Aus dem Chelsea Chronicle #3/4, 1992
von Chris Duller und Christian Schachinger


"Wir sind anonym"

Blumfeld machten sich sozusagen aus dem Nichts mit ihrer LP "Ich-Maschine" zur vielleicht wichtigsten, sicher aber zur meistdiskutierten deutschsprachigen Band dieser Tage. Ob sich für das Selbstverständnis des Hamburger Trios dadurch etwas verändert hat? Auf jeden Fall heißt es nicht nur auf die Texte, sondern auch auf die Musik einzugehen. Und andererseits ist Musik eben nicht alles.

Die meisten Antworten entstammen dem Redefluß des quirligen Sängers Jochen Distelmeyer.
Alle Fragen: Chris DulIer, Christian Schachinger
Zwei Fotos: Christian Fischer

Chelsea Chronicle: Im Konzert kamen die Stücke fast deckungsgleich wie auf Platte. Seid ihr von diesem Muster so überzeugt, daß daran nicht gerüttelt wird?

Jochen Distelmeyer: Unser Arbeitsprinzip beruht auf Reduzierung, dadurch funktionieren die Songs auch. Während dieser Tour sind wir durch das ständige Zusammenspielen musikalischer geworden. Wir müssen jetzt wieder den Schritt zurückfinden und bloß das bringen, was unbedingt nötig ist. Die sehr langen und sehr optisch ausgelegten Texte mit einer Musik zusammenbringen, die man als funktionale Einheit wirken lassen kann. Ab und zu haben wir live bei manchen Stücken, etwa bei "Penismonolog" einen zweiten Gitarristen dabei. Wenn du nach dem Konzert mit Leuten sprichst, gefällt das denen meistens am besten, weil mehr Druck, mehr künstlerischer Ausdruck darin enthalten ist. Aber das ist keine Kunst. Mit einem Instrument mehr erzielt man automatisch eine größere Klangbreite. Was uns viel mehr interessiert ist, inwieweit man nur mit Gitarre, Baß und Schlagzeug die Möglichkeiten des Gesangs, des sprachlichen "Kombinats" erweitern kann, ohne Schnickschnack zu produzieren. Mit schlechten Nummern kann man immer mehr Eindruck machen, man gibt Streicher dazu, Keyboards, aber das ist bloß Kitsch, den wir nicht brauchen.

Chelsea Chronicle: Blumfeld scheinen bei ihren Kompositionen vor allem vom Text auszugehen. Ist dieser Eindruck richtig?

Jochen Distelmeyer: Ich habe keine musikalischen Visionen. Blumfeld kommen musikalisch vom Punk. Das bedeutet, alles muß sehr schnell gehen: Idee, Text, Umsetzung. Trotzdem ist bei mir überhaupt nichts bauchmäßig. Ich habe sehr klare Vorstellungen. Grundsätzlich geht mir diese Scheißtrennung Kopf/Bauch ohnehin auf die Nerven. Unsere besten Songs entstehen im Proberaum- Zusammenspiel. Das Grundgerüst ist sehr einfach, danach wird gefeilt. jeder bringt seine Vorstellungen ein. Die Strukturen sind im Vergleich zu vielen anderen Bands durchlässiger und differenzierter. Dadurch bekommen die Instrumente mehr Eigendynamik.

Chelsea Chronicle: Kann man von einer Art "Hamburger Sound" reden, der Gruppen wie Cpt. Kirk&, Ostzonen und Blumfeld zusammenhält?.

Jochen Distelmeyer: Nein die Hörgewohnheiten des Publikums sind nur nicht sensibel genug. Gerade bei den angeführten Bands sehe ich keine Parallelen. Das musikalische Vokabular ist völlig anders geartet. Man kennt sich natürlich untereinander, hat privat Kontakt, aber die Arbeitsweisen sind völlig anders. Die Bands sprechen einfach miteinander, tauschen Erfahrungen aus, das Konkurrenzdenken ist nicht mehr vorhanden, man respektiert sich.

Chelsea Chronicle: In der Musik mag es sichtbare Unterschiede geben, sind aber darüber hinaus gedankliche Gemeinsamkeiten vorhanden?

Jochen Distelmeyer: Sicher, das hat auch damit zu tun, daß diese Kontakte sich nicht nur auf das Thema Musik beschränken. Man redet z.B. auch darüber, wie der Underground organisiert ist und was dieser konkret mit Politik zu tun hat. Das Fundament dafür wurde in Hamburg ja schon vor Jahren von Bands wie den Goldenen Zitronen oder den Kastrierten Philosophen gelegt, die ihre Musik mit einer politischen Attitüde verbanden. Daran wollen wir anknüpfen. Es geht eben um mehr als Musik. Hör dir Public Enemy, Boogie Down Productions oder Dylan an. Das sind keine Mucker, die zwei Gitarren und zwei Bässe auf der Bühne stehen haben, falls eine Saite reißt. Diese Leute verstehen sich nicht als Musiker. Das finde ich wertvoll und erwähnenswert.

Chelsea Chronicle: Ist es überhaupt noch erstrebenswert,sich mit der Musik den Lebensunterhalt zu sichern?

Jochen Distelmeyer: Wichtig ist, daß wir alle neben der Musik noch verschiedene andere Sachen machen. Studieren, arbeiten. Dadurch kommen von außen immer wieder Einflüsse in die Musik, die man sonst nicht hätte. Man muß sich damit, was andere Leute machen, auseinandersetzen. Wenn man nur auf die Musik angewiesen ist, würde sich das reduzieren. Das gefällt mir auch an Tourneen überhaupt nicht, alles beschränkt sich auf die Musik. Lesen kommt zum Beispiel viel zu kurz.

Chelsea Chronicle: Ist Kunst in diesem Sinn nicht auch Luxus?

Jochen Distelmeyer: Ich wurde da gern auf zwei Sachen eingehen wollen: jede Zeit, die man damit verbringt, sich zu formulieren, wie auch immer, per Musik, per Sprache, per Bild, diese Zeit wird dir nicht bezahlt. Verstehste? Die Stunden, die du im Übungsraum verbringst, um zu proben, die Tage, die man sich damit beschäftigt, was im Kopf passiert. Ich hab' kein Studium nebenbei, ich hab' bloß 'nen Job. Von meiner Musik kann ich nicht einmal die Heizkosten bezahlen, meine Miete, mein Essen. Insofern ist es in Deutschland ein Luxus, Musik zu machen, weil man sich irgendwann einmal mit Sozial- und Rentenversicherung auseinandersetzen sollte, wenn man nicht in der Gosse landen will. Das ist Luxus. Dafür habe ich auf anderer Seite teuer zu bezahlen, verstehste? Lebensniveau und so 'nen Kram, ne? Den eigenen, selbstverständlichen Ausdruck, sich zur Realität äußern, eingreifen in Prozesse, etwas machen. Das kostet dich etwas. Das kann dich dein Leben im Sinne von Lebensunterhalt kosten. Natürlich will ich von der Musik leben. Wenn man die reale Arbeitszeit am Album "Ich-Maschine", in meinem Fall 24 Jahre, anrechnen würde, müßte die Platte im Handel 500 Mark kosten. 24 Jahre habe ich gebraucht, um diese Stücke schreiben zu können. Das Schreiben selber ist nicht das Problem, du setzt dich hin und zack, zack, ist das erledigt. Aber du hast Jahre gebraucht, um diese Stücke als Ausdruck deiner selbst zu formen. Das bezahlt dir kein Mensch. Da kommt man auf Marx zu sprechen und trifft sich dann mit so 'nem Begriff von Entfremdung der Produktion. Sobald du dich bemühst, dich nicht von dir zu entfremden, sondern dich auf dich zu konzentrieren oder tiefer in dich 'reinzudringen, wird dies zum Luxus. Du mußt dafür auf einer anderen Seite bezahlen. Alles andere ist Entfremdung.

Chelsea Chronicle: Die erste LP ist sozusagen auf dem eigenen Biotop entstanden. Jetzt steht ihr im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Was verändert sich dadurch?

Jochen Distelmeyer: Der Berührungspunkt, den ich zu Leuten habe, ist jetzt ein anderer: hauptsächlich Musik und die Platte. Die Vorstellungen, die die Leute gegenüber Blumfeld im Kopf haben, sind großteils sehr ähnlich, um nicht zu sagen stereotyp. Das ist zum Teil etwas ärgerlich, weil man ewig die gleichen Fragen zu hören bekommt. Die meisten haben von Musik ein sehr traditionelles Verständnis. Sie messen mit Maßstäben, in die man überhaupt nicht hineinpaßt, oder man muß sich erst einmal über die Fragen, die einem gestellt werden, unterhalten. Man kann sich natürlich auf die klassische Position zurückziehen, die da besagt, Kunst entstehe im Auge des Betrachters. Aber wichtig ist doch erstmal die Kommunikation. Daß die Leute in Kontakt miteinander treten, aufhören, nur immer mit sich selbst zu kommunizieren. Das Dilemma ist nur, daß die Leute, die in unsere Konzerte kommen, keinen Kontakt zu uns haben - das ist nur oberflächliche Berührung. Sie haben einen Kontakt zur Platte, nicht wir sprechen zu ihnen, sondern die Stücke. Das hat nichts mit Interpretation zu tun, oder damit, daß sie uns falsch verstehen. Nur die Privatperson Distelmeyer, mit der man sich nach einem Auftritt unterhält, hat nichts mit der Bühnenperson zu tun. Die dazwischen liegende Sprachbarriere, die da heißt "Ich-Maschine", die wirklich etwas mit dem Publikum zu tun hat, ist immens. Das führte bei mir zu einer gewissen Ernüchterung. Okay, man kann miteinander sprechen, es gibt einen direkten Weg von Kommunikation, aber nur über das Medium Rockmusik. Die Platte hat mit den Leuten mehr zu tun als wir. Die Platte ist ihr Freund/ihre Freundin, nicht wir. Wir sind anonym.

Chelsea Chronicle: Diese Illusionslosigkeit, daß es keine Sicherheitszonen gibt, das wird doch auch auf dem Album thematisiert. Popmusik wird als Fluchtpunkt dargestellt, an den man sich hält, um besser leben zu können. Gerade mit eurer Platte kann man sich aber auf extreme Weise identifizieren. Wie geht man mit dieser Situation um?

Jochen Distelmeyer: Die Schwierigkeit liegt nicht darin, Kontakt herzustellen. Mein Interesse geht dahin, mich selbst und gleichzeitig über das Medium, in dem ich mich mitteile, zu äußern. Godard sagt: Über Vietnam schreiben, heißt auch, über den Kugelschreiber schreiben, den man verwendet. Es wird bei Blumfeld auch über den Song, Rockmusik, das Medium gesprochen. Das ist präziser. Es wird mehr als Musik verhandelt.

Chelsea Chronicle: Geht es also auch darum, Widersprüche in den Griff zu bekommen, indem man sie zur Sprache bringt?

Jochen Distelmeyer: Die Widersprüche bleiben, aber man sieht sie klarer. Unsere Platte hat die Leute in ihren Empfindungen aufgerissen. Wir versuchen aufzuzeigen, daß Kunst, Popmusik latent barbarisch und grausam ist, das bleibt. Wir sagen: He, paß auf dein Rückgrat auf! Gleichzeitig heißt das aber auch: Ich stehe hinter dir. Ich gehe da jetzt vielleicht ein bißchen weit, aber de facto bedeutet dies auch, daß Blumfeld genauso eine Arschlochband wie Nirvana ist, also nicht als Personen zur Verfügung stehen, wenn es hart auf hart kommt, sondern höchstens als ängstlichstes Kunstprodukt oder Stück Vinyl. Soll ich jemanden, wenn er ankommt und vor mir zusammenbricht trösten? Geht ja gar nicht. Man kann niemanden trösten. So wie die Lassie Singers sagen: "Jeder lebt in seiner eigenen Welt, aber meine ist die richtige" -das ist der Sinn und das brutale daran. Man kann uns mit The Fall vergleichen. Mark Smith redet ja auch nur in sich selbst hinein und suggeriert Kommunikation überhaupt nicht. Die Leute sind Ich-Maschinen. Der Versuch der Kommunikation ist möglicherweise das größte, was man erreichen kann. Manchmal schließen sich Maschinen zu Produktionseinheiten - wie es bei einer Band der Fall ist - zusammen und es klappt.

Chelsea Chronicle: Blumfeld verweigern sich also dem Publikum als Privatpersonen?

Jochen Distelmeyer: Es ist doch meistens überaus enttäuschend, wenn man Künstler, die man bewundert, persönlich kennen lernt. Das geht doch immer in die Hose. Wie kann man da noch jemals die Platten von denen hören?

Chelsea Chronicle: Das Produkt bestimmt das Bild vom Menschen, der dahintersteht...

Jochen Distelmeyer: Das finde ich ja auch in Ordnung. Was soll man machen? Diese anderen Lesarten wird man einfach nicht los. Man holt sich aus Platten das heraus, was man für sich selbst will und benötigt. Es tut nur weh, mißverstanden zu werden. Eine Platte muß nur so klar in ihrer Aussage sein, daß sie alle Medien übersteht, durch die sie zu gehen hat: Radio, Zeitschriften, Vertrieb, Interviews, Ohren. Die Aussage muß immer noch durchkommen. Wir spielen nicht Stille Post. "Ich-Maschine" kann zum Beispiel von Faschisten absolut nicht vereinnahmt werden. Das ist ein Grundsatz.

24 CHRONICLE 3/4 • 92