ..., diese Eingrenzung, das ist halt keine Kante so wie die - Zack! -, die ist ja auch in Bewegung, weil ich da auch sage: Gut, der Typ ist so einfach okay, mit dem will ich mich einfach unterhalten, das interessiert mich einfach menschlich, oder weil der mir irgendwas über die Platte sagen kann, was mich halt interessiert, oder weil ich wissen will, wie der was darüber schreibt, ist klar, das gibt’s natürlich auch, aber das gibt es halt in ganz konkreten, bestimmten Sachen aus ganz bestimmten, konkreten Gründen.

Matthias Hörstmann: Ja, klar. Ähm, laß uns mal über die England-Tour reden, weil ich das total faszinierend fand. Ich hab’ ja nur einen einzigen Set gesehen, und das war der in Manchester. Das ging damit los, daß du die Stücke angesagt hast mit (lacht) verkrampftem Witz, in katastrophalem Englisch und klasse Übersetzungen und all so Sachen. War das echt so, daß du super unter Strom gestanden hast auf der Bühne, und das kam dann einfach so, diese Ansagen, oder wie funktionierte das? Manchester war wahrscheinlich auch superkrass, weil ihr da gekommen seid, und ihr wußtet noch nicht mal - ich hab’ vor Augen, wie die erste Band spielte -, und du wußtest nicht, daß noch ‘ne Band vor euch spielt, und du kamst irgendwie vor die Bühne und gucktest völlig entgeistert da hoch.

Jochen Distelmeyer: Nee, ich fand die Band einfach gut - PRAM haben da gespielt.

Matthias Hörstmann: Ja ja, die sind klasse.

Jochen Distelmeyer: Die sind spitze.

Matthias Hörstmann: Ich hatte den Eindruck, du oder Eike sagte mir, daß ihr gar nicht gewußt hättet, daß da noch ‘ne Band spielt.

Jochen Distelmeyer: Nee, mir war das klar! Ich fand die einfach gut und hab’ mir die ein bißchen angeguckt, weil die bis dahin in Deutschland noch nicht gespielt hatten, jedenfalls nicht da, wo ich sie hätte sehen können. Ich hatte sie halt schon auf Platte gehört, und mich hat das ziemlich interessiert, und live fand ich es dann ausgezeichnet.

Matthias Hörstmann: Aber das war doch wohl ein ziemliches Fiasko, die Sache mit Manchester. Da habt ihr doch hinterher noch in diesem Treppenhaus stimmen müssen, das war einfach ein ziemliches Chaos und auch auf der Bühne war’s dann ziemlich witzig.

Jochen Distelmeyer: Ja, och nee, ich fand das einfach ... Na gut, das war halt der Backstage-Bereich, wo wir unsere Sachen so klarkriegen wollten, und dann sind wir halt auf die Bühne. Aber ein Fiasko ...? Ich war halt froh, daß wir da angekommen waren, nachdem wir die Fähre verpaßt hatten, und daß es dann so abging. Was mich halt erstaunt hat, war, daß die Leute das schon ziemlich gut fanden.

Matthias Hörstmann: Zugehört haben vor allen Dingen.

Jochen Distelmeyer: Ja, und daß es zeigt, daß es nicht primär über die Texte geht beim Hören, wie es in Deutschland, denke ich, oft läuft, sondern daß es halt anwendbar ist.

Matthias Hörstmann: Das hängt aber auch mit Deutschlands Popkultur zusammen und dem Verständnis, überhaupt damit umzugehen, wenn man auf MTV die Berieselung bekommt, die einen nur über die musische Begabung mitwippen läßt und nicht auf die Texte fokussiert. Bei euch wird man zwangsläufig dahin geführt - mir ging es zumindest eigentlich immer so.

Jochen Distelmeyer: Ja klar, das finde ich richtig. Das ist ja das, was ich meine, das ist halt Musik. Und ich fand das einfach cool, als ich gemerkt habe, daß das möglich ist. Erst hab’ ich ja gedacht, ja gut, wir spielen da halt irgendwie, und die wollen halt PAVEMENT gucken, wir sind halt Krauts, möglicherweise finden die das alles andere als gut.

Matthias Hörstmann: Gibt’s in England schon Presse über euch? Bestimmt gibt’s doch Interviews, wenn die Platte jetzt kommt.

Jochen Distelmeyer: Weiß ich gar nicht, keine Ahnung ....verschiedene Sachen sind da geplant.

Matthias Hörstmann: Und da verläßt du dich dann auf „Big Cat“, oder wie? Weil, da können ja auch indiskutable Sachen ...

Jochen Distelmeyer: Nee, in England und Amerika kenne ich ja ziemlich viel von dem, was da so rauskommt. Bei Frankreich bin ich ein bißchen unsicher, aber ... Nee, da gibt’s halt Absprachen - Sachen, wo wir gesagt haben, ... - Die verstehen halt unsere Bandpolitik. Und in dem Rahmen, in dem es möglich ist, die Sache zu promoten, können wir auf die vertrauen.

Matthias Hörstmann: Nochmal eine ganz pauschale Frage: Wie kam der PAVEMENT-Kontakt zustande? Über PAVEMENT kamt ihr dann zu „Big Cat“ oder umgekehrt?

Jochen Distelmeyer: Nee, also Ebbo hatte uns schon mal in Berlin gesehen, als wir in der Volksbühne mit CPT. KIRK und MUTTER gespielt haben.

Matthias Hörstmann: War das eine Politveranstaltung?

Jochen Distelmeyer: Nee, das war eigentlich nur so ein „What’s so funny about“- Abend in der Volksbühne.

Matthias Hörstmann: Da gab’s doch auch noch diese ostdeutsche Tour? Wart ihr da nicht auch dabei?

Jochen Distelmeyer: Ja genau. Jedenfalls, auf der Volksbühne hatte Ebbo das schon gesehen und fand es klasse, fand wohl auch alle Bands ziemlich geil. Dann hatte Christoph Gurk mit PAVEMENT ein Interview gemacht und dann so ein Blind Date, wo er ihnen deutsche Bands vorgespielt hat, MUTTER undsoweiterundsofort, und da haben die halt auch unseren Kram gehört und gesagt, das würde ihnen wohl super gefallen, und ob man uns nicht fragen könnte, ob wir mit denen zusammen ein paar Gigs in England spielen wollen. So kam der Kontakt für die Livegigs zustande, und in Manchester waren Leute von „Big Cat“ und fanden das super und haben gesagt: Hey, wenn ihr Bock habt, dann sollten wir mal über Platte-Machen reden.

Matthias Hörstmann: Glaubst du nicht, daß dieser Trend für deutsche Sprache vor allem in England eine Rolle spielt?

Jochen Distelmeyer: Ich bin mir nicht sicher, ob’s da einen gibt.

Matthias Hörstmann: Gerade auf allen PAVEMENT-Platten findet man diese deutschen Wortfetzen und -hülsen; im ENEMY und MELODY MAKER ist es irgendwie schon üblich geworden, mit deutscher Sprache in irgendwelchen underlines zu arbeiten. Das hat dann irgendwie was Reizvolles, Andersartiges vielleicht, auch für die Engländer. Ich habe an dem Abend auch mit einigen Engländern gesprochen, und mit denen war das auch so, ganz und gar. Es gab ja auch dieses T-Shirt von PAVEMENT ...

Jochen Distelmeyer: Ah ja, das find ich so toll!

Matthias Hörstmann: Ja, das ist klasse! Was stand nochmal drauf? Ah, egal! Ich könnte mir aber vorstellen, daß das für die Engländer eine Rolle spielt.

Jochen Distelmeyer: Das ... Es ist halt so weirdo-mäßig ...

Matthias Hörstmann: Ja, klar. Aber könnte da nicht schon wieder eine Gefahr liegen, daß die Leute nur aufgrund der Tatsache, daß es deutsch ist, den Weg zu eurer Platte oder euren Konzerten finden?

Jochen Distelmeyer: Hoffe ich nicht. Kann ich natürlich nicht sagen, aber äh ... Ich habe mir nochmal einige englische Platten angehört, was ich so einigermaßen aus den Augen verloren hatte - bis auf DAISY CHAINSAW, die ich ultragenial finde, also die frühen, die neue ist ja totaler bullshit -, und die Sachen sind einfach schlecht, also PULP oder BLUR.

Matthias Hörstmann: BLUR? Also, BLUR ist doch klasse!

Jochen Distelmeyer: Find’ ich nicht so super. Ich finde das schon gut, aber nicht so, daß es mich von den Kompositionen her umhaut. Wie gesagt, ich habe das halt relativ aus den Augen verloren (Pause). ... Ich finde, daß die Musik bei uns besser klingt, daß die Songs besser sind.

Matthias Hörstmann: Aber die Komponente Text geht doch für einen Engländer völlig verloren. Klar ist das spannend, ist eine andere Art und gewinnt vielleicht auch eine andere Dynamik, wahrscheinlich auch für euch beim Konzert. Aber ein Engländer wird sich dann doch nicht mit ‘nem dictionary hinsetzen und sich mit den Texten befassen.

Jochen Distelmeyer: Nee, wahrscheinlich nicht. Ich habe keine Ahnung, was die da so machen, also ... Wir spielen da als Support halt ein paar Gigs. Nächstes Jahr geht’s halt mit.

Matthias Hörstmann: Mit wem?

Jochen Distelmeyer: Äh, PAVEMENT, SHUDDER TO THINK - je nachdem. Das ist noch nicht ganz raus. Wir sind aber erstmal Support, wenn wir spielen ... Wir sind ja gar nicht darauf aus, da ... Es ist halt irgendwie was anderes.

Matthias Hörstmann: Trotzdem: Es beschränkt doch irgendwie den Ausdruck der Musik oder dessen, was ihr macht - eines jeden Songs doch auch!

Jochen Distelmeyer: Wieso Beschränkung? Ich sage ja nicht, daß das, was da textlich abläuft, auch musikalisch vermittelt wird.

Matthias Hörstmann: Finde ich schon.

Jochen Distelmeyer: Stellenweise - auf eine andere Art und Weise. Das ist auch der Eindruck, den ich dort live hatte, also daß die Leute das schon irgendwie verstanden haben.

Matthias Hörstmann: Ja, aber die Texte bringen doch eine zusätzliche Dimensionalität mit.

Jochen Distelmeyer: Ja, sicher!

Matthias Hörstmann: Die Musik verkörpert von mir aus die Texte, aber die Texte bringen einen doch noch ein Grad weiter.

Jochen Distelmeyer: Ja klar!

Matthias Hörstmann: Und das geht doch flöten, deshalb meine ich Beschränkung.

Jochen Distelmeyer: Also okay ... Aber was ist denn daran schlimm, wenn da etwas verlorengeht? Also, ich meine, wir sollten das abkürzen: Wie das genau laufen wird, kann ich noch gar nicht absehen. Fakt ist, daß es halt linernotes zu jedem Stück geben wird, wo drinsteht, worum es in dem Stück geht, und dann wollen wir versuchen, zwei oder drei exemplarisch zu übersetzen.

Matthias Hörstmann: Oh, das ist wichtig. Aber das wußte ich ja nicht. Das finde ich total wichtig.

Jochen Distelmeyer: Ja, das finde ich auch. Vor allem ist es irre schwierig auf diese kurze Zeitspanne.

Matthias Hörstmann: Wer wird das machen?

Jochen Distelmeyer: Sag’ ich nicht! Darf ich nicht sagen, weiß ich nicht! Kriegt man dann ja eh mit.

Matthias Hörstmann: Ja gut, jetzt bin ich auch völlig raus aus’m Film. Ach ja, eine Sache noch: Würdest du dich als zufrieden bezeichnen? Zufrieden mit dem, was du über die Musik ausdrücken kannst?

Jochen Distelmeyer: Im Augenblick, mit dieser Platte also, - ja. Generell natürlich nicht, denn es gibt da immer noch etwas, was irgendwie weiter geht. Aber im Augenblick ist es halt diese „L’État Et Moi“-Sache, und so weit konnten wir es machen.

Matthias Hörstmann: Bist du auch nicht glücklich?

Jochen Distelmeyer: Bitte?

Matthias Hörstmann: Bist du nicht glücklich? Ich meine, das ist jetzt eine rein persönliche Frage.

Jochen Distelmeyer: Ich bin wegen anderer Sachen glücklich, auch was mit der Platte zu tun hat, aber das ist nicht wie so eine Folie, die sich über alles drüberlegt, sondern es ist halt punktuell. Darüber freue ich mich, darüber bin ich glücklich - also so.

Matthias Hörstmann: Also, so ähnlich wie die Platte, denn bei der Platte ist es ja auch so, auch mit diesen Farben.

Jochen Distelmeyer: Ja ja, aber das ist ja ziemlich barbarisch, was da stellenweise abgeht. Bei „Walkie Talkie“ zum Beispiel. Eine direkte Überschreibung kann man da nicht machen. Ich sag’ mal so: Um eine bestimmte Kritik zu formulieren oder weiterzumachen, muß man nicht durch die Scheiße waten. Man muß nicht total am Leiden sein, um gute Kunst herzustellen. Ich will einfach nicht in einer Situation sein, wo ich sage: Damit ich gute Kunst machen kann oder gute Songs oder was auch immer, muß es mir scheiße gehen, verstehst du? Fakt ist erstmal: Ich will nicht, daß es mir scheiße geht, nur sind daran halt so viele Komponenten - auch politische und gesellschaftliche Sachen - gekoppelt, daß das schon ein bestimmtes Spektrum an Kriterien und Überlegungen und so’n Kram mit einschließt, weißt du? ... Ich finde die Fragestellung ein bißchen schwierig.

Matthias Hörstmann: Vielleicht ist sie einfach nur ein bißchen zu weit gefaßt. Kannst du dir denn vorstellen, daß es eine Perversion darstellen kann, wenn ihr die Songs - egal, ob auf der Bühne oder auf Platte - macht, ja, und der Hörer dann in eine perverse Lage damit geraten kann. Pervers in der Form, daß er sich nicht zurückvermitteln kann. Was du gerade schon dargestellt hast: Ihr macht den Song und stellt ihn da hin - das habt ihr vor drei Jahren gemacht, vor zwei und vor einem Jahr gemacht.

Jochen Distelmeyer: Kann er und sie, und macht er und sie auch in Briefen, Telefonanrufen, Gesprächen nach dem Konzert und was weiß ich nicht alles.

Matthias Hörstmann: Ist natürlich begrenzt ...

Jochen Distelmeyer: Na gut!

Matthias Hörstmann: Ich könnte mir vorstellen, daß es für den Konsumenten in Anführungszeichen eine beschissene Situation ist.

Jochen Distelmeyer: Das ist aber eine sehr weitreichende Frage.

Matthias Hörstmann: Ja, weiß ich wohl. Deswegen meinte ich ja eben auch, ...

Jochen Distelmeyer: Das betrifft alles!

Matthias Hörstmann: Ja.

Jochen Distelmeyer: Das betrifft euer Blatt auch, das gibt ...

Matthias Hörstmann: Ja, das ist wohl ein grundsätzliches Problem.

Jochen Distelmeyer: Ja, das ist ein irre grundsätzliches Problem. Aber das ist auch das, was ich bei „L’État Et Moi“ - zumindest textlich - versucht habe, darzustellen.

Matthias Hörstmann: Eine Sache noch, äh, wir springen hier jetzt so’n bißchen durch die Gegend, das ist alles ein bißchen konfus, aber: Diese Sache mit der Großschreibung des Titels - haben wir die richtig interpretiert? War das der Offenheit wegen? Oder sind wir da ein bißchen zu weit gegangen?

Jochen Distelmeyer: Auch wenn ich ...

Matthias Hörstmann: Ist es nicht sowieso ein generelles Problem bei BLUMFELD, daß die Leute denken, jetzt muß ich mich dahin setzen und interpretieren?

Jochen Distelmeyer: Nö, eigentlich ganz einfach, auch wenn wir es klein geschrieben hätten, ...hätte es drei Bedeutungen gehabt: „l’État“ als der Staat, „l’état“ als der Zustand und „l’état“ als der Etat, die Kohle.

Matthias Hörstmann: Oh, das wußte ich nicht!

Jochen Distelmeyer: Ist ja auch scheißegal! Es kommt halt darauf an.

Matthias Hörstmann: Ja klar.

Jochen Distelmeyer: Ich muß mir jetzt nochmal die Plattenkritik durchlesen, dann kann ich vielleicht noch eine Gegenfrage stellen. Ich bin halt auch ein bißchen durchgenudelt durch das Sprunghafte in unserem Gespräch.

Matthias Hörstmann: Ja, ja sicher. (D liest)

Matthias Hörstmann: Das bezieht sich ja nur auf diese Geschichte hier, aber im Endeffekt fehlt da eigentlich eine Sache, was eigentlich ziemlich blöd ist, aber - ja - egal ... Es ging ja nur darum, darzustellen, daß es ...

Jochen Distelmeyer: Daß es halt mehr sei.

Jochen Distelmeyer: Ja! (D liest weiter)

Jochen Distelmeyer: Also, jetzt mal unabhängig davon: Das mit VIVA finde ich hochinteressant, weil das einen extrem konkreten Punkt betrifft.

Matthias Hörstmann: Exemplarisch, oder wie?

Jochen Distelmeyer: Ja, das ist ja in letzter Zeit eigentlich immer unser Problem gewesen: Wo ist da die Grenze, und wo läßt man das irgendwo umkippen? Daß man es halt bei VIVA möglicherweise gemacht hätte, oder daß es halt bei MTV möglicherweise dazu kommen wird. Daß man es macht, hat natürlich auch damit etwas zu tun, daß man auf eine bestimmte Art und Weise anwesend sein will. Das ist ja der Versuch der Technik, die da bei „L’État Et Moi“ beschrieben werden sollte, wie man dem Blick entkam. Nicht dadurch, daß man hinter das Werk zurücktritt wie Thomas Pynchon, sondern, daß man so - tchtchtch - überall da ist, wie MADONNA oder DYLAN oder ELVIS halt, also letztendlich die faßbare Kontur der Persönlichkeit - weil echtes Leiden, echter Mensch ist diesen Medien ja immer am liebsten -, der Zugriff auf die echte Person. Das ist ja meine These, daß man sich auf diese Art und Weise angemessener entziehen kann, also dadurch, daß ich überall bin. Du fragst dich: MADONNA? Hab’ ich schon 1000 Mal gesehen oder bei DYLAN: millionenmal Platten von ihm gehört, und wenn er dann auf einer Grammy-Verleihung auftaucht und da nur so Hutzelmännchen macht, fragst du dich: Wer um Gottes Willen ist das? Also, wer ist das denn jetzt? Also, daß du nicht hinter dem eigenen Werk verschwinden mußt, denn dadurch betonst du nur deine eigene Abwesenheit, wie halt Thomas Pynchon, dessen Werke halt hauptsächlich darüber rezipiert werden, daß er halt der große Unbekannte ist, der die immer schreibt, ja? Oder wie bei Techno: Bei uns gibt’s keine Stars, bei uns steht das Werk, der Strom der Veröffentlichungen im Vordergrund, und irgendwann brauchen sie, um das vermitteln zu können, WESTBAM, ALEC EMPIRE, SVEN VÄTH, MARUSHA undsoweiterundsofort, und damit werden diese Stars doch wieder installiert, damit sind sie letztendlich an dem Anspruch, den sie am Anfang hatten, gescheitert. Wobei halt dieses Prinzip vom Vieldeutig-da-sein, Zweideutig-auftauchen von mir aus, für mich bedeutet hat, eine Möglichkeit zu entwickeln, wie man dadurch, daß man da und da und da und da ist, letztendlich den Zugriff von Leuten verhindern kann, die - sagen wir mal - nur ein vermarktungstechnisches Interesse oder sonstwas an einem haben. Und in dem Zusammenhang würde ich dann beispielsweise, ... Ich meine, man muß das Video auch mal sehen - das arbeitet halt schon so, ...

Matthias Hörstmann: Ja, ich würde es auch gerne mal sehen. Ich habe aber wahrscheinlich keine Chance, das zu sehen. Oder läuft’s bald mal irgendwo?

Jochen Distelmeyer: Ich weiß ja nicht - wir müssen uns halt wirklich darüber unterhalten, wie wir das mit MTV und VIVA machen. Also wie gesagt: Das ist dann möglicherweise inkonsequent zu dem, was ich vorher gesagt hatte. Aber ich habe erstmal nichts dagegen, wenn das Video da auftaucht, denn das Video bin nicht ich, verstehst du? Das ist genauso, wenn die Schallplatte in bestimmten Läden steht, oder so. Das ist schwierig. Man ist da sofort bei einer moralischen Debatte, die ja nicht du anfängst, sondern wir, wenn wir sagen: SPIEGEL machen wir nicht. Wobei sich diese Moral immer an einer pragmatischen, praktischen Entscheidung - so: Davon handeln wir - macht.

Matthias Hörstmann: Das eine würde ein Weiteres bedingen, und irgendwann würde dich die Moral wieder erreichen.

Jochen Distelmeyer: Ja, aber sie erreicht mich doch von vornherein. Obwohl ich meine, das ist jetzt alles zu komplex, denn da kommen wir jetzt in Detailbereiche rein. Da hätte man vorher anhand der Platte drüber reden müssen.

Matthias Hörstmann: Ja, ja, ja ... Ich will mal sehen, ob ich morgen mit nach Münster kommen kann, weil es auch noch einige Sachen über die Platte gibt ...

Jochen Distelmeyer: Wäre vielleicht ganz gut. Was wäre das denn?

Matthias Hörstmann: Bei der Platte jetzt speziell, oder wie? Von mir aus anhand des Beispiels „Moral“ auf die Texte zu schließen und sich irgendwelche Texte dazu vornehmen. Joachim, der ursprünglich mitkommen wollte, hat mir vorher noch ein Fax mit zwei Worthülsen geschickt, die ich dir unbedingt zeigen möchte. Aber ihm ging’s genauso wie mir ... ... Scheiße! Ja okay, das erste war diese andere Geschichte ...

Jochen Distelmeyer: Also, was wir versucht haben, damit zu leisten, ist halt, einem Begriff wie der eigenen Identität, äh, ...

Matthias Hörstmann: Woraus definiert sich Identität denn noch?

Jochen Distelmeyer: Durch das, was man tut. Nicht durch das, was man wesenhaft qua Definition - Mann, Frau oder durch ...

Matthias Hörstmann: Aber durch dieses Offenhalten sprachlicher Art alleine ist die Identität doch so nicht greifbar.

Jochen Distelmeyer: Ja, das ist das Problem.

Matthias Hörstmann: Identität ist doch genauso abstrakt wie unser Gespräch hier.

Jochen Distelmeyer: Ja! Die Frage ist halt die: Auf „Ich-Maschine“ sind wir drei halt da und sagen was - blablablabla. Den Subtext, der da durchgelaufen ist, könnte man quasi damit umreißen, daß da immer noch von einer Idee vom „Ich“ ausgegangen wird - was ich bin, wodurch sich meine Identität möglicherweise beweist als ein Bild, das da auftaucht. Das lief zusammen mit einer Konzeption von „Du“, die über „Laß Uns Nicht Von Sex Reden“ undsoweiterundsofort auch einen appellativen Charakter für die Leute, die die Platte gehört haben, hergestellt hat, wo aber die Rahmung - der Begriff von „Du“ - schon so festgelegt war, daß dieses „Du“ gar keine andere Möglichkeit mehr hatte, als abstrakt zu existieren - eine abstrakte Möglichkeit von „Du“. Der Schritt, den wir jetzt weiter gemacht haben, ist erstmal der, über die Erfahrung von so einem Hohlsein oder Leersein - jetzt die These: Da ist ja gar kein Kern in mir, wesenhaft ist da ja gar keine Identität drin, kein Sinn, ja? - zu dem Rot zu kommen, was in sich nach einem Vorwand sucht, nach Lebenssinn, der sich wie bei „Verstärker“ eher daraus entwickelt, über dieses Dazwischen, daß in den Zwischenbereichen Sinn produziert wird und daß der nicht schicksalshaft festgelegt ist. Daß man versucht, zu sagen: Ja, und wenn ich jetzt nichts mit etwas drumherum bin, ein Wind ohne nichts, ein Leerkörper, was dann? Warum nicht daran leiden und das als Mangel begreifen und sich dann irgendwie zum frühesten Bild zurücksehnen - wie COBAIN, ja?, in utero; erst das Kind, was da in dem Swimming Pool war, und dann: Scheiße, ich muß doch ein Zentrum haben! Punkrock ist das, worum ich kreise. Es muß doch irgendetwas geben, was meine Identität bestimmt - historisch möglicherweise, wo ich dann sagte: Ja, okay, laß diese Leere doch erstmal zu, begreif’ dich doch nicht als Mangel, also als etwas, wo was fehlt, wo etwas abhanden gekommen ist, was da eigentlich hingehören müßte, als eine Mitte, ein Zentrum. Sondern man kann ja erstmal davon ausgehen: Da ist auch nix! Was heißt das dann konkret? Das kann dann heißen, daß man in dem, was man tut, total beliebig wird und nicht zur Verantwortung gezogen werden kann gegenüber dem Menschen, dem man sich verantwortlich fühlt, mit dem man was zusammen hat, und das finde ich halt kacke. Das ist ja das bei „L’État Et Moi“ - der ist dann so far-freakin’-out, also jenseits von Gut und Böse. Äh, sagen wir mal so: Daß man das, was man dann an sozialer Verantwortlichkeit und Verbindlichkeit durch das Konkrete-Praktische entwickelt. Okay, ich hab’ das gemacht, und so war das jetzt gut. Was ist da jetzt dran, wie hat das funktioniert? Daß man aber nachher darüber sagt: Okay, davon handeln wir, von dieser potentiellen Leere - nur als eine Möglichkeit, und daß das das ist, was wir sind, ist erstmal nicht schlimm, sondern wird erst dadurch bewertbar, indem sich das veräußert. In der Aktion verschlinge ich jetzt alles, lasse ich alles zu nichts werden, außer mir. Oder kommt da jemand und sagt: Hey, ich, der oder diejenige, die du als „Du“ beschreibst, bewege mich in meinem eigenen Recht. Und ich sage jetzt: Komm’ hier nicht so angekrochen, klar helfe ich dir, wenn’s sein muß, aber geh’ nicht hinter das zurück, was du vorher gesagt hast. Das haben wir begriffen, das stimmt auch, dem stimmen wir zu - davon handeln wir. Verstehst du?

Matthias Hörstmann: Das gerade war mehr als die anderthalb Stunden vorher!

Jochen Distelmeyer: Das ist halt erstmal auch die Konzeption von einer Verantwortlichkeit und von etwas, was sich gegen die Moral stellt, als eine Hülle, unter der man genötigt wird, sich zu bewegen und sich zu verhalten; und darin beweist sich auch wieder dieses SPIEGEL- und VIVA-Ding. Kann ja sein, daß der SPIEGEL irgendwann ‘ne super Zeitung wird; kann ja sein, daß die den großen Rundumschlag machen und sagen: Hey, was wir vorher gemacht haben, war total kacke - ich gehe mal nicht davon aus, daß das passieren wird - aber weißt du, so? Nur im Augenblick ist das halt nicht drin. Und wo darüber hinaus in dem Moment, wo man diese Identität als einen blinden Fleck, als einen McGriffin letztendlich, beschreibt, also bei „Ich, Wie Es Wirklich War, Und Ich Verlor An Gewicht, Ich Bin Nur Eine Wendung“, ja? Dieses „Ich“, was immer eine Identität suggeriert, aber faktisch gar keine hat und die auch nicht aufrecht erhalten will, sondern sagt: Ich bin nur ein McGriffin - wie bei Hitchcock - Ich bin nichts, Ich bin ein Schmetterling oder irgendwie ein Schlüsselbund, oder Ich war eine Blechdose oder was auch immer; erstmal ein Objekt, was gar keine klar umrissene Bedeutung hat und nur für die Bewegung sorgt, ja? Für das, daß da etwas passiert. Du kannst auch anstelle von Ich - kennst Du McGriffin, den Begriff bei Hitchcock?... Also, „Fremder im Zug“ - das ist ein Schlüsselbund, könnte aber auch etwas anderes sein. Das ist ein Ding, was an sich gar keine Rolle spielt, aber die Rolle macht, letztendlich - so halt. Und neben diesem McGriffin-Ich gibt es natürlich auch wieder ein Ich, das etwas bedeutet, das etwas darstellt, das auch greifbar ist als ein autobiographisches, von mir aus. Etwas, das so eine magische Autobiographie hat. Wie bei „Zwei oder drei Dinge, die ich von mir weiß“. Und daß dieses Ich in dem Moment zurücktritt und letztendlich den Punkt, der wirklich abwesend ist, in den Vordergrund stellt, denn das ist nämlich „Du“ auf der Platte. „Also wenn Du ‘ne Platte hast, dreh’ ich mich mit der Musik und allem, was ich an mir hab’ und mir zur Verfügung steht, um Dich.“ Von Du kann hier nicht die Rede sein, weißt du, es geht nicht darum, dir - generelles Problem von Liebesliedern, (singt) Daisy..., Ramona ... oder so - einen Rahmen zu bauen, sondern erstmal die Freiheit anzubieten, die du hast, ja?, weil ich nicht mehr denken will, daß Ich bin, sondern will, daß Du da bist. Daß es eine Möglichkeit für dich gibt, die du dann aber letztendlich selbst beweist oder darstellst.