Aus Headspin #13, Dezember 1995
Das Interview führte Christoph Koch

BLUMFELD
(Superstarfighter auf dem Weg zu sich selbst)

3,75 Jahre und 11 Ausgaben nach der ersten offiziellen Erwähnung von Blumfeld im Headspin, ist es nun endlich soweit. Das Interview mit Jochen Distelmeyer, dem Hochfrequenzspucker und Gitarrenstimmdilettanten, der sich als das bestätigte, was ich erhofft hatte. Als äußerst netter und eloquenter Gesprächspartner nämlich. Auf Blumfeld aufmerksam wurde eigentlich durch eine Plattenbesprechung in der Spex im Januar '92, die vor Textproben nur so wimmelte und mich so neugierig machte darauf, wer wohl so famose Textzeilen wie "Sind zwei zuviel um frei zu sein oder brauch ich dich um ich zu sein?" ersonnen haben mochte. Das daraufhin erworbene Album "Ich-Maschine" traf mich auch wie ein Blitzschlag und setzte allerlei Denkprozesse in Gang und tut dies (und das kann einer Platte eigentlich gar nicht hoch genug angerechnet werden) auch heute noch. Im Gegensatz zu manch anderen zeitgenössischen deutschsingenden Bands weiß man bei Blumfeld anfangs oft gar nicht, warum einen ein gewisser Text anspricht. Erst nach und nach gelingt es dem Hörer (so er sich darum bemüht) Dinge zu entschlüsseln, Aussagen herauszuhören und diese mit eigenen Ansichten zu vergleichen, auf ihre Richtigkeit und ihren Sinn zu überprüfen. Bei einem späteren Anhören ergeben sich unter Umständen völlig neue Perspektiven und andere / erweiterte Interpretationsmöglichkeiten. Letzteres ist bei "eindimensionalen" Texten nicht möglich, hier gefällt einem der Text meist entweder gleich oder gar nicht, die Dinge werden beim Namen genannt, man stimmt zu oder nicht, eine individuelle Interpretation ist beinahe ausgeschlosssen.

Eine andere Eigenschaft, die mich neben der Fähigkeit, politische Inhalte in lyrischer Sprache zu vermitteln, stets beeindruckt hat, ist der Mut (bzw. die fehlende Angst) zu zitieren. Seine Einflüsse, Grundsteine für Überlegungen deutlich zu machen und offen zuzugeben oder aber auch einfach zusagen, "Das sage ich, aber das da und das da gibt es auch noch. Das sagen die anderen". Und das - das gebe ich offen zu - habe ich lange Zeit nicht richtig verstanden (ohne mir anmaßen zu wollen, es jetzt 100%ig zu verstehen). Wie man kreativ sein kann, indem man einen Satz, den jemand anders bereits veröffentlicht hat, einfach negiert. "Auf das die Anderen aufhören mit sich selbst zu reden" (Blumfeld) statt "auf daß die Anderen auch anfangen mit sich selbst zu reden" (Kolossale Jugend). Indem man Dinge aus ihrem Zusammenhang (Ingrid Steeger, Morrissey, NDW-Markus, Patti Smith, usw.) reißt und so völlig neue Zusammenhänge, Perspektiven, Aussagen zu schafft. Einfach so ehrlich sein, zuzugeben, daß fast alles, was wir tun und sagen, sich auf etwas bezieht und ohne diesen Bezugspunkt so nicht denkbar wäre.

Doch genug der schlauen Worte, lassen wir den Mann selbst zu Wort kommen, im Backstageraum des Münchner Backstage versammelt: ein sehr netter obwohl sehr kranker Jochen Distelmeyer, ein schlafender Andre Rattay, ein erst zuhörender, dann auch schlafender Eike Bohlken, ein später shirtverkaufender Pavement-Bassist, ein Mann von Radio Lora, die Vorband "Wuhling" mit 18th dyes Heike am Bass und ein paar andere Menschen mit den verschiedensten Funktionen und Eigenschaften.Ach ja und natürlich Michi und ich...




Jochen (Headspin #12 durchblätternd): Die Sterne, In einer Nacht wie dieser... Der Fremde... is ja total geil...

Headspin: Achim Knorr hat vor drei oder vier Tagen erst wieder in Herford gespielt als "Knorr's 0:0" zusammen mit den Sternen.

Jochen: Echt?!? Ist ja cool, daß du das kennst. Kommst du von da?

Headspin: Nee, ich hab'n Freund aus Herford. Wolfram Kähler, er erzählt du hättest ihm mal den Discoeintritt spendiert.

Jochen: Stimmt, den kenn ich, supernetter Typ. Dem schulde ich immer noch eine Cassette, er hat mir so'n Techno-House-Mix gemacht. Und über den kennst du das ganze alte Zeug?

Headspin: Eigentlich nur ziemlich wenig, ein paar einzelne Songs, aber vielleicht kannst Du mal erzählen, wie das damals alles so war, mit deiner alten Band Bienenjäger, Bad Salzuflen und dem ominösen fast weltweit-Label...

Jochen: Ich glaube gegründet haben das Michael Girke und Bernd Begemann zusammen, wobei Bernd sich dann eigentlich auch gleich wieder aus diesem Zusammenhang verabschiedet hat, weil er in Hamburg mit seine Band "Die Antwort" bei einer Major Company Musik machen wollte. Sonst waren von Anfang an dabei: Frank Spilker von den Sternen, Achim Knorr als Der Fremde, die Time Twisters, ich bin eigentlich erst zwei Jahre später durch einen Artikel in der Spex auf die aufmerksam geworden. Die kamen ja alle aus Bad Salzuflen / Herford und ich komme aus Bielefeld, von daher hatte ich nicht so die direkte Verbindung zu den Leuten und als ich das da gelesen hatte, habe ich die kontaktet weil das schon ziemlich nach dem klang, was mich so interessiert hat zu der Zeit und wo sich in Bielefeld relativ wenig finden ließ. Da lief halt Bluesrock oder Punkrock oder Jazzrock...

Headspin: Und was war es, was dich an fast weltweit angesprochen hat?

Jochen: Popmusik zu spielen nach Punkrock und nach der Neuen Deutschen Welle. Quasi Leute, die schon über Punkrock angefangen haben, Musik zu machen, aber dann nicht wie Simple Minds oder die Ecke weitergemacht haben, sondern wie Style Council, Aztec Camera, Orange Juice, sowas. Dafür findet sich keine Lobby in Bielefeld und so habe ich das dann kennengelernt. Nachdem ich Andreas von den Time Twisters kennengelernt habe, war ich dann auf 'ner Party und bin quasi in diese Familie aufgenommen worden. Die fast weltweit-Leute hatten die ganze Zeit schon dieses Studio von Frank Werner wo die ganzen Sachen aufgenommen wurden und mit dem fand dann so eine Überlegung statt, das ganze so Motown-mäßig aufzuziehen, d.h. ein eigenes Studio, die Musiker tauschen sich ständig untereinander aus, also was weiß ich, Frank hat öfter Bass gespielt bei Sachen von Bernadette oder später auch bei Der Fremde, ich habe bei Michael Girke was mitgespielt,. Thomas Wenzel, mit dem ich damals zusammengespielt habe und der jetzt bei den Sternen ist, der hat auch bei Michael mitgemacht und so hat sich das ständig ausgetauscht.

Headspin: Und ihr wart damals unter dem klangvollen Namen Bienenjäger am Start?

Jochen: Anfangs hieß es Bienenjäger, dann hieß es Arm, bis wir feststellten - da lebte ich schon in Hamburg - daß es in Hamburg schon eine Band mit dem Namen gab, die machten so Hardcore und am Ende hießen wir dann Laut, aber ich weiß jetzt gar nicht, ob unter dem Namen auf einem dieser fast weltweit-Cassettensampler was erschienen ist. Wir haben damals eben immer so Ausnahmesessions gemacht und Tapesampler veröffentlicht. Michael Girke hatte ganz zu Anfang zusammen mit Thomas Schwebel als Jetzt! eine Single veröffentlicht, die Sterne und Der Fremde und die Time Twisters haben dann auch noch richtige Platten gemacht, Singles und so einen Sampler.

Headspin: Ich kenne eigentlich nur zwei Stücke der Bienenjäger, die mir aber sehr gut gefallen, zum einen "Tatjana Traurig", zum anderen das mit dem "Brief von weit weg"...

Jochen: Das mit dem Brief heißt eigentlich "Was werden sie finden?" und war genauso wie das andere eigentlich nur so eine Demoaufnahme und ist soviel ich weiß nie irgendwo erschienen. [Ist es aber doch, nämlich auf dem roten bzw. dem blauen Cassettensampler, die mir Achim Knorr kurz darauf netterweise geschickt hat] Aber eigentlich waren auch die Cassettensampler damals irgendwo Demoaufnahmen. Ich weiß noch, wie wir damals zu den Berlin Independence Days und zur Popkomm gegangen sind und gedacht haben wir hätten das heißeste Zeug überhaupt, das Geilste was es gibt bisher, allein von den Texten und von der Haltung, die dahinterstand. Michael hat damals zum Beispiel in Anlehnung an "Cappuccino Kid" (so hat Paul Weller immer die Linernotes auf seinen Alben unterzeichnet) unter dem Namen "Nescafé Boy" auf die Rückseite des ersten Samplers geschrieben, schafft die Plattenstände ab, die Platten sollen gehört werden und nicht gekauft. Da hatte also für einen Teil der Leute die damals da mitgemacht haben, schon immer, wenn auch nebulös, eine politische Konnotation. Für Michael und für mich auf jeden Fall, für Frank Spilker denke ich auch, aber z.B. für Achim, Bernadette und die Time Twisters kaum. Als ich zusammen mit Thomas Wenzel Musik gemacht habe, habe ich immer gesagt. "Spiel du doch Bass" und er meinte "Ich habe aber keinen Bock, basszu spielen" und so mußten bei Konzerten immer irgendwelche anderen Leute Bass und Schlagzeug spielen. Wir haben also immer in Städten gespielt, wo wir jemanden kannten, haben denen dann ein Tape geschickt Dann kam so 'ne Zeit wo ich mich dann von Thomas getrennt habe und gar keinen Bock mehr auf Musikmachen hatte und irgendwann dann lernte ich André kennen, über Christof Leich von der Kolossalen Jugend, und wir machten so 'ne Jamsession zusammen mit Thomas Wenzel und Frank Spilker. Das war aber irgendwie nicht so das Ding, aber André meinte dann, er wüßte noch einen Bassisten und so haben wir Eike angerufen und mit dem ging das sofort super los. Aus diesr Jamsession hat sich dann aber die neue Besetzung der Sterne rausgebildet und nachdem in Thomas' WG eine gewisse Peta wohnte und ich Bernadette noch von früher kannte, ergab sich dann aus dieser Verbindung auch wieder die Besetzung für Die Braut Haut Ins Auge...

Headspin: Hast Du heute noch Kontakt zu den anderen Leuten von damals? Michael Girke? Bernd Begemann? Gerade bei Bernd heißt es ja immer, ihr könntet euch überhaupt nicht mehr leiden...

Jochen: Michael hat ja irgendwann mit dem Musikmachen aufgehört, ist erst nach Berlin und dann wieder von da weg nach Herford gezogen und hat sich da dann mehr aufs Schreiben konzentriert, an sich genau zu demselben Zeitpunkt, zu dem ich auch gesagt habe, ich hab keinen Bock mehr, Musik zu machen. Zu ihm habe ich einen richtig freundschaftlichen Kontakt, zu Bernd habe ich nur noch so, wie soll man sage, ein relativ loyales Verhältnis.

Headspin: Es wird ja auch immer betont, daß ihr so die gegensätzliche Fraktionen verkörpert, der Unpolitische und der Politische...

Jochen: Ja, in gewisser Hinsicht hat da ja auch eine Fraktionierung stattgefunden, die schon vor Jahren vehement von Bernd eingeleitet worden ist. Aber was die Öffentlichkeit anbelangt, habe ich ihm da auch nie irgendwie vor den Bug geschossen, weil ich ihm gegenüber, obwohl es Sachen gibt, die ich kritisieren würde, immer noch so einen Rest Loyalität verspüre. Weil er auch bestimmte Sachen kann, die ich gut finde, neben den Sachen, die ich nicht gut finde und die er auch kann.

Headspin: Und woher glaubst Du kommt es, daß viele Leute, die damals dabei waren, heute nichts mehr davon wissen wollen? Ich hab z.B. mal mit Michael Girke telefoniert und der war ziemlich muffig und meinte nur, er hätte nichts mehr von den Sachen und das wäre ja eh gegessen und so.

Jochen: Das mit Michael ist ja wieder was anderes, weil der ja generell aufgehört hat, Musik zu machen, obwohl ich seine Sachen immer extrem gut fand. Aber alle anderen distanzieren sich da nicht von, z.B. rede ich mit Frank öfter drüber, neulich habe ich ihn in seiner neuen Wohnugn besucht und da hatte er umzugsmäßig noch so Kartons rumstehen und wir haben uns so alte Demos angehört, da muß es eigentlich Tonnen von Bändern geben, von irgendwelchen Studiosessions. Es gab vielleicht eine kurze Phase, kurz danach, nachdem klar war, daß sich das alles in Individualisierung auflösen würde, wo man erstmal nicht daran erinnert werden wollte, weil man ja gerade dabei war, etwas anderes anzufangen. Aber ich glaube die Tatsache, daß viele Bands aus dem Zusammenhang von damals, die Sterne, die Braut, usw. weitermachen, vor diesem fast weltweit-Hintergrund, diesem sozialen Modelles, einer bestimmten Art Vorstellung von Song usw. zeigt, daß die Leute sich da nicht davon distanzieren. Ich verdanke der Sache auch sehr viel, obwohl das was ich jetzt mache, mit dem von damals nicht allzuviel zu tun hat. Aber ich habe da trotzdem total viel gelernt, an Sozialverhalten, Freundschaften, und so.

Headspin: Eine Sache, die in Deinen Texten ja relativ häufig angesprochen wird, ist "das Bett aus dem man herkommt", die "eigene Geschichte", also auch das Heranwachsen. Wie bist Du großgeworden vor den Toren von Bielefeld?

Jochen: Am Rand von Bielefeld, beste Zugverbindung. Sonst würde ich meine Jugend als äußerst normal beschreiben. Mittelstand, Bildungsbürgertum, für die Verhältnisse und für den Background maximal progressive und antiautoritäte Erziehung, liberal, nicht links, Lehrer, also eigentlich echt völlig normal, tut eigentlich so gesehen nichts zur Sache...

Headspin: Welche Musik hast Du damals gehört?

Jochen: Ganz am Anfang Bay City Rollers oder was meinst Du jetzt?

Headspin: Nee, ich meinte eher so die Phase, wo Du dann selber angefangen hast, Musik zumachen, was hat Dich da so dazu inspiriert?

Jochen: Mein Onkel hat mir als ich 6 war eine Glenn Miller-Platte geschenkt, eigentlich mehr um meinen Alten zu ärgern und ich dachte damals, das Instrument das der da spielt, wäre der gesamte Sound. Auf dem Cover hatte der so ein Blechinstrument. Dann habe ich zu meinen Eltern gesagt, daß ich das auch lernen will und die haben gesagt, dann lerne Trompete. Zwei Jahre später habe ich dann festgestellt, daß der nicht Trompete spielt, sondern Posaune. In der Grundschule gab's dann Jazztanz und so'n Kram, mit Bandname auf die Jeanshose schreiben und so, mein Bruder hat dann eine Nylonsaitengitarre bekommen, ich habe dann irgendwann über den Bruder meines Freundes ziemlich früh schon Punkrock gehört, ich meine, großer Bruder und so... Und dann eben die erste Band mit Nylonsaitengitarren gegründet, dann Punksongs nachgespielt, alles ziemlich Scheiße und wie gesagt ziemlich früh...

Headspin: Schaut man sich die Entwicklung Deiner Texte an, von den Bienenjägern zu Blumfeld, aber auch dort von der ersten zur zweiten LP, fällt einem ja fast sofort auf, daß du immer mehr codierst, Bilder verwendest, abstrakter wirst, Dir eine immer künstlichere Sprache erfindest, woran liegt das, bzw. warum das?

Jochen: Am Anfang war das halt schon ein ziemliches Abarbeiten an Michael und Bernd, bis hin zur Kopie der beiden eigentlich. Ich hab da am Anfang immer gesagt "ein Michael Girke / Bernd Begemann-Imitator auf dem Weg zu sich selbst". Und irgendwann kam dann der Punkt, wo das zwischen Bernd un mir nicht mehr so fuktioniert hat, wo eben kein so Gefälle mehr zwischen uns war - er oben, ich unten - sondern wo wir irgendwie auf einer Stufe standen und ich glaube da konnte er nicht so recht damit umgehen. Da sind auch noch andere Sachen vorgefallen, die nicht so toll waren, aber die muß man jetzt hier nicht erzählen. Dann kam erstmal irgendwann die Erkenntnis "das bin ich ja alles gar nicht" und dann aus den Restversatzstücken dessen, was da irgendwo nach Jochen Distelmeyer klang, das verfeinert und entwickelt. Das war so der erste Schritt, nicht mehr dieses blumige Zeuchs und so. Aber laß uns jetzt mal wieder zum heutigen Tage zurückkommen...

Headspin: (sieht den Pavement-Bassisten vorbeilatschen) Ward ihr von eurem Erfolg in England bzw. in nicht-deutschsprachigen Ländern eigentlich überrascht. Ich war es schon ein bißchen, da ich mir eben einfach nicht vorstellen konnte, wie das ist, Blumfeld nur als Musikband zu hören ohne auch nur ein bißchen die Texte zu verstehen.

Jochen: Überraschend war es für uns eigentlich nicht. Es war in gewissem Sinne eine Befreiung, weil es halt das bestätig hat, was wir die ganze Zeit gedacht haben. Nämlich daß nicht nur die Texte super sind, sondern die Musik auch, daß die auch für sich alleine stehen kann und daß man auch über die Musik eine Vorstellung davon kriegen kann, was Blumfeld überhaupt ist.

Headspin: Schon klar, nur tue ich mir eben schwer, die Worte auszublenden und eure Musik völlig losgelöst von den Texten zu betrachten...

Jochen: Ja. Aber es geht. Ob das in England gewesen ist, oder in Amerika oder auf dieser Europatour mit den Big Cat-Bands, wo wir wegen Pavement in Riesenhallen gespielt haben, Spanien, Frankreich, die Reaktion war immer euphorisch. Am Anfang etwas skeptisch, aber je mehr Stücke wir gespielt haben umso klarer war die Sache.

Headspin: Dann hat Euch also diese Erfolge gewissermaßen Recht gegeben.

Jochen: Genau. Recht gegeben insofern, als daß wir widerlegen konnten, daß nicht wie anfangs massiv behauptet wurde, die Musik Transportmittel für die Texte ist, sondern daß ein Gleichgewicht herrscht zwischen den beiden Elementen. Wenn wir live spielen, ist mir z.B. die Musik im Moment auch viel wichtiger, als der Text.

Headspin: Bei der Veröffentlichung Eurer letzten Platte "L'Etat Et Moi" habt ihr ja stark selektiert mit wem in der deutschen Medien- und vor allem Presselandschaft ihr sprechen wolltet und mit wem nicht...

Jochen: Dazu ist zu sagen, daß das alles auch ziemlich aufgebauscht worden ist. Einige Leute von der Promotion haben damit wohl etwas Probleme gehabt, daß rüberzubringen und haben das dann als Verkaufsargument ins Feld geführt, dieses Selektieren, obwohl dieser Schritt eigentlich gar nicht dazu gedacht war, ihn an die große Glocke zu hängen, sondern einfach um uns klar zu machen, daß wir das gar nicht brauchen. Tempo ist totale Zeitverschwendung, total uncool und Scheiße, genauso wie Musikexpress/Sounds, können wir schon machen, aber stresst ja nur. Und andere Argumente waren, daß einige Zeitungen, die nachgefragt haben, politisch nicht korrekt sind oder besser nicht der Position entprechen aus der heraus wir glauben unseren Kram zu machen, bzw. der Position derer mit denen wir uns solidarisieren. Du kannst z.B. nicht bei Act Up dabeisein oder bei AIDS-Demos und auf der anderen Seite Philip Morris Sponsoring laufen haben.

Headspin: Aber es war von Euch also nicht als Medienaktion geplant. Mir kam es nämlich so vor, nach dem Motto, alles herhören, Blumfeld reden nicht mit dem Spiegel...

Jochen: Nee, ich sag ja, das wurde alles etwas aufgebauscht und im Endeffekt hat uns dann jeder 2. Interviewer genau nach dieser Spiegelsache gefragt, was ja absolut nicht Sinn der Sache war. Der Sinn war, daß wir einfach ein bißchen mehr in Ruhe gelassen werden, von Leuten, von denen wir eh nichts wollen und daß wir nicht in die Bredouille kommen, mit Zeitungen reden zu müssen, über die wir komplett Scheiße denken, wie eben zum Beispiel den Spiegel. Denn der hat ja zu dem Zeitpunkt, zu dem die Platte rauskam, als auch eigentlich immer noch, eine alles andere als eine bürgerlich-liberale, sondern eine nationalistische politische Richtung vertreten, wenn z.B. Rudolf Augstein schreibt und man sich bei dem gewisse Sachen durchliest. Der Kulturteil z.B. war ja immer so das Heiligtum des Spiegel, wo es hieß, da wird an der Haltung nichts geändert und plötzlich liefen auch da so Schwulenhetzkampagnen gegen Michel Foucault ab und etliches andere Zeug, wo man merken konnte, hoppla, wenn das jetzt sogar schon ins Feuilleton reingeht, dieses politische Umgraben, dieses reaktionäre Moment, dann ist das schon ziemlich bedenklich. Und so gesehen wollten wir da sicherlich auch nach außen hin ein Zeichen setzen und das auch als eine Stärke formulieren, daß man nicht wie Selig oder H-Blockx oder andere Viva-Bands alles mitmacht.

Headspin: Daß man nach allem greift, was einen irgendwie anch oben bringen könnte...

Jochen: Ganz genau. Genauso wie man sagt wir machen nichts mit einem Majorlabel. Weshalb sollten wir auf einem Major Platten veröffentlichen. Hat man ja gesehen, wohin das in Amerika geführt hat. Daß aus einer schwierigen Situation der Independent-Labels und -Vertriebe heraus, auf einmal die ganzen Bands, z.B. die SST-Bands, zu einem Major gegangen sind und alle darauffolgenden Generationen von Bands gesagt haben "Ist ja voll okay, zur Industrie zu gehen. Sonic Youth sind bei 'nem Major, Melvins sind bei 'nem Major, ist doch gar kein Problem dabei". So gesehen ist es für uns oder zumindest für mich schon problematisch zu Rough Trade zu gehen (als Vertrieb von Big Cat). Das sind voll okaye Leute, die arbeiten ausgezeichnet, ich würde sagen, die sind noch nicht Major, aber sind schon mehr als Grauzone. Und der problematische Punkt ist jetzt wenn man sich Tocotronic oder die Sterne anschaut, die haben überhaupt kein Problem, da hinzugehen, das ist eben diese Fahrwasergeschichte, die ich vorher mit den USA angesprochen habe. Es ist plötzlich hoffähig und das normalste von der Welt zu Rough Trade zu gehen, wo ich immer noc sagen würde, wenn ich eine Band von der Größenordnung von Tocotronic oder den Sternen wäre, muß nicht sein, da hinzugehen. Also wenn da jemand ankommen würde, der uns so richtig auseinadernehmen will und den Finger voll auf die Wunde legen würde, müßten wir sagen, stimmt, ist ein problematischer Punkt. Obwohl ich jetzt Rough Trade nicht als das Grauen persönlich an die Wand malen will, es ist nur schon der erste Schritt in eine Ecke von Kommerzialisierung, die sich wegbewegt von Independent, zumindest von der utopischen Vorstellung wie das aussehen könnte.

Headspin: Ihr habt ja diese Doplelsingle "Zeitlupe / Traum: 2" nur über Mailorder und auf Konzerten verkauft, also sehr antikommerziell, könntet ihr euch vorstellen, das weiter zu machen?

Jochen: Die Doppelsingle war ja noch zu der Zeit, als wir noch bei ZickZack / Indigo waren, aber wir diskutieren nach wie vor darüber, was wir an Veröffentlichungen machen könnten, abseits der normalen Veröffentlichungspraxis. Wir waren ja auch eigentlich die erste Band bei dem Vertrieb, die sich mehr als normal auf die Hinterbeine gestellt hat und - auch dank Alfred Hilsberg - viel abgeblockt hat. Die müssen uns am Anfang auch für totale Sturköpfe und unkooperative Arschlücher und arrogante Säcke gehalten haben. Und jetzt erst, nachdem das mit der neuen Platte auch nach unseren Bedingungen gut gelaufen ist, wird klar, "ey, das ist schon cool wie die das machen, wir müssen nicht dauernd bei Viva laufen oder so". Also für die Platte war das genau richtig und für die Zukunft muß man eben abwägen, was man macht. Partiell unterscheiden, warum nicht heavy rotation bei Viva, wenn klar ist, daß das was da heavy rotiert, Blumfeld ist. Wenn wir das jetzt schon mit der zweiten Platte gemacht hätten, dann hätte uns Viva geschluckt. Aber wenn wir das irgendwann später machen, kann man sagen, daß sich da eine Art Virus einnistet, ein kompletter Fremdkörper... Radio Lora: Es gibt da eine Textzeile von Cpt Kirk &.: "Wenn du nicht mit ihnen fertig wirst, laß dich nicht mit ihnen ein". Glaubst Du also, im Moment noch nicht mit ihnen fertig zu werden?

Jochen: Noch nicht richtig. Wir haben da eigetlich immer aufgepast. Es gab anfangs schon gleich Angebote von Majors, da haben wir uns gesagt, was soll das, das ist als ob du in ein Fitnesstudio gehst und Dir gleich die superschweren Gewichte drauflädst und Dich dann wunderst, wenn Du nicht mehr drunter hervorkommst...

Headspin: Danke für das Gespräch!







Abiturprüfung 1995 - Leistungskurs Deutsch
Aufgabe IV - Analyse poetischer Texte

a) Analysieren sie die beiden folgenden Gedichte und erarbeiten Sie, welches 
   Verständnis von Lyrik ihnen jeweils zugrunde liegt!
b) Erläutern sie dabei besonders die verwandten Bilder des "Briefes 
   von weit weg" und des "Glitzernden in meinen Händen" und erklären 
   Sie die Bedeutung dieser Motive!
c) Erörtern sie, ausgehend von Ihren bisherigen Ergebnissen, worin 
   grundlegende Probleme der Wertung politischer Lyrik bestehen!
d) Arbeiten Sie vergleichend die jeweilige Einschätzung der Sprache 
   heraus, führen Sie Gründe für die "Sprachkrise" der Moderne 
   an und gehen Sie auf Lösungsversuche der Lyrik des 20. Jahrhunderts ein!


Text A:
Jochen Distelmeyer - Was werden wir finden

	Ein Brief von weit weg
	so bist du mir nah
	Wird das was Du schreibst
	morgen Wirklichkeit sein?
5	Ein Sommer am See
	Deine Haare voll Sand
	Etwas Glänzendes in meinen Händen
	Was werden sie finden?
	Was werden wir finden?
10	Lang lang lang lang lag ich wach
	Und habe lang lang lang 
	Daran gedacht was ich habe
	Und was du suchst
	Was ich sagen werde
15	Und ob du mir dann wehtun wirst
	Ein Bild von dir
	So kann ich dich sehen
	Etwas glänzendes in deinen Händen
	Was werden sie finden?
20	Was werden wir finden?
	Lang lang lang lang lag ich wach
	Und habe lang lang lang 
	Daran gedacht was ich habe
	Und was du suchst
25	Was ich sagen werde
	Und ob du mir dann wehtun wirst


Text B:
Jochen Distelmeyer - 2 oder 3 Dinge, die ich von Dir weiß

	Ein Brief von weit weg
	so bist Du mir nah
	und trotzdem nicht hier
	und doch bist Du da
5	und es glitzert
	liegt in meinen Händen
	wie sind politisch
	und sexuell anders denkend
	Ein Brief nach weit weg
10	so bin ich Dir nah
	trotzdem nicht bei Dir
	und doch bin ich da
	Schattenentblößte
	zieh den Wolken voran
15	unkenntlicher wirst Du
	unkenntlich feiner
	feiner ein Faden
	an dem Du herabwillst
	um unten zu schwimmen
20	da siehst Du Dich schwimmen
  	in Deinen Farben
	Aus heit'rem Himmel tauchst Du auf
	und wir jagen durch die Straßen
	das fühlt sich gut an
25	und wir sehen super aus
  	und wir haben uns was zu sagen
	2 oder 3 Dinge, die ich von Dir weiß
	Wie das Gelb wandern auch unsere Worte
	die stottern und stammeln
30	von Dingen und Sachen
	die den Augeblick machen
	in dem wir uns fassen
	als andere Größen
	in einem Strom
35	ohne Angst einzuflößen
	Ein Brief von weit weg
	so bist Du mir nah
	und trotzdem nicht hier
	und doch bist du da
40	und es glitzert
	liegt in meinen Händen
	wir sind politisch
	und sexuell anders denkend.

Text A aus: Bienenjäger - Was werden wir finden, erschienen auf:  Der rote 
            Cassettensampler, fast weltweit, Bad Salzuflen, 1988

Text B aus: Blumfeld - L'Etat Et Moi, Big Cat Records (UK), London, 1995