Von carstenwohlfeld.de
Interview: carsten wohlfeld

[ ein gespräch mit jochen distelmeyer ]

blumfeld aus hamburg brauchen keine große einleitung und deshalb spare ich mir an dieser stelle auch die großen worte. stattdessen gibt es das komplette interview, das ich mit jochen distelmeyer vor dem ersten konzert ihrer kurztourim frühjahr 1997 in essen geführt habe, um den status quo bei blumfeld fast drei jahre nach ihrem letzten album "l'etat et moi" festzuhalten.

carsten w: wie fühlt man sich als jochen distelmeyer bzw. blumfeld 1997?

jochen d: alt! eigentlich noch älter als zuvor schon. älter als ich eigentlich bin. das gefühl habe ich aber schon, seitdem ich 23 oder 24 bin. aber das meine ich nicht negativ. überhaupt gar nicht.

carsten w: fühlst du dich damit auch sehr erwachsen?

jochen d: nee, erwachsen fühle ich mich nicht. gar nicht. auch nicht reif oder so. das gefühl ist ganz einfach "alt". und das ist interessant. es ist so, dass ich mich - auch als ich noch jünger war - schon immer älter gefühlt hab' auf eine ganz konkrete art und weise, mehr so spielerisch. und jetzt habe ich eine wirkliche vorstellung davon, wie das ist.

carsten w: und sonst?

jochen d: auch ein bisschen glücklich eigentlich. oder zufrieden. aber nicht satt oder bräsig oder so. allein. mehr als vorher. ganz komisch. nicht allein wie ich das früher war, nicht auf pathetische weise, und auch faktisch nicht wirklich allein. ich weiss, dass ich viele freunde habe und ich bin mit einer frau zusammen, die ich sehr liebe. das heisst, die soziale realität ist eigentlich eher ... behaglich. ich erlebe jetzt eine ganz andere art von alleine sein, kein pubertäres alleinsein.

carsten w: kann das mit der langen pause zwischen den platten zu tun haben? gerade amerikaner fragen mich immer wieder: "blumfeld, gibt's die noch?" siehst du die langen pausen zwischen euren platten als hindernis oder chance?

jochen d: als chance. das ist auch absicht. das heisst nicht, dass wir hingehen und sagen, wir machen nur alle drei jahre eine platte. aber wir wollen nicht jedes jahr eine platte machen. wir lassen uns eben zeit, aber deshalb haben die sachen - das bilde ich mir zumindest ein - auch eine grössere halbwertzeit.

carsten w: ist das nicht auch riskant? die erwartungen des publikums steigen ja auch eher, wenn sie so lange auf eine platte warten müssen!

jochen d: die ansprüche sind auch bei uns immer extrem hoch. das ist egal, ob ich nun morgen ein neues stück schreibe oder vor zwei jahren eins geschrieben hab, der druck ist gleich gross. der druck bezieht sich nicht auf die qualität dessen, was man macht. das einzige, was ich schade finde, ist, dass die leute aufgrund der tatsache, dass wir soviel zeit verstreichen lassen, den eindruck gewinnen müssen... also, ich erinnere mich, wenn ich fan von jemand gewesen bin - vielleicht ist das jetzt auch anmassend, das auf blumfeld anzuwenden - und der brachte keine platten 'raus, dann habe ich mich verlassen gefühlt. und das ist ein vertrauensbruch. ich will jetzt nicht sagen, dass zwischen blumfeld und dem publikum von blumfeld so eine extrem symbiotische beziehung besteht - und ehrlich gesagt fände ich es auch schlecht, wenn dem so wäre - aber ich kann mir vorstellen, wie ich das eben früher auch selbst erlebt hab', dass das ein vertrauensbruch ist. man hat den eindruck, als würde jemand einfach nicht mehr weiter mit einem kommunizieren. aber ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass das bei den leuten, die blumfeld hören, so ist. die wissen, dass wir sehr viel zeit verstreichen lassen, und das merkt man auch bei den konzerten. ich meine, wir spielen jetzt seit drei jahren das gleiche set, jetzt mit ein paar coverversionen mehr, und mit den livekonzerten haben wir ja - und schränkt das, was ich eben gesagt habe, schon etwas ein - eine sehr kontinuierliche präsenz. damit zeigen wir ja auch, dass wir uns weiter um die sache kümmern und weiterhin ein sehr starkes interesse daran haben. darüber denke ich aber schon häufiger nach: wir sind darauf angewiesen, dass uns jemand zuhört, dass uns jemand ernst nimmt, wenn wir eine platte machen, und wir sind auch darauf angewiesen, dass wir etwas machen können, ohne beweisen zu müssen, dass das, was wir da machen, von grosser qualität ist. genauso fänd' ich es auch gut, wenn wir etwas minderwertigeres machen könnten und trotzdem ernst genommen werden würden.

carsten w: ihr habt einen neuen bassisten, obwohl ich das nicht für möglich gehalten hätte. ich hätte gedacht, wenn bei denen einer geht, zerbricht auch die band.

jochen d: ich habe das auch nicht für möglich gehalten. zu dem zeitpunkt, zu dem eike gesagt hat, dass er sich mehr auf sein physikstudium konzentrieren wollte, kam das schon ziemlich so, dass ich so dachte naja... das hat auch die zeit zwischen den platten weiter verzögert. ich hatte eigentlich schon alle stücke so im kopf mit dem typischen eike-bohlken-bass dazu, und das war wirklich schwierig, weil ich dachte: es gibt niemanden, der so spielt wie er. funky, groovy sind viele, aber so wie der spielt keiner! da habe ich mich wirklich gefragt: stellt das jetzt das ganze konzept der gruppe in frage? und ja, das tat's auch. trotzdem: die antwort ist jetzt peter thiessen, würde ich sagen. den haben wir dann halt angehauen - er spielt ja auch bei einer anderen band (kante, who just released a very good album on their own) selbst gitarre und singt, und deren neue sachen sind noch viel besser als ihre alten - und haben ein paar proben gemacht, alte stücke gespielt, neue sachen probiert, und das war wie arsch auf eimer, das war glasklar. das ist kein ersetzen - das klingt jetzt vielleicht wie ein mucker-klischee, aber so ist es halt.

carsten w: ein paar worte zu deinen texten, die ja oft sehr poetisch-verschlüsselt sind. wer, welche zielgruppe, glaubst du, kann dem folgen? soll überhaupt der hörer draussen die texte nachvollziehen können?

jochen d: nachvollziehen schon. das fänd ich gut, wenn das ginge. ich weiss, dass meine texte manchmal zu kompliziert sind oder zu durcheinander, das finde ich dann selber aber nicht gut. ich würde die auch gerne einfacher, präziser, verbindlicher halten. ich würde schon gerne sachen wie tom (liwa, singer-songwriter with another legendary german band, flowerpornoes) schreiben. das finde ich toll. ich kann das halt nicht anders, das ist mein problem. und wenn ich es anders versuche, gefällt es mir nicht. ich glaube auch, dass, obwohl es manchmal sehr wie kraut und rüben durcheinander geht, die sachen schon einen grossen grad an verbindlichkeit erreichen. gerade bei der letzten platte habe ich mich schon gefragt, kann das jemand hören und sagen "oh, das ist für mich!" es ist mir schon wichtig klarzumachen, dass die texte nach wie vor an jemanden gerichtet sind. ich finde sie auch nicht kryptisch, sie sind vielleicht kompliziert oder so und vielleicht nicht richtig auf den punkt gebracht, aber sie sind nicht kryptisch. sie sind nicht so, dass man davorsteht und sagt "bäh". vorhin bin ich gefragt worden, ob die texte ein appellatives moment haben, und da würde ich sagen, das appellierende ist in der musik. die ist, wie ich finde, sehr verbindlich.

carsten w: du schreibst also mehr für ein publikum?

jochen d: das klingt so wie eine standardfrage, aber sie ist natürlich genau richtig gestellt. eine zeitlang habe ich mich gefragt, was soll das? inzwischen weiss ich, es ist die richtige frage, aber mir fällt da keine antwort zu ein. die fragestellung ist genau richtig: macht man das für sich oder für andere? wenn ich jetzt sagen würde: es ist eine mischung aus beidem, wäre das wieder genauso standardmässig. dieses gegenüberstellen von standardfrage und standardantwort beschreibt schon ein problem, das ernstzunehmen ist. die frage ist schon richtig... ich schreibe für mich, in der hoffnung, dass ich damit nicht alleine bin!

carsten w: ihr galtet früher als der mittelpunkt der "hamburger schule". * werdet ihr gerne als urväter dieser szene gesehen? kann das zum problem werden, dass euch manche leute zu ernst nehmen/genommen haben?

jochen d: nee. aber das ist auch einer der gründe, warum wir so lange zeit zwischen unseren platten verstreichen lassen. du kannst extrem viele sachen verfolgen. es ist ganz klar, wenn du 'ne neue platte hast und jemand jubelt oder macht anständig werbung dafür, dann steht die platte in den läden, niemand hat sie gehört, alle kaufen sie, dann ist dieses ernstnehmen dieses ereignisses - eine band bringt 'ne platte raus, die gut ist - natürlich extrem. aber dann festzustellen, wie das ausklingt, das finde ich, ist ein stück normalität. also auch, dass leute für sich ein vetorecht haben und sagen können, "der spinnt doch", einfach dadurch, dass sie mit dieser musik leben, das hat man nur, wenn man nicht immer voll attacke fährt und so, sondern wenn man sich halt zeit lässt. mir passiert das jetzt auch schon mal, wenn ich zum beispiel platten auflege irgendwo und leute zu mir kommen und sagen: "ey, bist du nicht der sänger von blumfeld? ich fand dich mal geil!". natürlich gibt's auch leute, die mir sehr ehrfürchtig begegnen, wenn ich im zug sitze oder so. das bereitet mir keine probleme, das dann aufzulösen. es ist eine wichtige erfahrung, leute zu treffen, die sagen, "du warst mal eine wichtige etappe in meinem leben, und jetzt bist du für mich nur noch von gestern".

carsten w: ist eine mini-tour wie diese jetzt ein schritt zurück an die öffentlichkeit?

jochen d: nein, wir touren ja schon seit zweieinhalb jahren immer wieder ein bisschen mit einer alten platte - alt nach marktstrategischen gesichtspunkten - dabei ergeben sich neue konstellationen, wie man was spielt, und das beweist für mich auch, dass sich die stücke für meine begriffe nicht abnutzen.

carsten w: was hörst du im moment für musik, und wie beeinflusst das die neuen stücke?

jochen d: ich höre eigentlich schon seit der letzten platte sehr viel blues, house und techno, das hat eigentlich mehr mit der inhaltlichen seite zu tun. das sind ja wohl auch so die neuen arten, was man eben so neu hört. das wird begleitet von dem, was ich immer gehört habe: balladen, singer-songwriter, alles mögliche. 'ne zeitlang auch viel jazz, aber das ist jetzt eher zurückgegangen. all das wird einen inhaltlichen einfluss auf die neue platte haben... blues, techno, beziehungsweise die verbindung, die dazwischen besteht. musikalisch könnte sich das insofern auswirken, als dass die musik noch einfacher, noch transparenter wird. nicht so rockig, wie wir jetzt live rüberkommen, sondern halt blumfeld-pop.

carsten w: bedeutet das auch mehr technik in zukunft?

jochen d: nein, ich glaube kaum, dass wir das konzept gitarre-bass-schlagzeug verlassen werden, dazu sehe ich auch keine veranlassung. ich höre house oder drum 'n' bass nicht, weil ich die verwendung von technik besonders interessant finde, sondern das, was man damit machen kann. das, was mich an dieser musik interessiert, kann man auch live mit richtigen instrumenten 'rüberbringen. "verstärker" zum beispiel ist eigentlich ein house- oder disco-stück.

carsten w: zum schluss: was waren eure ziele vor "l'etat et moi"? damals seid ihr ja gerade neu bei big cat gewesen, und wie sehen eure erwartungen vor der hoffentlich bald erscheinenden dritten lp aus? gibt es erwartungen, die bei "l'etat et moi" enttäuscht wurden?

jochen d: nein. ich kann damit leben, wie's jetzt ist. ich denke, wir müssen ein paar mehr einheiten verkaufen, damit da auch ein paar leute von leben können und man keine jobs mehr nebenher machen muss. das ist aber wirklich der einzige grund, warum ich ein interesse daran hätte, mehr zu verkaufen, damit die leute, mit denen man die ganze zeit zusammenarbeitet und die einem etwas bedeuten, sagen können, "oh gut, ich kann von jetzt an davon leben." ansonsten gibt es keine erwartungen.

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