Aus HEADSPIN #13, Dezember 1995
Fast Weltweit - Versuch eines Überblicks
Die Reformation deutschsprachiger Popmusik ruht nicht nur auf den Schultern sogenannter
Szenemetropolen wie Hamburg und Berlin. Gerade die (wieder: sogenannte) Provinz hat hart
arbeitende Vertreter, Prediger und Propheten in die Schlacht um die Konsumentenbekehrung
geworfen. Einer dieser Partisanentrupps hat In Bad Salzuflen seine Homebase, Zweigniederlassung
ist Köln. Name das Labels: Fast Weltweit.
Ab 1984 bis heute wurde In Klein- und Kleinstauflagen
ein Sampler, 5 Singles und zwei MCs veröffentlicht. Aus dieser Clique rekrutieren sich sechs
Formationen: Die TIme Twisters, Die Bienenjäger, Der Fremde, Die Sterne, Jetzt! und Bernadette
Hengst.
Anders als die derzeitige deutschsprachige Überband Kolossale Jugend, sind die Texte
nicht frei assoziierbares Stückgut, sondern radikal-peinliche Liebes- und Heimatlyrik.
Verschenktes Leben in der Großstadt und alle Facetten der Zweisamkeit werden penibel
durchgereimt beleuchtet. Wem man nicht die Ehrlichkeit bei Jedem Ton spüren würde, wäre es
Schlager.
Auch musikalisch Iiegen die Projekte eng beisammen. England-orientierter Tea-Time-Pop
steht hoch Im Kurs. Bands mit Gütesiegel sind Vorbild. Jam, Smiths, Housemartins. Auch
Jonathan Richman spielt eine große Rolle, doch mehr in der Haltung: trotz sensibler
Simplizität und kitschiger Unverfrorenheit Würde behalten, gar Respekt ernten.
Ab und an im Radio gespielt zu werden, hätte sicherlich jede Combo verdient. Hammerharte Nerven
braucht nur der Gesamtkatalog-Rezensent. Das ist mir alles einfach zu bieder und zu brav
und oft wortreich nichtssagend. Meine Hoffnung ist, daß sich aus den vielen guten Ansätzen
ein/zwei Gruppen den Weg zu eigener spannender Musik bahnen können. Der Fremde sind dabei
auf dem besten Weg. Ansonsten werden sie weiter als Gaudilieferanten in Kritikerkreisen
mißbraucht werden.
Holger Schmitz
Warum Deutsch! Warum Du!
Es ist länger als ein halbes Jahr her, daß ich ein Package-Konzert des Fast-Weitweit-Labels
in Berlin sah und aus spontaner Begeisterung die Akteure spät nachts zu einem längeren
Interview zusammensuchte. Da mühten sich aufgeweckte junge Menschen um Erklärungen, warum
sie deutsch singen und wie es überhaupt angehen kann, daß ungefähr zehn Sänger und Sängerinnen
aus der Gegend um Bad Salzuflen zur selben Zeit auf die Idee kommen, deutschsprachige Bands
jenseits von Fun-Punk und Sozialdemokraten-Rock zu gründen. Was zu Fast Weltweit geführt hat,
eher ein Freundeskreis denn ein Label (neben zwei Compilation-Tapes sind zwischen
1985 und heute kaum mehr als fünf Singles von F-W-Acts erschienen), und zu einer hauseigenen
Linie, die Michael Girke (aka Jetzt!) mit "Rückbesinnung auf das deutsche Lied und Suche nach
einer zeitgemäßen Form" beschreibt. Und es rührte mich, als Jochen Distelmeyer mit
geschwollener Halsschlagader "lang, lang, lang, Iang lag ich wach und habe nur in dich
gedacht... was werden wir finden?" sang, mit seiner Band, die Die Bienenjäger heißt von denen
es ein Stück mit dem unglaublichen Titel "Tatjana Traurig" gibt wo die Theaterstudentin, die
tatsächlich Bernadette Hengst heißt, im Hintergrund summt, die selbst ein Lied geschrieben hat
in dem sie ihre Eltern bittet, etwas mehr Verständnis für ihre rüpelhaften Freunde (womit die
netten Label-Kollegen gemeint sind) aufzubringen. Unglaublich, nicht wahr? Zumal, wenn dann im
Falle Die Sterne eine knackige Ferien-Single ("Ein verregneter Sommer") dabei rausspringt,
die es verdient hätte, Jule Neigel aus den Teen-Charts zu drängen. Doch am meisten ärgert man
diese jungen Leute mit der Feststellung, ihre Texte seien pubertär und trieften vor
gymnasialem Tagebuch-Sentiment. Bernadette: "Du hast selbst gesagt, die Auftritte hätten dich
gerührt." ( Peinlich berührt, fühlte mich wie ein verliebter 14jähriger, und wenn ich das wäre,
würde ich sie dafür lieben und ihre Platten kaufen, sie so reich und berühmt wie
Heinz-Rudolf Kunze machen ...) "Außerdem kann man mit der deutschen Sprache nicht all das
singen, was man in englisch singen kann. 'Fuck' zum Beispiel, ich könnte nie 'ficken' singen,
das klänge furchtbar." ( Hätte schon gerne gehört, wie es klingt wenn Bernadette 'ficken' singt,
zur akustischen Gitarre... Und: Lieber Der Fremde als Lustfinger oder Abstürzende Biertauben.
Auch wenn das deutsche Lied in seiner zeitgemäßen Form, dem Bad-Salzuflen-Beat, stark britisch
klingt, nach den Pale Fountains (Bienenjäger) und der one-man-Folk-Version der Mary Chain
(Der Fremde). Aber das ist der Charme schüchtemer Abiturienten aus westfälischen Kleinstädten,
die sich für Paddy McAloon oder mindestens Roddy Frame halten, die eigenen kleinen Sehnsüchte,
Problemchen und Liebesnöte erbarmungslos in Refrains offenbaren und das Publikum ermahnen,
leiser zu sein. Dig the new Hornbrillen-Groove! (Ah, grabt das neue Grumbeln...!)
Sebastian Zabel / SPEX 8/89