Aus Arranca! #17, Mai 1999
Das Interview führte I.Stützle


Mach den Mund zu, wenn Du mit mir redest!
Ein Interview mit Jochen Distelmeyer

Ein Gespenst geht um in Europa. Seit Anfang diesen Jahres beherrscht den Markt das neue Album von Blumfeld. Und Old Nobody hat Spuren hinterlassen. Für die einen ist es die modernisierte Form der neuen Innerlichkeit, für die anderen das Klopfen eines denkenden Herzens und für nochmal andere einfach nur Kitsch.
Doch am Körper kommt man nicht vorbei. Er ist unsere ganz eigene Geschichte. Über das Körperliche zu sprechen bedeutet, über menschliche Subjekte zu sprechen.
»Auf der Platte geht es um Kommunikation, um Sexualität, geht es um zwei Leute«, sagt Jochen Distelmeyer nicht etwa zu Old Nobody, sondern zu ihrer ersten LP Ich-Maschine. Also ganz die alten und doch ganz anders?

Arranca!: Wie kommt es, daß viele nicht recht glauben wollen, daß ihr es mit eurem neuen Album ernst meint?

Distelmeyer: Ja, das ist interessant. Zunächst muß man sagen, daß es nicht ironisch gemeint ist. Die Songs sind derselbe Style wie bei den anderen Platten. Ich glaube, daß viele mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit unseres Œuvres eine rockistische Härte erwarten. Wenn das Signal »authentisch!« wegfällt, lassen es viele nicht mehr an sich heran, lassen sich nicht berühren, verweigern zu bekennen: »Stimmt, das geht mir ja ganz genau so«. Den weichen Sound – der live gar nicht so da ist, eher auf Platte – kennt man von anderen. So ist das neue Album eine Mitteilung in einem Briefkuvert, wenn ich das so sagen kann, das diese Leute ungern aufmachen. Es ist zu schön. Die Behauptung, wir meinen das ironisch, ist die einzige Möglichkeit das, was für sie nicht ehrlich ist, verlogen ist, wieder zu Blumfeld zu machen. Sie versuchen so, etwas Bedeutsames, was sie gut fanden zu retten, Blumfeld, wie sie sie kannten. Das macht die Sache für uns kompliziert, denn wir meinen das nicht ironisch. Wir meinen das Album ernst und damit wird eine Auseinandersetzung eröffnet.

Arranca!: Der Aufbau eurer Show, des Sets war ein Schlüssel, um die neue Platte zu verstehen oder besser zu verstehen. Sie hat sich sozusagen selbst hergeleitet und der Bruch, der scheinbar existieren soll, war nicht zu hören.

Distelmeyer: Geil! Ich denke, wenn Ich-Maschine-Fans die neuen Stücke hören, setzt das Problem ein, welches ich gerade beschrieben habe. Es ist ihnen vertraut, es ist dieselbe Band, immer noch die Idee und auch der Gegenstand der Auseinandersetzung ist der gleiche geblieben. Aber: Es klingt doch ganz anders. Es scheint etwas komplett anderes zu sein. Hier setzt der Punkt ein, daß sie sich nicht mehr darauf besinnen, was sie hören, sondern mit Parametern arbeiten: Wenn das so und so klingt oder verhält, dann ist das nicht gut, dann ist das Schlager. Was Quatsch ist. Sowohl formal musikalisch, als auch inhaltlich. Die Art, wie Schlager mit Liebe, Sexualität, Politik, Ich & Du umgeht, ist eine ganz andere als in Popmusik. Sie ist reaktionär, konservativ. Der Vorwurf findet sich auch wieder, wenn wir mit Pur verglichen werden. Und da werde ich kiebig. Pur setzten sich nämlich mit diesen Themen wie der Schlager auseinander.

Arranca!: Apropos reaktionär: Harald Peters wirft euch in der Jungle World (05 / 99) vor, reaktionär zu sein: »Die vorgeschobene Ernsthaftigkeit ist hier durch die doppelte ironische Wendung schon wieder reaktionär.«

Distelmeyer: Es ist eben keine ironische Wendung. Aber laß’ mich noch einmal zu dem zurückkommen, was du vorher angedeutet hast: den Aufbau des Sets. Die alten Sachen spiegeln sich im Set wider, entwickeln sich. Es zeigt sich, daß Old Nobody keine Neuerfindung ist, keinen Bruch darstellt. Es ist der Versuch, das fortzusetzen, was die Band schon immer gewesen ist. Harald Peters also! Der findet das reaktionär. Das ist ja hart. Ich denke, das kann man beim besten Willen nicht sagen.

Arranca!: Mir schien es bei einigen Beiträgen, daß die KritikerInnen sich zum Clown machen: Sie meinen Sie hätten die »reine Lehre« und haben eigentlich nichts verstanden.

Distelmeyer: Ja, richtig, das ist ein Problem. Mir ist das bei diversen Interviews aufgefallen, weil Leute damit Schwierigkeiten haben, daß das Vermitteln der Mitteilung sowohl komplex als auch total simpel ist. Die Komplexität rührt daher, daß die Mitteilung den Zusammenhang, aus der sie entsteht, nicht aufgibt, sondern sich daraus erklärt. Der Beitrag in der Jungle World kommt nach dem Motto »Wer hat den längsten?«. Noch schwanzrockistischer als der in der taz. Diese Art des Journalismus ist mir unangenehm. Das sind Schutzfunktionen, die aufgebaut werden. Das finde ich schade. Die Interviewsituation ist meist eine andere. Thomas Groß trennt in der taz das politische und das Viva Publikum: Die Politischen werden es heimlich hören, und Viva wird es spielen müssen und sich ärgern. Das offenbart eine Trennung zwischen Popmusik und Politik, die für uns nicht existiert und auf uns nicht zutrifft.

Arranca!: Auf einer anderen Ebene spiegelt sich, wenn die Platte so rezipiert wird, wider, daß Inhalte reduziert werden. Es würde nur um Liebe gehen, um das Projekt »Wir sollen uns doch alle lieb haben«, um die Trennung zwischen Ich und Du, ohne zu verstehen, daß das etwas mit Umständen zu tun hat, die es zu verändern gilt (»Nieder mit den Umständen«, Kommst Du mit in den Alltag), mit dem Markt, der alles durchdringt (»... ein freier Markt / bewegt die Welt / besetzt die Nischen / beherrscht die Sphären / regiert die Nacht / verteilt das Geld«, So lebe ich). Diese Ebenen werden getrennt.

Distelmeyer: Und genau das verstehe ich nicht. Das ist doch einfach dargestellt. Das ist nicht einmal besonders intellektuell von mir. Darauf kommt es auch gar nicht an. Es ist so naheliegend, warum Liebe eine bestimmte Rolle spielt – auch für mich privat – und wie sie in den Zusammenhang der Platte eingebettet ist. Es ist nicht nur mein Gefühl, das da ausgedrückt wird, sondern auch meine Beziehung zu der Idee Liebe, zu dem Erkenntnismittel, welches sie ist. Meine Beziehung zu einem bestimmten Umgang miteinander, den ich z. B. in linken Zusammenhängen wiederfinde: Die Frage, wie kann ich Gesellschaft organisieren, wie können wir einen Begriff von Gerechtigkeit für einander entwickeln. Das meine ich auch mit »Sorge braucht Zusammenhänge« [Mein System kennt keine Grenzen, I.S.], das ist eine Liebeserklärung und ein politischer Slogan gleichzeitig. Ich glaube, damit etwas anfangen zu können, das einfach so zu sagen, ist ein Problem von Typen, von Mackern, mit einem »nicht-mit-Stärke« operierenden Gestus. Die Reaktionen treten männlich koitiert, mit Insignien auf. Entweder können sie sich dem nur denunzierend nähern oder eben übertrieben romantisch: »ja, klar, die Liebe ist das einzige Lösungsmittel«. Ihr Verhältnis und ihre Vorstellungen zur Liebe sind viel verkitschter als ihr Vorwurf an uns. Wenn Du fünf Minuten mit jemand auf dem Männerklo redest muß er alles offenlegen. In dem Moment bricht ihre ganze Argumentation zusammen, da sie nicht mit ihrer Alltagserfahrung, mit ihren Erfahrungshorizonten übereinstimmt – »Das kann ja nur ironisch gemeint sein; härter ist doch ... ehrlicher«. Ein Kriterium, wo sich Themen auf der Platte beweisen, ist der Alltag, wie man mit jemanden zusammenlebt. Ob mit zwei, mit drei oder zehn. Das beweist konkret, wo man sich politisch verortet. Ich habe zu viele Situationen miterlebt, wo Leute den Eindruck vermitteln, daß sie ihre Ideale und Analyse von Gesellschaft und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für sich bereits umgesetzt haben. Wie sie leben, ist der Prozeß bereits abgeschlossen. Diese Situation bringt eine bestimmte Art Kommunikations- oder Sprachstil mit sich. In Gesprächen taucht nicht auf, wie sie mit Widersprüchen umgehen, in denen sie als kapitalistische Individuen, die wir alle sind, befangen sind. Es erklären sich viele zu schnell zu einer widerspruchsfreien Zone.

Arranca!: Eben, auch die Behauptung, daß es das richtige Leben im Falschen gebe ...

Distelmeyer: Dieses Adorno-Zitat, ja. Sie behaupten, daß sie bereits richtig leben ...

Arranca!: ... und negieren den Fakt, daß das Ganze als solches falsch ist ...

Distelmeyer: Ja, oder daß es Probleme gibt! Falsch weiß ich jetzt nicht, das finde ich zu schnell, zu groß gesagt. Ich habe den Satz nie so richtig verstanden, weil ich kann privat nur punktuell kritisieren oder in Auseinandersetzung mit anderen. Wie wir das auch geschrieben haben: Die Idee des freien Marktes steht von vornherein im eklatanten Widerspruch zu der Idee des freien Menschen. Die herrschende Grundidee ist eben, daß es arm und reich geben muß, damit es so funktioniert. Hier kann Kritik für mich schon ansetzen. Ich kann sagen, daß das einfach Wahnsinn ist, daß es falsch ist!

Arranca!: Die Platte taucht in einer gesellschaftlichen Konstellation auf, in einem Diskurs. Ein Moderator auf Viva 2 rahmt mit sexistischen Sprüchen euer Video ein. Viva-Kids erkennen dann vielleicht nicht den widerständischen Impetus und sehen darin die Fortsetzung von Guildo Horn.

Distelmeyer: Es ist so, daß ich selbst Kritik an der Platte formulieren kann. Und es wäre spannend, einmal darüber zu reden. Aber das findet nicht statt. Auch von Leuten, die ich als Kritiker ernst nehmen kann, traut sich niemand richtig. Es wird aus einer Deckung heraus auf uns geschossen. Ich glaube nicht, daß das – speziell von Viva-Kids – als Schlager rezipiert wird. Ich glaube oder hoffe, daß das eher in einem Boy-Group-Popzusammenhang gesehen wird. Die Arten der Ansagen – ich habe es jetzt noch nicht gesehen – finde ich interessant. Ich hoffe, daß das Video und die Musik anders sind als das, was sonst so läuft und nicht, daß es durch die Ansagen in ein falsches Licht gerückt wird. Ich hoffe, daß es kräftig genug ist, die Perspektive zu halten.

Arranca!: Noch einmal zurück zu etwas, das zuvor schon angesprochen wurde: Kitsch. Georg Seeßlen schreibt, daß die Trennung zwischen Kunst und Kitsch inzwischen obsolet geworden ist: »Der Kitsch ist die Wirklichkeit geworden, wir haben nicht mehr nur Kitsch, um die Welt zu erklären, wir leben Kitsch, wir sind Kitsch geworden« , d. h. »daß in einer Kunst, in der kein Kitsch vorkommt, auch keine Wirklichkeit vorkommt«.

Distelmeyer: »Wenn du in meinen Armen liegst und ich mich zärtlich an Dich schmieg’« klingt für manche Leute komisch. Aber: So ist es! So leben Menschen, so lebe ich. Man liegt bei jemandem im Arm. Ich wünsche das zumindest jedem und jeder. Und dafür brauchen wir Worte. Es kann auch anders als auf der Platte formuliert werden, aber wir brauchen Worte, um zu sagen, wie es ist. Anschmiegen, in den Armen liegen sind aber o. k. Es ist echt ein Geschenk, Artikel von Georg Seeßlen zu lesen. So, wie der Text zu Pornographie von Seeßlen in der Zeitschrift Konkret [2 / 98, I.S.] auftaucht, wünsche ich mir, daß unsere Platte verstanden und wahrgenommen wird. Als das, was es auch für die Zeitschrift Konkret bedeutet, für eine bestimmte Vorstellung von Politik und die Art darüber zu sprechen. Wir haben den Text in unserem Vorab-Info zitiert: »Es gibt nichts Schöneres als den menschlichen Körper. Er ist nämlich, was wir waren und sind, was wir haben, was wir wollen und was wir können. Und er ist noch in dem, was wir über ihn hinaus wollen. (...) Das Glück ist sexuell, selbst wenn es darin besteht, was darüber hinaus will ...«

Arranca!: Auf Eurem Textblatt liegt Eddie Constantine mit Pistole und Eluard-Lektüre auf dem Bett. In dem Film Alphaville von Jean-Luc Godard, dem das Bild entnommen ist, spricht der Großrechner a 60, der die Stadt kontrolliert, zu Anfang, daß es hinzunehmen sei, »daß die Wirklichkeit für die mündliche Weitergabe zu vielschichtig ist«. Widersetzt Ihr Euch mit Eurer »Musik für eine andere Wirklichkeit« (Status: Quo Vadis)?

Distelmeyer: Ein sensationeller Film. Es ist doch eigentlich überschaubar, was es bedeuten soll. Warum mißverstehen es so viele?

Arranca!: Vielleicht wollen es, wie wir vorher gesehen haben, einige aus Selbstschutz mißverstehen.

Distelmeyer: Glaube ich fast. Dieser Film ist nämlich ganz wichtig. Er ist ein ähnlicher Gestus. Die Menschen zu retten, die weinen, ist sein Auftrag ...

Arranca!: ... und er selbst ist ein ganz harter Kerl ...

Distelmeyer: Eigentlich ja, Du mußt mal auf die Szene achten, wo er mit a 60 redet. Er liest nämlich den Text ab. Da standen welche vor ihm, mit großen Schildern: »... hier Lemmy, lies: Poesie ...«, das ist er nicht selbst, der das spricht und genau das ist es.

Arranca!: In Arranca! Nr. 15 war ein Interview mit den Goldenen Zitronen. Sie verstehen sich wegen des kollektiven Prozeßes, in dem ihre Texte entstehen, nicht als klassische Poeten. Bei Euch ist das schon wieder anders ...

Distelmeyer: Es ist anders als bei den Goldies, aber ich sehe mich nicht als Poet, wenn ich Songtexte schreibe. Das ist keine Literatur, keine Lyrik, also nicht im Sinn von höherem Kulturgut. Das sind Songtexte. Gerade durch die vielen Zitate, die immer wieder auftauchen, will ich klar machen, daß da andere mitsprechen, daß es im Sprechen und Leben mit anderen zusammen immer schon aufgehoben ist. Daß es nicht ich bin, der da spricht, sondern vielleicht Ingeborg Bachmann oder Michael Girke, Peter Thiessen.

Arranca!: Die Zitronen meinen im gleichen Interview, daß bei den Wohlfahrtsausschüssen schon einiges an der Konzeption gescheitert sei.

Distelmeyer: Finde ich nicht. Ich finde, daß bestimmte Sachen falsch waren, die hätte man anders machen sollen, z. B. bei der Frage, nach dem wie weiter ... Die Grundkonzeption, daß Menschen aus unterschiedlichsten Zusammenhängen ein gemeinsames Interesse formulieren oder sich solidarisieren finde ich nach wie vor richtig.

Arranca!: Eine gesellschaftliche Rechtsentwicklung findet ja nach wie vor statt. Wie ist Deine Einschätzung, die Wohlfahrtsausschüsse sind ja Geschichte ...

Distelmeyer: Seit der »Wiedervereinigung« wurde es massiv, genau darum ging es ja. Das ist die Normalität in der wir leben. Ja, die Wohlfahrtsausschüsse hat Roberto Ohrt in der Beute ohne Absprache mit anderen für aufgelöst erklärt, was nicht o. k. war. Ich habe mich lange mit ihm darüber gestritten. Die Zusammenhänge gibt es immer noch und die Gespräche werden noch geführt. Austausch findet immer statt. Die politischen Umstände, in denen wir leben, sind nicht aufgehoben. Ich habe ein Problem damit, wenn es z. B. um bestimmte Partialinteressen geht: Stadtteilkultur etc. Das finde ich zwar richtig und wichtig, aber ich würde mir oft wünschen, daß das in einen größeren Zusammenhang gestellt wird. Das Ziel, das die eine Gruppe verfolgt, das sich scheinbar von dem der anderen Gruppe unterscheidet, gehört ursächlich zusammen: Aufgrund der kapitalistischen Weltordnung, aufgrund einer rassistischen und sexistischen Realität in der wir leben und die ursächlich immer miteinander zu tun haben.

Arranca!: Und so sind auch die Texte zu verstehen?

Distelmeyer: Ja, finde ich schon, mehr ist das nicht. Die Zustände sind als Ganzes zu kritisieren.