Aus dem Chelsea Chronicle #5, 1994
von Chris Duller


Mit ihrer LP „Ich-Maschine“ sind Blumfeld Anfang 1992 nicht nur zu Lieblingen der „deutschen Intelligenz“ geworden. Blumfeld war - nicht zuletzt wegen der Texte Jochen Distelmeyers - landauf, landab, und natürlich auch hierzulande Diskussionsthema. Seither war längere Zeit nichts Neues von Blumfeld zu hören gewesen. Nun veröffentlichten die Hamburger ihr neues Album „L‘Etat et moi“ — in alter Schärfe, mit teils andersartigen Ansätzen. Ob es nötig war, gewisse Standpunkte und Positionen neu zu überdenken, sollte ein Treffen mit Jochen Distelmeyer klären.

Ein Monolog aufgezeichnet von Chris Duller

Jochen Distelmeyer: Wir haben Blumfeld in der selben Kontinuität wie zuvor betrieben. Muß ja nicht jedes halbe Jahr eine Platte sein, durch die man sich äußert. Bei mir ist viel über den Wohlfahrtsausschuß und über Beteiligungen an anderen Sachen gelaufen. Ob das jetzt die Wyatt-Platte von Cpt. Kirk &. war, Die Sterne, Mutter oder die Goldenen Zitronen. Und Konzerten haben wir ja ohnehin gespielt. Wir haben eine Weile nicht geprobt, sondern andere Sachen verfolgt. So eine manöverkritikartige Auseinandersetzung hat es in der Form nichtgegeben.

Der Fremde im Zug
Die Besprechung des neuen Albums im „Spex“ hat das nur angerissen wiedergegeben, was so an Sachen passiert ist. Wenn wir im Konzert „Laß uns nicht von Sex reden“ spielten, haben wirklich oft viele Pärchen geknutscht. Da denk‘ ich zwar „schade, offensichtlich hat es da ein Mißverständnis gegeben“, weil das eben nicht so eine 1:1-Liebesballade ist. Auf der anderen Seite war das wieder nicht so ein einschneidendes Erlebnis, daß es alles, woran wir gearbeitet haben, in Frage gestellt hätte. Das bewegte sich noch im Rahmen. Wie es sich im Zuge von Rezeption, Wahrnehmung oder einfach Leben von etwas unvermeidlicherweise einstellt. Im besten Falle wirken solche Irrtümer produktiv auf den. Punkt, an dem man dann weitermacht. Und so war das auch. Was als Idee von Identität oder als „Ich“ auf „Ich-Maschine“ behauptet ,wurde war zumindest erst mal notwendig, um da selbstbewußt die Stimme zu erheben und zu sagen: „So das sind wir jetzt, laßt uns mal Tacheles reden“. Diese Idee ging immer noch von einem Bedürfnis nach Identität aus, wo ich dachte, da muß es doch irgendwas geben, ich muß doch irgendjemand sein, und wodurch läßt sich das beschreiben. Das lief eben uber das Be-schreiben von bestimmten Befindlichkeiten, wie man sich in speziellen Situationen verhalten hat. Und wenn ich dabei ein Arschloch bin oder mich nicht gut finde, dann war da der Gedanke: das bin zumindest ich. Dieses Bedürfnis nach Identität ist durch Dinge, die ich mittlerweile zusammen mit anderen Leuten erlebt habe, gebrochen worden. Für mich ist das keine Krise sondern einfach nur ein weiterer Schritt. Auf „L‘Etat et moi“ sollte klargestellt werden, daß das „Ich“ als Form von Identität eigentlich nur eine Redewendung ist — eine zentrale Rolle spielen dabei vielleicht „Superstarfighter“, „Ich wie es wirklich war“ oder der Titelsong. Das „Ich“ ist wie bei Hitchcock ein Objekt oder ein Teil, das gar nicht genau beschrieben wird oder eigentlich keine klare Bedeutung hat. Hohl und leer wie der Schlüsselbund bei „Der Fremde im Zug“. Oder so ein Ring, der durch den ganzen Film kursiert — lediglich ein Objekt, das dafür sorgt, um etwas in Bewegung zu bringen. Irgendwann überlegte ich jedenfalls: Warum soll die human condition nicht auch leer sein und hohl? Die Ereignisse während der Arbeit an der Platte verhielten sich auch entsprechend zu diesem Gedanken. Arbeiten nicht als dezidiertes Sitzen am Schreibtisch sondern als aufmerksames Beobachten und Mitkriegen.

Des Pudels Kern
Ein Beispiel — nichts Zentrales, aber schon auch wichtig: Kurt Cobain, der darüber verzweifelt, weil er glaubt, total hohl und leer zu sein, das vor seinem Hintergrund als Mangel erfährt und sich denkt, da muß doch irgendwo ein Pudels Kern sein in mir. Etwas, was ich wesentlich bin. Und dann redet er ständig über Punkrock, Punkrock als das Ding, um das sich alles bewegt, die eigentliche Mitte. Das Problem ist ja nicht, daß man möglicherweise wirklich so leer ist. Das kann ja sein. Das Problem ergibt sich, indem man sagt, da ist vorher etwas gewesen, ein Urzustand, wo etwas anders war. Dieses Zurücksehnen nach einem reinen ersten Bild. Deshalb mußte die Platte nach diesem Baby, das da im Wasser herumschwamm, folgerichtig „In Utero“ heißen: Zurück zum frühesten Bild, das man wirklich finden und nicht erfinden will. Also nicht davon auszugehen, daß dies immer nur eine Konstruktion sein kann, sondern tatsächlich daran glaubt, daß es sowas wie Reinheit und Authentizität gibt. Das zweifle ich halt an. Ich zweifle auch an, daß es notwendig ist für rich- tiges oder korrektes Verhalten. Ich versuchte deshalb klarzumachen: Dieses „Ich“, das unserem Publikum als Identifikationsfläche gedient hat, dieses „Ich“ kann ruhig weiter in dieser Funktion vorhanden sein. Dagegen hab‘ ich nichts. Ich habe nur etwas gegen Identifikation, wenn man sich dadurch eine Identität bestätigen will. Dieser Satz von Diederichsen „sich identifizieren, indem man sich nicht identifiziert“ hat ja immer noch als Schlußpunkt das Herstellen einer Identität. Mag ja sein, daß das stimmt. Aber ich würde sagen, laßt uns erstmal von nichts ausgehen. Okay: sich nicht identifizieren, indem man sich — möglicherweise mit allem — identifiziert. Über Ähnlichkeiten, die auch immer bereits die Differenz enthalten. „Wir sind uns ähnlich“ heißt ja zugleich, wir haben Gemeinsamkeiten, aber es gibt auch Dinge, in denen wir uns unterscheiden.

X für Ich
Es geht auch nicht darum, einen Richtpunkt anzubieten. Obwohl es sicher autobiographische Bezüge in den Texten gibt. Zentral ist für mich das „Ich“ als blinder Fleck. Lichtpunkt find‘ ich besser. Wie so ein funkensprühendes Feedbackgeräusch, zzzzz0000mmm, wie beim Hufeisenbeschlagen. Das kann auch als Wort auftauchen. Ein Lichtpunkt, an dem man nichts sieht sondern einen das Bild anguckt. Der blinde Fleck, der sich dem Blick, der rahmt, strategisch entzieht. Also: Bis ich nicht mehr denke, daß ich bin, sondern will, daß du bist. Du könntest statt „Ich“ auch „X“ da reinschreiben. Das ist einfach ein Fixpunkt, um den sich die Bewegung organisiert. Ich habe deshalb keine Scheu vor dem Wort „Ich“, weil es mir einerseits gar nichts bedeutet. Andererseits ist es schon so ein magisches Objekt, das in dieser Funktion nicht total bedeutungslos ist. Bei „Zwei oder drei Dinge, die ich von dir weiß“ ist es z.B. eher so ein magisches Objekt. Ein „Ich“, das etwas für jemanden bedeuten will. Bei „L‘Etat et moi“ dagegen bedeutet das “Ich“ nichts. Der zentrale Unterschied zwischen den beiden Alben ist für mich der soziale. Alle Möglichkeiten von „Du“ anzuwenden, ohne den Begriff des „Du“ vorher schon festgelegt zu haben. Bei „Ich-Maschine“ war das stellenweise so, etwa in „Viel zu früh und immer wieder Liebeslieder“ oder in „Laß uns nicht von Sex reden“. Da gab es einen viel geschlosseneren „Du“ -Begriff. Was dazu führte, daß dieses „Du“ nur noch ein verlängerter Arm der Projektion von dem Typen ist, der da irgendwas drüber erzählt. Über diese „Ich“-Leerstelle wollte ich nun herausfinden, was eigentlich wirklich fehlt, wo etwas wirklich nicht da ist. Was ist das dritte Ding in dieser Dualität von „L‘Etat et moi“? Und das ist eben „Du“.

Warum nicht die Apokalypse?
Das Cover vermittelt ja kein richtiges „Wir“. Nicht dieses kollektive ‚‚Wir‘‘, wie ich das von den Goldenen Zitronen kenne und auch schätze, ja sogar daran angeschlossen bin. Es ist erstmal eine Vorstellung von einem Kollektiv, bei der die jeweiligen Subjekte nicht über ihre Funktion im Kollektiv bestimmt werden. Ist auch okay, das zu tun. Aber wenn das wegfällt, wenn man alleine ist, am Sonntagmorgen, dann fällt man immer wieder zurück in solche sehnsüchtige Konstruktionen. Das reicht von archaischen Wünschen wie dem erwähnten „frühesten Bild“ bis zum Gedanken an die Familiengründung und ähnlichem. Ich hab‘ auch nichts gegen Familie, aber ich hab‘ was gegen bestimmte Konsequenzen, die mit der klassischen Idee der Familie verbunden sind. Deshalb stelle ich erstmal in den Raum: Warum eigentlich nicht die Apokalypse? Wessen Angst ist das denn, die da spricht? Oder: Warum denn nicht Verwüstung im Haus der Geschichte? Das ist auch das Problem von bestimmten Formen von Kollektiv. Wenn eine errichtete Ordnung erstmal da ist, kann sie ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch als Mythos aufrechterhalten werden. Ob das jetzt Familie, Liebesbeziehung, politische Gruppen usw. sind. Alles Arbeiten, alles Verhalten zu dieser Ordnung ist dann immer nur ein Verhalten zum Mythos. Dann taucht immer auf: Mein Gott, irgend etwas gibt es da noch an dem Menschen, das ich wirklich liebe. Etwa: Wir haben 30 Jahre zusammen verbracht und eine gemeinsame Erfahrung. Das verhindert, daß man sagt, ich hau‘ hier jetzt ab. Weil dann die Apokalypse auf einen zukommen würde. Deshalb meine ich ja:
Diese Welt ist nicht das Leben. Das wird ja normalerweise gleichgesetzt. Wo ein Abschiednehmen von der Welt, wie man sie bisher kannte, gleichbedeutend mit dem Tod ist. Dieses Soziale ist genau das, was bei „Superstarfighter“ reinbricht. Das braucht man, das ist wichtig. Etwas Soziales, das sich nicht definiert über eine bestimmte Vorstellung von Funktionalität und Zuständigkeiten. Was ich in dem Song so als Subjekt/Objekt- Beschreibung versucht habe, geschieht vor dem Hintergrund eines Kollektivs, wie wir es kennen aus der politischen Arbeit oder aus Lebensentwürfen. Daß man da zu einem andern Punkt kommt, ohne daß es zu einem Zusammenbruch kommt.

Die Splitter eines Spiegels
Das soll auch heißen, die auf dem Cover abgebildeten Leute, die können irren. Das sagt ja auch der Titel, „L‘Etat et moi“. Wir könnten uns schließlich täuschen und auch selbst der Staat sein. Oder umgekehrt, wenn man sagt: Wir sind ja der Staat, letztendlich — auch da kann man sich täuschen. Wobei sich das weniger auf diese Sache mit dem Kollektiv bezieht, sondern viel mehr auf diesen Satz in „Sing Sing“: „Wie die Splitter eines Spiegels das Ganze bewahren“. Jede dieser Personen ist Teil davon. Aber nicht in einem völkisch- nationalen Sinn. Klar, die Aussage richtet sich erstmal gegen den Staat oder gegen eine Idee von Staat. Aber dabei wird nicht behauptet, man hätte den Ausstieg schon geschafft, sondern man ist immer noch dabei den Konflikt abzuarbeiten, weil man diesen Zustand ja auch selbst reproduziert. Etwas, was gegen eine Bewegung geht, gegen ein Werden. Ein relativ unterschätzter Aspekt dabei ist, daß es ja drei Bedeutungen gibt: Das Geld, der „Etat“ und ich. Was bedeutet: Das Geld bin ich, so wie es in „Sing Sing“ auch heißt „die Angst, die du fühlst, ist das Geld, das dir fehlt.“ Wenn man sich seine Identität also nur noch über das Geld herstellt.

Davon handeln wir
Das sind nicht nur alles Musiker und Künstler auf dem Cover. Da ist auch meine Schwester drauf und Leute, die keinen derartigen Tätigkeiten nachgehen. Robert Altman hat in einem seiner Filme jede Menge Hollywood-Stars zu einer Statistenrolle eingeladen — das war die Idee. Leute wie Roberto Orth und Günther Jakob und Rocko Schamoni und alle möglichen Gestalten zu vereinen, die miteinander gar nicht so viel zu tun haben, aber ihre Identität über eine Zuschreibung beziehen und darüber auch ihr Leben gestalten, was ja auch vollkommen okay ist. Die sagen dann diesen Satz: „Und davon handeln wir“. Das bricht ein wenig mit diesem Zustand und setzt ihn in einen neuen Kontext. Obwohl es anmaßend wäre, zuviel daraus zu machen, als ob man damit die Leute ihrer wahren Bestimmung zugeführt hätte. Tobias Levin von Cpt. Kirk &. hatte anfangs Schwierigkeiten damit und nochmal nachgefragt, weil er genau wissen wollte, was ich damit meine. Sonst habe ich die Leute einfach am Telefon gefragt, ob sie Lust hätten, in einem Stück diesen Satz zu singen. Das war alles, was die gewußt haben, bei den Paßbildern war‘s genau dasselbe: Idee erzählt, Titel von der Platte, aber nicht groß erklärt, worum es da faktisch geht, denn so wichtig ist das ja auch nicht.

Kein Theaterquatsch
Ich weiß nicht, ob die neue Platte musikalisch wesentlich variantenreicher ist. Es ist einfach eine Ausdehnung der schon vorhandenen Matrix. Ob das nun früher ein triolisches Rockstück wie „Ghettowelt“ war oder so ein komisch laufendes Teil wie „Pickelface“, da sind eigentlich schon extreme Facetten angerissen worden. Jetzt war es so, daß sich durch das Zusammenspiel bei Live-Konzerten und ein gemeinsames Aneinander-Lernen eine gewisse Form der Verfeinerung ergeben hat, wo aus schon vorhanden Sachen manches noch genauer herausgearbeitet wurde. Wie aus einem Fresko, das man nachbearbeitet, um noch einmal ein paar Farbtöne rauszukriegen. Die Musik ist genauso inhaltlich und für meinen Begriff präzise oder lyrisch wie die Texte halt auch eine Komposition sind. Also nerven tut mich das nicht, daß ich immer auf die inhaltliche Ebene angesprochen werde. Wir gehen halt von etwas völlig anderem aus. Nur geschieht das in der Wahrnehmung der Leute halt meistens so. Und es wäre Quatsch, das nicht ernst zu nehmen. Es ist halt ein Einstieg in den ganzen Kram, der ja über die rein textlichen und musikalischen Belange auch hinausgeht. Und damit auch radikaler ist als die Neubauten beispielsweise. Blumfeld fühlt sich zwar softer an und auch irgendwie einfacher, aber wenn man die Konsequenzen der einzelnen Stränge verfolgt, ist es in der Stoßrichtung radikaler. Blumfeld wird nicht dazu verdammt sein, im Feuilleton zu en- den oder bei Theaterquatsch.

Cool, sexy oder sonstwie
Wir waren als Support für Pavement in England, und ich habe mir nichts besonderes davon erwartet. Aber die Leute haben uns genauso ernstgenommen wie hier. In New York war das anders, weil da ein paar Leute deutscher Abstammung im Publikum waren und Leute, die eher aus dem Kunst-Umfeld kamen, außerdem ziemlich viele Leute aus der Dancefloor- Szene — die haben uns deshalb sicher mit anderen Ohren gehört. Wir wurden aber auch dort sehr gut aufgenommen. Es vermittelt sich ja auch etwas Inhaltliches über die Darstellung auf der Bühne, irgendwie kriegst du das mit.Wir sind überhaupt schon vor einem anderen musikalischen Hintergrund aufgewachsen, wo man sich nicht mehr um Kategorien wie „deutsch“, „englisch“ oder „amerikanisch“ gekümmert hat. Ich weiß nicht, ob man Blumfeld im Ausland verkaufen, ich weiß nur von den bisherigen Konzerten, daß es einleuchtend war für die Leute, daß es cool war, sexy oder sonstwie. Ich kann‘s nicht sagen, was Pavement an uns gefunden haben. Bestimmte Stücke fanden die einfach total gut, z.B. „Verstärker“. Aber ich rede jetzt die ganze Zeit wie so ein stolzer Familienvater, dessen Söhne und Töchter wohlgeraten sind. Aber man darf das auch nicht unterschätzen. Blumfeld ist eben ein Trio, das total gut zusammenspielt ist und total gute Songs hat. Leute wie Pavement, die können eben Musik hören, die haben auch eine unheimliche Ahnung über Bands wie Faust, Amon Düül, Sun Ra, dann wieder den ganzen Riot-Girls-Kram und so weiter. Pavement haben eben gemerkt, das sind drei Leute und da geht was ab, sowohl von der Rhythmik, die halt nicht grungy ist oder HipHop-Loops imitiert sondern einen eigenen Groove entwickelt. Und vor allem auch eine ganz eigene Melodik.

Hilsbergs neue Pläne
Das ist jetzt quasi eine Übergangssache, daß wir Herrn Hilsberg exklusiv dazu verpflichten konnten für uns Terror zu machen. Faktisch sieht‘s halt so aus, daß er sich ein neues Büro eingerichtet hat und weitere Sachen sondiert. Wir haben ihm gesagt, daß wir ihm in dieser Zeit als Köder oder zum Pokern zur Verfügung stünden. Bis wir wußten, wo wir die Platte veröffentlichen konnten. Wir wollen aber schon weiter mit ihm zusammenarbeiten, weil er super ist und einfach dazugehört. Es soll jetzt über Einnahmen von uns das Büro am Laufen gehalten werden. Als Unterstützung von Bands, die zuvor auf seinem Label gewesen sind und dann auf dem neu zu gründenden Label wieder gemacht werden können.

Heinz-Rudolf macht alles falsch
Vor zweieinhalb Jahren bekam Heinz-Rudolf Kunze die „Ich Maschine“ irgendwie zugespielt und meinte dann prompt, in irgendeinem Stadtmagazin eine Plattenkritik dazu abdrucken zu müssen. Da stand dann: „Sehr gut, vielversprechend, diese Band sollte noch mehr auf deutsche Texte setzen.“ In dem Ton kam das rüber, das war schon ziemlich absurd. Kunze ist einfach ein Voll ‚ untalentiert bis zum Gehtnichtmehr, der meint, Ahnung von Musik zu haben und trägt oft auch Sonic-Youth- oder Neubauten-T-Shirts auf der Bühne. Detlef Diederichsen hat in „Spex“ eine ziemlich gute Kritik über seine letzte LP „Macht Musik“ geschrieben. Da stand zu lesen: „Ein relativ großer Schritt für Heinz-Rudolf Kunze, aber eher drei Schritte zurück für alle anderen Musikinteressierten.“ Das wurde Kunze von jemand während eines Interviews vorgelesen. Kunze meinte darauf: „Das muß ein rotzfrecher Junge sein, der ganz frisch im Geschäft ist. Meine Plattensammlung ist viel größer als seine. Überhaupt, wer interessiert sich schon für ‚Spex‘, das lesen ja nur 500 Leute.“ Da war wieder großes Ablachen angesagt. Dann wieder wollte er für einen Live-Abend auf der PopKomm Mutter, Blumfeld und Pavement haben. Aber darauf kommt er halt nur, wenn er „Spex“ liest. Erster Punkt: Wenn ich Interesse habe, mit einer Band zusammen aufzutreten, dann ruf ich die Agentur an und laß mir die Privatnummer von den Leuten geben. Heinz-Rudolf Kunze machte das natürlich wieder vollkommen falsch und setzt seine Agentur auf uns an. Die meldeten sich dann: „Heinz möchte gerne mit Blumfeld einen Abend auf der PopKomm bestreiten.“ Hilsberg hatte darauf einen genialen Einfall und ließ ausrichten, daß wir zu der Zeit gerade als Support von U2 unterwegs wären.“ Wir standen da gerade im Studio und Hilsberg hat uns davon gar nichts gesagt. Aber eben deshalb arbeiten wir mit ihm zusammen, weil er genau weiß, worum es uns geht und was wir nicht tun würden. Etwa „Tempo“ ein Interview zu geben.


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